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Mexiko: ÜberLeben mit Gewalt

Montag, Februar 4th, 2013

“Juárez zwischen der Politik des Schreckens und dem Widerstand

Von Willivaldo Delgadillo

Juárez in Berlin

Im Februar 2010 nahm ich an einem Treffen der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko in Berlin teil. Kaum angekommen, erfuhr ich von dem Massaker in Villas de Salvarcar: 16 Jugendliche waren von einem bewaffneten Kommando umgebracht worden, als sie eine Geburtstagsparty feierten, und die Regierung behauptete, dass es sich um einen Krieg zwischen Banden handele. Als ich zwei Wochen später nach Mexiko zurückkehrte, befand sich die Stadt im Aufstand gegen die Regierung. Am gleichen Tag trat Luz María Dávila, Mutter zweier der Opfer, Felipe Calderón gegenüber und erklärte ihn zur persona non grata. Dieser Augenblick markierte einen Wendepunkt im so genannten Drogenkrieg. Obwohl bereits vorher Demonstrationen und Protestmärsche für den Frieden, gegen die Militarisierung und für die Gerechtigkeit stattgefunden hatten, nahmen diese von jenem Zeitpunkt an eine neue moralisehe Kraft an. Sie zielten nun darauf ab, das wahre Gesicht des politischen Diskurses aufzuzeigen, dem sich die Politik der sozialen Säuberung des mexikanischen Staates verschrieben hat. Ein Jahr später trug die Ankunft der „Karawane für den Frieden mit Gerechtigkeit und Würde‟, zu der Javier Sicilia[1] aufgerufen hatte, dazu bei, die Opfer ins Zentrum der Diskussion zu stellen und ihnen Würde zu verleihen. Sicilia bezeichnete Juárez als „Epizentrum des Schmerzes‟ und erkannte hiermit zweifellos die Unterjochung dieser Stadt durch die Regierung Calderón an, eine Unterjochung durch zehntausend Morde und die Kriminalisierung des sozialen Lebens. Gleichzeitig hob er hervor, dass Juárez zum Ausgangspunkt wurde für den Widerstand gegen die Militarisierung und gegen das, was er, Sicilia, als política del horror („Politik des Schreckens‟) bezeichnet hat.

Da es für mich unmöglich war, alles, was sich in Juárez ereignete, auf diesem Treffen der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko anzusprechen, beschloss ich, auf eine Erzählung über einen Rundflug im Helikopter zurückzugreifen. Die Geschichte ging so: Aus dem Hubschrauber sehen wir, auf der einen Seite begrenzt von einer Bergkette, auf der anderen in die Wüste auslaufend, einen dunklen Fleck: die Stadt Ciudad Juárez. Im Süden erkennt man die Dünen von Samalayuca, die seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich unterhöhlt und ausgeplündert werden. Nicht weit davon befindet sich ein Endlager für radioaktive Abfälle, in dem mit Kobalt-60 kontaminiertes Metall aus einem Röntgengerät der 80er Jahre gelagert wird, deren radioaktives Potenzial ohne weiteres irreversible Schäden hätte verursachen können; es kostete jedoch lediglich mehrere Menschenleben. Dies als Beispiel für die Umweltzerstörung, der die Gegend ausgesetzt ist. Im Osten befindet sich eine lange Reihe ehemaliger Agrarsiedlungen, die von der Immobilienspekulation und dem Drogenhandel zerstört wurden: eine Gegend, die Tal von Juárez genannt wird. Und im Westen der Stadt liegt Lomas de Poleo, eine Gemeinde, in der sich eine Gruppe von Ansiedlern, die dort seit 30 Jahren leben, und eine einflussreiche Gruppe von Geschäftsleuten in einem Landkonflikt befinden. Der Streitfall besteht seit vielen Jahren. Für die Ansiedler steht ein selbstverwaltetes Farmprojekt auf dem Spiel. Für die Unternehmer hingegen ist das mehrere Hektar große Gebiet attraktiv, weil es strategisch günstig in einer binationalen Industriezone liegt. Die örtlichen Regierungen haben dafür Infrastruktur wie die Fernstraßen Jerónimo und Camino Real errichtet, die Juárez auf mehreren Wegen mit Neu-Mexiko[2] verbinden. Diese Investitionen zielen darauf ab, in Juárez eine weitere Geschäfts- und Industrieregion (soll heißen, eine Maquiladora[3]) aufzubauen. Hier wird immer die gleiche alte Formel angewendet: niedrige Löhne und geringe oder gänzlich fehlende Investition in materielle und symbolische Güter für die Arbeiter_innen meist Immigrantinnen, aber auch junge Männer, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Seit acht Jahren wird Lomas de Poleo auf Geheiß der Unternehmer von einer paramilitärischen Einheit überwacht, die mit Wachhäuschen und bewaffneten Wachleuten den Ort umzingeln und kontrollieren, wer kommt und geht. Dies geschieht mit der Absicht, die Bewohner sowohl von ihren Nachbarn und dem Nachbarort Lomas de Poleo Bajo als auch von sozialen und Menschenrechtsorganisationen zu isolieren, die versuchen, sie zu unterstützen. Dieser Krieg niedriger Intensität wird unter der Duldung und mit der Komplizenschaft der örtlichen und staatlichen Behörden geführt, die ihre Verantwortlichkeiten aufgegeben haben und zulassen, dass eine Gruppe von Privatleuten Menschen förmlich in Ghettos einsperrt, damit die Bewohner der Gemeinde von ihren Forderungen ablassen und auf Grund und Boden verzichten. Wie man sieht, handelt es sich hier nicht lediglich um einen unter vielen Streitfällen um Grund und Boden, sondern um einen regelrechten Feldzug zur Neuordnung der räumlich-sozialen Beziehungen in der Region. Lomas de Poleo ist keine illegale Siedlung. Die Bewohner können Dokumente vorweisen, die ihnen bescheinigen, dass sie rechtmäßige Besitzer des Bodens sind. Viele Jahre lang hatte die Gemeinde einen funktionierenden Postdienst und war ans Stromnetz angeschlossen. Die Straßen hatten Namen, die im Stadtplan verzeichnet waren; es gab zwei Schulen und eine Kirche. Die Schlägertrupps im Auftrag der Familie Zaragoza übernahmen es, Häuser niederzubrennen (in einem Fall waren zwei Kindern darin), die Kirche zu zerstören, die Straßenschilder abzureißen und die Hunde zu vergiften, während die Anwälte der Familie Zaragoza den Abbau der Strommasten in die Wege leiteten. Ihr Ziel war es, eine Gemeinde zum Niemandsland zu reduzieren und diesen Raub zu vertuschen. Den Höhepunkt stellte eines der gewalttätigsten Ereignisse dieses Feldzuges dar: Ein Anwalt, der einige der Fälle der Bewohner von Lomas de Poleo übernommen hatte, wurde ein paar Häuserblöcke vom Agrargericht der Hauptstadt des Bundesstaates Chihuahua entfernt von Kugeln durchsiebt.
Die Vorfälle in Lomas de Poleo kündigten schlimme Zeiten an.

Über die Prekarltät und die Gewalt gegen die Gemeinden

Der Grenzstaat Chihuahua ist beispielhaft für die verheerenden Auswirkungen des Freihandels in Mexiko ich spreche hier nicht nur von dem Freihandelsabkommen, sondern von der allgemeinen Politik, die in der Region seit den 60er Jahren ausgeübt wird. In Chihuahua, und besonders in Ciudad Juárez und Umgebung, konzentrieren sich auf dramatische Weise die systematische Verletzung der Menschenrechte, Frauenmorde und geschlechtsspezifische Gewalt, der Machtmissbrauch, der in den politischen Strukturen verwurzelt ist, die Militarisierung, die Kriminalisierung der jungen Männer und des sozialen Protestes, Vertreibungen, außergerichtliche Hinrichtungen, die Zerstörung der regionalen Wirtschaft, die Verwüstung des Bodens, die sozialen Konsequenzen der Deregulierung des Arbeitsmarktes und die Unfähigkeit der nationalen und internationalen Institutionen, auf all dieses Unrecht zu reagieren.

Historische Entwürfe wie der einer Arbeiterklasse, die den transnationalen Interessen untergeordnet ist, haben eine Bevölkerung geschaffen, die als wertlos, als wegwerfbar[4] betrachtet wird. Seit den 40er Jahren hat der mexikanische Staat durch zeitlich begrenzte Gastarbeiterabkommen wie dem Bracero-Programm den Handel mit männlichen Arbeitskräften in völliger Schutzlosigkeit zugelassen, damals in der Absicht, die US-amerikanischen Militäreinsätze im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg zu unterstützen. Später, in den sechziger Jahren, institutionalisierte der mexikantsche Staat mit Programmen wie dem Programa Industrial Fronterizo (PIF) und dem Programa Nacional Fronterizo (PRONAF) rechtlich und ideologisch die Basis für die Schaffung einer den Prinzipien des transnationalen Kapitals unterworfenen Arbeiterschaft, die zunächst hauptsächlich aus Frauen bestand. Die Ausnahmebedingungen, unter denen diese transnationalen Interessen sich verwirklichen konnten, hat Enklaven hervorgebracht, in denen die prekäre Lebenssituation der Bewohner extrem wurde. Dies spiegelt sich wider in den niedrigen Löhnen, der hohen Anzahl der Arbeitsstunden, den schlechten Arbeitsund Lebensbedingungen, insbesondere jedoch in dem Stigma der Wegwerfbarkeit, das den Menschen anhaftet, die Opfer dieser öffentlichen Politik sind. Der Staat zu Diensten des freien Marktes hat wohlüberlegte Maßnamen eingeleitet, um die Organisationsund Reaktionsfähigkeit ganzer Gemeinwesen außer Kraft zu setzen. Die Unterdrückung politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeiten, die Gewalt gegen Frauen, das Verschwindenlassen von Menschen und die selektive Duldung von Drogenund Waffenhandel sind einige der Mittel, die der Staat angewendet hat, um den von ihm erzeugten Ausnahmezustand aufrecht zu erhalten. Diese historischen Projekte haben Prozesse hervorgerufen, durch die die Bedingungen für extremste prekäre Lebenssituationen geschaffen wurden, die längst nicht mehr lediglich in Grenzstädten wie Ciudad Juárez vorherrschen, sondern sich in ganz Mexiko ausgebreitet haben.

Wohlüberlegte Entscheidungen

Um das Leben ertragen zu können, müssen stabile und nachhaltige Rahmenbedingungen geschaffen werden, und dort, wo keine Möglichkeit zur Besserung besteht, muss man alles geben, um die Notsituation zu lindern und die Bedingungen für ein würdiges Leben zu stärken.
Das ist laut Autoren wie Judith Butler die Materialität der moralischen Entscheidungen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist. An Orten wie Ciudad Juárez hat der Staat Mexiko seine Pflichten vernachlässigt und nicht nur aufgegeben, für würdige Lebensbedingungen zu sorgen; in einigen Fällen, wie in dem von Lomas de Poleo, hat er sich abgesehen von der Aufgabe seiner Zuständigkeiten und Verpflichtungen obendrein noch den privaten Interessen der Akteure der Globalisierung auf regionaler Ebene unterworfen. In diesem Zusammenhang hat die Regierung Felipe Calderón die Sicherheitspolitik instrumentalisiert, um die prekäre Lage der Menschen noch zu steigern. Jeder einzelne der mindestens 80.000 Morde der vergangenen sechs Jahre war wie ein Erdbeben, das die Gemeinden erschüttert hat. In Ciudad Juárez hat die Zahl der gewaltsamen Tode 12.000 erreicht; die sozialen, politischen und moralischen Konsequenzen dieser menschlichen Tragödie bleiben abzuwarten. In einem Artikel zum Thema, der 2010 in der Zeitschrift Nexos veröffentlicht wurde, betont der Autor Héctor Ruvalcaba, dass vor allem die jungen Männer von den ökonomischen Katastrophen und Ungerechtigkeiten betroffen sind. Sie stellen den höchsten Prozentsatz der Emigranten dar und auch die größte Zahl der Opfer der Gewalt in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen. Laut Ruvalcaba lebt die Hälfte der jungen Männer in Mexiko unter der Armutsgrenze. Zwischen 2000 und 2006 emigrierten jährlich 220.000 in die USA. Das Schlimmste ist jedoch ihre Reduzierung zu „bloßen Körpern ohne Subjektivität‟: Jeder junge Mann, der umgebracht wird, wird von vornherein als Mitglied irgendeiner kriminellen Bande betrachtet. Dadurch, dass ihnen die Unschuld von vornherein abgesprochen wird, werden diese männlichen Leichname zu bloßen Körpern ohne Subjektivität, ohne Lebenslauf, und in vielen Fällen ohne würdevolle Beerdigung. Die Eigenschaft als Bürger dieses Staates wird ihnen aberkannt; man spricht von ihnen nur als von den ‚Kriminellen‛. In diesem Drama der Gewalt ist es die Stimme der jungen Männer, die wir am allerwenigsten hören. Sie haben kaum Präsenz in der Öffentlichkeit, werden höchstens in Listen von Täter- oder Opferzahlen erwähnt, und wenn sie doch einmal zu Wort kommen, dann nur, um das erwartete (und in vielen Fällen erzwungene) Geständnis abzulegen oder allenfalls eine fadenscheinige Rechtfertigung ihrer Taten zu liefern. Doch meist sind es nur plakative Leichname, die die Stadt neu definieren als Müllkippe für wertlose, wegwerfbare Menschenkörper.

In diesem Rahmen sind die Erklärungen Felipe Calderons zu Villas de Salvarcar nicht als Ergebnis fehlerhafter Informationen zu betrachten, die ihm von irgendeinem Beamten übermittelt wurden. Es handelt sich vielmehr um eine Einstellung des Staates, die sich in einer öffentlichen Politik konkretisiert, die darauf zielt, die prekäre Lebenssituation gewisser Menschen auf die Spitze zu treiben. Darin bestand im Wesentlichen die Militarisierung: im Aufmarsch bewaffneter Truppen Armee und Staatspolizei und im politischen Diskurs, der bestimmte Bevölkerungsschichten als Wegwerfgut betrachtet und Orte wie Juárez neu definiert hat als Müllkippe für wertlose Menschenkörper.

Eine erniedrigte Gesellschaft erhebt sich

Angesichts eines Szenarios der Kriminalisierung des sozialen Lebens und sogar der Gefahr der bevorstehenden physischen Auslöschung gingen die Bewohner von Juárez auf die Straße um zu protestieren anfangs mit nicht sehr klar formulierten Forderungen. Auch soziale Organisationen und Verbände schlossen sich den Protesten an.
Menschenrechtsorganisationen, doch auch einige Händler und Kleinunternehmer demonstrierten. Ein Teil der Mittelklasse beschloss, ihre Wohnanlagen zu verbarrikadieren; diese Tatsache, obgleich durch Angst motiviert, offenbarte ein tiefes Misstrauen gegenüber der Obrigkeit und damit eine Form des Protestes. Unter den Demonstrationen stachen einige besonders hervor, wie etwa der Protestmarsch der Ärzte, die Caminatas contra la Muerte (Märsche gegen den Tod), die Marcha del Coraje, el Dolor y el Desagravio (Marsch der Wut, des Schmerzes und der Wiedergutmachung), die Campaña hacia la Justicia (Kampagne für Gerechtigkeit), BASTA (de Sangre; Schluss mit dem Blutvergießen, Anm. der Redaktion). Es waren Tage des Kampfes und des Widerstands angesichts der Gewalt, die nicht enden wollte und unkontrollierbar wurde. Obgleich die Ermordung der jungen Leute Teil einer planvollen Politik war, hatte die Regierung nicht einkalkuliert, dass sich die Gewalt exponentiell steigern würde. Bald erreichten die Morde, Entführungen und Erpressungen auch die Mittelklasse und, obwohl in geringerem Maße, selbst die Chefetagen der Unternehmen.

Unabhängig von den Zahlen ist es wichtig hervorzuheben, dass die Bewohner von Juárez auf die Straße gingen, um zu protestieren, trotz des rhetorischen Großangriffs vonseiten des Staates, der von den Medien reproduziert wurde. Es ist bemerkenswert, dass die Stimmen des Protestes sich in einem Zusammenhang erhoben, in dem sogar einige Intellektuelle wie Héctor Aguilar Camín forderten, dass die Menschen auch gegen die Narcos protestieren sollten und nicht nur gegen die Regierung. Zu protestieren bedeutete also nicht nur, sich den Kontingenten der Staatspolizei und die Armee entgegenzustellen (auf einer Demonstration wurde der junge Darío Orrantiapo von einem Polizisten der Bundespolizei erschossen), sondern auch, die öffentliche Meinung vor allem die der staatlichen Medien herauszufordern. Die Verschleierung von Seiten der Medien verdient eine gesonderte Untersuchung, aber es scheint mir wichtig hervorzuheben, dass die Ansicht vorherrschte, dass, wer sich gegen die Präsenz des Militärs auf den Straßen aussprach, automatisch den Interessen der Drogenkartelle zuarbeitete, und vor allem, dass die Regierung einen tapferen und ehrenhaften Krieg gegen den Drogenhandel führte.
Allmählich fingen die Protestierenden an, klarere Forderungen zu stellen, bis sich drei Schlagwörter herauskristallisierten: Wiederherstellung des Friedens, Gerechtigkeit, Aufhebung der Militarisierung. Nicht alle Proteste kreisten um diese drei Achsen, doch nach und nach entstanden mehrere Aktionsfronten, in denen wiederholt diese konkreten Forderungen laut wurden. Manche Aktionen zogen eine Menge Leute an und bedienten sich innovativer Methoden, die Empörung zu zeigen. Ein Beispiel ist der “Marsch des Mutes, des Schmerzes und der Wiedergutmachtung”, angeführt von Luz María Dávila. Er führte vom Monumento de Juárez zum Grenzübergang an der Avenida Juárez: Der Protestzug wurde zu einem Forum vieler Stimmen und kreativer Protestformen. Alles zielte darauf ab, den Mythos des Kriegs gegen den Drogenhandel zu entlarven. Der militärische Ansturm, das war allen Protestierenden klar, war gegen die kriminalisierte Gesellschaft gerichtet.
Die Mobilisierung zeigte ein anderes Gesicht der jungen Leute und allgemein der Bewohner von Juárez: intelligente Subjektivitäten mit organisatorischen Fähigkeiten, Reaktionsfähigkeit und Führungsqualitäten. Eine nicht sehr rentable und deshalb wenig verbreitete Nachricht. Die Demonstration wurde zu einem performativen Akt, der dazu beitrug, neue Bande zwischen den Stadtteilen zu schmieden und in dem es gelang, den Drogenkrieg und den politischen Diskurs seines obersten Befehlshabers zu parodieren: Während die Kunstkollektive die Wände mit Losungen wie Sin Miedo („wir haben keine Angst‟) und “Calderón, die Bewohner von Juárez verzeihen dir nicht, hau ab” schmückten, rückten die Marschgruppen vor. Im letzten Abschnitt des Protestzuges warfen sich die Demonstranten auf den Boden, umgeben von Schweinen und Gorillas[5], die sie mit langen Waffen aus Holz bedrohten, von der Ladefläche eines Transporters aus angestachelt von einem überzeugend dargestellten Felipe Calderón in Militäruniform. Doch diesmal nahmen die Demonstrierenden ihr Schicksal als Leichname nicht hin und erhoben sich, um weiterzumarschieren.
Anderthalb Jahre nach dieser Aktion traf die Caravana del consuelo („Karawane des Trostes‟), zu der die Bewegung für den Frieden mit Gerechtigkeit und Würde aufgerufen hatte, in Juárez ein. Auf ihrem Weg sammelte sie Zeugenaussagen und Anzeigen von Familienmitgliedern der Tausenden ermordeten oder verschwundenen Männer und Frauen, die bis zu jenem Zeitpunkt als Kollateralschäden gegolten hatten. An diesem Protestzug, der von dem Journalisten Miguel Ángel Granados Chapa als ambulantes Forum bezeichnet wurde, nahmen Menschen aus verschiedenen Teilen Mexikos teil. Und obgleich es nicht gelang, eine geschlossene Front gegen Calderón zu bilden, wurde der Zug zum stärksten Referenzpunkt. Hier zeigte sich vor allem, dass der Kampf zur Wiederherstellung des Landes vielfältig und vielstimmig sein muss. Als Luz María Dávila und Javier Sicilia sich am Stadtrand von Juárez umarmten, schien in ihrem gemeinsamen Schmerz ein Ausgangspunkt für die Wiederherstellung des Landes denkbar; der Ausgangspunkt ist die Kraft der Stimmen der Opfer, die durch ihre Forderungen zu Gesichtern des Wandels werden, und nicht zu Objekten des Mitleids oder Grund zur Scham.

Zwischen Politik des Schreckens und Widerstand

In einem jüngst veröffentlichten Artikel, La política del horror („Die Politik des Schreckens‟)[6], zitiert Sicilia Alain Finkielkraut im Bezug auf den Nazismus, um die Regierung von Felipe Calderón zu definieren: „eine Regierung, die die Bürokratie also eine rein funktionale Intelligenz und die Besessenen also eine summarische, binäre, abstrakte, erhabene Intelligenz, die gegenüber der Singularität und dem Prekären der Einzelschicksale vollkommen gleichgültig ist, in Übereinstimmung gebracht hat‟.

Allerdings gibt es laut Sicilia zwei Unterschiede zwischen klassischem Totalitarismus und der Regierung Calderón: Erstens, so schreibt er, habe der totalitäre Staat ein verdrehtes Menschenbild und ein verzerrtes Geschichtsbewusstsein die Regierung Calderón jedoch habe überhaupt kein Bild, weder der Menschheit, noch der Geschichte. Zwischen der Staatsbürokratie und den „Besessenen‟ sei „das Einzige, was unter der Maske der Demokratie und des Fortschritts herrscht, die Macht in ihrer Reinform, der sinnlose Streit um Gebiete, Geld und instrumentalisierte Menschenleben.‟ Zweitens weist er darauf hin, dass in totalitären Regimes die Bürokraten und die „Besessenen‟ normalerweise Teile einer monolithischen Staatsstruktur sind, während „bei Calderóns Regierung ungewiss ist, wo sie stehen: sie sind genauso Teil der Legalität wie der Illegalität‟. Sicilia hat Recht: Der monolithische Staat wurde durch kriminelle Vereinigungen ersetzt, die auf einem Terrain agieren, auf dem die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität immer mehr verschwimmen. Und diejenigen, die Sicilia metaphorisch als „die Besessenen‟ bezeichnet, sind in Wirklichkeit oft auch die Geier, die inmitten des Chaos und der Gewalt kühl kalkulierend plündern, spekulieren, sich das Vermögen anderer aneignen und den Staatsapparat nach ihrem Gutdünken manipulieren. Diese Menschen haben einen Namen und ein Gesicht. Und obgleich hier in Juárez allem Anschein nach wieder Normalität einkehrt (eine Normalität, in der Folter und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind) und während von einigen eine Politik des Vergessens betrieben wird, ist es unmöglich. die Hoffnung zu vergessen, die diejenigen immer noch in sich tragen, die sich trotz allem weigerten, die Gemeinde Lomas de Poleo zu verlassen.

Übersetzung: Julia Eggers

[1] Schriftsteller und Aktivist

[2] Der angrenzende US-amerikanische Bundesstaat

[3] Montagebetriebe im Norden Mexikos und in Mittelamerika, die importierte Einzelteile oder Halbfertigware zu Fertigware für den Export zusammensetzen. Die Betriebe arbeiten in zollfreien Produktionszonen (Zona Franca), die seit etwa 1970 etabliert wurden und in Mexiko durch die NAFTA-Freihandelszone (seit 1994) besonders stark wuchsen.

[4] Der Autor zitiert damit eine Staatsanwältin aus Chihuahua, die das Wort in diesem Sinne für jugendliche Drogenabhängige verwendet hat.

[5] Die in Mexiko üblichen Schimpfworte für Polizisten und Soldaten

[6] La política del horror, 8 de noviembre de 2012,
http://www.proceso.com.mx/?p=324679

 

(Quelle: Infoblatt.)

 

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Infoblatt”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

Die Barbarei des Normalzustands

Mittwoch, Juni 2nd, 2010

Von Marcus Hammerschmitt

Suizid als Klassenkampf? Weil eine bestimmte chinesische Firma das iPad herstellt, fällt es auf, wenn sich ihre Mitarbeiter reihenweise in den Tod stürzen

Wenn man den Moment nennen sollte, in dem in den USA der Arbeitsschutz einsetzte, dann könnte man leicht auf den Zigarettenstummel verweisen, der am 25.3.1911 auf einen Kleiderhaufen fiel. Der befand sich in der Triangle Shirtwaist Factory, ein Unternehmen, das man heutzutage als Sweatshop bezeichnen würde: Junge Immigrantinnen nähten im Akkord Hemden, die Türen waren während der Arbeitszeit geschlossen, der Brandschutz lächerlich ungenügend. Arbeitsbedingungen, die im Zusammenhang mit dem Zigarettenstummel für 146 Leichen sorgten. Die Feuerwehr war vor Ort, aber ihre längste Leiter reichte nur bis zum sechsten Stock. Von den Stockwerken darüber warfen sich viele der Arbeiterinnen aus Angst vor dem Verbrennen in den Tod.

Hundert Jahre später sind wir so viel weiter nicht gekommen. Derzeit fallen keine amerikanischen Näherinnen von den Dächern, sondern junge Chinesen, in den "Sonderwirtschaftszonen" der "Volksrepublik China", in denen sie einer Sonderbehandlung ausgesetzt sind, die viel Volk braucht und verbraucht, aber ganz ohne Republik auskommt. Das Feuer, das die jungen Wanderarbeiter und -arbeiterinnen zu verzehren droht, wird in der Regel nicht durch Zigarettenstummel hervorgerufen – die Triangle Shirtwaist Factories von heute heißen KTS Chittagong und Sayem Fashions.

Das Feuer, das die jungen Chinesen auf die Dächer treibt, hat eine Arbeiterin mit einem Satz so beschrieben: "Mein Leben ist dennoch leer, und ich arbeite wie eine Maschine." "Dennoch", weil zu einem Monatsverdienst von 240 Euro bei sechs 12-Stunden-Tagen in der Woche (plus Überstunden) immerhin noch Essen und Übernachtung inbegriffen sind. In anderen Quellen ist noch von viel geringeren Löhnen die Rede. Sprechverbote während der Arbeit, Demütigungen, zu schnelle Bandgeschwindigkeiten und "militärischer" Führungsstil werden beklagt. Ein kaltes Feuer scheint es zu sein, ein eher seelenfressendes als Fleisch verbrennendes, eines, das kenntlich wird in den Maßnahmen zu seiner Unkenntlichmachung. Für solche Maßnahmen steht Terry Gou, seines Zeichens Aufsichtsratschef bei Foxconn. Er bekennt, durch die Selbstmorde "traumatisiert" zu sein (siehe Weiterer Suizid beim taiwanesischen Apple-Zulieferer Foxconn). Zu einer Pressekonferenz, die diesem schweren Trauma Ausdruck verleihen sollte, wird berichtet:


▸"Generell steigt die Suizidrate, wenn in einer Gesellschaft das Bruttoinlandsprodukt ansteigt", sagte Gou, der im Helikopter zu einem Treffen mit 200 Reportern angereist war, die er durch eine Fabrik führte. Gou war von Leibwächtern umringt.

Eine Gemütslage, die solches Verhalten möglich macht, muss erst einmal beschrieben werden, um sie vielleicht irgendwann zu verstehen, und wer nach Beschreibungen sucht, wird in der chinesischen Gegenwartsliteratur fündig. Zum Beispiel in "Chengdu, vergiss mich heute Nacht" von Murong Xuecun.

Der Roman beschreibt keine Typen vom Kaliber Terry Gous, sondern eher die kleinen Haie des neuen chinesischen Kapitalismus, aber das Gemisch aus Leere, Totalkorruption, Zynismus und Verantwortungslosigkeit ist sehr schön beschrieben – zusammen mit dem spezifisch chinesischen Mummenschanz, der immer darauf hinausläuft, "das Gesicht nicht zu verlieren" – so sehr die Kloake auch stinkt, sie soll wenigstens schön gestrichen sein.

Fast noch widerlicher sind die Verlautbarungen von Apple zum Thema. Man wolle jetzt die Lage unabhängig untersuchen, heißt es. Was die PR-Abteilung so sagt, wenn der Laden unter Druck ist.

Apple und die unangenehme Wahrheit

Die Untersuchung könnte leicht abgeschlossen werden. Wenn ihr, Sportsfreunde von Apple, die Margen herausholen wollt, die ihr braucht, um größer als Microsoft zu werden, dann geht das nur, indem eure Zulieferer ihre Arbeiter alle machen. Natürlich wisst ihr das. Und natürlich seid ihr keine bösen Menschen, und die nichtbösen Menschen von Dell, HP, Sony usw. machen es genauso. Es ist nur so, dass euer Businessmodell von Cupertino aus in China die Arbeiter auf die Dächer treibt.

Aber solange ihr öffentlich weint, eure Besorgnis ausdrückt, Untersuchungen veranstaltet, und im Fall der Fälle die Verantwortung auf die Schlitzaugen abschiebt, braucht sich keiner dieser unangenehmen Wahrheit zu stellen. Was auch der Zweck eurer Betroffenheit, eurer Wirtschaftsethik, eurer Zertifikate, Untersuchungen und all der anderen Alibi-Aktivitäten ist – sie erlauben euch, gleichzeitig zur wertvollsten Technologie-Firma der Welt zu gehören, und gute Menschen zu sein. Ist das nicht fein?

Die Gewaltmaschine

Wie immer gibt es für europäische Überlegenheitsgefühle nicht den geringsten Anlass. Eine ganz ähnliche Selbstmordserie bei der France Telekom ist noch relativ frisch (siehe Mörderische Arbeitsbedingungen und individuelle Verzweiflungsakte), aber da die sich nicht mehr so unvorteilhaft häufen wie noch vor kurzem, ist das alles kein Thema mehr. Die betreffenden Berichte werden gerade abgeheftet.

Wenn man die Seriensuizide als letzte, verzweifelte, unfreiwillige Form von Klassenkampf begreifen würde – wie viele Tote bräuchte es, damit sich etwas ändert? 146, wie damals bei der Triangle Shirtwaist Factory? Was sich verändert hat seit 1911 ist das statistische Rauschen – es hat ja so sehr zugenommen. Die Abgebrühtheit ebenso. Wieder ein Blick in die Literatur. In seinem Roman "2666" verarbeitete der chilenische Schriftsteller Roberto Bolano eine reale Mordserie im mexikanischen Ciudad Juarez. Als ab 1993 eine Frau nach der anderen bestialisch umgebracht wurde, geschah bis 2004 so gut wie nichts.

Bezeichnenderweise waren die Opfer meistens Arbeiterinnen aus den örtlichen Sweatshops ("maquiladoras"), die für multinationale Konzerne produzieren. Erst als die Zahl der Ermordeten so groß wurde, dass sich internationale Aufmerksamkeit nicht mehr vermeiden ließ, begann die Kosmetik: mehr Polizisten, bessere Forensik, einige Verhaftungen. Mindestens 126 Fälle sind bisher nicht aufgeklärt, und die Morde gehen weiter.

Wer sich fragt, wie so was sein kann, wie so eine Gewaltmaschine funktioniert, dem sei der Roman von Bolano an’s Herz gelegt. Aber wenn das iPad im Spiel ist, beginnt die Kosmetik schon früher.

Ob das kalte Feuer bald erlischt, das die chinesischen Wanderarbeiter und -arbeiterinnen auf die Dächer treibt? Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

(Quelle: Telepolis.)