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Arktis: Bye-bye Knut…

Montag, Juli 12th, 2010

“Arktisches Meereis schmilzt im Rekord-Tempo

WWF: Kein guter Sommer für Eisbären


Photograph by: Denis Sarrazin/Center for Northern Studies/Handout/Reuters
The Ward Hunt Ice Shelf in the Canadian arctic. File photo.

Ein Report des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) in den USA zum Zustand des arktischen Meereis hat einen neuen Rekord-Tiefststand ausgewiesen. Demnach war die Eisfläche so klein wie in keinem Juni seit Beginn der Satelliten-Aufzeichnungen 1979. Der Studie zufolge ging das Meereis im vergangenen Monat um durchschnittlich 88.000 Quadratkilometer pro Tag zurück. Der Durchschnittswert liegt im Juni normalerweise bei etwa 53.000 Quadratkilometer täglich.

Die Umweltschutzorganisation WWF sorgt sich aufgrund dieser Entwicklung vor allem um die verbliebenen Eisbär-Vorkommen im Nordpolarmeer. „Es ist kein guter Sommer für die Eisbären mm Nordpolarmeer. Ihr Lebensraum schmilzt ihnen offensichtlich immer schneller unter den Pfoten weg‘, sagt Volker Homes, Leiter WWF Artenschutz.

Fünf Grad mehr als sonst

Der WWF beobachtet derzeit Eisbären in der Arktis, in Norwegen, der Hudson Bay und der südlichen Beaufort See. Vor allem im kanadischen Churchchill, in der westlichen Hudson Bay, sei die Situation der Eisbären dramatisch, so der WWF. Die Tagestemperaturen betragen dort momentan um die 17 Grad Celsius – der normale Durchschnittswert liegt bei zwölf Grad Celsius. Der WWF beobachtet derzeit drei Eisbären, die sich im Norden von Churchill an die verbliebenen, spärlichen Reste des Meereises klammern.

„Solch hohe Temperaturen werden den Bären zum Verhängnis‟, erklärt Homes. Noch könnten die drei Bären auf Seehundjagd gehen, doch andere Artgenossen dieser Sub-Population seien hingegen bereits an Land gegangen. Die Tiere versuchten nun, soviel Energiereserven wie möglich zu sparen, was angesichts derart hoher Temperaturen nicht einfach sei.

„Es ist ein Teufelskreis. Die Tiere magern unter diese Bedingungen immer weiter ab und werden geschwächt. Zugleich müssen sie im November länger ausharren, bis das Meereis zurückkommt und sie wieder auf Robbenjagd gehen können‟, sagt Homes.

160 Tage fasten

Nach WWF-Einschätzung müssen einige Eisbären durch die veränderten klimatischen Bedingungen eine Fastenperiode von bis zu 160 Tagen überstehen. „Auf eine derart lange Hungerzeit sind die Tiere physiologisch nicht ausgerichtet‟, sagt Homes. In diesem Jahr hätten einige Bären durch die frühe Eisschmelze bereits 18 Tage länger fasten müssen.

Jetzt hofft der WWF, dass das Meereis im kommenden Winter frühzeitig zurückkehrt. „Sollte es ähnlich spät zufrieren wie im letzten Jahr, könnten das viele Bären womöglich nicht überleben‟, so Homes.

(WWF Deutschland, 12.07.2010 – DLO)”

 

(Quelle: scinexx.)

Siehe auch:

Das Ende der Ruhe am Nordpol
Rate of Arctic sea ice melt heats up

Artenschwund: Es geht voran

Donnerstag, Juni 24th, 2010

“Dramatischer Artenschwund in Bächen und Seen

Aussterberaten im Süßwasser besonders hoch, Artneubildungen nahezu gestoppt

Schweizer Gewässerforscher schlagen Alarm: Nirgendwo sonst schwindet die Artenvielfalt schneller als im Süßwasser. Nicht nur, dass die Aussterberaten für Tiere und Pflanzen hier an die Werte der großen Massenaussterben der Erdgeschichte heranreichen. Jetzt zeigt sich auch, dass die Bildung neuer Arten in viele Regionen nahezu gestoppt ist. Das beschleunigt die Negativspirale des Artenschwunds.


© CC-by-sa 3.0
Das Artensterben ist im Süßwasser besonders groß

Nur 0,3 Prozent der Erdoberfläche ist von Seen, Flüssen und Sümpfen bedeckt. Selbst in der Schweiz, einem der wasserreichsten Länder Europas, beträgt dieser Anteil gerade einmal vier Prozent. Doch in diesen Gebieten lebt eine riesige Vielfalt an Arten. 40 Prozent der weltweit 30.000 anerkannten Fischarten und über 100.000 wirbellose Tiere sind aus dem Süßwasser bekannt. Doch diese Vielfalt ist bedroht. Denn nicht nur im Verhältnis zur kleinen Fläche, sondern auch in absoluten Zahlen liegen die Aussterberaten im Süßwasser deutlich höher als auf dem Land und in den Meeren.

Aussterberaten wie zurzeit der Massenaussterben
Über 60 Prozent aller Wasserpflanzen gelten als gefährdet. In der Schweiz zum Beispiel sind bereits 17 der gut 100 bekannten Fischarten ausgestorben. Die heutigen Aussterberaten liegen damit auf gleichem Niveau wie während der größten Massenaussterben in der Erdgeschichte. Jetzt zeigt das Wasserforschungsinstitut Eawag auf, dass zusätzlich auch immer weniger neue Arten entstehen. Evolutionsökologe Ole Seehausen bezeichnet diesen doppelt negativen Trend als „katastrophale Biodiversitätsverschuldung‟.

Seehausen und seine Gruppe haben nachgewiesen, dass Veränderungen an den Prozessen, die zur Artbildung geführt haben, auch für die Abnahme der Artneubildung verantwortlich sind. Zum Beispiel dann, wenn Umweltveränderungen Lebensräume verkleinern oder ihre Vielfalt reduzieren. Dann werden genetische Anpassungen an die ökologisch verschiedenen Nischen hinfällig, junge Arten verschmelzen zu einer einzigen Mischart, und im Entstehen begriffene Arten werden nicht mehr gebildet. Im Fall der 32 verschiedenen Felchenarten in Schweizer Seen sind in den letzten 50 Jahren mindestens ein Drittel verschwunden.

„Für die Erhaltung der Übrigen bleibt nicht mehr viel Zeit‟, sagt Seehausen und fordert eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschung und angewandtem Naturschutz. Der Verlust an Biodiversität sei ein Kapitalverlust für die kommenden Generationen. Gewässerökosysteme sind davon besonders betroffen, weil sie eine ungewöhnlich hohe Biodiversität aufweisen. Maßnahmen zum Schutz des genetischen Reichtums in Seen und Flüssen konnten den Abwärtstrend bisher nicht stoppen.

Vernetzung schwindet
Grund für den Artenschwund sind nicht nur fehlende oder monoton gewordene Lebensräume, sondern auch die fehlende Vernetzung. Künstliche Barrieren machen den Fischen zu schaffen. So wiesen Eawag-Fischbiologen am Unterlauf des Flusses Töss 23 Fischarten nach, oberhalb eines sechs Meter hohen Wehrs reduzierte sich diese Zahl auf nur noch zwölf. An der Sitter waren 46 der 54 untersuchten Zuflüsse für die Groppe, eine Kleinfischart der Oberläufe, nicht erreichbar. Umgekehrt stieg die Zahl der Fischarten im Lichtensteiner Binnenkanal innerhalb nur vier Jahren von sechs auf 16 an, nachdem ein Absturz an der Mündung in den Alpenrhein fischgängig umgestaltet worden war.

Evolution – schneller als man denkt
Dass evolutionäre Prozesse – anders als im traditionellen Naturschutz angenommen – oft innerhalb weniger Generationen zu markanten Veränderungen und Anpassungen von Arten führen können, hat ein Forscherteam des Gewässerökologen Piet Spaak am Greifensee nachgewiesen. Die Forscher haben dazu 50 Jahre alte Dauereier von Wasserflöhen (Daphnien) aus dem Sediment ins Labor geholt und wieder lebensfähige Tiere daraus schlüpfen lassen. Diese waren gegenüber den erhöhten Bleikonzentrationen, wie sie in den 1960er Jahren herrschten, deutlich resistenter als Tiere aus jüngster Zeit.

Auch bei den von Seehausen untersuchten Forellen zeigte sich Erstaunliches: Die fünf in der Schweiz bekannten Forellentypen – entstanden in den eiszeitlichen Rückzugsgebieten – sind offenbar an sehr unterschiedliche ökologische Verhältnisse angepasst und können in naturnahen Flüssen noch nebeneinander leben, ohne zu verschmelzen. In stark beeinträchtigten Flüssen hingegen werden sie von der praktisch überall ausgesetzten Rheinforelle verdrängt.

Biodiversität als „Portfolio für die Zukunft‟
Eawag-Forscher Mark Gessner vergleicht die Biodiversität mit einem breit abgestützten Portfolio an der Börse, als „Versicherung für die Zukunft‟. Eine hohe Artenzahl und hohe genetische Vielfalt bedeuteten mehr Stabilität gegenüber Umweltveränderungen und das wiederum sichere der Bevölkerung die Dienstleistungen, welche ein Ökosystem erbringe. Dazu gehören zum Beispiel der Fischertrag, aber auch sauberes Wasser, Schutz vor Hochwasser oder attraktiver Erholungsraum. Gessner fordert daher eine vertiefte Auseinandersetzung der Forschung nicht nur mit dem Ausmass und den Gründen des Biodiversitätsverlustes, sondern auch mit den Konsequenzen. Statt punktueller Massnahmen müsse ein räumlich und inhaltlich übergreifendes Gewässermanagement umgesetzt werden. Das erfordere ein Umdenken in der Wasserwirtschaft, wie es beim Hochwasserschutz bereits begonnen habe.

(EAWAG: Swiss Federal Institute of Aquatic Science and Technology, 22.06.2010 – NPO)

(Quelle: scinexx.)