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BRD: UNICEF-Studie zur Situation von Kindern kosovarischer Roma-Minderheiten

Samstag, April 16th, 2011

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“
Bertolt Brecht, “Flüchtlingsgespräche”, 1940

“Das Deutsches Komitee von UNICEF hat 2010 eine 112seitige Studie zum Thema “„Integration unter Vorbehalt“ – Zur Situation von Kindern kosovarischer Roma, Ashkali und Ägypter in Deutschland und nach ihrer Rückführung in den Kosovo” veröffentlicht.

 

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Das diese Studie gerade jetzt erscheint und vom UN-Kinderhilfswerk herausgeben wurde hat gute Gründe. Aus dem Kosovo stammende Menschen, insbesondere Angehörige der Roma-Minderheiten, sind derzeit extrem von Abschiebung bedroht. Es kamen schätzungsweise etwa 50.000 Roma aus dem Kosovo nach Deutschland. Derzeit sind rund 12.000 der kosovarischen Roma in Deutschland ausreisepflichtig und könnten nach dem Rücknahmeübereinkommen der Bundesregierung mit dem unabhängig gewordenen Kosovo in den nächsten Jahren „zurückgeführt“ (deportiert) werden.
Es handelt sich bei den kosovarischen Roma in Deutschland vor allem um Familien-Zusammenhänge mit vielen Minderjährigen. So sieht sich das UN-Kinderhilfswerk als Anwalt von bedrohten Kindern zum Handeln veranlasst. Dabei beruft es sich auf den Kinderrechtskonvention, Teil I, Artikel 3:

Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“

Für die Studie wurden im Kosovo 116 aus Deutschland „zurückgekehrte“ (deportierte) Kinder befragt und in Deutschland wurden 63 Interviews mit Roma, Experten und politisch Verantwortlichen geführt.

Sofern nicht anders angegeben stammen die folgenden Zitate alle aus der Studie.

Die Situation im Kosovo
Die in den Kosvo abgeschobene Roma-Kinder gehen dort kaum zur Schule, häufig können sie auch nicht die Amtssprache Albanisch, sondern sprechen nur Deutsch und Romanes.

Drei von vier zurückgekehrten Kindern gehen im Kosovo nicht mehr zur Schule. Ein beträchtlicher Anteil hat keine Geburtsurkunde und kann damit auch das Recht auf Bildung, medizinische Versorgung oder soziale Unterstützung nicht durchsetzen. Sowohl in Deutschland als auch im Kosovo müssen viele Kinder in den Flüchtlingsfamilien wegen schwerer Traumatisierungen und chronischer Erkrankungen der Erwachsenen zu früh zu viel Verantwortung übernehmen.

Die Studie kommt zu dem traurigen Fazit:

Eine Abschiebung beendet in den meisten Fällen die Schulkarriere der Kinder. Drei Viertel der befragten Kinder haben seit ihre Abschiebung keine Schule mehr besucht. Grund dafür sind Sprachbarrieren, fehlende Schulzeugnisse und die Armut der Familien. Sprachkurse sind für die meisten Kinder nicht in erreichbarer Nähe, Übergangsklassen fehlen.

Auch die staatliche Unterstützung abgeschobener Roma-Flüchtlinge vor Ort schlägt nicht an:

Auf dem Papier vorliegende Strategien schlagen sich in der administrativen und sozialen Wirklichkeit bislang nicht nieder.

Der Kosovo ist das Armenhaus Europas:

Jedes zweite Kind im Kosovo (49 Prozent) lebt unter der Armutsgrenze, die von der Weltbank bei 1,42 Euro pro Tag festgesetzt errechnet wurde. Jedes fünfte Kind (19 Prozent) lebt in extremer Armut, also unter der Hungergrenze von 0,93 Euro pro Tag.

Die Situation in der Bundesrepublik
Die Studie berichtet von zurückbleibenden Kriegstraumata vieler Roma-Flüchtlinge:

Der psychische und körperliche Gesundheitszustand vieler Familien ist schlecht. Kriegstraumata, aber auch Depressionen und Angststörungen aufgrund der jahrelang unsicheren Perspektive prägen den Alltag vieler Familien ebenso wie Krankheiten, die viele Fachkräfte als psychosomatische Leiden betrachten.“
„In den Beratungsstellen hält man Schätzungen für realistisch, nach denen 30 bis 40 Prozent der Flüchtlinge an psychischen Krankheiten leiden.“

Die Abschiebung aus Deutschland findet teilweise mit einer Art Sippenhaft Anwendung:

Die Altfallregelung orientiert sich damit nicht an den Kindern als eigenständige Rechtsträger, sondern verknüpft ihre Belange untrennbar mit denen der Eltern und mitunter entfernterer Verwandter.

Droht einer Familie die Abschiebung zerbricht sie schnell daran:

So berichtet eine Lehrerin aus der Grundschule Berg-Fidel in Münster: „Hoffnungsvolle Kinder, die wirklich sozial eingebunden waren in ihren Klassen – die hatten Freundschaften geknüpft, die waren gut in der Schule – und trotzdem konnten die Eltern dem Druck nicht standhalten und sind untergetaucht.

Doch es kommt auch zu Widerstand:

Offensichtlich wächst gerade an Orten, an denen viele Familien aus dem Kosovo seit langem leben und nun zur Ausreise aufgefordert wurden, große Bereitschaft zur Solidarität mit den Betroffenen.

Die hierzulande aufgewachsenen Kinder und Jugendlichen sollen in ein für sie fremdes Land abgeschoben werden:

Es sei, so eine Münsteraner Lehrerin, für die Kinder nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht hier bleiben dürfen. Gleichzeitig aber wollten die Kinder, so berichtet eine Sozialarbeiterin, nicht darüber reden, weil sie die Angst von sich wegzuschieben versuchten und sich schämten.“
„Die befragten Kinder und Jugendlichen schlossen für sich eine Zukunft im Kosovo einhellig aus. Ihre Angst vor einer Abschiebung in ein Land, dass sie als fremd empfinden, ist groß.

Die von Abschiebung Bedrohten wissen was sie erwartet:

Der 26-jährige Esat berichtet über einen bereits abgeschobenen Bekannten, mit dem er in Kontakt war: „Er hat nur gesagt, es ist ganz schön schlimm da, ich komme gar nicht klar, ich gehe mich lieber mit meiner Familie ertränken als so zu leben. Das ist schon heftig.“

Kritik an der Studie
UNICEF will mit seiner Studie die Verantwortlichen dazu bewegen, dass es die von Abschiebung Bedrohten nicht abschiebt. Um das zu erreichen betont UNICEF die Nützlichkeit der KOSOVO-Roma für Deutschland. Denn die etablierte Politik will eine „Zuwanderung in die Sozialsysteme zu vermeiden“. Immer wieder betont die Studie, dass die Kinder perfekte Deutsch sprechen, gut integriert sind und dass sie später gute Steuerzahler für Deutschlands seien:

Aus deutscher Sicht ist das sehr bedenklich. Bund, Länder und Kommunen investieren viel Geld und Zeit in die Ausbildung von Kindern aus kosovarischen Roma-, Ashkali und Ägypter-Familien während deren Aufenthalt in Deutschland. All dies scheint verloren, sobald sie zurück in den Kosovo geschickt werden.

Es stellt sich bei solchen Argumentationen immer die Frage, ob dann im Umkehrschluss Kinder die nicht so gut Deutsch können oder nicht so gut integriert sind (was immer das auch heißen mag), einfach abgeschoben werden dürfen. Das haben die Macher der Studie sicher nicht gemeint, liegt aber durchaus innerhalb der Logik solcher Argumentationen.

Bedauerlicherweise taucht in der gesamten Studie kein einziges Mal das Wort Antiziganismus auf oder ein Hinweis, dass die Roma-Minderheiten im Kosovo diskriminiert werden. Es wird beschrieben, dass Roma im Kosovo sozial im Abseits stehen, aber nicht warum das so ist.

Eine Stichprobe der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 12.126 Angestellten in 1.500 Unternehmen ergab, dass der Anteil an Roma, Ashkali und Ägyptern bei nur 0,1 Prozent lag.

Diese Erkenntnisse spiegeln auch die Ergebnisse der 2009 veröffentlichten KFOS-Grundlagenstudie wider, die besagt, dass saisonale Tätigkeiten, Niedriglohnjobs und Tätigkeiten, die keinerlei Berufsbildung erfordern, bei Roma, Ashkali und Ägyptern im Kosovo vorherrschen.

Dass Roma so sozial randständig sind liegt natürlich auch an der Diskriminierung. Mit der Nichterwähnung von Antiziganismus wird auch die Haupt-Fluchtursache der kosovarischen Roma neben Armut nicht erwähnt. Im Sommer 1999 beginnt in Folge des Kosovo-Krieges die Vetreibung der Roma-Minderheiten (Roma, Ägypter, Ashkali) durch albanische Nationalisten, aus den Reihen der von der NATO unterstützten UCK. Diesen ethnischen „Säuberungen“ fallen 100.000 Roma zum Opfer, die fliehen. Von den ehemals 150.000 Roma lebten 2008 nur noch etwa 30.000 im Kosovo. Dieser aggressive Antiziganismus in der albanischen Mehrheitsbevölkerung ist natürlich nicht verschwunden und äußert sich im Umgang mit Roma tagtäglich und ist auch in Form von Pogromen sicher schnell wieder aktivierbar.

Das Fazit: Abschiebung ist unmenschlich
Abschiebung ist immer unmenschlich, aber besonders grausam ist sie für junge Menschen, die in ein fremdes Land abgeschoben werden:

„Ich wusste zuerst gar nicht, was los war. Wir wurden ohne Grund im Kosovo abgesetzt. Ich verließ die Schule, meine Freunde, alles habe ich gegen meinen Willen zurücklassen müssen. Wir konnten uns noch nicht einmal von unseren Freunden in der Schule verabschieden. Es war furchtbar.“ So erinnert sich die 19-jährige Filloreta Krasniqi an ihre Zwangsrückkehr in den Kosovo in 2006. Heute lebt sie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Prizren und hat immer noch Kontakt zu ihren Schulfreunden in Deutschland.

Als Ergebnis kommt die Studie zu folgenden Schluss:

Bei den Regelungen für langjährig geduldete Flüchtlinge bleibt das Kindeswohl im toten Winkel.
Fast die Hälfte der in Deutschland seit vielen Jahren geduldeten und nun zur Ausreise verpflichteten rund 12.000 Roma, Ashkali und Ägypter aus dem Kosovo sind minderjährig. Die meisten der Kinder und Jugendlichen sind in Deutschland geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen, sprechen untereinander deutsch und empfinden ihre heutigen Wohnorte als Heimat. Die Abschiebung in den Kosovo droht ihnen, weil ihre Eltern an den Hürden der gesetzlichen Altfallregelung scheiterten und die Kinder das aufenthaltsrechtliche Schicksal ihrer Eltern teilen. Die Regelung, die viele Fachleute als zu starr betrachten, berücksichtigt die besondere Lage und den Integrationsstand der Kinder kaum. So bleibt das Wohl der Kinder, das zu berücksichtigen sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention 1992 verpflichtet hat, im toten Winkel von Rechtssprechung und Rechtsauslegung.

* Verena Knaus, Peter Widmann e.a., „Integration unter Vorbehalt“ – Zur Situation von Kindernkosovarischer Roma, Ashkali und Ägypter in Deutschland und nach ihrer Rückführung in denKosovo. Deutsches Komitee für UNICEF, Köln 2010

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WWW: http://antizig.blogsport.de

 

(Quelle: indymedia.)

Antiziganismus

Mittwoch, April 28th, 2010

“Die Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma

Von Markus End

Antiziganismus, eine relativ neue Wortschöpfung, stellt den Versuch dar, ein kompliziertes Phänomen zu bezeichnen, das schon sehr viel älter ist als der Begriff: die stereotype Konstruktion von „Zigeunern’ durch die Mehrheitsgesellschaften, denen bestimmte – zumeist negativ konnotierte – Eigenschaften und Merkmale zugeschrieben werden, einhergehend mit einer Diskriminierung und Verfolgung von Menschen – zumeist Roma – als „Zigeuner’ (…).”

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(Quelle: Linksnet.de.)