Archive for the ‘Verschwundene’ Category

Chile: Vergebung für die Massenmörder?

Samstag, Juli 24th, 2010

“Church seeks Chile military pardons


Photo: [Reuters]
Official figures say 3,065 opponents of Pinochet’s government were killed, 1,200 disappeared

Catholic church leaders have urged Chile’s president to pardon military officers jailed for abuses committed during the bloody military rule of General Augusto Pinochet.

The proposal would grant a sweeping pardon to aged and long-serving inmates in the country’s jails as an act of clemency to mark Chile’s celebrations of 200 years of independence.

‘Let’s not forget they didn’t all share equal responsibility in the crimes that were committed,’ the Chilean Bishops’ Conference said in the proposal presented to Sebastian Pinera, the Chilean president, on Wednesday.

‘Proper reflection must distinguish between … the level of responsibility each one had, the level of freedom they worked under, the humanitarian gestures they made and the repentance they have shown for their crimes.’

But the church’s call has angered many of the friends and relatives of those kidnapped and killed under military rule.

‘Turning its back’  

Outside the presidential palace in Santiago, Chile’s capital, hundreds of people held photographs of dead or missing relatives.

‘We’ve heard Monsignor [Alejandro] Goic [president of the Episcopal Conference] say that nobody would be left out of this proposal. That means it includes human rights abusers, and that’s unacceptable,’ Lorena Pizarro, the president of the Relatives of Missing Detainees Association, said.

The church ‘is turning its back on the victims [of the dictatorship]. When you speak of mercy you have to see both sides of the coin. There are many older ladies here who are still waiting to know what happened to their loved ones’.

The group says about 35 military personnel jailed for crimes during the so-called ‘dirty war” would apparently would be eligible for pardon, although officials have not given an exact number.

According to official statistics, 3,065 opponents of Pinochet’s government were killed and 1,200 more disappeared during its 17-year rule. 

About 600 military personnel have been accused of crimes against humanity but no more than 150 are now in prison.

Pinochet, a controversial figure who is still admired by some but hated by many, died in 2006 without ever being convicted on charges of human right abuses.

National debate

The church’s proposed amnesty would apply to prisoners who are sick, older than 70 or those who have served half their sentence. It could mean immediate release or reduced sentences.

The main opposition to the pardons comes from the centre-left, which has a majority in congress, but some members of Pinera’s conservative bloc are also uneasy at the idea of seeming to go easy on convicts.

Pinera, who has sought to distance his brand of conservative politics from the far-right Pinochet dictatorship, is said to be considering the proposal.

Church officials said officers convicted of rights abuses were included in an effort to trigger national debate.

‘We’re not seeking to reopen the wounds of the past, nor close them completely,’ Goic said.

‘We’re simply showing authorities the pain of those deprived of their freedom, who have been tried and have served most of their sentences.’”

 

(Quelle: Al Jazeera.)

 

[Update:]

Chile: Keine Gnade für Mörder

Kolumbien: Militär und Regierung leugnen Existenz von Massengräbern

Samstag, Juli 24th, 2010

“2000 Leichen im Süden Kolumbiens

Öffentliche Anhörung in La Macarena zu mutmaßlichem Massenmord der Armee. Staatsanwaltschaft zurückhaltend

Von Hans Weber

Bogota. Rund 200 Kilometer südlich von Bogotá im Gemeindebezirk La Macarena liegen die Reste von 2000 Menschen verscharrt. Das bestätigt nach Angaben des Senators Iván Cepeda vom Donnerstag der Bericht einer staatlichen Aufsichtsbehörde (…).”

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(Quelle: amerika21.de.)

Argentinien: Tauziehen um Genprobe

Mittwoch, Juli 7th, 2010

“In Argentinien tobt eine Debatte darum, ob die Adoptivkinder der Direktorin des grössten Medienkonzerns Clarín Kinder von Verschwundenen sind

Von Valeria Durán (In: Lateinamerika Nachrichten, Nummer 433/434 – Juli/August 2010)

Während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976 bis 1983) wurden nicht nur Tausende entführt, gefoltert und ermordet, sondern auch systematisch Kinder von Verschwundenen illegal adoptiert. In den meisten Fällen wissen die Kinder bis heute nichts von ihrer ursprünglichen Identität. Ein Fall steht zurzeit besonders im öffentlichen Interesse. Es geht um die Adoptivkinder der Hauptaktionärin der Clarín-Gruppe, dem mächtigsten Medienunternehmen des Landes.

Nach Schätzungen der Organisation Großmütter der Plaza de Mayo wurden während der Zeit der Militärdiktatur (1976 bis 1983) rund 500 Kinder geraubt. Bis heute haben nur gut hundert von ihnen ihre Herkunft erfahren. Diese Kinder, die zusammen mit ihren Eltern verschleppt wurden oder nach heimlichen Schwangerschaften während der Gefangenschaft geboren wurden, galten als Teil der „Kriegsbeute‟. Sie wurden an Familienangehörige von Mitgliedern der verschiedenen Repressionsorgane weitergegeben, die sie dann als eigene Kinder registrieren ließen oder unter Vortäuschung falscher Tatsachen adoptierten. Einige landeten auch in Heimen. Wegen dieses Kindesraubs können TäterInnen erneut angeklagt werden, die ursprünglich von den Amnestiegesetzen und Begnadigungen profitiert hatten.

Der Fall von Marcela und Felipe Herrera Noble, die 1976 adoptiert wurden, ist an sich vergleichbar mit jedem anderen Fall unrechtmäßig adoptierter Kinder. Dennoch hat er ein ungewöhnlich großes öffentliches Interesse sowie ethische, politische und wissenschaftliche Debatten ausgelöst. Denn es handelt sich bei den beiden um die Adoptivkinder von Ernestina Herrera de Noble, Hauptaktionärin der Clarín-Gruppe, dem wichtigsten Medienkonzern des Landes. Dieser hatte die Militärdiktatur unterstützt und liegt permanent im Clinch mit der aktuellen Regierung von Cristina Kirchner. Die jüngste Phase des Verfahrens fällt mit einer harten öffentlichen Auseinandersetzung zwischen der Clarín-Gruppe und der argentinischen Regierung zusammen, die vor allem auf das 2009 erlassene Gesetz über audiovisuelle Medien zurückgeht. Das Gesetz sieht vor, die Sendefrequenzen zu je einem Drittel zwischen Konzernen, Staat und kommunitären Medien aufzuteilen. Es zielt somit auf die Kontrolle von Medienmonopolen ab und betrifft die Clarín-Gruppe in ganz direkter Weise. In dieser aufgeheizten Atmosphäre bezog sich Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, wenn auch nicht namentlich, auf den Fall Noble, als sie am 24. März dieses Jahres an einer Gedenkveranstaltung in Erinnerung an den Beginn des letzten Staatsstreichs teilnahm. Bei der Veranstaltung sagte sie, nach langen Jahren der „Straflosigkeit der Medienmacht‟ glaube sie daran, dass „es schließlich Gerechtigkeit geben wird, trotz dieser geradezu erpresserischen Macht über Politiker, Unternehmer und Richter‟.

Die Äußerungen der Präsidentin beantworteten Marcela und Felipe mit einer bezahlten Anzeige und einem Video. „Unsere Mutter ist die Direktorin von Clarín‟, so die Adoptierten, „einer Zeitung, die derzeit einer heftigen Kampagne staatlicher Angriffe ausgesetzt ist.‟ Sie sprachen von der Befürchtung, ihre Geschichte werde politisch benutzt, und fragten: „Interessiert man sich für uns oder besteht die politische Notwendigkeit, dass wir Kinder von Verschwundenen sind?‟

Der Fall reicht bis in die ersten Jahre der Demokratie zurück. Damals hatten die Großmütter der Plaza de Mayo Hinweise über die Herkunft der Kinder Noble Herrera erhalten. Zu einem Prozess kam es jedoch erst vor zehn Jahren, als die Familienangehörigen zweier verschwundener Paare, Gualdero-García und Miranda Lanouscou, die Verwandtschaft zu den zwei jungen Menschen erklärten. Die Anzeige wurde gestützt durch zahlreiche Unregelmäßigkeiten bei den Adoptionen. Felipe soll von seiner leiblichen Mutter an ein Jugendgericht in dem Ort San Isidro übergeben und von der amtierenden Richterin sofort und ohne Prüfung der Direktorin von Clarín zugesprochen worden sein. Zusätzlich zu diesem ohnehin ungewöhnlichen Vorgehen stellte der in dem Fall ermittelnde Bundesrichter Roberto Marquevich fest, dass die angebliche biologische Mutter gar nicht existierte und die angegebene Ausweisnummer in Wirklichkeit zu einer männlichen Person gehörte. Im Falle von Marcela wurde von Ernestina Herrera de Noble vorgebracht, sie habe sie im Garten ihres Anwesens gefunden, was von einer Nachbarin und dem Hausmeister bestätigt wurde.

Im Laufe der Ermittlungen stellte sich dann heraus, dass Herrera de Noble niemals unter der angegebenen Adresse gewohnt hatte, sondern dass diese gewählt worden war, um unter einen für sie günstigen Gerichtsstand zu fallen. Auch die als Zeugin auftretende Nachbarin hatte dort nicht gelebt, und bei dem Hausmeister handelte es sich tatsächlich um den Chauffeur Roberto Nobles und später seiner Witwe. Die adoptierten Kinder erhielten den Nachnamen des Gründers der Tageszeitung Clarín, der mit Ernestina Herrera verheiratet gewesen und 1969 verstorben war.

All dies veranlasste den Richter Marquevich dazu, Herrera de Noble am 17. Dezember 2002 wegen Verschleierung der Identität und Personenstandsfälschung festnehmen zu lassen und die Abgabe einer Genprobe ihrer Adoptivkinder anzuordnen. Damit begann ein langer Weg, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist.
Anfang 2003 verlieh Herrera de Noble in einem in der Tageszeitung Clarín abgedruckten offenen Brief ihrem Misstrauen gegenüber dem Richter Marquevich Ausdruck. Darin behauptete sie, ihre Verhaftung sei Bestandteil eines von Teilen der Politik vorbereiteten Plans, mit Unterstützung von RichterInnen, ehemaligen BeamtInnen, UnternehmerInnen und Medienleuten. Der Plan ziele darauf ab, „nach und nach das Feld zu bereinigen, um die gesamte Macht zu übernehmen. Ihr erster Schritt ist die Zerschlagung der unabhängigen Medien und damit die Auslöschung des ganzen Weges der Freiheit, den die Journalisten und die Bürger seit der Rückkehr zur Demokratie gebahnt haben‘. In derselben Zeitung war zu lesen, die Verhaftung der Direktorin sei ein Komplott von Menem-AnhängerInnen, mit dem die Berichterstattung des Blattes über illegale Waffenverkäufe an Ecuador und Kroatien abgestraft würde. Der frühere Präsident hatte wegen des Falls fast ein halbes Jahr in Haft verbringen müssen. In einem Ende 2002 in der Zeitung veröffentlichten Artikel hieß es, dass „die Situation der Kinder der Clarín-Direktorin während der Regierungszeit Carlos Menems mehrmals zur politischen und ökonomischen Erpressung benutzt wurde‘.

In dem offenen Brief gestand die Clarín-Direktorin ein, dass ihre Adoptivkinder Kinder Verschwundener sein könnten: „Oft habe ich mit meinen Kindern über die Möglichkeit gesprochen, dass es sich bei ihnen und ihren Eltern um Opfer der illegalen Repression handeln könnte. (…) Was auch immer der Grund für den Verlust ihrer biologischen Eltern ist, Marcela und Felipe haben das Recht zu erfahren, wer sie waren. Es handelt sich dabei um ein Recht, keine Verpflichtung.‟ Gleichzeitig räumte sie ein, das Bedürfnis der Großmütter der Plaza de Mayo nach Wahrheit sei ein legitimer Wunsch.

Infolge seines als unparteiisch beschriebenen, Vorgehens in dem Fall wurde Roberto Marquevich der schlechten Amtsführung bezichtigt. Im Juni 2004 wurde er entlassen. Daraufhin wurde der Fall an ein anderes Gericht verwiesen und dem Richter Conrado Bergesio übertragen. Auch diesem wurde im April dieses Jahres der Fall entzogen, nachdem er sich geweigert hatte, die DNA-Analyse für Marcela und Felipe Noble Herrera anzuordnen. Während der fast sechsjährigen Bearbeitung des Falls durch Bergesio waren die Genproben immer wieder durch Einsprüche der Nobles verschoben worden.

Im August 2003 hatten sich die Adoptivkinder zur Blutabnahme für die Analyse bereit erklärt, unter der Bedingung, dass diese nicht von der nationalen Gendatenbank BNDG, sondern einer Einrichtung der Judikative vorgenommen würde. Außerdem verlangten sie, dass der Abgleich nur mit der DNA der beiden Beschwerde führenden Familien erfolgen dürfe. Seitdem hatte es ein Tauziehen um das Vorgehen gegeben, bis vor einigen Monaten das Gericht entschied, die Proben seien mit dem gesamten BNDG-Material abzugleichen.

Schon im Dezember 2009 war die Übergabe von persönlichen Gegenständen, wie Kleidung, Bettwäsche und Zahnbürsten, angeordnet worden, um DNA von Marcela und Felipe Noble Herrera zu erlangen. Diese übergaben die Gegenstände jedoch erst nach mehreren Stunden unter intransparenten Bedingungen. Infolge dessen konnte kein verwertbares Gen-Material gewonnen werden. Die jetzt mit dem Fall betraute Richterin, Sandra Arroyo Salgado, ordnete dann im Mai eine Hausdurchsuchung in den Wohnungen der Adoptierten und der Clarín-Chefin an, nachdem diese sich geweigert hatten, neues Material freiwillig herauszugeben. Gleichzeitig wurde verfügt, dass die gewonnenen Daten zunächst mit der DNA der Beschwerde führenden Familien abgeglichen werden sollen. Bei mangelnder Übereinstimmung dann mit der aller 1976 Geborenen und schließlich mit der verbliebenen Datenbank-DNA. Das durch die Hausdurchsuchung erlangte Gen-Material wurde ab dem 7. Juni untersucht, während die Familie Noble und die Opposition begannen, die BNDG politisch und wissenschaftlich in Frage zu stellen. Gegen diese Angriffe stellten sich Menschenrechtsorganisationen und WissenschaftlerInnen: Erstere organisierten eine Menschenkette, letztere stellten sich in dem Verfahren als Sachverständige zur Verfügung.

Nach mehrjährigen Verzögerungen begannen am 7. Juni die genetischen Untersuchungen zur Klärung der Frage, ob es sich bei Marcela und Felipe Noble Herrera, um Kinder von Verschwundenen handelt. Doch auch jetzt, so stellte sich Ende Juni heraus, konnte die Frage nicht beantwortet werden. Nach Angaben der BNDG, die mit der DNA-Analyse und dem Abgleich mit dem vorhandenen DNA-Material beauftragt ist, konnte mit den Ende Mai eingereichten Proben kein genetisches Profil erstellt werden, da diese mit DNA-Spuren mehrerer Personen verunreinigt waren.

Sollte sich herausstellen, dass Felipe und Marcela Herrera de Noble Kinder von Verschwundenen sind, würde eine lange verheimlichte und totgeschwiegene Problematik sichtbar werden: Es geht darum, wie groß die Zustimmung und Mittäterschaft bestimmter Teile der Gesellschaft während der Militärdiktatur war sowie um die Nähe zwischen Militärführung und Medien.

Andererseits hat die zwangsweise Beibringung der DNA-Proben eine neue Ebene der Auseinandersetzung eröffnet. Die Adoptierten und ihre AnwältInnen, ebenso wie Medien und Opposition, empfanden diese als quälend. Damit wurde eine Debatte darüber eröffnet, wo die Grenzen des Anspruchs auf Wahrheit liegen, was der Unterschied zwischen individueller Entscheidung und gesellschaftlichem oder kollektivem Bedürfnis ist. Unabhängig davon, welche Entscheidung Marcela und Felipe Noble Herrera nach Bekanntgabe der Ergebnisse treffen: Wahrheit und Gerechtigkeit sind bislang noch unerfüllt, ein Recht darauf hat aber die gesamte Gesellschaft.

Übersetzung: Sebastian Henning”

(Quelle: Linksnet.)

 

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