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BRD: Stellungnahme zum neuen Militärbischof in Deutschland

Montag, Februar 28th, 2011

“Am Freitag, den 26. Februar 2011 haben sich VertreterInnen von Kirchenreformgruppen in Münster/Westfalen getroffen. Beraten wurde unter anderem auch die Ernennung des Essener Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck zum Militärbischof in Deutschland. Dazu wurde folgende Stellungnahme formuliert:

Stellungnahme zur Ernennung des neuen Militärbischofs

Der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, der zugleich  für das Lateinamerika-Hilfswerk der deutschen KatholikInnen „ADVENIAT‘ zuständig ist, wurde am 24. Februar von Papst Benedikt zum Militärbischof für Deutschland ernannt.

Als VertreterInnen von Kirchenreformgruppen halten wir diese Verbindung der Zuständigkeit für Adveniat und für das Militär für unakzeptabel.

Gerade angesichts der nicht nur von uns, sondern auch von den großen Hilfswerken kritisierten zunehmenden Verquickung von Entwicklungshilfe und Militäreinsätzen und Militärstrategien halten wir es für ein völlig falsches Signal, wenn ein hoher Repräsentant der katholischen Kirche beide Arbeitsbereiche miteinander verknüpft.

Angesichts der Rolle, die in der deutschen Geschichte Militärseelsorge gespielt hat und angesichts der problematischen theologischen Legitimationsfrage von Militärseelsorge erinnern wir daran, dass in der jüngsten Geschichte des Lateinamerikanischen Kontinents die Koalition von Militärs und Teilen der kirchlichen Hierarchie der brutalen Unterdrückung und mörderischen Verfolgung von Volksbewegungen gedient hat und aus diesen Gründen der kirchliche Widerstand in Deutschland Bischof Hengsbach 1978 dazu drängte, das Amt des Militärbischofs aufzugeben, um weiterhin Adveniat-Bischof bleiben zu können.

Gerade angesichts der neueren Entwicklungen muss auch heute kirchliche Solidaritätsarbeit und Militärseelsorge institutionell strikt voneinander getrennt werden. Wir fordern deshalb

1. Bischof Overbeck auf, vom Amt des ADVENIAT-Bischofs zurückzutreten.

2. die Deutsche Bischofskonferenz auf, bei ihrer nächsten Vollversammlung im März, einen neuen ADVENIAT-Bischof zu wählen.

3. ADVENIAT auf, in diesem Sinne bei Bischof Overbeck und der Bischofskonferenz vorstellig zu werden.

Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner:

Norbert Arntz, Institut für Theologie und Politik, Münster,

Stefan Bölts, Netzwerk Kirchenreform

Anne Brohl, Essener Kreis und AGP

Magdalene Bußmann, Leserinitiative Publik e.V.

Marie-Anna Ellmer, pro concilio e.V. – Diözese Rottenburg-Stuttgart

Bruno Hessel, Ökumene 2017

Wilma Kaegebein,  Bundesteam der KircheVolksBewegung Wir sind Kirche

Ferdinand Kerstiens, Freckenhorster Kreis

J. Georg Kohl, Bundesteam der KircheVolksBewegung Wir sind Kirche

Wolfgang Kramer, pro concilio e.V. – Dözese Rottenburg Stuttgart

Klaus Krämer, Ökumene 2017

Sandra Lassak, Institut für Theologie und Politik, Münster

Michael Ramminger, Institut für Theologie und Politik, Münster

Katja Strobel, Institut für Theologie und Politik, Münster

Edgar Utsch, AGP – Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland

Ludger Weckel, Institut für Theologie und Politik, Münster

Gerhard Westholt, Pax Christi Münster”

 

(Quelle: Institut für Theologie und Politik.)

Haiti: Bei Regen fällt die Schule aus

Dienstag, Juli 6th, 2010
 


Photo: R. Krupp, Adveniat
Père H´ans Alexandre aus Haiti

“„Vergesst Haiti nicht“ – so heißt ein Inititativkreis, der helfen möchte, Schulen in Haiti zu bauen. Gründungsmitglieder sind u.a. der emeritierte Weihbischof von Essen, Franz Grave, und der ehemalige Ministerpräsident Wolfgang Clement. Bei der Vorstellung des Initiativkreises im NRW-Landtag war auch ein Gast aus Haiti da: Père Han’s Alexandre. Er berichtete über die schwierige Schulsituation in Haiti und über die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen vor Ort.

P. Han´s: Es ist wichtig, dass die Schulen überhaupt wieder geöffnet sind. Es ist ein Trost für Eltern zu wissen, dass ihre Kinder wieder in die Schule gehen können, sich treffen können, zusammen singen, weinen, lernen können.

Aber die schulischen Bedingungen sind sehr schwierig, stark vom Wetter abhängig. Oft ist es extrem heiß oder es regnet. Wenn es regnet, findet kein Unterricht statt.

Aber die Hoffnung ist da und es gibt keine andere Wahl, als sich der Zukunft zuzuwenden. Und Voraussetzung für die Zukunft ist die Erziehung.

Die Schulen, die der Initiativkreis „Vergesst Haiti nicht“ zusammen mit dem Hilfswerk Adveniat bauen möchte, sind so konzipiert, dass man sie als Kirche oder Schule nutzen kann. Gibt es große Unterschiede zwischen diesen katholischen Pfarreischulen und den staatlichen Schulen im Land?

Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Schulen in Haiti. Aber die Schulen, die Adveniat normalerweise unterstützt, nehmen vor allem die armen Kinder innerhalb der Gesellschaft auf, Kinder, die die anderen Schulen nicht aufnehmen würden. Diese Schulen sind meist umsonst, denn die Familien können kein Schulgeld zahlen.

Leider fehlt es aber gerade an diesen Schulen an qualifizierten, kompetenten Lehrern. Man kann kaum beides haben: kostenlosen Unterricht und qualifizierte, gut bezahlte Lehrer. Daran mangelt es uns: an qualifizierten Lehrern.

Die Familien in Haiti sind oft größer als zum Beispiel bei uns in Deutschland. Können dann überhaupt alle Kinder in die Schule gehen?

In einigen Familien, in einigen Regionen, machen es die Eltern so: Sie suchen eines ihrer Kinder aus, das dann in die Schule gehen darf. Und dieses Kind wird später für den Unterhalt der Familie aufkommen. Die ganze Familie arbeitet dafür, um diesem Kind die Schulausbildung zu ermöglichen.

Man muss sich bewusst werden, was Familie in Haiti bedeutet, was ihre Rolle bei der Erziehung ist. Die Geschwister fühlen sich füreinander verantwortlich. Sie sagen nicht: das ist deine Sache, dein Leben. Oft versteht man das im Ausland nicht so gut, man blickt mit europäischen Augen auf Haiti. Aber wenn man darauf hinarbeiten will, jedem Kind in Haiti eine Chance zu geben, muss man die haitianische Situation und das haitianische Familienbild verstehen.

Selbst wenn zunächst alle Kinder einer Familie eingeschult werden, wird nach einiger Zeit geschaut, welches Kind das Begabteste ist, das soll dann weiter in die Schule gehen, während die anderen arbeiten werden – auch wenn diese Entscheidung in den Familien Schmerz hervorruft, diese Auswahl treffen zu müssen.

Wie war das bei Ihrer Familie?

Ich habe sechs Geschwister, keine kleine Familie. Glücklicherweise hatten meine Eltern die Mittel, uns alle zur Schule zu schicken. Wir waren nicht die Reichsten in der Stadt, aber auch nicht die Ärmsten. Wir hatten jeden Tag zu essen, wurden versorgt, wenn wir krank waren, wir hatten Spielzeug und in den Ferien konnten wir aufs Land fahren.

Es soll in Haiti über 10.000 Hilfsorganisationen und Gruppen geben. Schon vor dem Erdbeben konnten sie nicht verhindern, dass es vielen Haitianern immer schlechter geht. Wie ist es nach dem Beben? Mit wie vielen Hilfsorganisationen haben sie schon gesprochen seitdem?

Wir haben mit sehr wenigen Organisationen Kontakt aufgenommen. Eine hatte auch Hilfe versprochen, bis jetzt aber haben sie in unserer Gemeinde noch nichts gemacht. Adveniat hilft uns, begleitet uns, auch im Glauben, bei Messfeieren, schlägt uns vor, uns zu helfen. Wir sind geduldig, geduldig.

Fällt es Ihnen schwer, um Hilfe zu bitten?

Nein, das ist nicht schwierig. Man muss allerdings gute Anfragen stellen und wissen, wo man um Hilfe fragen kann. Aber es gibt soviel zu tun, soviel zu tun, dass wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Wir müssen erst herausfinden, was tun, wo anfangen.

Wie schätzen sie die Fortschritte ein, die Haiti seit dem Januar gemacht hat?

Meine Sorge ist die: ich dachte, dass wir nach fünf, sechs Monaten sehen würden, wie die Dinge sich verändern. Doch trotz der vielen Investitionen sieht man kaum Veränderungen. Ich habe die Sorge, dass Haiti seine Chance auf einen guten Aufbau verpasst. Sorge bereiten mir auch die führenden Politiker: werden sie ihre persönlichen Interessen zugunsten des Allgemeinwohls zurückstellen? Man muss auf das Außenbild achten, das Haiti abgibt. Man muss zeigen, dass wir eine Einheit bilden. So erwerben wir auch das Vertrauen derjenigen, die uns helfen wollen.

Ich bin überzeugt, dass der Aufbau der Gesellschaft einhergehen muss mit dem Aufbau der Geschwisterlichkeit. Wenn das gegeben ist, wenn eine Einheit geschaffen wird, dann kann man Unvorstellbares erreichen. Aber wenn es keine Einheit gibt, ist dies nicht möglich.

Das Interview führte Julia Mahncke.”

 

(Quelle: Blickpunkt Lateinamerika.)