Archive for the ‘Regierung’ Category

Saudi-Arabien: Warten auf die deutschen Panzer

Freitag, Dezember 16th, 2011

“Panzer-Export nach Saudi-Arabien stoppen!

Waffen gegen Demonstranten 2012 in Riad?

Als mutige Bürgerinnen und Bürger in Tunesien und Ägypten die dortigen Diktatoren aus dem Amt jagten, räumten auch deutsche Politiker selbstkritisch ein, man habe die Diktatoren im Nahen Osten zu lange hofiert. Doch wenige Monate später scheint diese Erkenntnis schon wieder vergessen zu sein.

Mitten im „Arabischen Frühling“ will die Merkel-Regierung ausgerechnet die saudische Diktatur mit High-Tech-Waffen beliefern. Und das obwohl in der Geschichte schon oft Diktaturen Panzer gegen das eigene Volk einsetzten. Als der Arabische Frühling im März das kleine Nachbarland Bahrain erreichte, schickte das saudische Regime 1.200 Soldaten und Panzer nach Manama, die dem dortigen Regime halfen, den Aufstand brutal niederzuschlagen.

“Deutsche Leopard-Kampfpanzer für Saudi-Arabien?

Der Bundessicherheitsrat hat einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zufolge den Export von 200 Leopard-Kampfpanzern des hochmodernen Typs 2A7+ grundsätzlich befürwortet. Demnach wurde eine Voranfrage des Rüstungskonzerns Krauss Mafei Wegmann positiv beschieden. Die endgültige Entscheidung über den Export werde der Bundessicherheitsrat voraussichtlich Ende des Jahres fällen, so der SPIEGEL.

Der Bundessicherheitsrat ist ein geheim tagendes Gremium der Bundesregierung, das unter anderem über die Genehmigung von Rüstungsexporten entscheidet. Ihm gehören Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und acht Bundesminister an, darunter unter anderem Außenminister Westerwelle (FDP), Bundeswirtschaftsminister Rösler (FDP), Verteidigungsminister de Maizière (CDU), Innenminister Friedrich (CSU) und Entwicklungshilfeminister Niebel (FDP). Die Leopard-Kampfpanzer des Typs 2A7+ sind nach Herstellerangaben für die asymmetrische Kriegsführung optimiert und sind damit besonders für die Bekämpfung „innerer Unruhen“ geeignet.

Video mit Leopard 2A7+, das dokumentiert, wie der Kampfpanzer gegen Zivilbevölkerung eingesetzt werden kann:

 

(Klicken Sie auf das Play-Zeichen im Bild, um den Film zu starten. Kurzfilm läuft nicht? Flash downloaden!); Foto: Aust Defence Force

Nach einem Bericht des Handelsblattes will die Bundesregierung auch mit dem diktatorischen Regime in Algerien milliardenschwere Rüstungsgeschäfte abschließen. Es gehe um zehn Milliarden Euro und mehrere Vorhaben innerhalb von zehn Jahren, heißt es in dem Bericht: Man wolle den Transportpanzer Fuchs in Algerien fertigen, Last- und Geländewagen verkaufen sowie Fregatten für die Marine des Landes bauen. Dass der algerische Staatschef Bouteflika verdächtigt wurde, dem libyschen Ex-Diktator Gaddafi mit Waffen, Fahrzeugen und Söldnern unterstützt zu haben, spielt für die Bundesregierung offenbar keine Rolle.

Der Leopard 2A7+ – optimiert für die Bekämpfung von Volksaufständen

Der “Leopard 2A7+”, auch unter der Abkürzung “PSO” (Peace Support Operations) bekannt, soll etwas können, was schweren Kampfpanzern normalerweise eher schwer fällt: in städtischen Gebieten kämpfen. Er ist nach Herstellerangaben optimiert für die “asymmetrische Kriegsführung” und die “Bekämpfung von Einzelpersonen”. Kampfhandlungen in Städten stellen teils völlig andere Anforderungen an einen Panzer als Schusswechsel auf freiem Feld. So verfügt der “Leopard 2A7+” über eine ferngesteuerte Waffenstation auf dem Turmdach: Die Besatzung kann Ziele – auch solche, die in Häusern steil über dem Panzer liegen und mit der 120-Millimeter-Hauptkanone nicht erreichbar wären – mit einem schweren Maschinengewehr oder einem Granatwerfer unter Beschuss nehmen, ohne den Innenraum verlassen zu müssen. Ursprünglich wurde der rund 60 Tonnen schwere und 1500 PS starke “Leopard 2″ für Schlachten gegen gleichwertige Gegner konstruiert – und ist damit ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Das Gleiche gilt für andere schwere Kampfpanzer wie den amerikanischen “M1 Abrams”, den israelischen “Merkava”, den britischen “Challenger” und den französischen “Leclerc”, schreibt SPIEGEL-Online dazu. Die Leopard Kampfpanzer des Typs 2A7+, die Saudi-Arabien unbedingt haben will, haben ein Räumschild zur Beseitigung von Barrikaden, eine verbesserte Klimaanlage, einen ausgebauten Schutz gegen Minen und einen stärker gepanzerten Turm.

Die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien werden die Menschenrechte massiv verletzt. Das Königshaus versucht jede Opposition im Keim zu ersticken, Kritiker werden drangsaliert oder ins Gefängnis geworfen. Amnesty International spricht von tausenden politischen Gefangenen. Es gibt zahlreiche Berichte über Folter in saudischen Gefängnissen. Saudische Gerichte verhängen grausame Strafen, vor allem Auspeitschungen. Sowohl Christen als auch Angehörige der schiitischen Minderheit werden wegen der Ausübung ihres Glaubens festgenommen. Frauen und Mädchen leiden besonders unter Diskriminierung und Gewalt. Frauen dürfen dort nicht einmal Auto fahren. Setzten sie sich trotzdem hinters Steuer, droht ihnen die Auspeitschung.

Im Arabischen Frühling stellte sich das saudi-arabische Königshaus auf die Seite der Diktatoren. Dem gestürzten tunesischen Diktator Ben Ali gewährte das Königreich Unterschlupf, ebenso dem verletzten Diktator aus Jemen. Und das Regime in Riad versucht alles, um Syriens Diktator Assad an der Macht zu halten, berichten informierte Kreise. „Saudi-arabische Streitkräfte, die in den Konflikt im Norden des Jemen eingriffen, führten Angriffe aus, die willkürlich und unangemessen erschienen. Sie führten zu Toten und Verletzten in der Zivilbevölkerung und verstießen damit gegen das humanitäre Völkerrecht“, schreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Panzer in Krisengebiete?

Lange Zeit war es Konsens in der deutschen Außenpolitik, keine Kampfpanzer in Krisengebiete zu liefern. Frühere Bundesregierungen lehnten deshalb mehrfach den Verkauf von Leopard-Panzern nach Saudi-Arabien ab, weil sie ein gefährliches Wettrüsten zwischen dem Iran und Saudi-Arabien befürchteten und den arabisch-israelischen Konflikt nicht zusätzlich anheizen wollten. Nach den im Jahr 2000 von der damaligen rot-grünen Koalition verabschiedeten Rüstungsexportrichtlinien sollen Rüstungsexporte eigentlich restriktiv gehandhabt werden.

Rüstungsexporte in Krisengebiete soll es nach den Richtlinien eigentlich gar nicht geben. Doch elf Jahre nach Verabschiedung der Richtlinien ist Deutschland vom fünften auf den dritten Platz im internationalen Rüstungshandel vorgerückt, so das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre haben sich die deutschen Rüstungsexporte verdoppelt. Der Weltmarktanteil der Deutschen stieg von 2006 bis 2010 auf rund elf Prozent. Nur Amerikaner (30 Prozent) und Russen (23 Prozent) exportieren noch mehr Waffen und Kriegsgerät als die Deutschen.

 

(Quelle: Campact!)

Naher Osten: Jagd auf BloggerInnen

Freitag, Dezember 16th, 2011

“The war against the bloggers

 

 

December 4 the syrian blogger Razan Ghazzawi was arrested by Syrian authorities at the border to Jordan when she wanted to leave the country to attend a conference in Amman. Razan lived in Cairo for some months, I met her there, according to what she told us she already left Syria because she was unter threat, why she finally decided to go back I don‘t know. Razan was one of the few bloggers who wrote under their real name, already before the protest in Syria started in march, she was blogging about feminist topics and homosexuality, later the revolution in Syria, the questions how to organize the protest, how to support the prisoners were here main topics. She worked quite closed with some western NGOs and attended several conferences (what she saw quite critical herself according to this articel (german). Her collegue and friend blogger Hussein Ghrer just got free december 1st after being detained for 37 days – the good news was the last post on her blog before she got arrested herself.

The campaign #freerazan started right after her arrest and spread fast – Razan was a prominent member of the trans-arabic young blogger szene, she was well connected to bloggers and human rights activists in several other countries. It didn‘t help her: After being in jail for 11 days she was charged on wednesday. The accusations were: 1.establishing organization that aims to change social & economical entity of the state; 2.weakening the national sentiment and 3.trying to ignite sectarian strife. if she would be charged this would mean 15 years in jail. According to her sister, the case is postponed to Saturday. For further info read the report of Reporters without borders with links to the campaign pages, one of the campaign pages and more tips how to support Razan.

The reactions from the blogger community ranged between shock and speechlessness. Not only because of the arrest of Razan – she is part of the war against the bloggers that is going on in several countries at the same time.
Alaa Abd El-Fattah, one of the most famous egyptian bloggers just got his detention renewed today. It’s seems the egyptian military is unwilling to let him free – and it seems that the charge of „insulting the army“ is more dangerous in Egypt at them moment than the charge of killing. While the public prosecutor let all the people free today who were arrested in the Maspiro events 9th of october, Alaa is still in Tora prison, because he is „facing different charges“.
Wednesday, the same day Alaa got another 15 days of detention, Maikel Nabil Sanad, already in jail since April, was judged by a military appeal court again to two years in prison, one year less than he got in April for writing a blog post analyzing the role of the egyptian army during the revolution. Sanad is in hunger-strike since august (short articel in taz, GPMagazin/Connection e.V.).
Today, Bahrein blogger and activist Zainab Alkhawaja got arrested when she staged a sit-in in a traffic circle (see the youtube video).

#freealaa #freezainab #freerazan #freemaikel

In a time where in countries like Egypt the offical press is again and in Syria still censored and under control of the government, free speech and critics in the internet seems to be the biggest threat for the ones who are ruling by brutality, aggression and lies…”

 

(Quelle: Egyptian Spring.)

Japan: Fukushima – 26.000.000.000 Becquerel sind keine Zeitungsmeldung (mehr) wert

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

“#Fukushima I Nuke Plant: Amount of Strontium in Leaked Water, per TEPCO

Tuesday, December 6, 2011

POSTED BY AREVAMIRPAL::LAPRIMAVERA AT 11:01 AM

Here you go (and AP, and Washington Post, and…).

From TEPCO’s December 6 press release page:

150 liters of this radioactive strontium-rich water leaked into the ocean from the evaporative condensation apparatus (part of the contaminated water treatment system), via the regular drains.

Density:

  • Strontium-89: 74,000 becquerels/cubic centimeter

  • Strontium-90: 100,000 becquerels/cubic centimeter

Total amount of radioactive materials (including cesium) that leaked into the ocean this time: 26,000,000,000 becquerels, or 26 billion becquerels.

TEPCO says it is 12% of “annual discharge target control of radioactive liquid waste” at Fukushima I Nuclear Power Plant. That’s one way of putting it. Another way is that it is only a fraction of what has already been discharged, to the tune of between 4,700 terabecquerels (TEPCO estimate so far, though the company was to recalculate by the end of November; did it?) and 27,100 terabecquerels (France’s IRSN estimate), and these numbers do not include strontium.

In the press release appendix below, the numbers in ( ) is the total amount of these radionuclides that flowed into the ocean.

For my previous post on this topic, go here and here (more pics).

By the way, the numbers for strontium and other beta nuclides in the contaminated/treated water were released on November 18 by TEPCO. The mention of radioactive strontium was made during the press conference on December 4.

(I guess foreign news correspondents do not attend TEPCO/government press conference any more.)

TEPCO’s pic of the big puddle, taken on December 4. See the regular drain to the left:”

 

(Quelle: EX-SKF.)

BRD: “Ausbildungshilfe” für Golf-Monarchien

Dienstag, November 29th, 2011

“The Arab Spring of “Security made in Germany”

By Eric Töpfer

Investigative journalists have revealed a secret mission by the German Federal Police to train border guards in Saudi Arabia. The episode sheds light on the much broader engagement of the German security-industrial complex in arming authoritarian monarchies in the Gulf region.

More than 500 German police officers are posted to foreign countries. They act as liaison officers, train colleagues, bolster border controls, support document checks at consulates, guard German embassies and police crisis regions under the flag of the United Nations, the Organization for Security and Cooperation in Europe (OSCE) or the European Union. [1] It is well known that the largest of the German police force’s foreign missions are taking place in Afghanistan and Kosovo where almost 300 officers complement the military engagement of NATO troops. Nonetheless, it came as a surprise when it was revealed in April 2011 that another major mission is taking place in Saudi Arabia. Two weeks after soldiers from the oil-rich kingdom crossed the border into Bahrain to defend its ruling elite against the democratic protest movement, it coincided with a TV magazine FAKT report that dozens of German Federal Police officers were training thousands of border guards in the desert. [2] Moreover, the mission was reported to be closely linked to a billion dollar deal, involving European arms giant EADS-Cassidian, that includes the installation of a high-tech surveillance system along Saudi Arabia’s 9,000 km sea and land borders. It is “the world’s most important contract for security technology,” according to Cassidian CEO Stefan Zoller. [3]

Deal involving EADS exports

Although the German government denies that the training mission was sine qua non for the deal between EADS and the Arab kingdom, the details that became public suggest another story. In spring 2007, high-level talks began between EADS and the German Ministry of Interior (MoI); EADS manager Stefan Zoller met with MoI State Secretary August Hanning to discuss the planned modernisation of Saudi Arabia’s border controls. They continued their exchange in October, considering a possible project design, and at the end of the year EADS submitted its bid to the Saudi Arabian Interior Ministry. At the same time the German Federal Police presented a training programme to officials in Saudi Arabia’s capital city of Riyadh. (…)”

Weiterlesen…

 

(Quelle: Statewatch.org)

Republic Südafrika: Prügel für den ANC

Dienstag, November 29th, 2011

“Nobel laureate Nadine Gordimer accuses the ANC of apartheid-style censorship

Secrecy law to muzzle press will affect all writers, says poet and fighter against black oppression

By Tracy McVeigh

The Observer, Sunday 27 November 2011

Nobel prize-winning author Nadine Gordimer has spoken out against her government’s controversial new secrecy legislation, suggesting it is a move back towards the harsh censorship that existed under apartheid.

In an article written for the Observer Gordimer said freedom of expression had been “struck out as a danger to the state”, under the harsh Protection of State Information Bill, which may become law in South Africa by the end of the year. Leading commentators, editors and opposition parties dubbed the day the bill was passed in the South African parliament last week “Black Tuesday”.

The bill bans the publication of classified documents – even if the information could be in the public interest – and allows the government to class almost any category of information as secret. Anyone involved in whistleblowing or any journalist or editor involved in publishing such information could face 25 years in prison. The bill is also seen as a way of the government controlling how it is represented, and there are worries that its provisions are so all-encompassing that it could even curtail freedom of expression in literature.

Gordimer argues that the attack on media freedom is an attack on everyone’s “right to know and think”, which would affect the work of all writers. ANC politicians have said the laws are necessary because the country is under threat from “spies” and foreign invasion, while state security minister Siyabonga Cwele has claimed that groups opposing the bill were “local proxies of foreign spies”.

President Jacob Zuma has been accused of having too close a relationship with his country’s security services and of conducting a personal vendetta against South African media who have been putting his party and his leadership under ever increasing scrutiny. Raymond Louw, veteran former anti-apartheid editor and media activist, has told reporters the law is a betrayal of the ANC’s commitment to press freedom.

“The intention of this bill is to stop the media from disclosing corruption, malpractice and misgovernance, and inefficiencies,” he said. “It is a betrayal of the commitment to a free press and the constitutional commitment to a free press because it is so wide-ranging. And it is not reasonable for them to want to cover up secrets beyond those which are absolutely necessary for protection of national security.”

Gordimer’s attack is likely to embarrass the ANC ruling party, especially those who are already uncomfortable with the bill, which has two further stages to go through before it is signed into law by Zuma.

The author pours scorn on the idea that South Africa might be under any kind of threat from outside forces, saying: “Is Cuba going to send an invasive force to bring to power our small communist party?”

She writes that the bill would not just affect the press but also poets, novelists and playwrights: “Workers in all literary modes will be subject to the bill through our fictional characters’ actions and opinions, alive in our books.”

The author has long links with the struggle against black oppression. She had three books banned under the infamous apartheid regime’s censorship laws, along with an anthology of poetry by black South African writers that she collected and had published.

Gordimer was born in Gauteng, South Africa, in 1923 to immigrant European parents. She was called one of the great “guerrillas of the imagination” by the poet Seamus Heaney, and a “magnificent epic writer” by the Nobel committee, and is a hugely respected figure involved in charitable and anti-censorship projects.

She became active in the then banned South African National Congress after the Sharpeville massacre, and was one of the first people Nelson Mandela asked to see when he was released in 1990. When her west Johannesburg home was raided by violent robbers in 2006, it sparked national outrage.”

 

(Quelle: The Observer.)

Haiti: Auf ein Neues…

Samstag, November 26th, 2011

“Haiti: Neue Regierung – neue Ära?

von Wooldy Edson Louidor*, Bogota

Samstag, den 26. November 2011

Präsident Martelly / Presidencia de laRepublica del Ecuador / Flickr(Quito, 26. Oktober 2011, alai).- Seitdem der haitianische Premierminister Garry Conille am vergangenen 18. Oktober sein Amt angetreten hat, spricht man auf Haiti von einer “neuen Ära“. Nach fünf langen Monaten der Amtseinsetzung als Präsident ist es Michel Martelly schließlich gelungen, eine Regierung zu bilden und von beiden Parlamentskammern die Zustimmung für den von ihm vorgeschlagenen Premier zu bekommen. Zuvor waren zwei für dieses Amt nominierte Kandidaten von der Legislative abgelehnt worden.

Angesichts der immensen humanitären, sozio-ökonomischen, politischen und internationalen Probleme, denen Haiti ausgeliefert ist, stellt sich die Frage: Was ist von der neuen Regierung unter Präsident Martelly und Ministerpräsident Conille zu erwarten?

Auf politischer Ebene

Clinton in Haiti / Februar 2010 / UN-Photo, FlickrVon Beruf Arzt, war Garry Conille früher für die Vereinten Nationen tätig sowie als Kabinettschef des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, der zum UN-Sondergesandten des für Haiti und zum Mitvorsitzenden der Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis CIRH (Commission intérimaire pour la reconstruction d’Haïti) ernannt wurde.

Aufgrund seiner “Nähe zur internationalen Gemeinschaft“ und der Rolle, die er in einer so fragwürdigen internationalen Struktur wie der CIRH spielt, wollten einige Abgeordnete Conille anfangs nicht ihre Zustimmung für das Amt des Regierungschefs erteilen. Die CIRH, so die Kritik, würde beim Wiederaufbau Haitis nicht die Interessen des verwüsteten Landes verteidigen, sondern die der Großmächte.

Nach intensiven Verhandlungen zwischen dem haitianischen Präsidenten und den im Parlament vertretenen politischen Kräften, erhielt schließlich der dritte von Michel Martelly vorgeschlagene Premierminister die erforderlichen Ja-Stimmen in beiden Parlamentskammern. Die Zustimmung überrascht immer noch viele AnalystInnen. Den Sieg des haitianischen Präsidenten erklären sie mit dessen Entschluss, eine Koalitionsregierung mit eben jenen politischen Kräften zu bilden.

Hat der Präsident nicht die Mehrheit im Parlament, fordert die geltende haitianische Verfassung den Dialog zwischen dem Präsidenten und den verschiedenen Kräften der Gesetzgebung, um so den Regierungschef zu ernennen. Nach zwei gescheiterten Versuchen, hatte der neue Präsident endlich seine Lektion gelernt. Nun aber stellt sich folgende Herausforderung: Wie funktioniert eine Koalitionsregierung, so dass die Interessen aller ihrer Mitglieder bei der Durchführung eines gemeinsamen Regierungsprogramms zum Zuge kommen?

Aufgrund einer nur schwach ausgeprägten Kultur des Dialogs und der Bündnispolitik innerhalb der politischen Klasse Haitis, schwanken die Meinungen zwischen Skepsis und der Hoffnung, die politischen Akteure würden ihre Mentalität ändern und sich schließlich an die Spielregeln der Demokratie halten.

Wechsel zur Opposition

Einige politische Parteien, die nicht in die neue Regierung aufgenommen wurden, haben bereits ihren Unmut darüber geäußert und kündigten gleichzeitig ihren möglichen Wechsel zur Opposition an. Tatsächlich bezeichnen sich einige Parteivorstände bereits als Oppositionsmitglieder. Ein Beispiel hierfür ist Sauveur Pierre Étienne, der erklärte „Wir sind eine verantwortungsvolle, demokratische und konstruktive Opposition“.

Diesen politischen Akteuren zu Folge, sei die neue Regierung eine Koalition zwischen der Partei INITE (politische Plattform des Ex-Präsidenten René Préval), der Lavalas (Partei des Ex-Präsidenten Jean-Bertrand Aristide) und des Duvalierismus (politische Bewegung des Ex-Diktators Jean-Claude Duvalier). Die Haltung der politischen Gruppen und Parteien könnte als Warnsignal für die neue Regierung gewertet werden.

Auf humanitärer und sozio-ökonomischer Ebene

Neben all diesen großen politischen Herausforderungen, denen sich die neue haitianische Regierung stellen muss, ist die humanitäre und sozio-ökonomische Lage des Landes nicht weniger kompliziert.

Die humanitäre Krise Haitis, die sich nach dem Erdbeben am 12. Januar 2010 noch verschlimmert hat, ist weit von einer Lösung entfernt. Die sich verschlimmernde Ernährungsunsicherheit, von der viereinhalb Millionen HaitianerInnen betroffen sind (fast die Hälfte der Bevölkerung), das Wiederausbrechen der Cholera, die mehr als 6.000 Opfer gefordert hat und die schwierige Situation von 550.560 Menschen ohne Obdach, die derzeit in 802 Notlagern untergebracht sind, diese von verschiedenen haitianischen und internationalen Behörden ermittelten Zahlen zeichnen ein verheerendes Bild.

Lage in den Notlagern verschlimmert sich

Valerie Amos, Untersekretärin für humanitäre Angelegenheiten der UNO, erklärte am vergangenen 29. September während eines zweitägigen Besuchs in Haiti, sie sei „beunruhigt“ über die Situation der Menschen, die ihr Zuhause verloren haben und nun in den Notlagern leben.

Obdachlosensiedlung im August 2011 /docu-cinema, flickr„Die Situation der in den Notlagern untergebrachten Erdbebenopfer verbessert sich nicht, sondern verschlimmert sich“, so Amos und verwies darauf, dass die UNO nur die Hälfte der 382 Millionen US-Dollar erhalten habe, die von der internationalen Organisation zur Durchführung humanitärer Programme in Haiti beantragt worden waren. Der Zugang zu Lebensmitteln, Trinkwasser, Hygiene und anderen fundamentalen Rechten stelle weiterhin ein ernstes Problem für die BewohnerInnen der Notunterkünfte dar, während gleichzeitig die Gewalt gegenüber Frauen in den Lagern weiter zunehme, so die Untersekretärin.

Die internationale Gemeinschaft gesteht ein, dass eben jene Vielschichtigkeit der Krise ¬‒ die Abwanderung aus urbanen Räumen, fehlender Wohnraum und Armut ‒ den Prozess erschwert, die von Wohnungsnot Betroffenen wieder aus den Lagern zu entlassen. Ebenso schwer gestaltet sich die Suche nach dauerhaften und würdigen Lösungen für die Betroffenen und die Gemeinden, in die sie zurückkehren. Die Herausforderung besteht nach Ansicht der internationalen Akteure nun darin, Haiti weiterhin auf der humanitären und der internationalen entwicklungspolitischen Agenda zu halten.

Auf internationaler Ebene

Ganz in diesem Sinne geht die neue Regierung davon aus, dass die CIRH sowohl eine Schlüsselrolle bei der Suche nach internationaler Hilfe spielen wird, als auch dabei, diese Hilfe wirksamer zu gestalten. Bei der Präsentation seines politischen Konzepts empfahl der neue Premierminister Garry Conille die Verlängerung des Mandat der CIRH, das am 21. Oktober abgelaufen war. Demnächst wird die neue Regierung vor dem Parlament einen Gesetzesentwurf für die Verlängerung des Mandats präsentieren müssen. Die Aufgabe jener bilateralen Struktur zwischen Haiti und der internationalen Gemeinschaft wird darin bestehen, den Wiederaufbau Haitis zu koordinieren.

Widerstand gegen UN-Intervention

Eine Gruppe von ParlamentarierInnen widersetzt sich der Erneuerung des Mandats der CIRH, das sie als „einen getarnten Eingriff der internationalen Gemeinschaft“ in die inneren Angelegenheiten des Landes bezeichnet. Die Intervention würde die haitianischen Institutionen aus ihrer Rolle verdrängen und sowohl die Teilhabe der Gesellschaft am Wiederaufbau unterminieren, wie auch die Funktion des Parlaments untergraben, als Kontrolle der Exekutive in diesem Prozess zu fungieren.

Auch verschiedene Gruppen der haitianischen Zivilgesellschaft haben bereits mehrfach ihre Ablehnung gegenüber der Erneuerung des Mandats der CIRH zum Ausdruck gebracht. Die CIRH bezeichnen sie als „ineffizient“ und „entgegen der Interessen des haitianischen Volkes“.

Kritik an multinationaler Stabilisierungsmission

MINUSTAH beim Straßenkampf / mediahacker, flickrEin weiterer Auslöser für Konflikte zwischen der neuen Regierung und des Parlaments ist der andauernde Einsatz der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti MINUSTAH (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti). Wenngleich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vergangenen 14. Oktober das Mandat der MINUSTAH für ein Jahr verlängerte, ordnete er doch gleichzeitig den Abzug von 2.500 Soldaten und Polizisten der Einsatztruppe an.

Der haitianische Senat verlangt jedoch einstimmig den definitiven Abzug der multinationalen Streitkräfte, sobald diese im kommenden Jahr ihr Mandat beendet haben. Einig sind sich die SenatorInnen auch darüber, eine Entschädigung für die 6.200 Opfer der Cholera-Epidemie zu fordern, die durch den Militäreinsatz verursacht wurde. Ebenso sollten Hunderte Menschen, vor allem Jugendliche, entschädigt werden, die sexuellen Angriffen seitens der Blauhelme ausgesetzt waren.

In diesem Sinne schreibt sich der Senat einen langen Kampf auf die Fahne, der auf nationaler und internationaler Ebene von großen Teilen der Bevölkerung sowie sozialen Bewegungen vorangetrieben wird. Die StudentInnen- und ArbeiterInnenbewegungen, die Bewegung der haitianischen Bauern und Bäuerinnen u.a. haben in den letzten Monaten ihre Proteste gegen die Blauhelme verstärkt. Gleichzeitig adressierten Hunderte von Organisationen und Privatpersonen ein Schreiben an den Generalsekretär der UNO, in dem sie den sofortigen Abzug der Truppen aus Haiti forderten.

Wiederaufbau der Streitkräfte Haitis

Der Präsident Haitis stimmt mit der UNO darin überein, dass die Verlängerung des Mandats der MINUSTAH notwendig sei. Allerdings soll der militärisch-polizeiliche Einsatz verringert werden. Der Chilene Mariano Fernández, Sonderrepräsentant des Generalsekretärs der UNO für Haiti, erklärt dies damit, dass „die Situation in Haiti ruhig, aber weiterhin instabil ist“. Der haitianische Staatschef hält es allerdings für nötig, die Streitkräfte Haitis wieder aufzubauen. Diese hatte Präsident Aristide 1994 abgeschafft, nachdem er zuvor mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft wieder an die Macht gelangt war.

Die neue Regierung hatte bereits vor dem 18. November die Veröffentlichung eines Präsidentenerlasses angekündigt, mit dem die Armee Haitis wiederhergestellt werden soll. Diese Ankündigung hat bei vielen ParlamentarierInnen und in weiten Teilen der Gesellschaft Anstoß erregt. Sie widersetzen sich der Rückkehr der Streitmächte, die sie als „Putschisten“ und „Menschenrechtsverbrecher“ bezeichnen. Der Senat verlangte denn auch von der Regierung, die Fragen von ParlamentarierInnen nach der Wiederherstellung der Streitkräfte zu antworten.

Das haitianische Volk kann nicht mehr länger warten

Viele sitzen immer noch buchstäblich auf der Straße, so wie hier im Februar 2010, unmittelbar nach dem Beben / UNO, FlickrDie Zukunft der neuen Regierung Martelly-Conille hängt zum großen Teil von deren Dialogfähigkeit ab. GesprächspartnerInnen sind die ungleichartigen politischen Kräfte aus denen sich die Koalitionsregierung zusammensetzt wie auch alle anderen Mächte: die Oppositionsgruppen, die sozialen Bewegungen und die Instanzen der Internationalen Gemeinschaft.

Die Probleme Haitis sind immens, und zwar auf allen Ebenen: sowohl politisch und humanitär wie auch sozio-ökonomisch und international. Die Herausforderungen für die neuen Regierung sind enorm. Sollte man tatsächlich von einer neuen Ära sprechen können, dann handelt es sich um die Ära der großen Entscheidungen. Und diese betreffen nicht nur die neue Regierung, sondern auch andere haitianische und internationale Akteure. Das haitianische Volk kann nicht mehr länger warten: Es ist an der Grenze der Geduld, des Leidens und alledem angelangt, was die Menschenwürde ertragen kann.

* Der Autor Woody Edson Louidor arbeitet für die Jesuitenflüchtlingsdienstes für Lateinamerika und die Karibik SJR-LAC (Servicio Jesuita a Refugiados-Latinoamérica y Caribe)”

 

(Quelle: poonal.)