Archive for the ‘Literatur’ Category

BRD: Wider die Islamfeindlichkeit (BUCHTIPP)

Freitag, Dezember 12th, 2014

“Arznei gegen die Pegida: Aufklärung!

Kulturrat stellt Buch “Islam ∙ Kultur ∙ Politik” kostenlos im Internet zum Lesen bereit

Pressemitteilung

Berlin, den 12.12.2014. Die Kundgebungen der rechtspopulistischen “Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes” (Pegida) müssen alle Demokraten alarmieren. Gegen die tumbe Islamfeindlichkeit hilft als Arznei nur Aufklärung. Der Deutsche Kulturrat stellt deshalb das Buch “Islam ∙ Kultur ∙ Politik” kostenlos im Internet zum Lesen bereit.

Namhafte Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kultur, Politik, Verbänden, Medien und Kirchen setzen sich in den Buch mit dem Spannungsfeld von Islam, Kultur und Politik auseinander.

Themen sind u.a.:

• Wie die Angst vor dem Islam die Demokratie gefährdet
• Der Islam aus Sicht des Verfassungsschutzes
• Islamfeindlichkeit in Deutschland
• Aufklärung und Islam
• Scharia und Grundgesetz: Ein Widerspruch?
• Der unheimlich Nahe (Osten)

Autorinnen und Autoren u.a.: Katajun Amirpur, Reinhard Baumgarten, Almut Sh. Bruckstein Çoruh, Rauf Ceylan, Ekin Deligöz, Ali Dere, Heinz Fromm, Olaf Hahn, Sonja Haug, Gabriele Hermani, Ismail Kaplan, Aiman A. Mazyek, Omir Nouripour, Heribert Prantl, Regina Ammicht Quinn, Annette Schavan, Michael Schindhelm, Wolfgang Schmidbauer, Claus Schönig, Nurhan Soykan, Jörn Thielmann, Ismail Tipi, Serkan Tören, Stefan Weber, Olaf Zimmermann

Islam ∙ Kultur ∙ Politik
Herausgeber: Olaf Zimmermann + Theo Geißler
Aus Politik & Kultur 11
404 Seiten 18,80 Euro
ISBN: 978-3-934868-31-1

Das Buch kann hier kostenlos als pdf-Datei abgerufen werden!

Das gedruckte Buch ist beziehbar über jede Buchhandlung (…)”

 

(Quelle: Deutscher Kulturrat.)

Brasilien: Nicht nur Fußball, Samba, Caipirinha

Mittwoch, Juli 2nd, 2014
 

WM_Brasilien.jpg

Texte unter anderem zu:

• Vor der WM ist nach der WM: südafrikanische Erfahrungen werfen ihre Schatten voraus

• Fußball als Massenkultur

• Brasilien 2014: Wo steht die neue Supermacht?

• Fußball und Protest: Juni 2013 und die Folgen

• Gentrifizierung macht vor dem Rasensport nicht halt

Die Rosa Luxemburg Stiftung stellt dieses Buch hier kostenlos zum Herunterladen zur Verfügung.

“Dieses Buch wird unter den Bedingungen einer Creative Commons License veröffentlicht: Creative Commons Attribution-Non- Commercial-NoDerivs 3.0 Germany License (abrufbar unter www.creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/legalcode). Nach dieser Lizenz dürfen Sie die Texte für nichtkommerzielle Zwecke vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen unter der Bedingung, dass die Namen der Autoren und der Buchtitel inkl. Verlag genannt werden, der Inhalt nicht bearbeitet, abgewandelt oder in anderer Weise verändert wird und Sie ihn unter vollständigem Abdruck dieses Lizenzhinweises weitergeben. Alle anderen Nutzungsformen, die nicht durch diese Creative Commons Lizenz oder das Urheberrecht gestattet sind, bleiben vorbehalten.
Das gedruckte Buch ist bei VSA: Verlag erhältlich.

© VSA: Verlag 2014, St. Georgs Kirchhof 6, 20099 Hamburg
240 Seiten | mit Farbfotos | EUR 16,80

ISBN 978-3-89965-595-7 ”

 

(Quelle: Rosa Luxemburg Stiftung)

Nordsudan / Südsudan: Schritte zum Frieden

Dienstag, August 7th, 2012

“Literatur als Brücke zwischen Nord- und Südsudan

Interview mit der südsudanesischen Schriftstellerin Istella Qaatano

Von Ishraga Mustafa Hamid

Es ist bedauernswert, dass man kaum etwas über die Frauenbewegung im Südsudan hört. Ich vermisse Bilder und Geschichten zum Überlebenskampf mitten im Krieg. Viele kritische Fragen begann ich mir in der Migration zu stellen, speziell 2005 nach der von mir organisierten Wiener Internationalen Konferenz mit Frauen aus marginalisierten sudanesischen Bevölkerungsgruppen, aus dem Südsudan, vom Blauen Nil, aus Darfur und aus den Nuba-Bergen. Es ging damals, nach dem Friedensabkommen, um die Rolle der Frauen im Demokratisierungsprozess und im Wiederaufbau des Sudan. Damals begann ich tief in die Wunden des Krieges, der Verarmung und Diskriminierung einzutauchen. Auch ich hatte Diskriminierung in Österreich erlebt und habe diese negativen Erfahrungen in positive Energie umgewandelt. Ich fragte mich, wie und warum diese Frauen in ihrem eigenen Heimatland diskriminiert wurden und welche politische und ökonomische Macht dahinter steckt. Ich war begeistert von den südsudanesischen Teilnehmerinnen der Konferenz, die trotz der schmerzlichen Erfahrungen mit Krieg, Tod und Flucht bereit waren, weiter einen offenen Dialog zu führen.

Diese positive Energie erfahre ich auch in den Geschichten der südsudanesischen Schriftstellerin Istella Qaatano. Sie wurde in Khartoum geboren, wuchs dort auf, studierte Pharmazie an der Universität von Khartoum und schrieb in dieser Stadt auf Arabisch. Sie ist mit einem Nordsudanesen verheiratet und hat zwei Kinder. Durch ihr Schreiben spüre ich die Qualen der SüdsudanesInnen im Nordsudan, vor allem die der Binnenflüchtlinge in den Flüchtlingslagern. Positiv ist, dass bei Istella Qaatano immer wieder das schöne Leben, für das wir uns gemeinsam einsetzen sollten, Platz findet. Sie schrieb Geschichten, die mir das schöne Leben im Süden des Sudan näher brachten. Sie gehört der neuen Generation an, die positiv denkt und umdenkt. Deshalb nahm ich mit ihr Kontakt auf, und wir unterhielten uns über die Rolle von Literatur und Kunst als Mittel zum gerechten sozialen Wandel. Im Sudan ist sie eine der bekannteren Schriftstellerinnen. Ihre Geschichten wurden in Anthologien veröffentlicht und einige davon ins Englische und Französische übersetzt.

Nach der Trennung des Südens vom Norden wurde Istella Qaatano heuer, 2012, gezwungen, in den Südsudan zurückzugehen, wo sie weder geboren noch aufgewachsen war, weit entfernt von der Existenz, die sie sich mit ihrem Mann in Khartoum aufgebaut hatte.

Ishraga Mustafa Hamid: Wie ist deine Geschichte?

Istella Qaatano: Ich bin wie viele SüdsudanesInnen im Nordsudan geboren und aufgewachsen, nachdem meine Familie wegen dem Krieg und mangelnder Sicherheit in den Norden geflüchtet war. Aber der Süden ist für mich Mutter und Vater, meine Großmutter und die vertriebenen Verwandten, die mit uns flohen. Auch die Orte, die Bräuche und die Traditionen, die Lebensgewohnheiten und die Tänze, all das macht uns das Getrenntsein vom Süden erträglich, und es mindert das Bewusstsein der fremden Kultur des Nordens. Wir blieben bei unserer Sprache und bei den lokalen Gewohnheiten. Unsere Eltern erzogen uns mit dem Respekt für die Bedeutung der eigenen Kultur, das war die Grundlage für unsere emotionale Identitätsbildung.

Was haben diese Erfahrungen bewirkt?

Als ich zu schreiben begann, hatte ich der Südsudan mit all seinen Geschichten, Erzählungen und Märchen in mir gespeichert, und dies habe ich in meinem Schreiben reflektiert. Es war mir immer wichtig zu wissen, wer die SüdsudanesInnen sind, was sie denken. Aber auch die Erfahrungen des Anderseins, die ich immer wieder hatte, wenn ich nach außen ging, und die Frage “Warum bin ich anders?”, “Warum habe ich diese Gefühle, obwohl ich hier im Norden geboren wurde, hier aufgewachsen bin, hier studiert habe?”
Es war mir bewusst, dass ich und meine Leute anders behandelt wurden, weil im Norden das Wissen über uns fehlt. Das waren die Gründe, warum ich mich in meinem Schreiben auf diese Themen konzentrierte. Mein Ziel war es, Brücken zwischen dem Süden und dem Norden aufzubauen und Stereotype abzubauen. Es gibt z. B. das Klischee, dass wir aggressiv sind. Ich begann mit Liebe über jene Südsudanesinnen zu schreiben, die mitten im Krieg, unter Hunger, Flucht und Tod geboren und aufgewachsen sind.

Was sind die Visionen deines Schreibens?

Unser kritisches Bewusstsein hat sich durch die Wunden der Diskriminierung entwickelt. Durch die Schmerzen im Bewusstsein, dass es historische, politische, soziale, ethnische, religiöse und kulturelle Probleme gibt, die seit Jahren angewachsen sind. Dies alles verursacht Hass und Zerstörung. Die Regierungen haben auf jeden Fall eine enorme Rolle dabei gespielt, dass die SüdsudanesInnen marginalisiert wurden. Diese Ungerechtigkeit hat zum Krieg geführt, denn unsere Sprachen, Religionen und die Kultur wurden ignoriert und Arabismus und Islam wurden uns rücksichtslos übergestülpt. Das hatte sehr negative Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Nord- und SüdsudanesInnen. Wir waren also mit vielen offenen Problemen konfrontiert und fanden keine Antwort auf die Frage, warum wir diskriminiert werden. Es war und ist uns immer noch versagt, zur Schule zu gehen, und es war auch für mich nicht einfach, an die Khartoum-Universität gemeinsam mit einer anderen Südsudanesin zugelassen zu werden, wo wir die zwei einzigen SüdsudanesInnen waren. Sie und ich waren wie ein seltsames Muttermal. Ich hatte mein Vorhaben durchgesetzt, nicht isoliert zu werden. Es war mir bewusst, dass dies meine einzige Möglichkeit darstellt, mich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und Stereotype und Klischeebilder zu verändern. Dies war nur durch Kommunikation mit den anderen möglich.
In anderen Fakultäten waren auch noch einige wenige SüdsudanesInnen, die waren sehr isoliert, sie haben mich beschimpft, dass ich mich mit diesen teuflischen StudentInnen unterhalte, und sie sagten mir, dass niemand von den NordsudanesInnen mich als schwarze Studentin akzeptieren würde. Meine Antwort war, dass es keinen anderen Weg gebe, als mit den anderen zu kommunizieren, nur das war und ist die Möglichkeit, unsere eigenen Bilder von uns zu vermitteln, so wie wir wahrgenommen werden wollen.
Ich empfand es als ernsthafte Verantwortung, Botschafterin für alle SüdsudanesInnen zu sein. Meine Botschaft war, dass wir Respekt, Anerkennung und ein Leben in Würde verdienen. Es sollten einfach unsere Vielfalt und die Unterschiede wahrgenommen werden.Ich entdeckte durch diese Erfahrungen, dass es eine Menge von Hindernissen und Illusionen gibt, die die Erwachsenen mit ihren negativen Bildern ausgesät haben. Ich setzte mich durch und war in der Universität sehr aktiv. Im dritten Studienjahr war ich bekannter als der Rektor der Universität.
Die politische Krise führte zu der Trennung. Die SüdsudanesInnen haben sich dafür entschieden, weil sie jahrelang unter diskriminierenden Umständen gelebt haben. Trotzdem war es meine Meinung, dass es für den Sudan besser wäre, einig zu sein, statt Mauern aufzubauen. Es wäre möglich, weil viele von uns nun ausgebildet sind und wir unsere Stimmen erheben könnten. Es ist leicht, eine Wand zwischen dir und den anderen aufzubauen, eigentlich ist es ja eine in dir selber, aber es ist nicht leicht, sie zu durchbrechen. Die meisten haben sich für die Trennung entschieden, und sie hatten das Recht dazu, denn ihr Recht auf ein Leben in Würde wurde nicht berücksichtigt. Dieses Schicksal trifft auch andere marginalisierten Gebiete des Sudan. Es war und ist meine Angst, dass der Sudan zerstückelt werden könnte.

Welche Rolle hat das Schreiben für dich?

Ich schreibe Kurzgeschichten und Artikel, die in einigen Zeitungen veröffentlicht werden. Da ich deren Sprache beherrsche, versuche ich das Leben von SüdsudanesInnen zu beleuchten: wie wir denken, lieben, heiraten, singen, tanzen. Wichtig ist es, durch die Literatur Bilder von den Frauen zu vermitteln. Schreiben ist ein Weg, der Weg zu effektiver Partizipation am Leben. Es ist mein Weg zu den anderen, zu jenen, die unsere Stimme hören. Der Beweis dafür ist das tägliche Feedback von Leserinnen und Lesern, die nicht unbedingt mein Schreiben loben, sondern auch kritisieren, auch davon lerne ich. Wir hören nie auf zu lernen, solange wir am Leben sind, jeder Tag eröffnet ein neues Wissen, neue Erfahrungen; und die Sonne geht jeden Tag auf, genauso wie unser Bewusstsein und unser Verlangen für die soziale Gerechtigkeit.

Danke für das Gespräch!

Zur Autorin: Ishraga Mustafa Hamid ist Literatin, Publizistin, Buchautorin und Aktivistin. Sie lebt in Wien.

 

(Quelle: Frauensolidarität.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Frauensolidarität”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

EU: Die Menschenrechtsverletzerin

Montag, Mai 21st, 2012

“TRIBUNAL 12: The verdict

 

 

On May 12, a sharp accusation was directed towards Europe focusing on violations of human rights and the systematic mistreatment of refugees, migrants and asylum seekers. Here is the verdict, signed and agreed by the members of the international jury: Nawal El Saadawi, Saskia Sassen, Nuruddin Farah, Sadik J Al-Azm, Henning Mankell, B S Chimni and Parvin Ardalan.

This was an extraordinary day. The jury were very moved by the presentations. This is the short version, the dry bones – the flesh is missing. We want to add descriptions of some of the cases presented during the day. A second point is that we see asylum seekers and migrants as actors and social forces, not just as victims, says Saskia Sassen, professor at Columbia University, USA.

1. We condemn European governments for violating foundational norms, such as human rights, equal moral worth of all human beings regardless of status, value of residence on the territory, the whole series of norms, which go beyond existing law.

2. We also condemn European governments for violating existing law on how governments should handle asylum seekers, detention and irregular migration.

3. We call for the removal of restrictive practises which prevent asylum seekers and refugees from reaching the territory of Europe.

4. There are alternatives to the existing asylum and refugee regime that have already been advanced by civil society organizations, human rights organisations and refugees themselves, and these alternatives should be considered by European governments.

5. There are weak components in existing practice. Many of these have to do with privatisation of functions that were once government responsibilities. These are very concrete moments in the process which can be changed by governments right now, thereby reducing abusive practices. Examples are the privatising of border control and the increasing tendency to privatize the running of detention centres.


6. Europe’s vibrant civil society, constituted in good part by immigrant struggles for justice, should be a critical Europe-wide force for addressing these abuses. What we are confronting in the realm of government handling of asylum and irregular migration is too important to leave to governments and to the private firms they hire to do some of the work.

Tribunal 12 took place on May 12th at Kulturhuset in Stockholm, and through live broadcasts on the website. Screenings and activities also took place at events around Europe. The day included a total of four sessions dealing with Border controll, Asylum process, Undocumented migrants and Detention & deportation. The tribunal ended with the jury's deliberation and verdict.

The co-organisers behind Tribunal 12 were Shahrazad – Stories for Life, Kulturhuset in Stockholm and The Swedish Forum for Human Rights. ICORN was among the partners supporting the project.

Photo: Shahrazad stories for life

 

(Quelle: ICORN – International Cities Of Refuge Network.)

Algerien: Revolutionsfeiern…

Sonntag, Mai 20th, 2012

“Boualem Sansal [Algerien]: Wo die Welt aufhört, fängt Algerien an

Eine Annäherung an den Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2011

Von Regina Keil-Sagawe

“Und so entdeckte ich, dass man den Krieg nur am Frieden, zu dem er führt, erkennt, so wie man den Baum an seiner Frucht erkennt. Wenn der Krieg nicht zu einem besseren Frieden führt, dann ist es kein Krieg, sondern blanke Gewalt, die man Gott und der Menschheit antut und die, immer finsterer, immer feiger, immer neu ausbrechen wird, um jene zu strafen, die ihn begonnen haben, ihn aber nicht zu führen und zu beenden wussten, wie ein Krieg enden muss: mit einem besseren Frieden für alle.”

Ob die Jury, die Boualem Sansal im Juni 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt hat, wohl vorab einen Blick geworfen hat in das Manuskript seines jüngsten Romans, der im August 2011 in Paris erschienen ist und den Bogen über drei Generationen Krieg und Frieden spannt?

Wie ein warnendes Fanal zum Arabischen Frühling klingen die Zeilen aus Boualem Sansals sechstem Roman, Rue Darwin, einer prallen algerischen Familiensaga, die von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart reicht und im Kern aus einer Meditation über den Krieg besteht, über all die Kriege und Vertreibungen, Repressionen und Revolten, die der algerische Autor, Jahrgang 1949, miterlebt hat und die ihn spät, doch mit umso größerem Eklat, zur Literatur geführt haben.

Diese war ihm nicht in die Wiege gelegt, die in Teniet el-Had, einem kleinen Bergdorf zwischen Zedernnationalpark und Sahara stand, über 200 km südwestlich von Algier. Er wächst vaterlos mit drei Brüdern im nahen Vialar (heute Tissemsilt) auf; 1956 zieht die Familie nach Algier um, in eben die “Rue Darwin” im Arme-Leute-Viertel Belcourt, in der auch Camus mit seiner Mutter lebte und die Sansals neuem Roman den Titel gab; 1972 macht er sein Diplom in Maschinenbau, promoviert 1975 zum Industrieökonom, wird Hochschuldozent, Wirtschaftsberater und Unternehmenschef; bekleidet ab 1992 diverse hohe Posten im algerischen Handels- und Industrieministerium, im Wirtschafts- und Sozialrat. Und lebt seit Jahrzehnten in Boumerdès, einem kleinen Küstenort östlich von Algier, zwischen Wäldern, in denen sich bis heute versprengte Terroristen tummeln, und Stränden, von denen algerische Bootsflüchtlinge nach Europa aufbrechen.

Dort, in Boumerdès, lernt er auch Rachid Mimouni (1945–1995) kennen, den Romancier, der zum 20. Jahrestag der algerischen Revolution mit seinem Roman Le fleuve détourné (1982; dt. 2001: Der Fluß nahm einen anderen Lauf) eine zynische Bilanz der Unabhängigkeit vorlegt und Sansal immer wieder zum Schreiben ermutigt. Doch erst 1996, ein Jahr nach Mimounis tragischem Tod im marokkanischen Exil, greift Sansal tatsächlich zur Feder. Und wer ihn liest, möchte meinen, er führe Mimounis Vermächtnis fort. Den Impuls zum Schreiben gibt der furchtbare Bürgerkrieg, jener “Krieg der Cliquen und Clans”, der von 1992 bis 1999 in Algerien wütet und über 200 000 Opfer fordert. “Ich musste einfach reagieren”, so Sansal, “die Gewalt war unerträglich.”

Eine Gewalt, die, lange angestaut, sich eruptiv in Sansals voluminösen Erstling ergießt, den Politkrimi Der Schwur der Barbaren (Merlin 2003, Übers. Regina Keil-Sagawe), die “vulkanische Selbstfindung eines Schriftstellers”, wie Peter von Matt in seiner Laudatio in der Paulskirche anmerkt. In sich türmenden Satzkaskaden lässt Sansal ein bildersprühendes, erfahrungsgesättigtes Fresko Algeriens erstehen: ein satirisches Porträt von Justiz und Industrie, Bildungssektor und Gesundheitswesen; ein pittoreskes Panorama algerischer Dörfer, Städte und Landschaften; ein flirrendes Potpourri historischer Mythen und Legenden – Bestandsaufnahme eines versunkenen, sich selbst den Todesstoß versetzenden Algerien.”So schnell und so brillant ist selten ein historisches Drama in Literatur aufgegangen”, schrieb die FAZ über den Schwur der Barbaren, der mit Omar Sharif nach einem Drehbuch von Jorge Semprún verfilmt worden ist.

Sogar ins Arabische wurde er übersetzt. Doch während Frankreichs Literaturwelt den 50-jährigen Senkrechtstarter, von dem man bislang nur Texte über Turboreaktoren und Produktivitätssteigerung kannte, als Erneuerer der französischen Sprache feiert, wird er in Algerien als Kolonialnostalgiker gerügt, 1999 beurlaubt und 2003, nach harscher Regimekritik – er hatte vorgeschlagen, den Religionsunterricht an den Schulen abzuschaffen – von seinem Posten als Generaldirektor im Industrieministerium entbunden. Was seiner literarischen Produktivität indes keinen Abbruch tut: “Eine Sturzflut, die wohl tut. Buch für Buch legt er erst unsere Narben frei und verbindet dann unsere Wunden”, so charakterisierte ihn im August 2011 die algerische Tageszeitung El Watan. “Seine Monster sind die unseren: ein hybrides Regime und Mörder, die im Namen Allahs Kehlen aufschlitzen. Und die bisweilen in eins verschmelzen.”

Wenn Albert Memmi (*1920), der große tunesische Soziologe, 2004 in seinem Portrait du décolonisé betont, “einem Volk die Wahrheit zu sagen, heißt nicht, sein Elend zu vergrößern, selbst wenn andere das hören und sich zunutze machen können, sondern im Gegenteil, es zu achten und ihm zu helfen”, so hat Boualem Sansal genau das umgesetzt: Roman für Roman, Essay für Essay seziert er den Filz aus Polit- und Finanzmafia, der die Algerier um die Früchte ihrer Revolution betrügt, präsentiert er Gegenentwürfe zum Diktat einer ethnisch und religiös, sprachlich und kulturell gesäuberten Identität, auf einer Linie mit Assia Djebar (*1936), Anouar Benmalek (*1956) oder Kateb Yacine (1929–1989), dem verfemten Kultautor, von dem der berühmte Slogan stammt, der bis heute vielen Algeriern aus der Seele spricht:”Ni Arabe ni musulman, mais Berbère et rebelle / weder Araber noch Muslim, sondern Berber und Rebell”.

So lässt er im Essay Petit éloge de la mémoire. Quatre mille et une années de nostalgie (Kleines Lob der Erinnerung, 2007) seinen imaginären Ich-Erzähler durch vier Jahrtausende algerischer Geschichte geistern, räumt er im Essay Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute (Merlin 2008, Übers. Ulrich Zieger) mit den “nationalen Konstanten” auf, jener (R)Einheit von Rasse, Religion und Sprache, die das Regime den Algeriern übergestülpt hat wie eine Zwangsjacke. Poste restante: Alger, das als Reaktion auf die umstrittene Generalamnestie von 2005 entstand, die den Terroristen der 1990er Straffreiheit einräumt und alles mit dem Mantel des Schweigens zudeckt, unterliegt in Algerien der Zensur. Sansal, der gegen die “Blockade des Denkens” anschreibt, hat es wohl schon so kommen sehen: “Am besten ist es, nichts zu schreiben und schon gar nicht das, was alle denken.” Jenen schrankenlosen Gedankenaustausch, zu dem er in seinen Essays aufruft, demonstriert Sansal quasi live in seinen Romanen, Wälzern von überbordender Fabulierlust. 2000 erscheint Das verrückte Kind im hohlen Baum (Merlin, Übers. Riek Walther), der Dialog zweier Todeskandidaten, eines Algerienfranzosen und eines Islamisten, in einem Gefängnis im algerischen Süden; 2003 dann Erzähl mir vom Paradies (Merlin 2004, Übers. Regina Keil-Sagawe), ein vielstimmiger Bar- und Bistro-Roman, der ein Algerien zwischen Traum und Alptraum skizziert; schließlich Harraga (Merlin 2007, Übers. Riek Walther), ein Roman, der um zwei unkonventionelle Frauenschicksale kreist und auch das Thema der “Harraga” aufgreift, jener algerischen Bootsflüchtlinge, die alles hinter sich lassen: “Wir werden den Weg finden und die Zeit. Und wir werden lernen zu leben und wir werden lernen zu lachen. Davon träumen die Harragas.” Mit diesem Zitat aus dem Roman sind die Flugblätter einer Gruppe junger Leute vor der Frankfurter Paulskirche bestückt, die am Sonntag, dem 16. Oktober, kurz vor der Verleihung des Friedenspreises, für “Freiheit statt Frontex” demonstrieren. Jenes Preises, den Boualem Sansal – als zweiter Algerier nach Assia Djebar (2000) – deshalb erhält, weil er, so die Urkunde des Börsenvereins, ein “leidenschaftlicher Erzähler” ist, “geistreich und mitfühlend”, der “die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen” befördere, “offen Kritik an den sozialen und politischen Verhältnissen” im Lande übe, sich “hartnäckig” für das “freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft” einsetze und letztlich “gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür” auftrete, in Algerien und weltweit.

Seine Dankesrede gerät zur Liebeserklärung an ein Algerien, wie es sein könnte, wenn es nicht wäre, wie es ist: “eine Summe unauflöslicher Paradoxien, von denen die meisten tödlich sind. Als da wären: ein reiches Land mit furchtbar armer Bevölkerung – Stichwort Verschwendung, Stichwort Korruption; ein Land mit demokratischen Grundstrukturen – Stichwort Parteienvielfalt, Stichwort Pressefreiheit –, aber orientalisch-despotischer Alltagspraxis; ein Land mit kosmopolitischer Vergangenheit, das an Gedächtnisverlust und Selbsthass leidet, bis hin zur Selbstzerstörung …” Diese Paradoxien sind der Stoff, aus dem sich Boualem Sansals sagenhaftes Œuvre speist. Doch obwohl es beinahe komplett und in geradezu bibliophiler Ausstattung auf Deutsch vorliegt, kennt man den Autor hierzulande vorrangig als Autor von Das Dorf des Deutschen (Merlin 2009, Übers. Ulrich Zieger). Einem Roman, der Parallelen zwischen Nazitum und Islamismus zieht und seinen Autor in Deutschland so geschätzt werden ließ (Platz 2 der “Weltempfänger”-Bestenliste 2/2009) wie in Algerien zum Nestbeschmutzer: Denn dort kratzt die Historie vom Nazi-Schergen, der sich nach Algerien absetzt und zum Freiheitshelden mutiert, gewaltig am nationalen Gründungsmythos: der algerischen Revolution (1954–1962), die sich im Jahr 2012 zum 50. Mal jährt.

“Die Befreiung brachte keine Freiheit. Und Freiheiten schon gar nicht.” Lakonisch fällt Sansals Urteil zum Jubeljahr in seiner Dankesrede aus. Den Roman zur Revolution, den hat er schon geschrieben: Rue Darwin lautet er, und der Titel ist nachgerade Chiffre für eine Revolution, die ihre Kinder frisst. Keine Frage, Boualem Sansals neuer und sehr persönlicher Roman, der alle Gewissheiten und Zugehörigkeiten radikal in Frage stellt, empfiehlt sich als Vademecum für den Arabischen Frühling.”

Regina Keil-Sagawe ist Spezialistin für maghrebinische Literatur und Vorstandsmitglied im Deutsch-Algerischen Kulturverein YEDD e.V.; sie hat zwei Romane von Boualem Sansal ins Deutsche übersetzt. (…)

 

(Quelle: Literatur Nachrichten.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Literatur Nachrichten” kann in unserer Bücherei entliehen werden.

Republic Südafrika: Prügel für den ANC

Dienstag, November 29th, 2011

“Nobel laureate Nadine Gordimer accuses the ANC of apartheid-style censorship

Secrecy law to muzzle press will affect all writers, says poet and fighter against black oppression

By Tracy McVeigh

The Observer, Sunday 27 November 2011

Nobel prize-winning author Nadine Gordimer has spoken out against her government’s controversial new secrecy legislation, suggesting it is a move back towards the harsh censorship that existed under apartheid.

In an article written for the Observer Gordimer said freedom of expression had been “struck out as a danger to the state”, under the harsh Protection of State Information Bill, which may become law in South Africa by the end of the year. Leading commentators, editors and opposition parties dubbed the day the bill was passed in the South African parliament last week “Black Tuesday”.

The bill bans the publication of classified documents – even if the information could be in the public interest – and allows the government to class almost any category of information as secret. Anyone involved in whistleblowing or any journalist or editor involved in publishing such information could face 25 years in prison. The bill is also seen as a way of the government controlling how it is represented, and there are worries that its provisions are so all-encompassing that it could even curtail freedom of expression in literature.

Gordimer argues that the attack on media freedom is an attack on everyone’s “right to know and think”, which would affect the work of all writers. ANC politicians have said the laws are necessary because the country is under threat from “spies” and foreign invasion, while state security minister Siyabonga Cwele has claimed that groups opposing the bill were “local proxies of foreign spies”.

President Jacob Zuma has been accused of having too close a relationship with his country’s security services and of conducting a personal vendetta against South African media who have been putting his party and his leadership under ever increasing scrutiny. Raymond Louw, veteran former anti-apartheid editor and media activist, has told reporters the law is a betrayal of the ANC’s commitment to press freedom.

“The intention of this bill is to stop the media from disclosing corruption, malpractice and misgovernance, and inefficiencies,” he said. “It is a betrayal of the commitment to a free press and the constitutional commitment to a free press because it is so wide-ranging. And it is not reasonable for them to want to cover up secrets beyond those which are absolutely necessary for protection of national security.”

Gordimer’s attack is likely to embarrass the ANC ruling party, especially those who are already uncomfortable with the bill, which has two further stages to go through before it is signed into law by Zuma.

The author pours scorn on the idea that South Africa might be under any kind of threat from outside forces, saying: “Is Cuba going to send an invasive force to bring to power our small communist party?”

She writes that the bill would not just affect the press but also poets, novelists and playwrights: “Workers in all literary modes will be subject to the bill through our fictional characters’ actions and opinions, alive in our books.”

The author has long links with the struggle against black oppression. She had three books banned under the infamous apartheid regime’s censorship laws, along with an anthology of poetry by black South African writers that she collected and had published.

Gordimer was born in Gauteng, South Africa, in 1923 to immigrant European parents. She was called one of the great “guerrillas of the imagination” by the poet Seamus Heaney, and a “magnificent epic writer” by the Nobel committee, and is a hugely respected figure involved in charitable and anti-censorship projects.

She became active in the then banned South African National Congress after the Sharpeville massacre, and was one of the first people Nelson Mandela asked to see when he was released in 1990. When her west Johannesburg home was raided by violent robbers in 2006, it sparked national outrage.”

 

(Quelle: The Observer.)