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Senegal: Casamance – der vergessene Krieg

Donnerstag, Juni 9th, 2011

“Die dunkle Seite des Paradieses

Die Casamance trägt ihren Namen aufgrund des Casamance Flusses, der sich an der Atlantikküste in ein riesiges Delta spaltet. Sogenannte Bolongs sorgen für ein Geflecht aus mit Mangroven bewachsenen Wasserstraßen. Die Casamance besticht mit ihrer tropischen Vegetation, ihrer vielfältigen Vogelwelt und ihrem landwirtschaftlichen Potential und verfügt über mannigfaltige Ressourcen. Wichtige wirtschaftliche Stützen sind neben der Landwirtschaft vor allem der Tourismus und der Fischfang.

Die militärische Auseinandersetzung der Regierung Senegals und der Movement des Forces Démocratiques de la Casamance (MFDC) hat seine Wurzeln in einer Unabhängigkeitsbewegung seit den 1945er Jahren. Der militärische Flügel der MFDC kristallisierte sich 1982 aufgrund der brutalen Niederschlagung von friedlichen Demonstrationen in Ziguinchor heraus, vor allem der 18. Dezember 1983 ging als „roter Sonntag“ mit 50 – 200 Toten in die Geschichte ein. Auch die Inhaftierung der Anführer 1982 begünstigte den Startschuss von Gewalt und Gegengewalt. Die MFDC konnte bis 1990 die Guerilla vollständig mobilisieren, wobei die Topographie der Casamance militärische Operationen der senegalesischen Regierung erschwerte. Dennoch gab der Staat von Beginn an militärischen Lösungen Vorrang gegenüber politischen oder gerichtlichen. Gewaltsame Übergriffe beider Seiten verschärften sich stetig. Der Beginn überschattete die Amtszeit Abdou Dioufs (1980 – 1999), welcher sich stark in die bewaffnete Auseinandersetzung um die Präsidentschaft in Guinea-Bissau einmischte.

Enge Verbindungen zwischen Gambia, Guinea-Bissau und der MFDC sind nicht abzusprechen. Eine noch stärkere politische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Verbindung von Banjul (Gambia), Bissau (Guinea) und Bignona (Casamance) ist der Albtraum der senegalesischen Regierung. Die Lage in Guinea-Bissau ist seit dem Bürgerkrieg 1998/99 unübersichtlich. Das senegalesische Militär unterstütze während des ersten Militärputsches die guinesische Regierung während der putschende General Ansumane Mané von der Südfront der MFDC getragen wurde. Auch nach dem Sturz der damaligen Regierung blieb Guinea-Bissau instabil und geprägt von weiteren Militärputschen und ist als wichtiger Faktor in die Friedensverhandlungen mit einzubeziehen. Es bestehen weiterhin enge Beziehungen zwischen den Regierungen Guinea-Bissau und des Senegals. Gleichzeitig stüzten sich auf der anderen Seite das guinesische Militär und die MFDC.

Vor allem in den 90er Jahren wurden zahlreiche Waffenstillstandsabkommen geschlossen, von denen jedoch keines von Dauer war. Grund für die immer wieder scheiternden Friedensabkommen ist vor allem die unübersichtliche Aufspaltung der einstigen Einheit MFDC in zwei Hauptfronten, die Nordfront und die stärker militante Südfront, wobei auch darunter noch Abspaltungen bestehen. Diese sind durch Uneinigkeit und ständigen Wandel gekennzeichnet. Diese komplexe Fraktionierung der MFDC macht Verhandlung fast unmöglich. Der seit 1999 amtierende Präsident Abdoulay Wade ist an einer Autonomie der Casamance keineswegs interessiert. Auch an den Friedensverhandlungen von 2004 waren nicht alle Fraktionen der MFDC beteiligt, weshalb der Konflikt sich erneut zuspitzen konnte, vor allem nach dem Tod des Rebellenführers Augustin Diamancoune Senghor 2007. Friedensverhandlungen werden weiterhin von einer Verstärkung des militärischen Einsatzes begleitet, zuletzt im März 2010 als die senegalesische Regierung als Reaktion auf langanhaltende Übergriffe der Rebellen intensive Luftangriffe und Bombardierungen der Rebellenstützpunkte durchführte. Zuletzt ereignete sich im Dezember 2010 bei Bignona ein bewaffneter Raubüberfall. Schätzungen zufolge fielen den Rebellionen bis 2004 zwischen 3.000 und 5.000 Menschen zum Opfer, mindestens 652 aufgrund von Landminen. Eine Studie der NGO Handicap International spricht von 90.000 Minenopfern bis 2006. Das Problem mit den Landminen führt vor allem seit den wieder vermehrten Kampfhandlungen zu einem Einbruch in der Tourismusbranche. Zuletzt fuhr im Januar 2010 ein Wagen der Armee auf eine Mine.

Der Konflikt, der vor allem vor dem Hintergrund von Autonomiebestrebungen ausgetragen wird, lässt sich neben den militärischen Gegebenheiten in unterschiedliche Dimensionen zerlegen. Im historisch-politischem Kontext blickt das Gebiet der Casamance auf eine lange Tradition der Unabhängigkeitsbewegungen zurück. Seit Beginn der portugiesischen Kolonisation 1645 über die französische Kolonialzeit bis zur Erlangung der Unabhängigkeit 1960 widersetzen sich vor allem die Diola jeglicher staatlicher Autorität. Damit kommt auch die kulturelle Komponente ins Spiel, wobei der Konflikt Seitens der MFDC zwar von den Diola dominiert wird und tatsächlich Berichte existieren, nach denen die Bevölkerung der Diola bei Angriffen der MFDC verschont blieb, man aber dennoch nicht von einer einzig auf Initiative der Diola geführten Unabhängigkeitsbewegung sprechen kann. Die Diola leben vorwiegend in der Casamance, aber auch in den angrenzenden Ländern Guinea-Bissau und Gambia. Im Norden sowie in der senegalesischen Regierung sind vor allem die Wolof dominant. Auch ist der Islam im Nordsenegal stärker verbreitet. In der Casamance finden sich neben einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit ca. 20 % Katholiken und ca. 8 % Animisten. Der alte Naturglauben der Diola basiert auf den Elementen der Wiedergeburt und der Unterwerfung des Individuums unter die Gesellschaft. Ihre Jenseitsvorstellung ist moralischer Ausprägung: Der gute Teil des Menschen wird reinkarniert, der schlechte ausgelöscht und der hervorragende geht ins Paradies ein. Das Senioritätsprinzip und ein Fetischkult, beispielsweise in Form der heiligen Wälder (Bois Sacrés) sind wichtige Eckpfeiler. Der senegalesischen Regierung wird unter anderem mangelnder Respekt gegenüber der Diola-Kultur und die Nichteinbeziehung der magisch-religiösen Elemente in die Konfliktbegründung vorgeworfen. Mit der partiellen Zerstörung der heiligen Wälder erschwert sie die Beilegung des Konflikts.

In sozioökonomischer Hinsicht steht der ressourcenreichen Region die Enklavenlage an der Peripherie des Senegals und die schlecht entwickelte Infrastruktur gegenüber. Seit der Kolonialzeit kann man von einer Marginalisierung des Südens sprechen. Die koloniale Grenzziehung Englands und Frankreichs führte dazu, dass der Senegal fast vollständig durch Gambia geteilt wird und einzig im Osten eine Landverbindung besteht. Der infrastrukturelle Zugang zu dem wirtschaftlichen Zentrum im Norden mit seiner Hauptstadt Dakar ist bereits geographisch erschwert. Hinzu wird der Regierung eine Vernachlässigung des südlichen Landesteiles und geringe Investitionen des Zentralstaates in diese Region vorgeworfen. Andererseits stieß sich eine verstärkte Zuwanderung aus dem Norden in das landwirtschaftlich ertragreiche Gebiet mit willkürlicher Landvergabe mit dem soziologischen Prinzip der Unverkäuflichkeit von Wäldern und Erde. Der Erdnussanbau, der weniger zur Subsistenzwirtschaft als zur Exportsteigerung dient, wurde durch den Norden etabliert und führte aufgrund der vorgenommenen Rohdungen zu einer Versalzung des Bodens und somit zur Knappheit der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Daneben stützt sich die wirtschaftliche Kraft der Casamance zum einen auf den Fischfang, bedroht durch die Überfischung der Weltmeere und zum anderen auf den Tourismus. Durch den seit nunmehr 30 Jahre schwelenden Konflikt kommt der Tourismus allerdings teilweise zum erliegen. Selbst NGOs reduzierten ihre Arbeit oder stellten sie gänzlich ein. Andere, wie die DAHW bewegen sich in der Region nur noch im Schutz eines Militärkonvois fort. Diese sinkenden Einnahmen aus dem Tourismus sowie die Einstellung von Entwicklungsprojekten wirken sich abermals negativ auf die wirtschaftliche Situation aus.

So wurden die Grundlagen zur Entwicklung einer Kriegsökonomie gelegt, die auf Drogenhandel und Waffenhandel basiert. Vor allem mit dem Nachbarland Guinea-Bissau besteht ein reger Waffenhandel. Der Beitritt zur Westafrikanischen Währungsunion „Union économique et Monétaire Ouest Africaine“ (UEMOA) 1997 hat zu einem starken Absinken des Lebensstandards in Guinea-Bissau geführt. Militärs behelfen sich teilweise mit dem „Verleih“ ihrer Waffen aus der wirtschaftlichen Misere.

Amnesty International berichtet von Menschenrechtsverletzungen, Folter, willkürliche Festnahmen, das „Verschwindenlassen“ von Personen und illegalen Hinrichtungen seitens des senegalesischen Militärs. Auch die MFDC unterstreiche ihre Erwartung an die Unterstützung durch die Bevölkerung durch Androhung von Gewalt und Mord. In Bezug auf die Lage der Frauen wird häufig von Vergewaltigungen berichtet. Gräueltaten beider Seiten unterliegen selten einer strafrechtlichen Verfolgung.”

 

(Quelle: Rollis für Afrika.)

Siehe auch:

Frauen und Frieden in Casamance
Neues Friedensangebot an Casamance-Rebellen