Global: Wie Geld Armut schafft

Wie Geld Armut schafft

Dr. Vandana Shiva

Manuskript Auftaktrede Kongress “Jenseits des Wachstums?!”, 20. bis 22. Mai 2011, TU Berlin
(Es gilt das gesprochene Wort!)

Geld dient heutzutage als Maßstab für Armut und Reichtum. An ihm wird das Wohlergehen der Menschen gemessen. Wer von weniger als einem Dollar am Tag lebt, der gilt als arm, während die Erhöhung des Einkommens auf mehr als einen Dollar am Tag als Ende der Armut angesehen wird. Geld mit Reichtum und Reichtum mit Wohlbefinden gleichzusetzen, ist jedoch in vielerlei Hinsicht ein Irrtum, denn Geld spiegelt weder den Reichtum der Natur, noch den der Menschen wider, und kann keinesfalls als Maß für das Gemeinwohl gelten.

Die Begriffe Ökologie und Ökonomie sind sprachgeschichtlich verwandt – sie stammen vom griechischen Wort für Haushalt, „oikos“, ab.

Solange die Ökonomie sich auf den Haushalt konzentrierte, erkannte sie, dass Letzterer auf natürlichen Ressourcen beruht und sich in einen ökologischen Kreislauf einfügen muss. Innerhalb dieser Grenzen konnte die Wirtschaft den Grundbedarf des Menschen decken. In der haushaltsbezogenen Wirtschaft stand die Frau im Mittelpunkt

Die heutige Ökonomie ist losgelöst von ökologischen Prozessen und Grundbedürfnissen und wirkt diesen entgegen. Während die Vernichtung der Natur mit dem Gemeinwohl gerechtfertigt wird, leidet die Mehrheit der Menschen verstärkt unter Verarmung und Enteignung. Diese Ökonomie ist nicht nur unnachhaltig, sondern auch ungerecht. Die angebliche „wirtschaftliche Entwicklung“ führt zu Unterentwicklung. Das versprochene Wachstum geht mit lebensbedrohlicher Zerstörung einher.

Das vorherrschende Modell der „wirtschaftlichen Entwicklung“ hat sich als lebensfeindlich herausgestellt.

Der Ressourcenbedarf des aktuellen Wirtschaftsmodells provoziert Kriege um Ressourcen wie Öl, Wasser und Lebensmittel. Eine nicht nachhaltige Entwicklung ist mit drei Formen von Gewalt verbunden. Die erste Form richtet sich gegen die Erde und tritt als Umweltkrise zutage. Die zweite richtet sich gegen den Menschen und äußert sich als Armut, Not und Vertreibung. Die dritte tritt in Gestalt von Kriegen und Konflikten auf, wenn die Mächtigen versuchen, ihren grenzenlosen Hunger mit den Ressourcen anderer Länder und Gruppen zu stillen.

Ich unterscheide für gewöhnlich drei Wirtschaftsbegriffe: Die Naturwirtschaft, die menschliche Subsistenzwirtschaft und die Marktwirtschaft. Die Wirtschaft der Natur bildet die Grundlage jeglichen Wirtschaftens, da alles irdische Leben von ihr abhängt. Die Währung dieser Naturwirtschaft ist das Leben einschließlich der Prozesse, die es erhalten. Gesundheitszustand und Wohlbefinden der Natur lassen sich mit Geld nicht messen. Die Beziehung zwischen Geld und Natur ist asymmetrisch, denn letztere kann zwar kommerziell ausgebeutet, ausgesaugt und vergewaltigt werden, um sie zu Geld zu machen. Aber aus Geld lässt sich die Natur nicht zurückgewinnen. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Man kann aus einem Kalb keine Kuh machen, indem man es mit Schlamm beschichtet. Die Geldwirtschaft und das globale Finanzsystem sind Parasiten: Sie befallen Natur und Menschen und mästen sich an ihnen.

Auch die Verfassung der menschlichen Subsistenzwirtschaft ist mit Geld nicht messbar. Wenn sich durch Privatisierung Lebensmittel, Kleidung, Unterkunft, Medizin, Energie und Bildung verteuern, so sind die Menschen tatsächlich ärmer, selbst wenn sie mehr Geld haben. Monetärer Reichtum kann mit materieller Armut einhergehen, weil der Zugang der Menschen zu Grundversorgungsgütern wie Nahrung oder Wasser beeinträchtigt ist. Daran, dass trotz wachsender Volkswirtschaften jeweils eine Milliarde Menschen keine Nahrung oder kein Wasser haben, zeigt sich die Unmöglichkeit, Wohlbefinden in Geld zu messen. In Indien lebt trotz eines Wirtschaftswachstums von acht Prozent ein Drittel aller unterernährten Kinder der Welt. Wenn Volkswirtschaften nur anhand ihrer Geldströme beurteilt werden, dann verschärfen sich dort die Ungleichheiten, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Doch wer seinem Geldvermögen nach reich ist, kann menschlich gesehen arm sein.

Jemand kann unermessliche finanzielle Reichtümer besitzen und doch sozial verarmt sein, weil es ihm trotz seiner überquellenden Bankkonten an Liebe und Kameradschaft, an Solidarität und Verbundenheit mangelt und er seelisch bankrott ist.

Monetäres Wachstum wird normalerweise am Bruttonationaleinkommen gemessen. Als Maß für den Verfall der Wirtschaftssysteme Natur und Gesellschaft versagt das BNE jedoch, da nach diesem Maßstab Wachstum gleichbedeutend mit der Zerstörung der Unabhängigkeit und der Selbstversorgungsfähigkeit der menschlichen Subsistenzwirtschaft ist. Wer nur soviel produziert, wie er verbraucht, der produziert nicht, so die Grundannahme des Wachstumsgedankens. Auf diese Weise werden Ökosysteme und kultureller Reichtum zerstört. Um monetäres „Wachstum“ zu erzeugen, müssen einem Ökosystem oder einem Haushalt Ressourcen und Arbeitskraft entzogen werden. Ökologisches Wachstum wird nicht berücksichtigt, vielmehr leistet die Zerstörung der Umwelt einen Beitrag zum Anstieg des BNE. Auch soziales Wachstum des Einzelnen und der Gesellschaft fließt in die Rechnung nicht ein, wohingegen sozialer Verfall und soziale Auflösung das BNE erhöhen.

Ich konnte immer wieder beobachten, dass die Vermarktung menschlicher Ressourcen und die Kommerzialisierung menschlichen Wirschaftens die Geldflüsse innerhalb einer Gesellschaft zwar erhöhen, aber deren Fließrichtung von der Natur und den Menschen zu kommerziellen Interessen und Konzernen weist. Dadurch wächst die Geldwirtschaft, während die Naturwirtschaft und die menschliche Wirtschaft schrumpfen.

Dies sei am Beispiel der Landwirtschaft verdeutlicht: Die Erzeugung von Lebensmitteln ist ein primärer Produktionsvorgang und benötigt nichts als Boden, Wasser, Artenvielfalt und die schöpferische Kraft der Bauern. Ökologischer Landbau bzw. traditionelle Landwirtschaft generieren einen positiven und lebendigen Wirtschaftskreislauf, der Böden, Wasser und Artenvielfalt bewahrt, den Lebensunterhalt sichert und gute, gesunde und vielfältige Nahrung im Überfluss produziert. Es existieren weder Hunger noch Arbeitslosigkeit, und selbst wenn Dürren oder Überschwemmungen die Ernten beeinträchtigen, bleibt der Hunger örtlich und zeitlich begrenzt, anstatt anzudauern. Auch heute gibt es noch Agrarsysteme, in die kein Geld fließt, und die der Gemeinschaft vor Ort dennoch mehr Nahrung, Gesundheit und Wohlstand bringen als industrielle Systeme.

Das Geld hat den positiven Prozess der Landwirtschaft in einen negativen verwandelt, der die Artenvielfalt, die Böden und unsere Bauern tötet. Seit den Bauern auf Kredit immer mehr teure Ausgangsstoffe wie steriles GVO- und Hybridsaatgut, Pestizide und Dünger verkauft werden, sind wir in Indien Zeugen einer tragischen Selbstmordwelle unter den Landwirten geworden (mehr als 100.000 in zehn Jahren). Nachdem die Bauern sich hoffnungslos verschuldet haben, um Pestizide zu kaufen, schlucken sie diese schließlich selbst, um ihrem Leben ein Ende zu machen.

In dieser negativen und mörderischen Wirtschaft ersticken die schwellenden Geldströme das Leben und raffen das Gemeinwohl dahin. Die Regierung reagiert hierauf mit mehr Krediten, welche die Schuldenkrise verschärfen. Der einzige Weg, um die Bauern vor dem Selbstmord zu bewahren, ist der Aufbau und die Förderung einer nachhaltigen ökologischen Landwirtschaft, die auf den Zukauf externer Produktionsmittel gegen Geld verzichtet und eine Deckung der Erzeugungs- und Lebenshaltungskosten der Bauernfamilien durch die Agrargüterpreise zulässt. In der globalisierten Wirtschaft spiegeln die Lebensmittelpreise die tatsächlichen Kosten nicht wieder. Sie werden durch vier Milliarden Dollar Subventionen reicher Länder und durch von fünf Agrarkonzernen beherrschte Monopolmärkte verzerrt. Für Lebensmittel ist Geld längst kein Wertmaß mehr.

Eine schulden- und selbstmordfreie nachhaltige Landwirtschaft ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig, um das Wohlergehen von Natur, Bauern und Verbrauchern zu garantieren.

Die Region Vidarbha im indischen Bundesstaat Maharashtra ist das Epizentrum der Bauernselbstmorde. Hier konzentriert sich Indiens Baumwollanbau, und hier gründete Gandhi seinen Sewagram Ashram in der Stadt Wardha, wo er Baumwolle zur Faser der Freiheit spann. Heute ist sie zur Faser der Versklavung, der Verschuldung und des Todes geworden. Zwar hat die hohe Selbstmordrate unter den Bauern den Premierminister gezwungen, Vidarbha zu besuchen, aber die Selbstmorde haben nicht aufgehört, sondern vielmehr zugenommen, weil das „Paket“ der Regierung nur mehr Kredite, größere Abhängigkeit vom Geld, mehr Schulden und mehr Leid enthält.

Geld ist aus zwei Gründen kein angemessenes Maß für Reichtum und Wohlergehen mehr. Erstens spiegelt Geld die ökologische und soziale Zerstörung nicht wieder, da diese als Externalität nicht in das anhand von Geld und finanziellen Ressourcen gemessene Wachstum einfließt. Zweitens entspricht das Geld den Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen nicht mehr, über die es gebietet. Geld führt mittlerweile ein Eigenleben – es kann sich völlig unabhängig vom realen Reichtum der Natur und der Gesellschaft vermehren und vervielfältigen. Im globalen Finanzkasino zirkulieren täglich mehr als drei Billionen Dollar – fünfzig mal so viel wie der Wert der tatsächlich auf der Erde vorhandenen Ressourcen.

Joel Kurtznian von der Harvard Business Review schätzt, dass für jeden in der weltweiten Realwirtschaft zirkulierenden Dollar 20 bis 50 Dollar in der globalen Finanzwirtschaft im Umlauf sind. Doch obwohl Geld von realen Werten dissoziiert wurde, können diejenigen, die finanzielle Ressourcen ansammeln, dadurch Anspruch auf die echten Ressourcen der Menschen erheben – ihr Land, ihr Wasser, ihre Wälder oder ihr Saatgut. „Hungriges“ Geld stürzt sich auf den letzten Tropfen Wasser, und den letzten Zentimeter Land des Planeten. Damit wird nicht der Armut, sondern Menschenrechten und Gerechtigkeit ein Ende gemacht. In einer Welt, in der Geld das Sagen hat und dessen Wert die menschlichen Werte wie Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Würde ersetzt hat, wird der Mensch zum Wegwerfartikel.

Bei der Messung des „Wachstums“ als Funktion der Geldströme und Finanztransaktionen finden die gestiegenen Lebenshaltungs- und Produktionskosten oder die Vertreibung der Menschen von ihrem Land und ihrer Lebensgrundlage selten Berücksichtigung. Die Verdrängung von autarker ökologischer Landwirtschaft durch zugekaufte Produktionsfaktoren führt zu Umweltzerstörung und raubt den Bauern ihr Eigentum. Dennoch erhöht sich das „Wachstum“, wenn man es am Preis der gekauften Chemikalien und des teuren Saatguts misst. Wenn Konzerne sich Pflanzen patentieren lassen, werden Lizenzgebühren von einer Billion Dollar als Geldfluss verbucht, aber die Bauern werden ärmer. Wenn Wasser privatisiert wird und Wassermärkte von einer Billion Dollar entstehen, schnellen die Gewinne der Firmen in die Höhe, und das BNE steigt, obwohl Menschen verarmen und verdursten.

Mit der Enteignung chinesischer und indischer Bauern, deren Land für Luxuswohnungen und „Sonderwirtschaftszonen“ vereinnahmt wird, fließt Geld in die Märkte, und die Aktien der „Erschließer“ und Immobilienkonzerne steigen. Gleichzeitig wird die Beherrschung des Geldes Voraussetzung für die Beherrschung des Bodens, von dem Millionen Menschen leben.

Durch die Kommerzialisierung und Vermarktung aller Lebensbereiche wird das Leben teurer, und selbst wer mehr als einen Dollar am Tag verdient, ist arm. Dabei können die Menschen auch ohne die Geldwirtschaft materiellen Wohlstand genießen, solange ihnen Land zur Verfügung steht, ihre Äcker fruchtbar, ihre Flüsse sauber und ihre Kulturen vielfältig sind, sie schöne Häuser und Kleidung und wohlschmeckende Speisen ihrer Tradition gemäß herstellen können und sozialer Zusammenhalt, Solidarität und Gemeinschaftsgeist existieren.

Menschliche Gesellschaften haben schon immer Handel mit Gütern und Dienstleistungen betrieben, aber dieser war den Wirtschaftssystemen von Natur und Mensch untergeordnet. Die Erhebung des Marktes und des Geldes als vom Menschen gemachtes Kapital zum höchsten Ordnungsprinzip einer Gesellschaft hat die Prozesse untergraben, die das Leben in Natur und Gesellschaft aufrecht erhalten. Je reicher wir werden, desto mehr verarmen wir ökologisch und kulturell. Das in Geldeinheiten ausgedrückte Wachstum unseres Wohlstands hat ein Wachstum der Armut in materieller, kultureller, ökologischer und spiritueller Hinsicht zur Folge.

Um dem echten Reichtum und dem wahren Gemeinwohl neues Leben einzuhauchen, müssen wir neue Maßstäbe jenseits des Geldes einführen und Wirtschaftssysteme jenseits des globalen Supermarktes schaffen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die eigentliche Währung des Lebens das Leben selbst ist.

Übersetzung: Nikolas Scheuer, Coorditrad

(Quelle: Jenseits des Wachstums?)

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