Posts Tagged ‘Antideutsche’

BRD: Die BrandstifterInnen

Samstag, September 17th, 2011

“Paranoide Weltbilder

Anders B. Breivik und die Ablenkungsmanöver der “Islamkritiker”

Von Gerhard Hanloser

Die “Islamkritiker” haben stets sich und anderen verboten, auf gesellschaftliche Hintergründe für Terrorakte hinzuweisen. Angesichts islamistisch motivierter Anschläge meinten sie einen Hang zur Gewalt in der muslimischen Religion und Kultur selbst ausmachen zu können, in dem der muslimischen Mentalität angeblich eingeschriebenem Totalitärem oder schlichtweg im Menschlich-Bösen. Kein Wunder also, dass sie für den rechtsradikal-antimuslimischen Terror in Norwegen keine Erklärung haben. Auch Selbstkritik sucht man bei Anders B. Breiviks StichwortgeberInnen vergebens.

Der Autor der antimuslimischen Website Politically Incorrect (PI), Michael Stürzenberger, behauptete gegenüber der neurechten Jungen Freiheit über den Attentäter: “Er kam aus dem Nichts”. Wirklich aus dem Nichts? Nicht ganz unbegründet fand sich kurz nach Bekanntwerden des Massakers ein Blog-Eintrag auf PI mit den Worten: “Was er schreibt sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten (…) es (ist) wichtig zu bemerken, dass die ,Bösen nicht immer nur andere sind. Wir dürfen uns vor lauter Auf-andere-mit-dem-Finger-Zeigen nicht unserer Eigenverantwortung entziehen. Wir stehen in der Verantwortung für unser Handeln und Denken.”

Tatsächlich weist die Feindbildkonstruktion von PI und in dem Manifest des Attentäters Anders B. Breivik große Ähnlichkeit auf. An die Stelle von Selbstkritik oder zumindest betretenem Schweigen trat jedoch schnell eine Offensivtaktik der diversen “Islamkritiker”; auch auf PI herrschte schnell wieder ein anderer Ton vor. Andere “Islamkritiker” drehten einige diskursive Pirouetten, um den klar rassistisch-antimuslimischen Gehalt des Attentats zu leugnen, die Nähe der eigenen Ideologie zu der paranoiden Verschwörungstheorie des Anders B. Breivik zu kaschieren und sich in der typisch deutschen Logik der “verfolgenden Unschuld” (Karl Kraus) selbst als Opfer zu stilisieren.

Henryk M. Broder sorgt sich um Ersatzteile für sein Auto

Tatsächlich haben islamkritische Intellektuelle wie Necla Kelek oder Henryk M. Broder in ihren Pauschalverurteilungen “des Islams” und mit ihren Bekundungen, in der muslimischen Welt überhaupt keine geistigen oder praktischen Verbündeten finden zu können, die “Frontlinie eines Weltbürgerkrieges gezogen”, wie der ehemalige FAZ-Feuilleton-Chef Patrick Bahners treffend kritisierte.

Besonders Broder hatte mit seiner bellizistischen Logik, die nichts anderes als Krieg und Kampf im Verhältnis zu gläubigen Muslimen geltend macht und alles andere als “Appeasement”-Politik verspottet, einer permanenten Mobilisierung und einer Transzendenz bürgerlicher Normen und Werte das Wort gesprochen. “Die Idee, man könnte dem Terror nur mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen, übersteigt die Grenze zum Irrealen. Es ist, als ob man die Feuerwehr auffordern würde, sich bei ihren Einsätzen an die Straßenverkehrsordnung zu halten”, so Broder in seinem Buch “Hurra, wir kapitulieren!”. (vgl. ak 510)

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich der Polemikspezialist Broder wenig irritiert zeigt, dass einige seiner “islamkritischen” Thesen in Breiviks “Manifest” zitiert werden. Auf die Frage des Tagesspiegel, ob er sich Sorgen darüber mache, dass er von Anders B. Breivik zitiert wurde, antwortet er: “Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.” Der Blogger “Ofenschlot” hat diese diskursive Taktik als Selbstproklamation eines “Rechts auf Kaltschnäuzigkeit” bezeichnet, eines Rechts, das selbstverständlich exklusiv bleiben muss und Muslimen niemals zugestanden wird. Denn in der Logik der “Islamkritiker” wird bekanntlich allen Muslimen abverlangt, sich beständig von Anschlägen islamistischer Terroristen zu distanzieren.

Etwas weiter als Broder mit seiner kaltschnäuzigen Ablenkung gehen die mittlerweile sich selbst als “Ideologiekritiker” titulierenden Ex-“Antideutschen” der Zeitung Bahamas, die keineswegs so isoliert sind, wie sie sich gerne selbst sehen bzw. VerharmloserInnen der antideutschen Durchwirkung des linken Milieus immer behaupten. Schließlich schreiben Bahamas-Autoren wie Gerhard Scheit und Magnus Klaue, zwei besonders exponierte, anti-links positionierte und habituell auf dem neo-elitären Ticket reisende Autoren, regelmäßig in der Jungle World und der Monatszeitung konkret.

Liest man die letzten Ausgaben der Bahamas, dann ist hier ebenfalls eine Bürgerkriegsfront markiert, die früher oder später – und höchstwahrscheinlich auch entgegen dem Selbstbild des einen oder anderen Bahamas-Autoren, der sich gerne als großbürgerlicher Intellektueller imaginiert – handgreiflich umgesetzt zu werden droht: AntirassistInnen und VertreterInnen des Multikulturalismus bereiteten einem “Karneval der Kulturen” den Weg, an dessen Ende der multikulturelle Pogrom gegen die Juden zu erwarten sei. Vor dem Hintergrund einer rassistisch grundierten, neo-malthusianischen Überbevölkerungstheorie wird behauptet, dass in den muslimischen Ländern ein “Youth Bulge” (Babyboom) eine stetig anwachsende Masse von Israel und dem Westen angeblich feindselig gesonnenen Jugendlichen hervorbringt.

Hauptfeind, weil angeblich Schrittmacher dieser auch auf den Westen übergreifenden unaufhaltbaren historisch-gesellschaftlichen Tendenz, sind in Bahamas-Logik die Linken, die mit ihrem Antirassismus, ihrem Multikulturalismus und ihrem Wunsch nach einer “Völkerfamilie” eine neue Barbarei vorbereiten würden. Dabei wird versucht, den eigenen Rassismus unter Bezugnahme auf die größten Fehler der Kritischen Theorie intellektuell zu adeln; Fehler wie zum Beispiel der Elitarismus Adornos, der wenig Sympathien für schwarze Musik und die US-amerikanische Massenkultur zeigte.

Seitdem aus Antifa-Gruppen einige Nachwuchsantideutsche rekrutiert wurden, die die “antideutsche” Kritik auf Schlagworte verkürzt nur noch auf der Ebene des Gang-Jargons pflegen, hat sich das “antideutsche” Milieu zu einem Bündnis aus Mob und Pseudo-Elite entwickelt, das sich vereint sieht in der doppelten Feindbildkonstruktion: die (antirassistische) Linke und die Muslime.

Bahamas liefert die “Theorie”, Jungle World verbreitet sie

Der Wiener Bahamas-Publizist Gerhard Scheit behauptet in der Jungle World schlichtweg, der Anschlag weise keinesfalls Züge einer “Islamophobie” auf, vielmehr entspringe er der Logik des Antisemitismus, das Motiv sei “purer Neid auf den Islam”. Die weitergehende Begründung ist kurios genug und soll ausführlich zitiert werden:

“So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen. Die Muslime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das ‘konkrete’, das ‘schaffende Kapital’ nicht vor ‘fremden Rassen’ als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur ‘Islamophobie’ vorgeschlagene Begriff ‘antimuslimischer Rassismus’ irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes ‘schaffendes Kapital’, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des ‘raffenden Kapitals’, der Weltverschwörung des Judentums, sei.” (Jungle World 32/2011)

Man kann über diesen Bandwurmsatz lange meditieren, er stellt jedoch – und das sei an dieser Stelle deutlich gesagt – nichts anderes dar als entweder wohlkalkuliertes Bluffen mit Nonsens-Theorie, oder er ist selbst wahnhaft-unverständlich. Gegen Ende seiner Ausführungen wird Scheit erstaunlich parolenhaft: “Es gibt keine Islamophobie. Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind. Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus.” Damit ist die alte Ordnung also wieder hergestellt; die Irritation, die ein pro-israelischer, antiislamischer Rechtsradikaler voller eliminatorischer und verschwörungstheoretischer Energie im “antideutschen Lager” auslösen müsste, wird scheinbar geschickt theoretisch verdrängt.

Breivik attackiert in seinem Manifest den linken “Mainstream” und den “Kulturmarxismus”. Die Einleitung mit der Definition des “Kulturmarxismus” ist wörtlich aus dem 2005 von William Sturgiss Lind herausgegebenen Text “Political Correctness: A Short History of an Ideology” der konservativen Denkfabrik Free Congress Foundation übernommen. Mit dem “Kulturmarxismus” ist dabei ein Denken gemeint, das vor allem die Hautfarbe und Herkunft überwindende Klassensolidarität in den Mittelpunkt der Politik stellt, die den Marxismus um kulturelle und antirassistische Praxis erweitert hat und auch Fragen der Genderpolitics nicht kategorisch abwehrt. Im Kern attackiert das neurechte Denken eine Haltung, die von Bahamas und Broder als Politik der lächerlichen “Political Correctness” mit Spott überzogen und als “Gutmenschentum” abgekanzelt wird.

“Islamkritik” hat mit Marx Religionskritik nichts zu tun

Jeder Marxismus, der auch Gender- und Class-Fragen wie koloniale und imperialistische Unterdrückungsverhältnisse mitberücksichtigt, wird von Autoren der Bahamas des postmodernen Denkens und der Zerstörung der Vernunft geziehen. In einem langatmigen Beitrag in der Jungle World (33/2011) stellt Magnus Klaue nun die Behauptung auf, mit “Kulturmarxismus” wäre ausschließlich die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie gemeint (in deren Tradition sich ungerechtfertigt Magnus Klaue wähnt, denn schließlich will er auch selbst betroffen und getroffen sein). Und in einer beispiellos unverfrorenen, weil durch nichts gerechtfertigten Schlussattacke wird den “postmodernen ‘Cultural Marxists'” vorgehalten, sie seien “längst selbst die Apologie einer Welt, die nur noch Cliquen und keine Individuen, nur noch nebeneinander vor sich hinvegetierende Kulturen statt die Sehnsucht nach der einen freien Welt kennt”.

In einem zweiten Schritt werden diese TheoretikerInnen (und man könnte so unterschiedliche Namen einsetzen wie Immanuel Wallerstein, Stuart Hall, Edward Said oder Paul Gilroy) in die Nähe des Attentäters gerückt: “Gegen diese Sehnsucht richtet sich auch Breivik, dessen Fimmel für imaginäre Uniformen ihn als antizivilisatorischen Zivilisten ausweist, der in einer Gesellschaft, in der bald nur noch Banden gegen Bürgerwehren kämpfen, als selbsternannter radikaler Staatsbürger notfalls auch den bürgerlichen Staat zu vernichten bereit ist.” Die Ablenkungsstrategie mag leicht durchschaubar sein, in der Jungle World wird das wohl als “Theorie” wahrgenommen.

“Islamkritik” hat mit emanzipatorischer Theorie und Praxis nichts zu tun. “Islamkritik” ist gerade nicht Religionskritik in der Tradition von Feuerbach-Marx-Freud. Sie reflektiert auch nicht den Zusammenhang von islamischer Gesellschaft und globaler kapitalistischer Entwicklung wie die Studien von Maxime Rodinson oder die frühen Schriften von Bassam Tibi. “Islamkritik” negiert die Möglichkeit der Selbstveränderung und Autoemanzipation und sie ist vor allem ein Aufruf zur Unterwerfung: unter eine Gesellschaftsordnung, die von den “Islamkritikern” absolut gesetzt wird.

Es bleibt eine dringliche Aufgabe einer universalistischen und emanzipatorischen Linken, den dezisionistischen, exklusiven und im Kern reaktionären Anspruch der “Islamkritiker” zurückzuweisen. Gegen die Logik des religiösen Bürgerkrieges und des Ausnahmezustands von oben setzt eine emanzipatorische Kritik auf Begegnungen und Schnittstellen der Bewegungen von unten, hält an eine universalistischen, aber Differenz achtenden Perspektive fest und ist sich der Brüchigkeit identitärer Bewegungen bewusst.”

 

(Quelle: analyse & kritik.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “analyse & kritik”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

BRD: Diffamierung von Moshe Zuckermann

Donnerstag, April 14th, 2011

“Der Anti-Zuckermann

Wie die konkret-Redaktion einen ehemaligen Weggefährten niedermacht

Von Jens Renner

Moshe Zuckermann hat Recht behalten: Der Antisemitismus-Vorwurf ist in der deutschen Linken zum inflationär gebrauchten ‘Herrschaftsinstrument’ geworden. (1) Antideutschen ‘enthusiasmierten Israelanhängern’ dient er dazu, jede Kritik an der israelischen Politik als ‘antisemitisch’ abzuwehren. Nun ist Zuckermann selbst als ‘Antisemit’ gebrandmarkt worden – ausgerechnet von der Hamburger Monatszeitschrift konkret. Deren Herausgeber Hermann L. Gremliza diskutierte vor nicht allzu langer Zeit noch mehrere Tage lang mit Zuckermann einigermaßen ernsthaft über das reale Israel und dessen antideutsch verzerrte Wahrnehmung. (2)

Man ahnt Böses bei der Betrachtung der März-Ausgabe von konkret, aber es kommt schlimmer, wenn man das Heft aufschlägt. ‘Kotzen. Linke Antisemiten’ steht auf dem Titelblatt, im Heft geht es dann nur noch um den einen ‘linken Antisemiten': Moshe Zuckermann. Ihm sind sage und schreibe sechs Seiten gewidmet, wenn man die Hausmitteilung ‘von konkret‘ auf Seite 4 mitrechnet. Hier veröffentlicht Gremliza Auszüge aus seinem Jahre zurückliegenden Briefwechsel mit Zuckermann. Darin warnt er seinen ‘Freund’ vor dem Umgang mit linken deutschen ‘Hardcore-Antisemiten’ und ‘Nationalsozis’, erkennt Zuckermanns Motive aber ausdrücklich an: ‘Du bist über die Politik der israelischen Regierung verzweifelt, fühlst Dich verlassen.’ Seine Teilnahme an der israelkritischen Konferenz ‘Stop the Wall’ (2004 in Köln) werde Zuckermann ‘eher früher als später bereuen’.

Dem Widerruf dieses ‘allzu freundlichen Irrtums’ (konkret) dient nun der sechsseitige Anti-Zuckermann. Einziges Beweismittel gegen Zuckermann ist sein Interview in Radio Dreyeckland vom 28. Dezember 2010, aus dem einige Auszüge dokumentiert und mit mehr oder weniger zynischen Kommentaren versehen werden, z.B.: ‘Zuckermann über ein Naturereignis: Der Holocaust war eine welthistorische Katastrophe.’ Worauf noch zurückzukommen sein wird.

Besonders eine Aussage versetzt die konkret-Autoren in Rage. In dem Radio-Interview hätte Zuckermann behauptet, ‘was dort (in Israel) geschehe, stehe ,in nichts dem nach, was in Deutschland 1933 gang und gäbe gewesen ist`’. So fasst es Alex Feuerherdt in seinem Artikel ‘Totalausfall’ zusammen – eine glatte Fälschung. Denn Zuckermanns Vergleich mit Deutschland 1933 bezieht sich auf das, ‘was Rabbiner mittlerweile an Rhetorik von sich geben, was für Demonstrationen es gegen Araber und gegen Gastarbeiter hier gegeben hat in den letzten Wochen’, so Zuckermann wörtlich. Es werde ‘mittlerweile einem blanken theologischen Rassismus das Wort geredet, und keiner im Establishment stellt sich dagegen.’ An anderer Stelle spricht Zuckermann von ‘Faschisierung’. Als Indiz dafür nennt er vor allem den in der israelischen Gesellschaft verbreiteten anti-arabischen Rassismus.

Feuerherdt weist Zuckermanns Kritik pauschal zurück, nicht nur den Begriff Faschisierung, sondern auch Formulierungen wie ‘Rechtskurs’ oder ‘Alltagsrassismus’. Über die Forderung des rechtsextremen israelischen Außenministers Avigdor Liebermann, auch die arabischen StaatsbürgerInnen sollten einen Schwur auf den jüdischen Staat Israel ablegen, schreibt Feuerherdt: ‘Man kann Liebermanns Idee für abwegig halten; das Problem, auf das er reagierte, lässt sich dennoch nicht leugnen.’ Gemeint ist das ‘Problem’ mangelnder Loyalität israelischer AraberInnen gegenüber dem Staat, in dem sie leben und der ihnen gleiche Rechte verweigert.

Auf Feuerherdts Artikel folgt ein Interview mit dem israelischen Historiker Yaacov Lozowick, Autor des gänzlich unkritischen Buches ‘Israels Existenzkampf. Eine moralische Rechtfertigung seiner Kriege’, erschienen 2005 im Konkret Literatur Verlag. (siehe Rezension in ak 519) Lozowick antwortet wie gewünscht: Israel ist eine ‘funktionierende Demokratie’, zwar werden auch mal ‘populistische Gesetze’ vorgeschlagen, dann aber nicht verabschiedet; Zugeständnisse an die PalästinenserInnen dagegen gefährden den Frieden – siehe Israels Abzug aus Gaza 2006: ‘Zum Dank wählten die Palästinenser die Hamas an die Regierung …’

‘Zurichtung der Quellen’ und ‘selektive Zitiertechnik’

Die von Zuckermann kritisierten Manifestationen von antiarabischem Alltagsrassismus nennt Lozowick ‘Anekdoten’ – ‘in einer vernünftigen Welt würde von Zuckermann niemand Notiz nehmen oder gar seinen Meinungen Beachtung schenken.’ Die konkret-Redaktion nimmt von Zuckermann nur ‘Notiz’, um ihn publizistisch niederzuknüppeln, und dass sie seinen Meinungen ‘Beachtung schenken’ würde, kann man nun wirklich nicht sagen: Anstatt sich mit seinen systematisch entwickelten und argumentativ begründeten Positionen – etwa in seinem letzten Buch – auseinanderzusetzen, sucht sie ‘Stellen’ in einem 45-minütigen Radio-Interview.

Zuckermann warnt vor anti-arabischem Rassismus

ak-Autor Gerhard Hanloser, der dieses Interview führte, weist in einem Leserbrief Feuerherdts ‘selektive Zitiertechnik’ zum Zwecke der gewünschten ‘Zurichtung der Quellen’ zurück. (konkret 4/11) In ihrer Antwort wirft die konkret-Redaktion Hanloser vor, auf jeden Beweis für seine Anschuldigung zu verzichten; insbesondere würde er den Satz, in dem Zuckermann von ‘Deutschland 1933′ spricht, ‘so weiträumig wie möglich’ umfahren. Dass diese ‘Stelle’ von Feuerherdt tatsächlich für seine Zwecke ‘zugerichtet’ wurde, habe ich oben gezeigt. Wer es nicht glaubt, möge sich das Interview anhören; eine schriftliche Fassung davon liegt leider nicht vor. (3)

Da Zuckermann nunmehr als ‘Antisemit’ entlarvt ist, kann konkret auch noch einen Schritt weiter gehen und ihm die Relativierung von Auschwitz vorwerfen. Als Beweis muss die schon zitierte Formulierung von der ‘weltgeschichtlichen Katastrophe’ herhalten. Eine nicht nur umgangssprachlich, sondern auch in der Wissenschaft gebräuchliche Wortwahl – siehe etwa die Arbeiten des bedeutenden israelischen Historikers Yehuda Bauer, der die Shoah als ‘präzedenzlose Katastrophe’ bezeichnet. Dass die Shoah für ihn kein Naturereignis, sondern ein Verbrechen ist, hat auch Zuckermann unmissverständlich deutlich gemacht, u.a. mit der Formulierung, dass ‘die Juden eben doch die Hauptopfer der Katastrophe waren und die Deutschen die Haupttäter’. (4) Als er das sagte, saßen Hermann L. Gremliza, Thomas Ebermann und Volker Weiß mit am Tisch – keiner von ihnen hat protestiert, damit würde ‘Auschwitz relativiert’.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, und mittlerweile ist kein Gedanke (?) mehr zu blöd und kein Niveau zu niedrig, wenn es gilt, einen gefährlichen Feind (un)kenntlich zu machen und zum ‘Antisemiten’ zu stempeln. Für die Nachfahren der deutschen Tätergeneration, die sich hierüber die Definitionsmacht anmaßen, spielt es offensichtlich auch überhaupt keine Rolle, wen sie hier zur Unperson machen: Moshe Zuckermann ist ein Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender und hat sich als marxistischer Wissenschaftler differenziert mit dem Holocaust und dessen Instrumentalisierung in Deutschland und Israel auseinandergesetzt. (5)

Dass Zuckermanns Positionen Kritik herausfordern, ist davon unbenommen. Das gilt insbesondere für seine Verharmlosung des islamisierten Antisemitismus und seine psychoanalytische Deutung der Motive der Antideutschen. In dem Radio-Dreyeckland-Interview bezeichnet er letztere als ‘latente Antisemiten’. Erkenntnisgewinn wird durch solche Etikettierung eher erschwert. Auch Vergleiche der Zustände in Israel mit denen in Nazi-Deutschland begünstigen selbst dann – gewollte (siehe oben) wie ungewollte – Missverständnisse, wenn, wie im vorliegenden Fall, ihr Motiv nicht zu beanstanden ist.

Darüber in der deutschen Linken und ihren Publikationen offen zu streiten, auch Zuckermanns Faschisierungsthese kritisch zu überprüfen, würde zweierlei voraussetzen: erstens wirkliche Kenntnisse der israelischen Zustände (dass z.B. Gremliza daran überhaupt nicht interessiert ist, soll er Zuckermann gegenüber selbst zugegeben haben: Ihn interessiere nicht Israel, sondern Deutschland! Auch das berichtet Zuckermann in dem Radio-Dreyeckland-Interview); zweitens die Fähigkeit, abweichende Meinungen auszuhalten und ggf. scharf zu kritisieren, nicht aber deren TrägerInnen niederzumachen. Streitkultur nannte man das früher. Solidarität mit Moshe Zuckermann!”

Anmerkungen:

1) Moshe Zuckermann: ‘Antisemit!’ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. ProMedia Verlag, Wien 2010. Rezension in ak 555

2) Moshe Zuckermann: Zweierlei Israel? Auskünfte eines marxistischen Juden an Thomas Ebermann, Hermann L. Gremliza und Volker Weiß. konkret Texte 34, Hamburg 2003. Rezension in ak 473

3) www.mediafire.com

4) siehe Anmerkung 2, Seite 31

5) siehe insbesondere sein Buch ‘Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands’, Wallstein-Verlag, Göttingen 1998

 

(Quelle: analyse & kritik.)

 

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “analyse & kritik”, aus der dieser Aufsatz stammt, finden Sie in unserer Bücherei.

„Intellektueller Notstand“ – Berliner Polizisten führen regierungskritische Israelis ab

Donnerstag, April 29th, 2010

“Wie eine Berliner Podiumsdiskussion zum Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus zum Desaster wurde

Angekündigt war eine Debatte, stattdessen fand ein Tumult statt. Die von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin organisierte Podiumsdiskussion „Pilgerfahrt nach Auschwitz‘ im gänzlich überfüllten Centrum Judaicum brachte nur eine Erkenntnis: Eine sachbezogene und faire Debatte zum Umgang deutscher Medien mit dem Themenkomplex Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus scheint derzeit kaum möglich zu sein.

Anlass für die Veranstaltung am vergangenen Dienstag war ein Meinungsartikel von Iris Hefets, die sich in der Taz kritisch damit (…)”

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(Quelle: Hintergrund.de.)