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Global: Agrar-Kraftstoffe – schaden viel und nützen wenig

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

“Agrar-Kraftstoffe stoppen!

Agrar-Kraftstoffe sind keine Lösung für Klimaprobleme

Interview mit Adrian Bebb (in: GID – Der Gen-ethische Informationsdienst, Nr. 201)
 

Agrar-Kraftstoffe schaden in vielen Fällen dem Klima mehr, als sie ihm nützen. Die Freunde der Erde starteten 2007 eine Kampagne gegen Produktion und Nutzung von Agrar-Kraftstoffen.

In der Europäischen Union sind Kraftstoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden, Teil einer Strategie, die dem Klimawandel Einhalt gebieten soll. Die meisten Umweltorganisationen sind mittlerweile dagegen. Warum?

Eine Reihe von Organisationen stand den Agrar-Kraftstoffen zunächst sehr positiv gegenüber. Man ging davon aus, dass es einen guten Einfluss auf das Klima haben könnte, wenn weniger fossiles Öl genutzt würde. Inzwischen ist aber deutlich geworden, dass Agrar-Kraftstoffe nicht die Lösung für Klimaprobleme darstellen. Das liegt an der großen Fläche, die für die Produktion der Pflanzen der so genannten ersten Generation [siehe Kasten] notwendig wäre, um den fossilen Kraftstoffverbrauch tatsächlich reduzieren zu können. Diese Einsicht kam zunächst den europäischen Nichtregierungsorganisationen, nach und nach hat sich aber die Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Akteure diesem Argument angeschlossen. Mittlerweile ist es offensichtlich, dass es sich bei der Nutzung von Agrar-Kraftstoffen nicht um einen Königsweg handelt.

Welche negativen Auswirkungen hat die Verwendung von Agrar-Kraftstoffen?

Als vor zwei Jahren über dieses Thema diskutiert wurde, war der Ölpreis sehr hoch. Das führte zu einem großen Push für Agrar-Kraftstoffe, der wiederum eine starke Nachfrage auslöste. Diese führte zu Spekulationen auf dem Weltmarkt. Zeitgleich kollabierte das Finanzsystem. Es wurde zunehmend mit Land und mit landwirtschaftlichen Produkten spekuliert. Kraftstoffpreise kletterten in die Höhe. In dieser Zeit fand auch die Debatte in Europa statt, ob mehr Nutzpflanzen zur Herstellung von Kraftstoffen eingesetzt werden sollten – das ist nur ein Teil eines weitaus größeren Bildes.
Für die Landwirtschaft steht nur eine begrenzte Fläche zur Verfügung. Die entscheidende Frage ist nun, wie diese genutzt wird, wer dort anbaut und wer sie besitzt. Die Debatte um die Nutzung der Agrar-Kraftstoffe hat diese Punkte ins Scheinwerferlicht gerückt. Wir haben versucht, unsere Abhängigkeit vom Öl zu überwinden und eine Bioökonomie zu entwickeln. In Zukunft wird die Konkurrenz um die Flächen und die Nutzung des Landes zunehmen. Dabei werden internationale Landbesitzer und Investoren eine große Rolle spielen, wodurch die Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben werden.

Und die Auswirkungen auf das Klima?

Der zweite Aspekt dreht sich um die frei werdenden Treibhausgase. Agrar-Kraftstoffe wurden eingeführt, um diese Emissionen zu reduzieren. In den meisten Fällen werden jedoch zusätzliche Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Die Auswirkungen der Produktion und der Nutzung von „Bio-Kraftstoffen‟, wie sie ja auch genannt werden, sind in den meisten Fällen verheerender als bei fossilem Öl. Dies wird deutlich, wenn man die damit zusammenhängenden Faktoren berücksichtigt.
In vielen Ländern gibt es Zielgrößen für die Anteile, die in der Zukunft durch Agrar-Kraftstoffe abgedeckt oder bereitgestellt werden sollen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um diese zu erreichen. Die Landwirtschaft kann insgesamt intensiviert werden, um den benötigten Ertrag auf der schon existierenden landwirtschaftlichen Nutzfläche zu gewinnen oder man versucht, die nutzbare Fläche auszuweiten. Dies kann erstens bedeuten, dass Land von minderer Qualität intensiver genutzt wird, wie zum Beispiel in Afrika, wo auf Flächen, auf denen nie Nutzpflanzen angebaut wurden, mit Pflanzen wie Jatropha experimentiert wird.[1] Zweitens kann die landwirtschaftliche Nutzfläche durch Entwaldung erweitert werden. Besonders die Tropen sehen sich mit der Erweiterung der Anbaufläche von Nutzpflanzen konfrontiert – vor allem durch den Anbau von Ölpalmen zur Herstellung von Agrar-Kraftstoffen.[2]
Wissenschaftler weisen heute darauf hin, dass noch etwas viel Wesentlicheres passiert: die indirekte Änderung der Landnutzung.[3] Diese ist verantwortlich für den Anstieg der Emission von Treibhausgasen. Wenn eine Fläche, die bereits zur Produktion von Pflanzen genutzt wurde, zur Herstellung von Agrar-Kraftstoffen beitragen soll, dann muss die vorhergehende Nutzung an einen anderen Ort verlagert werden, was nicht selten zur Entwaldung führt. Die Bilanz der beispielsweise nun mit Ölpalmen bepflanzten Fläche – allein betrachtet – kann ok sein. Wenn jedoch die Änderung der Landnutzung und deren Folgen miteinbezogen werden, sieht das Bild gleich ganz anders aus: Die Freisetzung von Treibhausgasen nimmt zu.

Im Juli diesen Jahres wurde ein Abkommen zwischen Mosambik, Brasilien und der Europäischen Union über den Ausbau der Produktion und Nutzung von Agrar-Kraftstoffen unterzeichnet. Wie kommt es zu derartigen Allianzen?

Brasilien ist weltweit der größte Produzent von Ethanol, dabei wird vor allem Zuckerrohr eingesetzt. Es gibt Handelsschranken für den Export von Ethanol nach Europa. Entsprechend ist Brasilien daran interessiert, sein Wissen und seine Technologie in andere Länder zu verkaufen, um so Zugang zum europäischen Markt zu bekommen. Für Europa und Deutschland geht es in diesem Zusammenhang darum, die Ressourcen für die zukünftigen hohen Beimischungen von Agrar-Kraftstoffen in andere Kraftstoffe des Transportsektors zu sichern.
Vielleicht ist die Regierung von Mosambik mit an Bord. Wer aber definitiv nicht mit an Bord ist, das sind die kleinen Bauern des Landes. Das haben wir schon in den vergangenen Jahren beobachtet: Kleinbauern werden von ihrem Land verdrängt – nicht selten, damit dort Agrar-Kraftstoffe für den europäischen Markt produziert werden können.[4]

Sie haben die Beimischung von Agrar-Kraftstoffen erwähnt. In welcher Höhe sollen in Zukunft Agrar-Kraftstoffe konventionellen Kraftstoffen beigemischt werden?

Die bisherige EU-Regelung setzte das Ziel auf 5,6 Prozent, aber in der neuen EU-Richtlinie für erneuerbare Energien wird ein Ziel von zehn Prozent für das Jahr 2020 genannt. Allerdings wird in der Richtlinie nicht von Agrar-Kraftstoffen gesprochen, sondern von erneuerbaren Ressourcen. Dafür hatten wir uns sehr stark eingesetzt. So ist es zum Beispiel auch möglich, dass Elektroautos, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden, in diese Rechnung mitaufgenommen werden.
Die Untersuchungen der EU-Kommissionen, die im März dieses Jahres veröffentlicht wurden[5], zeigen, dass es bereits ab einer Beimischung von 4,6 Prozent zu einer Steigerung der Emission von Treibhausgasen kommt. Wenn Agrar-Kraftstoffe längerfristig produziert werden sollen, zerstört schon ein Ziel von 5,6 Prozent ihre Nachhaltigkeit in Bezug auf die Umwelt. Und nun fordert die Kommission ein Ziel von 10 Prozent!
Die Kommission hat zudem bestätigt, dass die Beimischungen nur mit den Energiepflanzen der ersten Generation produziert werden.

Da das Ziel erst in zehn Jahren erreicht werden muss, bleibt ein bisschen Zeit, es wieder zu ändern. Sehen Sie dafür eine Bereitschaft?

Im Jahre 2014 wird es eine Prüfung der europäischen Regeln geben. Aber das ist nach unserem Dafürhalten zu spät. Bis dahin werden wir Hunger, Entwaldung und mehr Treibhausgase produziert haben. Deshalb drängen wir die Mitgliedsstaaten der EU dazu, ihre Positionen zu ändern. Dazu besteht Gelegenheit, wenn sie der Kommission – alle zwei Jahre – über ihre Fortschritte bei der Umsetzung der Regulierung berichten.
Die Kommission muss bis zum Ende dieses Jahres einen Vorschlag erarbeiten, wie sie sich den Umgang mit der indirekten Änderung der Landnutzung vorstellt. Das ist der Schlüssel! Wenn sie das in Bezug auf die Emission von Treibhausgasen ordentlich macht, wird dies automatisch eine neue Begutachtung der Beimischungen nach sich ziehen. Es ist wirklich offensichtlich, dass Agrar-Kraftstoffe nicht in der Lage sein werden, die Klimaschutz-Ziele zu bedienen.

Was ist die Rolle der Gentechnik in dieser Debatte? In den USA gibt es gentechnisch veränderten Mais, der zu Ethanol verarbeitet wird. Sie erwähnten außerdem die zweite Generation von Energiepflanzen…

Im Moment ist das meiste noch im Experimentierstadium, wie zum Beispiel gentechnisch veränderte Mikroorganismen, die in großen Anlagen produziert werden sollen. Niemand weiß, ob das jemals funktioniert – technisch, wie ökonomisch. Beispielsweise müsste Biomasse in großen Mengen zu den Fabriken gebracht werden, was schnell sehr teuer werden könnte. Denn auch diese Organismen benötigen Nahrung – Biomasse irgendeiner Art. Hier kann nur von Fall zu Fall bewertet werden, ob dies funktioniert und sich rechnet oder eben nicht. Nutzen wir zum Beispiel die Wurzelstöcke und andere Reste von Bäumen, nachdem ein Wald gerodet wurde, dann bleibt das nicht ohne Konsequenzen für die Biodiversität.

Das heißt, es kommt vorrangig auf eine vernünftige Bewertung an, ob nun Gentechnik zum Einsatz kommt oder nicht?

Die Umwandlung von Energiepflanzen der ersten Generation und die Nutzung des Kraftstoffs ist für das Klima schädlicher als die Nutzung von konventionellem Öl. Wir wären nicht in einer so misslichen Lage, wenn wir zu einem früheren Zeitpunkt eine fundierte Bewertung vorgenommen hätten. Ich fordere die PolitikerInnen und die Menschen in den Verwaltungen dringend dazu auf, einen solchen Fehler bei der zweiten Generation nicht zu wiederholen.

Was geschieht im Rahmen der Kampagne der Freunde der Erde gegen Produktion und Nutzung von Agrar-Kraftstoffen?

Zunächst einmal ist es sehr wichtig, die Folgen unserer jetzigen Politik aufzuzeigen. Dazu gehört das Land-grabbing, das heißt die Übernahme der Kontrolle von landwirtschaftlichen und anderen Flächen in Afrika und anderen Teilen der Welt. Damit ist übrigens sehr oft auch die Übernahme der Kontrolle über Wasserressourcen verbunden. Das Land wird lokalen Gemeinschaften, die nur selten über verbriefte Landrechte verfügen, schlicht weggenommen. Ein anderer wichtiger Punkt ist natürlich die Entwaldung und die Tatsache, dass der Bedarf nach Agrar-Kraftstoffen in Europa aus den Erträgen ebendieser entwaldeten Flächen gedeckt werden soll.
Unsere Rolle dabei ist es, diese Folgen an die europä ische Öffentlichkeit zu bringen. Dazu nutzen wir unser europäisches Netzwerk der Freunde der Erde. Zudem bilden wir Koalitionen mit Entwicklungsorganisationen, Umweltgruppen und Bündnissen von Bauern, um die Beziehungen zwischen der indirekten Änderung in der Landnutzung und dem negativen Einfluss der Agrar-Kraftstoffe auf das Klima aufzuzeigen. Wenn uns das gelingt, dann können wir diesen Wahnsinn stoppen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Christof Potthof.

Erste und zweite Generation von Agrar-Kraftstoffen

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen charakterisiert für die verschiedenen Generationen von Agrar-Treibstoffen, dort „Biokraftstoffe” genannt, die folgenden Unterscheidungsmerkmale: „Unter Biokraftstoffen versteht man flüssige oder gasförmige Brennstoffe, die aus Biomasse hergestellt und hauptsächlich im Verkehr als Antriebsmittel, aber auch zur Strom- und Wärmeerzeugung z.B. in Blockheizkraftwerken eingesetzt werden. Es wird zwischen 1. und 2. Generation von Biokraftstoffen unterschieden. Zur 1. Generation zählen Pflanzenöl, Biodiesel und Bioethanol, die aus etablierten physikalisch-chemischen (Pressung, Extraktion, Veresterung) oder biochemischen (Alkoholgärung) Verfahren gewonnen werden. Zur 2. Generation zählen synthetische Biokraftstoffe wie Fischer-Tropsch-Diesel, Biomethan oder Bio-Wasserstoff, die über thermochemische Verfahren (Vergasung, Pyrolyse) hergestellt werden.“

Quelle:
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2008): Welt im Wandel – Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung. Im Netz unter www.wbgu.de.


[1] Siehe dazu auch den Bericht „The Jatropha Trap? The Realities of Farming Jatropha in Mozambique“ von Friends of the Earth International, veröffentlicht im Mai 2010. Im Netz unter: www.foei.org > resources > publications > agrofuels.
[2] Siehe auch den Beitrag „Holzplantagen-Kolonialismus“ von Birgit Peuker in diesem Schwerpunkt.
[3] Siehe dazu auch das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2008): Welt im Wandel – Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung. Im Netz unter www.wbgu.de.
[4] Tatsächlich ist in der Pressemitteilung der EU-Kommission vom 14. Juli von einer Partnerschaft für die Nachhaltige Entwicklung von Bioenergien die Rede, die mit Mosambik verabredet worden sei.
[5] Europäische Kommission (2010): Global Trade and Environmental Impact Study of the EU Biofuels Mandat – Final Report. AutorInnen: Perrihan Al-Riffai (IFPRI), Betina Dimaranan (IFPRI), David Laborde (IFPRI) ATLASS Consortium. Im Netz unter: http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2010/march/tradoc_145954.pdf.”

 

(Quelle: Linksnet.de.)