Posts Tagged ‘antimuslimischer Rassismus’

BRD: Reeeeechts um!

Montag, Dezember 12th, 2011

‘ “Die Gesellschaft ist vergiftet”

Als Bilanz der zehnjährigen Studie über “Deutsche Zustände” konstatiert der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer eine massive Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus

Von Florian Rötzer

11.12.2011

In der über 10 Jahre angelegten Studie über “Deutsche Zustände” des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG [1]) unter Leitung von Wilhelm Heitmeyer wurde immer wieder auf die steigende Fremdenfeindlichkeit oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland und den Hang zu rechten und nationalistischen Haltungen hingewiesen. Am Montag wird der abschließende 10. Band vorgestellt. Deutlich wurde in der Studie gemacht, dass diese Tendenzen keineswegs in radikalen Minderheiten zu finden sind, sondern dass sie aus der Mitte der Gesellschaft heraus wachsen (siehe auch: Die Verrohung der Mittelschicht[2]).

In den letzten Jahren hat sich dies in der Ablehnung von Einwanderern, aber vor allem in der des Islam und von Muslimen kondensiert. Die Morde der NSU-Bande an deutschen Muslimen haben demonstriert, dass die rechtsextremen und islamfeindlichen Bewegungen hier ein gemeinsames Ziel gefunden haben, das den einst bei den Rechten herrschenden Antisemitismus abgelöst hat. Diese Entwicklungen lassen sich, wie das Institut in anderen Forschungsprojekten eruiert hat, in ganz Europa feststellen.

Als Bilanz der Studie spricht das Institut von einem “entsicherten Jahrzehnt”. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich durch Abwertung und Diskriminierung von Muslimen, Einwanderern oder Behinderten, aber auch von Arbeitslosen, Frauen oder Homosexuellen manifestiert, bereitet für die Sozialwissenschaftler den Boden für die Anwendung von Gewalt etwa durch Rechtsextremisten dar. Diese agieren nicht am Rande der Gesellschaft, sondern fühlen sich durch menschenfeindliche Einstellungen in der Bevölkerung legitimiert und befeuert.

Für Wilhelm Heitmeyer haben während der 10 Jahre langen Studie Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus in Deutschland zugenommen. “Etwa zehn Prozent der Deutschen denken durch und durch rechts”, so resümiert [3] er nach Spiegel Online das Ergebnis der letzten Befragung. Zwischen 2010 und 2011 hätten sowohl die Rechtfertigung von Gewalt als auch die Gewaltbereitschaft bei Rechtspopulisten um 16 Prozent zugenommen. Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber Muslimen seien besonders stark angewachsen. Die Hälfte der Deutschen will nicht in eine Gegend ziehen, in der viele Muslime leben. “Die zunehmende Spaltung zersetzt das Miteinander. Die Gesellschaft ist vergiftet”, so Heitmeyer.

Links

[1] http://www.uni-bielefeld.de/ikg/

[2] http://www.heise.de/tp/artikel/33/33857/1.html

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,802902,00.html”

 

(Quelle: Telepolis.)

Siehe auch:

Abschiebeminister 2011 ist Joachim Herman aus Bayern

BRD: Die BrandstifterInnen

Samstag, September 17th, 2011

“Paranoide Weltbilder

Anders B. Breivik und die Ablenkungsmanöver der “Islamkritiker”

Von Gerhard Hanloser

Die “Islamkritiker” haben stets sich und anderen verboten, auf gesellschaftliche Hintergründe für Terrorakte hinzuweisen. Angesichts islamistisch motivierter Anschläge meinten sie einen Hang zur Gewalt in der muslimischen Religion und Kultur selbst ausmachen zu können, in dem der muslimischen Mentalität angeblich eingeschriebenem Totalitärem oder schlichtweg im Menschlich-Bösen. Kein Wunder also, dass sie für den rechtsradikal-antimuslimischen Terror in Norwegen keine Erklärung haben. Auch Selbstkritik sucht man bei Anders B. Breiviks StichwortgeberInnen vergebens.

Der Autor der antimuslimischen Website Politically Incorrect (PI), Michael Stürzenberger, behauptete gegenüber der neurechten Jungen Freiheit über den Attentäter: “Er kam aus dem Nichts”. Wirklich aus dem Nichts? Nicht ganz unbegründet fand sich kurz nach Bekanntwerden des Massakers ein Blog-Eintrag auf PI mit den Worten: “Was er schreibt sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten (…) es (ist) wichtig zu bemerken, dass die ,Bösen nicht immer nur andere sind. Wir dürfen uns vor lauter Auf-andere-mit-dem-Finger-Zeigen nicht unserer Eigenverantwortung entziehen. Wir stehen in der Verantwortung für unser Handeln und Denken.”

Tatsächlich weist die Feindbildkonstruktion von PI und in dem Manifest des Attentäters Anders B. Breivik große Ähnlichkeit auf. An die Stelle von Selbstkritik oder zumindest betretenem Schweigen trat jedoch schnell eine Offensivtaktik der diversen “Islamkritiker”; auch auf PI herrschte schnell wieder ein anderer Ton vor. Andere “Islamkritiker” drehten einige diskursive Pirouetten, um den klar rassistisch-antimuslimischen Gehalt des Attentats zu leugnen, die Nähe der eigenen Ideologie zu der paranoiden Verschwörungstheorie des Anders B. Breivik zu kaschieren und sich in der typisch deutschen Logik der “verfolgenden Unschuld” (Karl Kraus) selbst als Opfer zu stilisieren.

Henryk M. Broder sorgt sich um Ersatzteile für sein Auto

Tatsächlich haben islamkritische Intellektuelle wie Necla Kelek oder Henryk M. Broder in ihren Pauschalverurteilungen “des Islams” und mit ihren Bekundungen, in der muslimischen Welt überhaupt keine geistigen oder praktischen Verbündeten finden zu können, die “Frontlinie eines Weltbürgerkrieges gezogen”, wie der ehemalige FAZ-Feuilleton-Chef Patrick Bahners treffend kritisierte.

Besonders Broder hatte mit seiner bellizistischen Logik, die nichts anderes als Krieg und Kampf im Verhältnis zu gläubigen Muslimen geltend macht und alles andere als “Appeasement”-Politik verspottet, einer permanenten Mobilisierung und einer Transzendenz bürgerlicher Normen und Werte das Wort gesprochen. “Die Idee, man könnte dem Terror nur mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen, übersteigt die Grenze zum Irrealen. Es ist, als ob man die Feuerwehr auffordern würde, sich bei ihren Einsätzen an die Straßenverkehrsordnung zu halten”, so Broder in seinem Buch “Hurra, wir kapitulieren!”. (vgl. ak 510)

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich der Polemikspezialist Broder wenig irritiert zeigt, dass einige seiner “islamkritischen” Thesen in Breiviks “Manifest” zitiert werden. Auf die Frage des Tagesspiegel, ob er sich Sorgen darüber mache, dass er von Anders B. Breivik zitiert wurde, antwortet er: “Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.” Der Blogger “Ofenschlot” hat diese diskursive Taktik als Selbstproklamation eines “Rechts auf Kaltschnäuzigkeit” bezeichnet, eines Rechts, das selbstverständlich exklusiv bleiben muss und Muslimen niemals zugestanden wird. Denn in der Logik der “Islamkritiker” wird bekanntlich allen Muslimen abverlangt, sich beständig von Anschlägen islamistischer Terroristen zu distanzieren.

Etwas weiter als Broder mit seiner kaltschnäuzigen Ablenkung gehen die mittlerweile sich selbst als “Ideologiekritiker” titulierenden Ex-“Antideutschen” der Zeitung Bahamas, die keineswegs so isoliert sind, wie sie sich gerne selbst sehen bzw. VerharmloserInnen der antideutschen Durchwirkung des linken Milieus immer behaupten. Schließlich schreiben Bahamas-Autoren wie Gerhard Scheit und Magnus Klaue, zwei besonders exponierte, anti-links positionierte und habituell auf dem neo-elitären Ticket reisende Autoren, regelmäßig in der Jungle World und der Monatszeitung konkret.

Liest man die letzten Ausgaben der Bahamas, dann ist hier ebenfalls eine Bürgerkriegsfront markiert, die früher oder später – und höchstwahrscheinlich auch entgegen dem Selbstbild des einen oder anderen Bahamas-Autoren, der sich gerne als großbürgerlicher Intellektueller imaginiert – handgreiflich umgesetzt zu werden droht: AntirassistInnen und VertreterInnen des Multikulturalismus bereiteten einem “Karneval der Kulturen” den Weg, an dessen Ende der multikulturelle Pogrom gegen die Juden zu erwarten sei. Vor dem Hintergrund einer rassistisch grundierten, neo-malthusianischen Überbevölkerungstheorie wird behauptet, dass in den muslimischen Ländern ein “Youth Bulge” (Babyboom) eine stetig anwachsende Masse von Israel und dem Westen angeblich feindselig gesonnenen Jugendlichen hervorbringt.

Hauptfeind, weil angeblich Schrittmacher dieser auch auf den Westen übergreifenden unaufhaltbaren historisch-gesellschaftlichen Tendenz, sind in Bahamas-Logik die Linken, die mit ihrem Antirassismus, ihrem Multikulturalismus und ihrem Wunsch nach einer “Völkerfamilie” eine neue Barbarei vorbereiten würden. Dabei wird versucht, den eigenen Rassismus unter Bezugnahme auf die größten Fehler der Kritischen Theorie intellektuell zu adeln; Fehler wie zum Beispiel der Elitarismus Adornos, der wenig Sympathien für schwarze Musik und die US-amerikanische Massenkultur zeigte.

Seitdem aus Antifa-Gruppen einige Nachwuchsantideutsche rekrutiert wurden, die die “antideutsche” Kritik auf Schlagworte verkürzt nur noch auf der Ebene des Gang-Jargons pflegen, hat sich das “antideutsche” Milieu zu einem Bündnis aus Mob und Pseudo-Elite entwickelt, das sich vereint sieht in der doppelten Feindbildkonstruktion: die (antirassistische) Linke und die Muslime.

Bahamas liefert die “Theorie”, Jungle World verbreitet sie

Der Wiener Bahamas-Publizist Gerhard Scheit behauptet in der Jungle World schlichtweg, der Anschlag weise keinesfalls Züge einer “Islamophobie” auf, vielmehr entspringe er der Logik des Antisemitismus, das Motiv sei “purer Neid auf den Islam”. Die weitergehende Begründung ist kurios genug und soll ausführlich zitiert werden:

“So ist aber der als Hass hervortretende Neid auf den Islam letztlich nur von dessen eigenem antisemitischen Potential aus zu verstehen. Die Muslime stellen für den Antisemiten des Abendlands nämlich eine einzige große narzisstische Kränkung dar, wie sie keine andere der von ihm sonst noch verachteten und physisch bedrohten Gruppen von Immigranten bereithält: Er sieht sich durch sie herausgefordert, das Abendland als das ‘konkrete’, das ‘schaffende Kapital’ nicht vor ‘fremden Rassen’ als der einbrechenden Natur oder was auch immer zu verteidigen (darum ist der oft als Alternative zur ‘Islamophobie’ vorgeschlagene Begriff ‘antimuslimischer Rassismus’ irreführend), sondern vor der wachsenden Macht einer religiösen Gemeinschaft, die gleichermaßen beargwöhnt wie beneidet wird, weil sie ganz ohne eigenes ‘schaffendes Kapital’, oder anders gesagt: ohne europäische Werte triumphieren kann – und der man, wegen ihres ausgeprägt judenfeindlichen Charakters, beim besten Willen nicht zu unterstellen vermag, dass sie ein Instrument des ‘raffenden Kapitals’, der Weltverschwörung des Judentums, sei.” (Jungle World 32/2011)

Man kann über diesen Bandwurmsatz lange meditieren, er stellt jedoch – und das sei an dieser Stelle deutlich gesagt – nichts anderes dar als entweder wohlkalkuliertes Bluffen mit Nonsens-Theorie, oder er ist selbst wahnhaft-unverständlich. Gegen Ende seiner Ausführungen wird Scheit erstaunlich parolenhaft: “Es gibt keine Islamophobie. Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind. Und was bleibt, ist der Kampf gegen den Antisemitismus.” Damit ist die alte Ordnung also wieder hergestellt; die Irritation, die ein pro-israelischer, antiislamischer Rechtsradikaler voller eliminatorischer und verschwörungstheoretischer Energie im “antideutschen Lager” auslösen müsste, wird scheinbar geschickt theoretisch verdrängt.

Breivik attackiert in seinem Manifest den linken “Mainstream” und den “Kulturmarxismus”. Die Einleitung mit der Definition des “Kulturmarxismus” ist wörtlich aus dem 2005 von William Sturgiss Lind herausgegebenen Text “Political Correctness: A Short History of an Ideology” der konservativen Denkfabrik Free Congress Foundation übernommen. Mit dem “Kulturmarxismus” ist dabei ein Denken gemeint, das vor allem die Hautfarbe und Herkunft überwindende Klassensolidarität in den Mittelpunkt der Politik stellt, die den Marxismus um kulturelle und antirassistische Praxis erweitert hat und auch Fragen der Genderpolitics nicht kategorisch abwehrt. Im Kern attackiert das neurechte Denken eine Haltung, die von Bahamas und Broder als Politik der lächerlichen “Political Correctness” mit Spott überzogen und als “Gutmenschentum” abgekanzelt wird.

“Islamkritik” hat mit Marx Religionskritik nichts zu tun

Jeder Marxismus, der auch Gender- und Class-Fragen wie koloniale und imperialistische Unterdrückungsverhältnisse mitberücksichtigt, wird von Autoren der Bahamas des postmodernen Denkens und der Zerstörung der Vernunft geziehen. In einem langatmigen Beitrag in der Jungle World (33/2011) stellt Magnus Klaue nun die Behauptung auf, mit “Kulturmarxismus” wäre ausschließlich die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie gemeint (in deren Tradition sich ungerechtfertigt Magnus Klaue wähnt, denn schließlich will er auch selbst betroffen und getroffen sein). Und in einer beispiellos unverfrorenen, weil durch nichts gerechtfertigten Schlussattacke wird den “postmodernen ‘Cultural Marxists'” vorgehalten, sie seien “längst selbst die Apologie einer Welt, die nur noch Cliquen und keine Individuen, nur noch nebeneinander vor sich hinvegetierende Kulturen statt die Sehnsucht nach der einen freien Welt kennt”.

In einem zweiten Schritt werden diese TheoretikerInnen (und man könnte so unterschiedliche Namen einsetzen wie Immanuel Wallerstein, Stuart Hall, Edward Said oder Paul Gilroy) in die Nähe des Attentäters gerückt: “Gegen diese Sehnsucht richtet sich auch Breivik, dessen Fimmel für imaginäre Uniformen ihn als antizivilisatorischen Zivilisten ausweist, der in einer Gesellschaft, in der bald nur noch Banden gegen Bürgerwehren kämpfen, als selbsternannter radikaler Staatsbürger notfalls auch den bürgerlichen Staat zu vernichten bereit ist.” Die Ablenkungsstrategie mag leicht durchschaubar sein, in der Jungle World wird das wohl als “Theorie” wahrgenommen.

“Islamkritik” hat mit emanzipatorischer Theorie und Praxis nichts zu tun. “Islamkritik” ist gerade nicht Religionskritik in der Tradition von Feuerbach-Marx-Freud. Sie reflektiert auch nicht den Zusammenhang von islamischer Gesellschaft und globaler kapitalistischer Entwicklung wie die Studien von Maxime Rodinson oder die frühen Schriften von Bassam Tibi. “Islamkritik” negiert die Möglichkeit der Selbstveränderung und Autoemanzipation und sie ist vor allem ein Aufruf zur Unterwerfung: unter eine Gesellschaftsordnung, die von den “Islamkritikern” absolut gesetzt wird.

Es bleibt eine dringliche Aufgabe einer universalistischen und emanzipatorischen Linken, den dezisionistischen, exklusiven und im Kern reaktionären Anspruch der “Islamkritiker” zurückzuweisen. Gegen die Logik des religiösen Bürgerkrieges und des Ausnahmezustands von oben setzt eine emanzipatorische Kritik auf Begegnungen und Schnittstellen der Bewegungen von unten, hält an eine universalistischen, aber Differenz achtenden Perspektive fest und ist sich der Brüchigkeit identitärer Bewegungen bewusst.”

 

(Quelle: analyse & kritik.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “analyse & kritik”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

BRD: Ein Provokateur als Meinungsführer

Donnerstag, Oktober 28th, 2010

“Thilo Sarrazin treibt die politische Klasse vor sich her

Rassistische Kampagnen in Deutschland funktionieren am besten, wenn sie von echten Profis organisiert werden. Solche sitzen in der Redaktion von Bild. Mit den vorab in mehrfacher Millionenauflage verbreiteten “exklusiven Auszügen” aus Thilo Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab” diktierte Kai Diekmanns Eingreiftruppe wochenlang Thema und Richtung der politischen Debatte. Am Ende steht ein breiter Konsens: Rund 90 Prozent der Bild.de-LeserInnen unterstützen Sarrazins Thesen; laut Emnid wären 18 Prozent der Wahlberechtigten bereit, für eine Sarrazin-Partei zu stimmen. Was PolitikerInnen der großen Parteien umgehend von der Distanzierung zur Umarmung übergehen ließ: Fortan hieß es, Sarrazin habe eine wichtige Debatte angestoßen.

Die anfängliche Empörung war vorhersehbar. In der ersten Lektion aus seinem Buch, die Bild abdruckte, zeigt Sarrazin, “warum die Integration vieler muslimischer Migranten am Islam scheitert”. Für “Vorbehalte gegen Muslime” gebe es “gute Gründe”, findet Sarrazin: “Keine andere Religion in Europa tritt so fordernd auf. Keine andere Immigration ist so stark wie die muslimische mit Inanspruchnahme des Sozialstaats und Kriminalität verbunden. Keine Gruppe betont in der Öffentlichkeit so sehr ihre Andersartigkeit, insbesondere durch die Kleidung der Frauen. Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt, Diktatur und Terrorismus so fließend.”

Diese Sichtweise mag zwar in Deutschland mehrheitsfähig sein. Den offenkundigen Rassismus dieser Pauschalverurteilung konnte die politische Klasse aber ebenso wenig durchgehen lassen wie den gefährlichen Unfug vom “gemeinsamen Gen”, das allen Jüdinnen und Juden eigen sei. Stellvertretend für viele widersprach die Kanzlerin: Sarrazins Äußerungen seien “ausgrenzend” und “völlig inakzeptabel”.

In argumentative Bedrängnis kam die politische Klasse, als Bild Sarrazins zweite Lektion veröffentlichte: “Klartext-Politiker Thilo Sarrazin über Hartz IV: ,Es wächst eine weitgehend funktions- und arbeitslose Unterklasse heran`.” (siehe Auszüge im Kasten) An seinen Aussagen zu diesem Thema wird deutlich, dass Thilo Sarrazin sich nicht etwa in die SPD verirrt hat. Mit dieser Partei teilt er die Grundüberzeugung, ökonomische Nützlichkeit als wesentliches Kriterium für den Wert des Individuums anzusehen.

Das ist nicht spezifisch sozialdemokratisch, sondern Wesensmerkmal des Kapitalismus, der alles zur Ware macht, auch die menschliche Arbeitskraft. Kann sie nicht genutzt werden, sinkt ihr Wert auf Null. In diesem Fall werden ihre TrägerInnen überflüssig und zu reinen Kostenfaktoren, solange der Staat soziale Leistungen gewährt. Diese zu reduzieren, an Gegenleistungen in Form von (fast) unbezahlter Arbeit zu knüpfen und auf diese Weise das Lohnniveau insgesamt zu senken, war der Sinn der rot-grünen Hartz-Reformen. Zu ihrer inneren Logik gehört die Drohung mit der weiteren Reduzierung bis hin zur völligen Streichung finanzieller Unterstützung. (siehe auch “Handreichungen zum Klassenkampf” auf Seite 21)

In einem wichtigen Punkt allerdings geht Sarrazin über das hinaus, was als Common Sense der Bundestagsparteien (die LINKE ausgenommen) gelten kann: Er begründet seinen Vorstoß offen mit eugenischen Ideologemen, die von ihm geforderte Streichung von Hartz IV ist gedacht als Mittel eines sozialrassistischen Programms, mit dem die “tendenziell fruchtbareren … weniger Tüchtigen” (Sarrazin) davon abgebracht werden sollen, sich weiter zu vermehren.

Achim Bühl hat in ak 544 (November 2009) “Thilo Sarrazins Rassismen und faschistische Ideologeme” anhand seines Interviews in Lettre International analysiert: “Eugenische Ideologeme sind essenzielle Kernbestandteile faschistischer Ideologie. Zu den Ideologemen der Eugenik zählen u.a. ein biologistisches Gesellschaftsverständnis, sozialdarwinistisches Gedankengut, der Glaube an die Ungleichheit konstruierter Menschenrassen, die Lehre von der ungleichen Wertigkeit menschlicher Individuen aufgrund ihres Genotyps, die Identifizierung der ,besser Veranlagten` mit den oberen Klassen, die Gegnerschaft von Hilfsund Unterstützungsmaßnahmen für sozial Schwache, der Glaube an die Degeneration des ,genetischen Volkskörpers` in Richtung des Durchschnitts, die Diffamierung einzelner Menschen und Menschengruppen als KostgängerInnen, der Schutz der ,Volksgesundheit` vor ,genetischer Entartung` sowie Propagierung apokalyptischer Bevölkerungsvisionen.”

In der jetzt von Bild verbreiteten praktischen Kurzversion von Sarrazins Bestseller-Thesen wird diese braune Brühe noch einmal aufgekocht. Nichts daran ist neu. Sarrazins GenossInnen, aber auch die PolitikerInnen der anderen Parteien, hätten also für die Auseinandersetzung mit ihm gewappnet sein können. Sie sind es vor allem deshalb nicht, weil sie Sarrazins Rettungsplan nicht prinzipiell ablehnen. “Ghettoisierende Abschließung ganzer Bevölkerungsgruppen durch die Versagung sozialer Leistungen sowie elementarer Anerkennung und Würde, das ist das Ziel”, schrieb Achim Bühl. Der Verlauf der “Sarrazin-Debatte” und die einschlägigen Umfragen zeigen, dass in dieser Frage ein vermeintlicher Außenseiter zum Meinungsführer geworden ist.

Sarrazin über die “Unterschicht”

“In Deutschland beobachten wir schon seit vielen Jahren die allmähliche Verfestigung und das beständige Wachstum einer weitgehend funktionsund arbeitslosen Unterklasse. Ein relativ hohes garantiertes Grundeinkommen treibt diese weniger Leistungsstarken in die Nichtbeschäftigung und bindet sie dort.

Der moderne Sozialstaat speziell deutscher Prägung tut aber obendrein einiges dafür, dass die weniger Qualifizierten und weniger Tüchtigen tendenziell fruchtbarer sind als die Qualifizierteren und Tüchtigeren: Die materielle Sorge für die Kinder wird ihnen vollständig abgenommen.

Für jedes Kind erhalten die Eltern 322 Euro monatlich als vom Staat garantiertes soziales Existenzminimum. Dies ist ein maßgeblicher Grund dafür, dass die Unterschicht deutlich mehr Kinder bekommt als die mittlere und obere Schicht. Für einen großen Teil dieser Kinder ist der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt: Sie erben 1. gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden 2. durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt. (…)

Es kann nicht ungerecht sein, alle erwerbsfähigen Empfänger von Grundsicherung zu einer Gegenleistung zu verpflichten. Wer gar nicht oder unregelmäßig erscheint, wer nicht pünktlich ist, wer eine zumutbare Leistung nicht erbringt, der fällt aus dem Transferbezug heraus.”‘

 

(Quelle: analyse & kritik.)

Hinweis:

Die Zeitschrift “ak – analyse & kritik” finden Sie zur Ausleihe in unserer Bücherei.