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BRD: A Rose Is A Rose Is A Rose?

Samstag, Januar 28th, 2012

“Blumengütesiegel Flower Label Program (FLP) vor dem Aus

Köln, Frankfurt, Osnabrück, Stuttgart, Wien, Herne 3. Januar 2012. Mit Wirkung zum 31. Dezember 2011 sind FIAN Deutschland, FIAN Österreich, Brot für die Welt, terre des hommes und das Eine Welt Zentrum Herne als Nichtregierungsorganisationen (NRO) und die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) als Gewerkschaft aus dem Flower Label Program e.V. (FLP) ausgetreten. Die Organisationen sahen sich dazu durch die Entwicklungen im letzten Jahr und den Zustand des FLP e. V. am Jahresende 2011 gezwungen. Sie ziehen die erforderliche Konsequenz aus den inhaltlichen Veränderungen des Vereins und dem finanziellen Zusammenbruch des Gütesiegels.

FLP war im letzten Jahr wirtschaftlich nicht mehr tragfähig, die Büros in Köln und Quito (Ekuador) wurden bereits geschlossen. Grund dafür war eine große Zahl von Austritten und Dezertifizierungen von FLP-Betrieben. NROs und Gewerkschaften konnten sich gegenüber Produzenten und Händlern nicht mit dem Vorschlag durchsetzen, FLP in Fairtrade zu überführen. Bislang sind Fairtrade-Schnittblumen in Deutschland in verschiedenen Supermärkten zu kaufen und sollen im Laufe des Jahres auch bei Floristen angeboten werden. In Österreich bieten neben Supermärkten auch Floristen bereits Fairtrade-Schnittblumen an.

“Da FLP aufgrund fehlender Finanzen nicht mehr handlungsfähig ist, besteht die Gefahr, dass das Label missbraucht wird. Unternehmen können damit werben, ohne dass tatsächlich geprüft wird, ob sie FLP-Standards einhalten.”, so Joachim Vorneweg von der Menschenrechtsorganisation FIAN. Die Zertifizierung durch FLP basiert auf dem internationalen Verhaltenskodex (ICC, International Code of Conduct) für die Schnittblumenproduktion. Er war von den beteiligten NROs, Gewerkschaften, Produzenten und Handel gemeinsam entwickelt worden und setzt seit 1998 klare Maßstäbe. Der ICC enthält Arbeits-, Sozial- und Umweltkriterien, die auf den UNO-Menschenrechtspakten, den relevanten Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und Umweltnormen beruhen. FLP hat damit für rund 20.000 ArbeiterInnen in Schnittblumen-Plantagen in Afrika, Asien und Lateinamerika bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt, wie etwa feste Arbeitsverträge, Mutterschutz, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das ist ein klarer Verdienst derjenigen Organisationen, die mit Bedauern heute nicht mehr ihren Platz im FLP haben.

FIAN, Brot für die Welt und terre des hommes werden sich weiterhin im Rahmen ihrer Arbeit für soziale Rechte im Blumensektor stark machen. Auch die IG BAU unterstützt in Zukunft die Siegelung durch den Fairen Handel. Die vier Organisationen fordern KonsumentInnen dazu auf, sich beim Kauf für Fairtrade zertifizierte Blumen und Pflanzen zu entscheiden.

Kontakt:

FIAN Deutschland: Joachim Vorneweg, u.hausmann [at] fian.de, Telefon +49 172 8063877

FIAN Österreich: Sophie Veßel, sophie.vessel [at] fian.at, Telefon +43 01 235023912

IG BAU: Sylvia Honsberg, sylvia.honsberg [at] igbau.de, Telefon +49 171 7423450

terre des hommes: Michael Heuer, m.heuer [at] tdh.de, Telefon: +49 541 7101145

Eine Welt Zentrum Herne: Martin Domke ewz-info [at] kk-ekvw.de, Telefon +49 2323 994970

Weitere Informationen:

Ausführliche Stellungnahme von FIAN Deutschland zum Austritt aus dem Flower Label Program

 

(Quelle: FIAN Deutschland e.V.)

Spanien / Marokko: Das Aus vor der Festung?

Mittwoch, Januar 4th, 2012

“Tiger im Wald

Von Hanna Silbermayr

Nur 21 km trennen sie vom spanischen Festland. In Ceuta gestrandet, kämpft eine Gruppe von Indern als irreguläre Migranten jahrelang um die eigene Zukunft.

*alle Namen von der Autorin geändert

Meidling. Der kühle Wind fegt die letzten Reste des Spätsommertages über den Bahnsteig. In großen gelben Lettern steht der Name des Zugendbahnhofs auf der Anzeige – Roma Termini. Manvir* umarmt flüchtig seine Freunde, steigt ein, winkt. Dann fährt der Zug ab, verlässt das nächtliche Wien.

Ein Jahr zuvor. Es ist still am Monte del Renegado, nur die Grillen zirpen. „In der Wüste sind zwei meiner Freunde gestorben“, sagt Sonu. Der 25-Jährige vergräbt sein Gesicht in den Händen und atmet tief durch. Als er wieder aufschaut, hat er Tränen in den Augen. Verlegen wischt er sie weg. Er schüttelt den Kopf. Nein, wenn er gewusst hätte, wie diese Reise verlaufen würde, wenn man ihm gesagt hätte, dass man ihn ausrauben, schlagen, einsperren und demütigen würde, hätte er sie nie angetreten. Sonu ist einer von 54 Indern, die 2006 als irreguläre Migranten nach Ceuta kamen, gestrandet in der spanischen Exklave am afrikanischen Kontinent, nördlich von Marokko. Nur die 21 km breite Straße von Gibraltar trennt sie von ihrem Traum, dem spanischen Festland, von Europa.

Eine der Hütten im Camp der indischen Migranten
 

Odyssee durch die Saharische Wüste

Ihr Zuhause ist ein Camp im Wald. Es lässt ein Gefühl von Sommer und Ferienlager aufkommen, doch für die indischen Migranten ist all das kein Spiel, es ist harte Realität. Zwei Jahre verbrachten sie im Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes, einer Art Auffanglager. Es ist eigentlich darauf ausgelegt, für Menschen, die die Grenze illegal überschreiten, eine erste Anlaufstelle mit sozialer Grundversorgung zu sein. Das Zentrum in Ceuta fasst 512 Personen, zeitweise sind jedoch mehr Menschen darin untergebracht. Viele Migranten leben seit Jahren dort. Senegalesen, Nigerianer, Pakistaner, Inder. Im April 2008 machten Gerüchte die Runde, dass die Inder abgeschoben werden sollten. Jetzt. Nach zwei Jahren. Die Gruppe fasst einen Beschluss, sie will nicht kampflos aufgeben. Die Inder fliehen in die Wälder des nahegelegenen Berges, auf den Monte del Renegado.

Einer der indischen Migranten ist mit den Nerven am Ende.

Zwei Jahre dauerte die Odysee. Alles begann in Indien, mit einer leeren Versprechung. „Ein Mann sprach mich damals an der Universität an“, erklärt Sonu. Er würde in der Europäischen Union leben und arbeiten können, alles legal, sagte man ihm. Umgerechnet 8000 Euro sollte er dafür auf den Tisch legen. Der Großteil der indischen Migranten, die in Ceuta im Wald leben, kommt aus der nördlichen Provinz Punjab, einer Gegend, die von Landwirtschaft dominiert ist. Um die Reisen der Söhne zu finanzieren, verkauften ihre Familien Ländereien oder verschuldeten sich bei Freunden und Banken. Die jungen Männer sollten diese Chance wahrnehmen können. Sie bestiegen den Flieger in Neu Delhi. Reiseziel Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens. „Wir wurden von Männern abgeholt, die uns in ein Haus brachten. Dort mussten wir ihnen unsere Pässe geben, für das Visum.“ Sonu schaut auf den Boden und schüttelt den Kopf. „Die Pässe haben wir nicht mehr zurückbekommen.“

Die Inder waren in die Fänge von Menschenschmugglern geraten. Monate verbrachten sie in dem Haus in Addis Abeba, eingesperrt. Danach ging die Reise nach Burkina Faso, nach Mali und von dort aus in die Saharische Wüste von Algerien. „Zu Fuß und mit dem Auto waren wir unterwegs. Wir wussten nicht, wann wir zu essen oder trinken bekommen würden und manchmal hat die Mafia das Wasser mit Benzin vermischt, damit wir nicht so viel trinken. Meine Freunde sind daran gestorben.“

Die Sahara gilt für Immigranten als einer der gefährlichsten Teile der Reise nach Europa. Nicht nur wegen der natürlichen Gefahren, die die Wüste birgt, sondern auch, weil man dort der Polizei ausgeliefert ist. Sonu erzählt, dass er die Grenze zwischen Marokko und Algerien mehrmals überquert hat. Wie oft? Irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt er. Immer, wenn sie es nach Marokko geschafft hatten, kam die Polizei und brachte sie zurück nach Algerien. Unter Experten ist dieses Phänomen bekannt. Das europäische Netzwerk Migreurop zitiert in seinem Ende 2009 erschienenen Jahresbericht Hicham Baraka, den Vorsitzenden der marokkanischen Menschenrechtsorganisation ABCDS, der von einem Ping-Pong-Spiel zwischen marokkanischen und algerischen Grenzwachen spricht.

Die indischen Migranten schlafen unter freiem Himmel.

Manvir humpelt. Er kann auf seinen Fuß nicht mehr auftreten. Als er morgens bei der Tür hinausging, hat es plötzlich geknackst und er ist mit dem Bein umgeknickt. Die drei Jahre in Ceuta, die er die unwegsamen Hänge des Monte del Renegado hinauf- und hinablief, hat er sich nie verletzt. Ein Bänderriss im Knie. Und das ausgerechnet jetzt, wo er gerade erst nach Wien gekommen war und mit der Arbeit als Zeitungsausträger beginnen wollte. Diese Arbeit kann er vergessen, stiegensteigen kann er so nicht.

Gefangen im süßen Gefängnis

Der Tag liegt drückend heiß über Ceuta. Einer der Inder schleppt eine 25-Liter-Flasche Wasser den steilen Hang hinauf. Mitten am Weg bleibt er stehen, stellt die Flasche ab, verschnauft kurz. „Pani“, erklärt Sonu, „ist ein sehr wichtiges Wort, es bedeutet Wasser. Sieben Monate haben wir gebraucht, um die Wüste zu durchqueren und wir wussten nie, wann wir an Wasser kommen würden.“ Einer der Immigranten nähert sich. Seine Haut ist dunkel, die schwarzen Augen wirken vertrauenswürdig. Sein Arm ist von großen länglichen Narben überzogen. „Die Mafia wollte mehr Geld. Weil ich keines hatte und ich meine Familie nicht anrufen konnte, damit sie mir hilft, haben sie mir mit einer Machete Wunden zugefügt“, sagt er.

Ein indischer Migrant trägt Wasser in einem Kanister in das Camp.

Der Großteil der indischen Migranten gehört der Religion der Sikhs an. In einem der Camps im Wald haben sie eine kleine Gurdwara, einen Sikh-Tempel, errichtet. Jeden Tag beten sie dort für eine bessere Zukunft. Das Leben im Wald zerrt an den Nerven, raubt Energie. Sehr rosig sieht die Zukunft in diesem schwülen Sommer 2009 nicht aus. „Seit drei Jahren sind wir jetzt in Ceuta und es kommt einfach keine Nachricht aus Madrid. Für die Politiker sind wir nur irgendwelche Nummern. Wenn sie uns abschieben wollen, warum haben sie das dann nicht schon in den ersten paar Wochen gemacht?“ Als süßes Gefängnis bezeichnen die Inder Ceuta. Die Wüste liegt hinter ihnen, sie sind in Sicherheit, doch sind sie trotzdem in der spanischen Exklave gefangen. „Das Schlimmste ist das Warten, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, das Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben.“ Nach einer kurzen Pause fährt Sonu fort und erklärt, dass alle männlichen Sikhs den Nachnamen Singh tragen. Er steht für die Gleichheit der Religionsmitglieder und bedeutet soviel wie Löwe oder Tiger. Darum nennt sich die Gruppe Los Tigres del Monte, die Tiger des Berges. „Wir sind stark und werden nicht aufgeben“, versichert er.

Indische Migranten beten in einem provisorisch errichteten Tempel im Wald.

Es ist warm, als Manvir in Wien ankommt. Zwei Tage Reise liegen hinter ihm. Von Barcelona aus hat er halb Europa durchquert, um nach Österreich zu kommen. Hier hat er Freunde. Und es soll Arbeit geben, mehr als in Spanien. Drei oder vier Tage verbringt er in Traiskirchen, wo er um Asyl bittet. Eine andere Möglichkeit gibt es für ihn in Österreich nicht. Dass er bald wieder abreisen wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ungewissheit zwischen Afrika und Europa

Dezember 2009. Der Winter macht das Leben im Wald unerträglich. Die Kälte ist ständiger Begleiter am Monte del Renegado. Vom vielen Regen ist die Erde aufgeweicht und die Ratten retten sich unter die trockenen Verschläge in den Camps. Den Tag verbringt Sonu in der Stadt, er arbeitet. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, Geld fürs Überleben zu verdienen. In der Nähe des Stadtzentrums weisen die Inder Fahrzeuge in Parklücken ein oder helfen vor den Supermärkten, die Einkäufe in den Autos zu verstauen. So gibt es ein paar Cent, manchmal vielleicht auch einen Euro.

Die Einwohner Ceutas zeigen sich solidarisch mit den indischen Migranten, viele versichern, dass die jungen Männer immer nett und zuvorkommend sind. Trotzdem ändert dies wenig an ihrer Situation, die Zukunft liegt in den Händen der Behörden. Im September hatte es erstmals eine Nachricht von Seiten der spanischen Regierung gegeben. Die Inder sollten aufs Festland gebracht und ihr Status legalisiert werden. Hoffnung. Doch vier Monate später ist die Lage unverändert, keine weiteren Nachrichten mehr.

Migranten warten vor einem Supermarkt in Ceuta auf Arbeit.

Dann plötzlich geht alles Schlag auf Schlag. Polizei. Woher sie kämen, ob sie Papiere hätten. Zehn der Inder werden festgenommen und verbringen zwei Nächte im Gefängnis von Ceuta. Am zweiten Tag werden sie einem Richter vorgeführt. Er hält ihre Abschiebebescheide bereit. Und dann der Moment, auf den sie eigentlich so lange gewartet hatten. „Ich habe so oft die Fähren beobachtet, die den Hafen jeden Tag Richtung Europa verlassen. Aber ich habe mir die Reise immer anders vorgestellt.“ Umgeben von lärmenden Touristen sitzt er jetzt auf seinem Platz. Rechts und links ein Polizist, die Hände in Handschellen. „Nein, ich habe nie gedacht, dass es so sein würde“, beteuert Sonu.

Im Besucherraum des Centro de Internamiento de Extranjeros, dem Pendant zum österreichischen Schubhaftzentrum, ist die Stimmung gedrückt. Die Menschen unterhalten sich nur flüsternd. Eine Glaswand teilt den kahlen Raum in zwei Bereiche. „Zehn Minuten“, brüllt der Wachbeamte den Besuchern zu, während hinter der Scheibe vier Gestalten auftauchen. Wie im Zoo, möchte man denken. Sonu lächelt, sagt etwas, doch man versteht ihn kaum. Jetzt ist es laut unter den Besuchern, alle wollen ihrem Gegenüber etwas mitteilen. „Ich habe mir dort viele Gedanken gemacht, im Schubhaftzentrum ist die Abschiebung nicht mehr fern.“, erklärt Sonu Wochen später in Madrid. 58 Tage verbrachte er in Ungewissheit, danach ließ man ihn plötzlich frei. Ohne Papiere.

Am Rand der Gesellschaft

„In Wien hätte ich keine Chance gehabt“, ist sich Manvir sicher. „Ich kenne dort kaum jemanden und mit dem kaputten Knie konnte ich nicht arbeiten. Darum bin ich nach Spanien zurückgekommen.“ Er sitzt in der kleinen Küche der Gurdwara und schneidet Zwiebeln, Sonu reinigt im Gebetsraum Glasschränke. In der Sikh-Gemeinschaft in Madrid haben die Inder Zuflucht gefunden. Sie verbringen beinahe den ganzen Tag im Tempel, kochen, putzen, helfen mit, wo Hilfe gebraucht wird. „Ich will nicht den ganzen Tag untätig in der Stadt herumlungern, ich will mich nützlich machen“, erklärt Sonu.

Arbeiten darf er laut spanischem Recht nicht. Dieses räumt allerdings die Möglichkeit ein, dass Migranten, die drei Jahre im Land zugebracht haben und einen Arbeitsvertrag vorweisen können, eine temporäre Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung beantragen können. „Wir sind jetzt ein Jahr in Madrid, wir erfüllen alle Voraussetzungen, aber die indische Botschaft stellt uns keine Pässe aus“, klagt Sonu. Viele Male war er bei der indischen Botschaft in Madrid, hat versucht einen neuen Pass zu beantragen, aber immer wieder wird er zurückgewiesen, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Ashish Sinha, zweiter Botschaftssekretär zeigt sich unwissend. „Natürlich kümmern wir uns um unsere Staatsbürger. Jeder, der einen Pass braucht, bekommt diesen auch“, versichert er vehement. „Aber es war niemand da, der nach einem Pass gefragt hat.“ Sonu und Manvir sind wütend, sie fühlen sich von den Behörden verhöhnt. „Die Spanier sagen, wir bräuchten unsere Pässe, die indische Botschaft gibt uns aber keine. Warum machen sie das?“ Drei Monate können die Inder noch in der Unterkunft des Roten Kreuzes bleiben. Danach müssen sie woanders hin. Wohin? „Auf die Straße“, erklärt Sonu flüsternd. „Wie sollen wir eine Wohnung mieten, wenn wir nicht arbeiten dürfen?“

Ein indischer Migrant schneidet in der Küche des Sikh-Tempels Zwiebeln.
 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Nachtrag:
Mitte 2011 wurden die in Ceuta verbliebenen Inder aufs spanische Festland gebracht und wie schon die erste Gruppe ohne Papiere freigelassen. Bis heute ist ihre Situation unverändert – die indische Botschaft stellt keine Pässe aus und somit können die indischen Migranten ihren Aufenthaltsstatus in Spanien nicht legalisieren.

34 der Tigres del Monte wurden gemeinsam mit Sonu und Manvir Ende 2009 aufs spanische Festland gebracht. Die restlichen zwanzig waren Anfang 2011 immer noch in Ceuta. Bis kurz vor Weihnachten des vorangegangenen Jahres blieben sie im Wald. Dann gaben sie auf, nach beinahe 1000 Tagen am Monte del Renegado. Sie gingen zurück ins Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes, das Zentrum, das vier Jahre zuvor ihre erste Unterkunft in Ceuta gewesen war. Die Direktion des Auffanglagers hatte versprochen, sich für sie einzusetzen, sie aufs spanische Festland zu bringen. Nach drei Wochen kommt Besuch, die indische Botschafterin. Kein gutes Zeichen, wie die Inder aus der Vergangenheit wissen. Denn immer dann, wenn ein Botschafter ins Auffanglager kommt, wird in den jeweiligen Staat abgeschoben. Der Botschafterbesuch dient der Identitätsfeststellung. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt. „Wir werden weiter kämpfen“, sagt Sonu, „auch für die, die noch in Ceuta sind.“ ‘

 

(Quelle: fm4.ORF.at)

Afrika: Ungebremster Landraub

Freitag, November 18th, 2011

“Land für Konzerne

Millionen Hektar fruchtbarer Boden in Afrika an ausländische Investoren verkauft

Von María José Esteso Poves *

Mehr als 47 Millionen Hektar bebaubarer Boden sind weltweit allein 2009 an internationale Konzerne verkauft worden, zwei Drittel davon in Afrika. Diese Zahlen teilte die Weltbank in einer 2010 veröffentlichten Studie mit, räumte jedoch zugleich ein, daß die realen Werte aufgrund der fehlenden Transparenz dieser Geschäfte noch höher sein könnten. Tatsächlich kommen unabhängige Organisationen wie das Global Land Project auf deutlich höhere Angaben. Dieser Vereinigung zufolge sind im gleichen Zeitraum allein in Afrika 63 Millionen Hektar Grund und Boden an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet worden.

Während internationale Konzerne so bebaubares Land »hamstern«, hungern die Menschen. Mehr als zehn Millionen erleben derzeit am Horn von Afrika eine der härtesten Hungersnöte der Geschichte. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) nannte als Ursache für die Katastrophe die schlimmste Dürre im Osten Afrikas seit 30 Jahren. Die für die Bevölkerung immer knapper werdenden Naturressourcen durch den Verkauf der Ländereien an ausländische Unternehmen erwähnte die Organisation hingegen nicht. Die von afrikanischen Regierungen willkommen geheißenen Investoren nutzen die Flächen vor allem für die Herstellung von Biokraftstoff für die Industrienationen, während immer weniger Boden für die Produktion von Lebensmitteln zur Verfügung steht.

In Afrika leben 80 Prozent der Bevölkerung auf bäuerlichen Familienbetrieben. Darüber hinaus ist in vielen Ländern des Kontinents Grund und Boden Kommunaleigentum. Doch welche Vereinbarungen die Behörden über deren Nutzung mit den transnationalen Konzernen getroffen haben, ist weitgehend unklar. Vor allem Unternehmen aus Saudi-Arabien und China gelten als die größten Aufkäufer von Grundstücken in Afrika, aber auch Kuwait, Katar, Bahrain und Unternehmen aus Schweden, Deutschland und Großbritannien haben sich per Abkommen in Angola, Kenia, Sambia, der Demokratischen Republik Kongo oder Moçambique Ländereien angeeignet. Führend beim Landraub in Afrika ist jedoch Indien. Nach Angaben der indischen Wirtschaftszeitung The Economist Times haben mehr als 80 indische Unternehmen in Plantagen in Kenia, Äthiopien, Madagaskar, Senegal und Moçambique investiert, die für den indischen Markt produzieren.

Der Experte Gustavo Duch bezeichnete diese Politik als »einen harten Angriff auf die Ernährungssouveränität der Völker«. Er wies auch das von offizieller Seite gern vorgebrachte Argument zurück, daß die fraglichen Ländereien ansonsten »verschwendet« seien. Tatsächlich böten die Wälder und Ackergebiete Anbaumöglichkeiten für die vielen kleinen Dörfer und Ansiedlungen.

Eine Vorreiterrolle beim Ausverkauf des eigenen Landes spielt Äthiopien. Allein in der Amtszeit des Präsidenten Meles Zenawi seit 1995 wurden in der Region Gambella mehr als 2500 Kilometer an fruchtbarem Grund und Boden an Unternehmen aus 36 Ländern verpachtet. In diesem Jahr sollen hier mehr als 15000 Menschen umgesiedelt werden, um ihnen »einen besseren Zugang zu Wasser, Schulen und Verkehr« zu ermöglichen. Die äthiopische Regierung versichert, daß alle diese Umsiedlungen »freiwillig« erfolgen, doch der eigentliche Grund ist der Ausverkauf des Landes, der den Familien die Lebensgrundlage entzieht.

Gegen diesen Landraub wächst der Widerstand. Mehr als 500 Bauern- und Umweltorganisationen sowie Gewerkschaften richteten während des Pariser G-20-Gipfeltreffens einen Appell an die führenden Industriestaaten. Zwischen dem 17. und 20. November wollen sie sich in Nyeleni in Mali treffen, um dort gemeinsame Strategien gegen den weiteren Verkauf von Grundstücken zu vereinbaren.

Der Beitrag erschien zuerst in der spanischen Wochenzeitung Diagonal. Übersetzung: Carmela Negrete

* Aus: junge Welt, 1. November 2011″

 

(Quelle: AG Friedensforschung.)

BRD: Die 3. Welt im 2. Weltkrieg (AUSSTELLUNG)

Donnerstag, September 22nd, 2011

“Ein vergessenes Kapitel der Geschichte

 

2wk

 
Millionen Soldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, um die Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Großmachtwahn zu befreien. Sowohl die faschistischen Achsenmächte als auch die Alliierten rekrutierten in ihren Kolonien Hilfstruppen und Hilfsarbeiter oftmals mit Gewalt. Hunderttausende Frauen waren Opfer sexueller Gewalt. Rekruten aus den Kolonien mussten sich mit weniger Sold, schlechteren Unterkünften und geringeren Kriegsrenten als ihre “weißen Kameraden” zufrieden geben. Weite Teile der sogenannten Dritten Welt dienten auch als Schlachtfelder und blieben nach Kriegsende verwüstet und vermint zurück.
Doch so gravierend die Folgen des Zweiten Weltkriegs in der sogenannten Dritten Welt auch waren, in der hiesigen Geschichtsschreibung kommen sie nicht vor.
Dies zu ändern ist das Ziel dieser Ausstellung, die vom Rheinischen JournalistInnenbüro in Köln und vom gemeinnützigen Verein Recherche International e. V. getragen wird und in Essen von der Volkshochschule sowie von EXILE Kulturkoordination e. V. präsentiert wird.
Die Ausstellung umfasst historische Fotos und Dokumente mit erläuternden Texten sowie Hör- und Filmstationen.

Ausstellung und Begleitprogramm
vom 22. September bis 13. November 2011
Volkshochschule Essen, Burgplatz 1
Ausstellungsfoyers 2., 3. und 4. Etage

 

Öffnungszeiten:
22. September bis 13. November 2011, montags bis freitags sowie
am Samstag, 8. Oktober und 12. November, jeweils 9 bis 21 Uhr,

Sonntag, 9. Oktober und 13. November, 9 bis 18 Uhr

 

‣ Den Flyer (PDF) zur Ausstellung erhalten Sie hier.

‣ Eine begleitende Internetseite liefert weitere Informationen.

Siehe auch:

Geschichte der “Geschichtslosen”

Afrika: Welche Wege führen aus der “Wasserkrise”?

Montag, September 12th, 2011

“Africa: Access to water and privatisation

Why proclaim access to water a fundamental human right?

By Jacques Cambon

2011-06-07, Issue 533

Despite UN recognition of access ‘to safe and clean drinking water and sanitation as a human right that is essential for the full enjoyment of life and all human rights,’ it is a right that is far from being realised in most parts of the world, writes Jacques Cambon.

On 29 July 2010, the General Assembly of the United Nations recognised, in a proposed resolution by Bolivia and adopted by 122 votes with 41 abstentions, ‘the right to safe and clean drinking water and sanitation as a human right that is essential for the full enjoyment of life and all human rights.’ The resolution also calls upon ‘states and international organizations to provide financial resources, capacity-building and technology transfer, in particular to developing countries’.

It was a historical decision. But what explains the need to proclaim this right is that it is barely respected around the world. According to the UNESCO/WHO 2010 report, 884 million people around the world (13 per cent of the world population), among whom 343 million are in Africa, do not have access to an ‘improved drinking water supply’ (running water network, public drinking fountains, protected wells or springs, rainwater tanks), and 2.6 billion people (39 per cent of the world population) do not have access to ‘improved sanitation systems’ (mains drainage, septic tanks, latrines). The consequences are tragic: To this day, water-borne diseases (diarrhoea, cholera, typhoid, polio, meningitis, hepatitis, etc) are the main cause of death in the world, killing 8 million people a year according to the NGO Solidarites International (and about 3 million as stated by the World Health Organization). The culprits behind the ‘water crisis’ are numerous: Climate, demography, lifestyles, economy, politics, institutions, and the like. It is imperative that all are eliminated, so this ‘right to clean drinking water’ can at last become a reality.

EXPLAINING THE WATER CRISIS

The African climate is often considered the catalyst. While it is true that the world’s water is not distributed fairly, the effect of global warming will only accentuate the gaps by bringing more rain in polar, temperate and equatorial zones, and less in tropical ones. Moreover, human needs are spread out over twelve months, usually increasing during the dry season; however, supplies vary greatly during the year. Natural storage (glaciers, lakes, rivers, perennial water flows) is also more scarce in the tropical regions. Those disparities are nothing new, yet they haven’t precluded the development of adapted human societies on the world’s continents.

It is a different story with demography and globalisation of lifestyles. The world’s population rose from 2.5 billion in 1950 to almost 7 billion in 2010 while – it goes without saying – proportionally increasing its water needs. Because those needs add up to less than 10 per cent of water consumption, the list should include more than just domestic use (5 litres per day for survival, 50 litres per day for a decent life, more than 500 liters per day to satisfy North American standards). To accurately measure the impact of population growth on water needs, we should consider the total amount of water used for food, goods, energy production, and the like, which is called the water footprint. On average, this footprint reaches 3,400 litres per day worldwide, varying from 6,800 litres per day in the United States to 1,850 litres per day in Ethopia, while France uses about 5,140 litres per day. The water footprint depends on global consumption, lifestyle and climate. For example, knowing that the output of one kg of beef calls for 15,500 litres of water, one kg of chicken for 3,900 litres and one kg of wheat for 1,300 litres, it is possible to measure the impact that westernisation has had on consumption patterns.

Urbanisation is another key element of the water crisis. Though a fairly simple problem for small rural communities who make do with limited amounts of water, supplying this natural ressource becomes a much bigger problem as the community grows and diversifies its activities: In such cases, we need to look for further water repositories. The water they contain will need to be transported, stored, distributed among a zone too large to be supplied by only one water point, etc. All this is not free.

Nowadays, more than half the world’s population live in urban areas, which increases water conveyance and distribution needs, as well as the costs associated with storage, pumping, and potabilisation. This conurbation not only exacerbates purification and storm water drainage problems and their treatment, but also the ones associated with service management. Unlike small villages in which most of the time the community manages its water resources, water service management and purification (when the latter exists) is usually under the leadership of political powers, either the central government or municipal authorities.

In countries recently decolonised, where technical competence was scarce, those services have long been the responsibility of national utilities in the case of cities, and most often of the Department of Agriculture through a programme for water supply in rural areas. The achievements of these utilities is variable, but on the whole they have been, alas, quite poor. Numerous reasons, which too often mirror the country’s political and economic landscape, explain these failures: Unfit and corrupt leaders, lack of supervision, shortage of maintenance equipment, insufficient funding, penniless consumers. From these deficiencies, multinational water companies made a lot of profit, being able to say that better (private, of course) management of the water service would help put the situation back on its feet.

PRIVATISATION: A SOLUTION?

In the past, Africa has only marginally interested water multinationals, aside from the Ivory Coast’s water taken over by the Saur group, then owned by the Bouygues group, in 1960. In the early 1990s, the increasing intervention of two major international financial organisations, the International Monetary Fund (IMF) and the World Bank, forced developing countries to put in place structural adjustment policies: The only way to reduce the external debt was by decreasing public spending. Privatisation, including that of drinking water distribution, is at the heart of this system. In sub-Saharan Africa, Saur lead the way in Conakry (1989), Central African Republic (1993), Mali (1994), Senegal (1995), South Africa (1999) and Mozambique (1999). As the leader in the public works and civil engineering sector, Bouygues uses its influence as a water contractor (not always a lucrative endeavour) to be awarded, competition-free, the far more profitable renovation and expansion contracts. Veolia (former Vivendi) and Suez-Lyonnaise des Eaux, which did not share the same interests, resisted a bit before following in Bouygues’ footsteps: South Africa (1992), Guinea-Bissau (1995), and Cameroon (2000) for Suez; Gabon (1997), Kenya (1999), Chad (2000), Burkina Faso (2001) and Niger (2001) for Vivendi. Some outsiders, not related to ‘Françafrique’, were also involved, among them Biwater in South Africa, or IPE (Portugal) in Mozambique or Cape Verde. In the more prized North Africa, while SONEDE Tunisia resisted privatisation, Morocco, on the other hand, gave Casablanca to Suez (1997), Rabat to a Lusitanian Spanish group for a short while before Veolia inherited it, the latter also getting Tangier and Tétouan (2002). Algeria, which was contemplating broadening the scope of privatisation, hesitated a bit longer before entrusting Alger to Société des Eaux et de l’Assainissement d’Alger (SEEAL) in 2006 (of which Suez is a shareholder), Oran to the Spanish Agbar Agua, and Annaba to the German Gelsenwasser (2007). Yet, Africa is a lightweight on the scale of multinationals’ profits: 8.5 per cent (total for Africa Middle East-India) of Veolia Eau’s sales figure (out of 12.5 billion euros), 7 per cent (total for Africa-Middle East) for Suez Environment (out of 12.3 billion euros), but 19 per cent for Saur (of 1.5 billion euros) in 2009.

One possible reason for such small numbers may lie in the poor achievements of these public services’ handovers. Almost always translating into a rate increase (up to 40 per cent in Nairobi) without improving the service, privatisations often anger users that are unable to pay any more and who form coalitions to force the government to cancel the contracts. Veolia had to get out of Mali, Gabon, Chad, Niger, and Nairobi, while Saur left Guinea. Movements against water privatisation spread here and there, particularly in South Africa, and movements of about forty other countries joined together in what is called the African Water Network during the World Social Forum held in Nairobi.

In fact, the privatisation model doesn’t answer Africa’s multiple water problems:

- The water resources being exploited are insufficient, potential new resources are scarce, remote, and expensive to develop.

- Actual production, purification and storing equipments are often run-down because of a chronic lack of technical and financial means to maintain them; therefore they need renovation.

- Distribution networks are in need of renovation and extensions, another costly endeavour.

- Purification networks (not including purification stations) are at best embryonic.

- Public corporations’ institutional flaws are just ‘the icing on the cake’.

In short, it’s pointless to add expertise (even if it is at a high-level) and to improve business management if installations remain in disrepair, a fact that calls for investments that municipal authories cannot make. Moreover, users’ buying power will not suffice to pay back a debt through an increased water price tag. And this picture doesn’t even include the need of multinational companies to release funds to satisfy their shareholders.

THE EXAMPLE OF MOMBASA IN KENYA

With a population of more than 3.3 million people, 60 per cent of whom live below the poverty line, Mombasa is the second largest city in Kenya, and the capital of the Coast Region. It is Kenya’s first touristic destination as well as the main port of East Africa, where more than 10 million tons of merchandise transit annually. Fifty-two percent of the population have access to drinking water supplies, to which 16 per cent of them are directly connected, and 36 per cent get their water through public drinking fountains (PDF). The rest have to make do with water peddlers (whose costs can be as much as 10 per cent higher than the PDFs). The remote two major existing supply installations, 215 km for Mzima and 85 km for Marere, are in ruins (built respectively in 1950 and 1920): 60 per cent of the water is lost to leaks. The actual production capacity is 95,000 m3/d, but once we substract the supply to industries and hotels (a priority), only 26,000 m3/d remain for 52 per cent of the population (17 litres per day). The main consequences of this situation are the consumption of unsafe waters (wells, backwaters, water peddlers, etc) by the population, which brings inevitable sanitary and financial woes, limits to the development of economic activities (which in turn affect employment), and the priority given to production of water, which leads to a neglect of water purification, again with adverse consequences in termes of public health.

Renovating the existing infrastructure and increasing its capacity to 260,000 m3/d would cost about US$1 billion. With the World Bank’s terms of lending, a price increase to 50 Ksh/m3 (about US$0.60), from the actual 15 Ksh/m3 charged at drinking water fountains, would necessary to repay the loan, and this ‘arrangement’ doesn’t even include the cost of pumping (production), all of which would be financially unbearable for the population. What good would a DSP do in such a case?

WHAT NOW?

The UN’s declaration making water a fundamental human right has not reduced the water multinationals’ expansionism. On the contrary, they applauded, considering that this new right would open new markets for them, paid by the states, but in reality funded by the people! Even though it won’t be possible anymore to claim, as did the European Union’s spokesperson Joe Hennan, that ‘water is a good like any other’, multinational companies will aim at using water to do ‘business as usual.’ To fight this, we can use the existing notion of ‘common heritage of humankind’ which thus far has been applied to the management of seas and oceans, planets, celestial bodies, etc. It includes the following four components:

Enforcement of a principle of non-appropriation by anyone
International management by the UN
Benefit sharing by all nations
Exclusively peaceful use of natural resources.

‘The battle goes on’ and the enemy is known: The World Water Council, the private sector-led international organisation which pretends to be the leading political forum for water issues at global level, although it was created and is still managed mostly by water mutinationals.

BROUGHT TO YOU BY PAMBAZUKA NEWS

* Jacques Cambon
* Translated from French by Odile Leclerc
* This article is part of a special issue on water and water privatisation in Africa produced as a joint initiative of the Transnational Institute, Ritimo and Pambazuka News. This special issue is being published in English and in French.
* Please send comments to editor[at]pambazuka[dot]org or comment online at Pambazuka News.”

FIGURES

AVERAGE YEARLY PLUVIOMETRY DISTRIBUTION

NATIONAL WATER FOOTPRINTS

VEOLIA’S SALES FIGURES AROUND THE WORLD

LYONNAISE-DES-EAUX’S WORLD LOCATIONS

MOMBASA WATER RESOURCES

 

(Quelle: Pambazuka News.)

BRD: Heißluftballon über Afrika

Montag, September 12th, 2011

“An den Taten sollt ihr sie messen…

Ein Kommentar zum neuen Afrika-Konzept der Bundesregierung

Von Henning Melber

Die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik hat sich bemüht, mit dem im Juni vorgelegten Dokument „Deutschland und Afrika: Konzept der Bundesregierung“ Farbe zu bekennen (das Wortspiel ist Absicht). Wohlfeile Absichtserklärungen finden sich darin zuhauf. Doch Worte genügen nicht, auch wenn sie gut gemeint sein sollten. An deren Umsetzung in Taten sollte sich eine deutsche Afrikapolitik messen lassen.

Ein unspektakulärer Text
Der Text liest sich eingängig, wirkt ausgewogen und bleibt unspektakulär. Eigentlich nichts, was aufregend sein könnte. Vielleicht nicht ganz unbescheiden: „Deutsche Produkte stehen für Qualität, die Zusammenarbeit mit Deutschland für Verlässlichkeit“, heißt es auf Seite 7 (alle Zitate nach dem vom Auswärtigen Amt veröffentlichten Dokument). Von Grundwerten jenseits deutscher Wertarbeit ist auch die Rede, indem die universellen Menschenrechte zum Bezugspunkt genommen werden. Demnach sind alle Menschen gleich. Also auch Deutsche und Afrikaner/innen. Deshalb muss wohl auch erneut das unter Außenminister Joschka Fischer geprägte Schlagwort von der „Partnerschaft auf Augenhöhe“ mehrfach (auf S. 9 farblich abgehoben eingeführt) betont werden. Hört sich gut an. Ich habe mich aber stets gefragt, wie eine solche Partnerschaft eigentlich aussieht, wenn die historisch-strukturell geschaffenen und verankerten Austauschbeziehungen auf einer Hierarchie beruhen, die Ungleichheit als immanenten Bestandteil hat. Kniet sich der deutsche Goliath nieder, wenn er mit David in den Dialog geht? Oder lässt er sich ab der Hüfte amputieren? Vielleicht darf ja auch David eine Leiter erklimmen, damit der Wurf mit der Schleuder bessere Aussichten auf Erfolg hat?

So lange EU-Geflügelabfälle den heimischen Markt Westafrikas zerstören und ostfriesische Butter zu Dumping-Preisen im Südlichen Afrika die (privilegierten mittelständischen) Konsumenten (die sich Butter auch zu höheren Preisen leisten könnten) auf Kosten der lokalen Produzenten erfreut, so lange also fortgesetzte Agrarsubventionen europäischer Agrarkonzerne ruinöse Wirtschaftssabotage gegenüber der heimischen Landwirtschaft betreibt, kann von solcher Augenhöhe jedenfalls kaum die Rede sein. Sie würde kein Gefälle sondern eine flache Ebene für Austauschbeziehungen voraussetzen, oder sogar umgekehrt David auf die Höhe setzen, von der aus diese(r) Goliath in die Augen blicken könnte, um im etwas arg beanspruchten Bilde zu bleiben.

„Deutschland und Afrika verbindet eine lange gemeinsame Geschichte“ (S. 7, wobei die Gemeinsamkeit erneut farblich betont wird). Dass die nicht besonders partnerschaftlich begann, bleibt unerwähnt. Der gegenwärtige Auftrag wertegeleiteter deutscher Politik definiert sich da wohltuend anders: „Deutsche Menschenrechtspolitik (in Hervorhebung) kämpft in Afrika gegen die Straflosigkeit schwerer Menschenrechtsverletzungen wie Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (S. 11). – Hoffentlich auch anderswo, die westlichen Länder mit ihren Terrormaßnahmen im sogenannten ‚Krieg gegen Terror’ eingeschlossen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind leider keinesfalls eine nur afrikanische Angelegenheit.

Schade auch, dass die eigene Völkermordvergangenheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts im südwestlichen und östlichen Teil des Kontinents vornehm verschwiegen wird. Als ob das mit heutigen Beziehungen nichts zu tun hätte. Das ist bestenfalls eine verpasste Chance, sich zu besinnen. Sie hat leider System.

Am 10. Juni (etwa eine Woche vor der Veröffentlichung des afrikapolitischen Grundsatzpapiers) beantwortete die Bundesregierung eine Kleine Anfrage der Fraktion „Die Linke“ im Bundestag (Bundestagsdrucksache Nr. 17-6011 vom 30.05.2011). Zur Frage nach dem Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika reagierte sie mit dem Verweis, dass die Völkermordskonvention von 1948 für die Bundesrepublik 1955 in Kraft getreten sei und nicht rückwirkend gelte. Die Bundesregierung habe sich „wiederholt zu der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber der Republik Namibia bekannt.“ Sie komme dieser Verantwortung „insbesondere durch eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit – auch auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit – nach“.

Der identische Satz findet sich auch in der fünf Tage später erfolgten Beantwortung einer ähnlichen Frage (Nr. 6-44 für den Monat Juni 2011) der SPD-Abgeordneten Heidemarie Wieczorek-Zeul. Semantische Spitzfindigkeit oder euphemistische Abtreibung der Völkermordgeschichte? Wie ernst lässt sich das Bekenntnis im neuen afrikapolitischen Konzept nehmen, wenn es mit der Heuchelei hinsichtlich der mangelnden Aufarbeitung eigener Kolonialvergangenheit in Bezug gesetzt wird?

Ohne Erinnerung
Auch die gegenwärtige Debatte um die Rückführung von Schädeln, die in bislang noch unbekannter Zahl in der Berliner Charité, im Freiburger Universitätsarchiv und möglicherweise auch noch anderswo einlagern und Kriegsrelikte aus der Völkermordzeit in Namibia sind, lässt sich nur schwerlich mit der reklamierten „Wertepolitik“ in Einklang bringen. Die besondere Verantwortung der Bundesregierung wird im konkreten Falle in der Beantwortung der Kleinen Anfrage bequemerweise zur Angelegenheit der Bundesländer und deren kultureller Autonomie deklariert, indem erklärt wird, die Bundesregierung könne „aufgrund der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern sowie der diversifizierten Trägerschaften in der deutschen Universitäts- und Museumslandschaft nicht selbst über eine Rückgabe entscheiden“. So muss sich die Berliner Zentralregierung halt auch nicht darum kümmern, was in Freiburg und anderswo passiert (oder auch nicht), wenn die namibischen Nachfahren der damals als Beuteobjekte mit Leichenschändung zu „Wissenschaftszwecken“ nach Deutschland verfrachteten Schädel und Gebeine vergeblich um detaillierte Aufklärung bitten. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen – womit wir wieder bei der Gegenwart einer wertegeleiteten Afrikapolitik wären.

Nicht auf Augenhöhe
Es ist erfreulich bestätigt zu finden, dass die Bundesregierung „Afrikas Bemühungen um regionale wirtschaftliche Integration“ unterstützt (S. 13). Es wäre hilfreich zu wissen, wie genau. Denn „Werte, Interessen und Ziele der Gemeinsamen Afrika-EU-Strategie bilden den Rahmen auch für die deutsche Politik“ (S. 7). Leider gibt es da etwas mit dem Kürzel EPA (Economic Partnership Agreement), das die EU seit Jahren versucht, den AKP-Staaten gegen deren Widerstand aufzuzwingen. Die Bundesregierung unterstützt diese Initiative ausdrücklich (S. 34). Das hat mit der Förderung regionaler Märkte und Zusammenschlüsse so viel zu tun wie der Teufel mit dem Weihwasser. Die 15 SADC-Staaten müssen z.B. in vier verschiedenen EPA-Konfigurationen verhandeln, obwohl sie eine gemeinsame Strategie zur Errichtung einer Freihandelszone verfolgen. Die EPAs sind dabei ein erheblicher Stolperstein und Stein des Anstoßes, mit dem sich deutsche Afrikapolitik identifiziert. Die Weigerung von Ländern Afrikas, die Interim-EPAs zu unterzeichnen, hat – wie im Falle Namibias – erpresserische Drohungen zur Folge. Wo bleibt da die Augenhöhe?

Die Förderung afrikanischer Sicherheitspolitik nimmt einen prominenten Platz in dem Dokument ein. Rüstungskontrolle und Abrüstung werden als wichtige Elemente für Stabilität benannt (S. 23). Das ist zu begrüßen. Die deutsche Unterstützung dieser Bemühungen wäre aber vielleicht noch glaubwürdiger, wenn die Rüstungsproduktion im eigenen Lande und deren -exporte ab- anstatt zunehmen würden. Laut SIPRI-Daten haben sich deutsche Waffenexporte zwischen 2006 und 2010 gegenüber 2001 bis 2005 nahezu verdoppelt. Ähnliche Fragen drängen sich bei der lobenswerten Absichtserklärung auf, dass in Afrika die internationalen Übereinkommen im Abfall- und Chemikalienbereich koordiniert umgesetzt werden sollten (S. 39). Gehört zu dieser Koordinierung die Verpflichtung, dass kein deutscher Müll nach Afrika verfrachtet wird?

Mitunter grenzen Aussagen in dem Dokument auch an Formen des Kuhhandels. Die werden vermutlich als legitimes Eigeninteresse verstanden, haben aber dennoch ein „Geschmäckle“. So z.B., wenn die Bundesregierung erklärt, dass sie sich „für eine Reform der Vereinten Nationen mit einer Erweiterung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen auch um zwei ständige Sitze für afrikanische Länder“ einsetzt – und sich im Gegenzug „ihrerseits afrikanische Unterstützung für einen ständigen deutschen Sitz im Sicherheitsrat“ erhofft (S. 58). Soll da vielleicht wieder am deutschen Wesen die Welt genesen? Eine Weiterentwicklung des G8/G20-Systems sieht die Bundesregierung als Möglichkeit zur Unterstützung von Afrikas internationalen Anliegen (S. 59). Dabei sind es mit Ausnahme Südafrikas gerade die afrikanischen Staaten, die in dieser Konstruktion leider draußen bleiben müssen und nicht ihre Interessen selber vertreten können. Sich hier zum Fürsprecher Afrikas machen zu wollen, läuft Gefahr, als paternalistische Arroganz (miss?-)verstanden zu werden.

Bei all der partnerschaftlichen Werteorientierung, die das Dokument durchtränkt, vermisse ich zudem die Umsetzung im eigenen Land. Wie steht es um die Asylpolitik, und wie um die Studiengenehmigung für Afrikaner/innen? Wie steht es um die Förderung der Afrikawissenschaften an den deutschen Hochschulen und anderen Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie der Förderung afrikanisch-deutscher Wissenschaftskooperation und gemeinsamer Forschungspraxis? Von einer Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Bemühungen um wirklich von partnerschaftlichen Werten (den Begriff ‚emanzipatorisch’ lassen wir einmal ganz beiseite) geleiteten deutsch-afrikanischen Austauschbeziehungen ganz zu schweigen. Aber es wäre doch ein Aushängeschild wertegeleiteter deutscher Afrikapolitik, Einrichtungen wie die issa, das iz3w, Akafrik und ähnlich engagierte Gruppen, die viel unentgeltliche Zeit auf die Verbesserung der deutsch-afrikanischen Beziehungen verwenden, ein wenig zu fördern, oder?

Vollmundig reklamiert das Dokument gen Ende: „Für die Formulierung ihrer Politik binden die Bundesministerien die deutschen und die afrikanischen Zivilgesellschaften ein und kooperieren bei der Umsetzung mit ihnen.“ (S. 59) Die oben genannten Organisationen werden gerne dazu beitragen. Ich kann mich nur nicht erinnern, dass während meiner mittlerweile 30jährigen Eigenschaft als Vorstandsmitglied der issa deren Mitarbeiter jemals um ihre kompetente Meinung zum Südlichen Afrika zur inhaltlichen Gestaltung einer deutschen Afrikapolitik gebeten wurden. Geschweige denn, dass diese auch nur die Spur eines Einflusses auf die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik gehabt hätte. Auch wäre interessant zu erfahren, wer denn von afrikanischer zivilgesellschaftlicher Seite wie auch immer zur Ausarbeitung dieses politischen Grundsatzdokuments beigetragen haben könnte.

Um abschließend nochmals anhand meiner eigenen, Namibia-geprägten Perspektive auf die gleiche Augenhöhe zurück zu kommen: Im deutschen Herbst 2010 wurde ein namibischer Minister mit Diplomatenpass im Transit (!) von Mexiko nach Namibia beim Zwischenstopp auf dem Münchner Flughafen stundenlang festgehalten, weil sein Reisedokument als Fälschung verdächtigt wurde. Den Anschlussflug nach Hause verpasste er. Was wäre wohl, wenn BMZ-Minister Dirk Niebel bei seinem Besuch in Namibia Anfang dieses Jahres eine vergleichbar erniedrigende Behandlung durch die namibische Grenzkontrolle erfahren hätte?

Der Autor ist geschäftsführender Direktor der Dag Hammarskjöld Stiftung in Uppsala und Research Fellow an der Universität Pretoria. Er lebte ab 1967 in Namibia und ist seit 1974 Mitglied der Swapo. Von 1992 bis 2000 leitete er die Namibian Economic Policy Research Unit (NEPRU) in Windhoek und war Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute in Uppsala (2000-2006). Seit 1983 ist er Vorstandsmitglied der ISSA. Eine Kurzfassung dieses Textes erschien als Kommentar in „Weltwirtschaft und Entwicklung“ (W&E).”

 

(Quelle: afrika süd.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “afrika süd”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.