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Global: Etikettenschwindel „erhaltende Landwirtschaft‟

Samstag, Juli 24th, 2010

“Landwirtschaft ohne Pflug – Gewinn für die Industrie

Von Uwe Hoering, Juli 2010

Die Debatten um die Klimakrise haben längst auch die Agrarpolitik erreicht. Die Anhänger bäuerlicher Landwirtschaft unterstreichen deren positiven Beitrag zu Klimaschutz und Verringerung von Treibhausgasen und zeigen mit dem Finger auf industrielle Land- und Viehwirtschaft als Klimasünder. Die wiederum verweisen auf Effizienzgewinne und Technologien, die angeblich helfen würden im Kampf gegen den Treibhauseffekt. Seit einigen Jahren propagiert die Industrie eine weitere Methode, um ihr grünes Image aufzupeppen – die Conservation Agriculture. Dabei wird sie tatkräftig unterstützt durch scheinbar neutrale Instanzen wie die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO. Besonders attraktiv an der „erhaltenden Landwirtschaft‟: Sie könnte sich für die Agrarindustrie als zusätzlicher Profittriebsatz erweisen und Gensoja zum Klimaretter stilisieren.

Chemie statt Pflug

Conservation Agriculture, kurz: CA, erfreut sich mittlerweile bei Agrarberatern und Politikern großer Beliebtheit – von FAO[i] über das deutsche Agrarministerium bis hin zu Entwicklungsorganisationen wie der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ. Wenn der Boden nicht gepflügt wird, so der Ansatz, verringert sich die Bodenerosion, knappe Wasserressourcen werden besser genutzt, die Erträge steigen, der Einsatz von Maschinen und Arbeitskraft sinkt. Damit würde der Verzicht auf den Pflug nicht nur helfen, Böden und Wasser, Wälder und biologische Vielfalt zu erhalten und die Bauern vom Pflügen, die Bäuerinnen vom Jäten zu entlasten, so die Lobeshymnen. Er würde auch auf vielfältige Weise Emissionen verringern, etwa durch weniger Treibstoff oder durch die Bindung von CO2 im Boden. Damit würde er, hokuspokus, auch zu einem Lösungsbeitrag für das Problem Klimawandel, eine Behauptung, die unter Experten durchaus umstritten ist.

Aber auch als Umweltschutzmethode gibt es einen gravierenden Schönheitsfehler: Die Landwirtschaft ohne Pflug ist meist mit einem erhöhten Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln verbunden. Nicht ohne Grund war es der US-Agrarkonzern Monsanto, der die geschäftsfördernden Vorzüge dieser Anbaumethode erkannte und entsprechend propagierte, um den Absatz seines Herbizids RoundupReady im Paket mit gentechnisch verändertem Soja zu fördern. Inzwischen werden in Argentinien, Brasilien, den USA und Kanada riesige Flächen nach der Devise „no-till‟, dafür aber mit Gensoja, Agrargiften und Mineraldünger bebaut. Und das ist alles andere als umweltfreundlich, ganz abgesehen von der Ausweitung der Sojaflächen auf Kosten von Wäldern und biologischer Vielfalt.

Klimabonus für Gensoja?

Inzwischen hat die Industrie die Absatzfördernde Idee weiter entwickelt. Wegen ihres positiven Beitrags zur CO2-Emissionsminderung, so die Argumentation, wären Betriebe, die auf den Pflug verzichten, doch würdig, in den Genuss von Emissionsgutschriften etwa im Rahmen des Clean Development Mechanism CDM zu kommen. Das würde enorme Zusatzgewinne und Anreize für Bauern bedeuten, auf die Methode umzusteigen, auch in Regionen in Afrika oder Europa, die bislang der Conservation Agriculture noch skeptisch oder gar ablehnend gegenüber stehen. Und es würde dem großflächigen Anbau von Gensoja und anderen gentechnisch veränderten Pflanzen das Etikett „Klimaretter‟ verschaffen. Um das zu erreichen, setzt die Agrarindustrie seit einigen Jahren ihre Lobby-Maschinerie in Gang, und die FAO und die zahlreichen landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekte, in denen der Verzicht auf den Pflug gefördert wird, sind ein Teil dieser Maschinerie.[ii]

Noch allerdings zieren sich FAO oder GTZ. Von dem, was die Industrie unter erhaltender Landwirtschaft versteht, „reden wir hier gar nicht‟, so Theodor Friedrich von der FAO jüngst bei einer Tagung.[iii] Ihr Konzept von Conservation Agriculture sei ‘etwas ganz anderes’. Neben dem Verzicht auf den Pflug gehöre dazu zum Beispiel auch Fruchtwechsel. Daher die vollmundige Versicherung von Friedrich: Auf Herbizide könne langfristig verzichtet werden! Auch Monsanto werde deshalb bald das Interesse an der Methode verlieren, so seine kühne Prognose. Außerdem würden sie Monokulturen wie im Sojaanbau grundsätzlich ablehnen, weil sie nicht nachhaltig seien. Und während Monsanto prahlt, die Popularität der Landwirtschaft ohne Pflug „führen Experten auf Herbizid-resistente Biotech-Pflanzen wie Soja, Baumwolle und Canola zurück‟[iv], beteuert Friedrich unbeirrt, zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und Conservation Agriculture bestehe überhaupt kein Zusammenhang.

Solche begrifflichen Differenzierungen und Abgrenzungen mögen in der entwicklungspolitischen Diskussion möglich sein und das eigene Gewissen rein halten – in der Praxis bedeutet die Förderung der Conservation Agriculture durch FAO und andere Entwicklungsorganisationen genau das, was sie angeblich verhindern will: Umweltschäden durch die Ausbreitung von Giften und gv-Pflanzen, Belastungen von Wasser und Böden. Denn faktisch, so die Erfahrungen, fungiert CA für die Bauern als Einstieg in den höheren Einsatz von Agrarchemie.[v] Ihre betriebswirtschaftlichen Vorzüge wie geringere Kosten für Maschinen und Arbeitskraft entfalten sich vor allem für Großbetriebe, während für Kleinbauern die Umstellung problematisch und schwierig ist.[vi] Stutzig macht auch, dass die FAO ausgerechnet durch Monsanto vor einigen Jahren auf den Trichter mit CA gebracht wurde und die beiden seither gemeinsam kräftig die Werbetrommel für den Verzicht auf den Pflug rühren – und für den geldwerten Klimabonus.

Auch wenn ein GTZ-Sprecher erklärt, es sei zum jetzigen Zeitpunkt ‘schwierig, zur Einbeziehung von CA in den CDM-Mechanismus eine klare Position zu formulieren’ – es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die FAO und andere Entwicklungsorganisationen offen dafür einsetzen, Conservation Agriculture als eine Methode anzuerkennen, für die Emissionsgutschriften in Anspruch genommen werden können – und damit für die Profitinteressen der Industrie. Den Boden dafür haben sie ja bereits mit ihren Lobeshymnen auf die angebliche Umweltverträglichkeit, Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit der Conservation Agriculture vorbereitet. (6.500 Zeichen)

Anmerkungen:

[i] Siehe zum Beispiel die Website zu Conservation Agriculture:
http://www.fao.org/ag/ca/

[ii] Javeria Rulli, South American GM Soy close to get Carbon Credits – Agribusiness Lobby in the Climate Negotiations. September 2009. http://gmwatch.org/index.php?option=com_content&view=article&id=11538:carbon-credits-for-gm-soy

[iii] Conservation Agriculture. Nachhaltiger wirtschaften ohne Pflug? Dokumentation eines Fachgesprächs vom 29. April 2010 in Bonn. Herausgeber: GTZ, Eschborn 2010. www.gtz.org

[iv] www.monsanto.com/responsibility/sustainable-ag/notill_farming.asp

[v] Siehe Jost Maurin, Gift statt Pflug. In: Die Tageszeitung, 1. Juli 2010

[vi] Siehe zum Beispiel den Beitrag von Christian Thierfelder, CIMMYT, in:
Conservation Agriculture. Nachhaltiger wirtschaften ohne Pflug?”

 

(Quelle: Globe Spotting.)

Global: Drohende Wasserkrise – aber nur 1 Milliarde Menschen betroffen

Dienstag, Juli 20th, 2010

“Im Himalaya schmelzen die Gletscher schneller als an jedem anderen Ort dieser Erde

Von den Folgen könnten eine Milliarde Menschen verheerend betroffen sein

Von Juan Gonzalez

Unser Gast:

Syed Iqbal Hasain – Vorsitzender der ‘Glacier and Climate Change Commission’, die von der Regierung des indischen Bundesstaates Sikkim eingerichtet wurde

Das Interview führten: Juan Gonzalez und Amy Goodman

 

Amy Goodman:

Wir machen weiter mit dem Thema ‘Klimawandel’ – Juan?

 

Juan Gonzalez:

Wir wenden uns nun der Himalaya-Region in Asien zu, um zu sehen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf diese Region hat. Wissenschaftler warnen, das Abschmelzen der Gletscher könnte verheerende Folgen für über eine Milliarde Menschen haben.

Die Gletscher des Himalaya werden als die ‘Wassertürme Asiens’ bezeichnet, denn de wichtigsten Flusssysteme Asiens beziehen ihr Wasser hauptsächlich aus dieser Region. Es sind Flüsse, die durch Afghanistan, Pakistan, Bangladesh, Bhutan, China, Indien, Burma und Nepal fließen.

 

Amy Goodman:

Wissenschaftler behaupten, die Gletscher des Himalaya würden schneller schmelzen als die an jedem anderen Ort dieser Erde. Am Ende des Jahrhunderts könnten 75% der Gletscher des Himalaya verschwunden sein.

 

Wir sind nun mit dem prominenten indischen Wissenschaftler und Gletscherforscher Syed Iqbal Hasnain verbunden. Er ist Vorsitzender der ‘Climate Change Commission’, die von der Regierung des indischen Bundesstaates Sikkum eingerichtet wurde. Er sprach mit uns gestern Abend, anlässlich einer Veranstaltung der ‘Asia Society mit dem Thema ‘The Himalayan Glaciers and Asia’s Looming Water Crisis’ (Die Gletscher des Himalaya und die drohende Wasserkrise in Asien).

 

Wir haben nur wenige Minuten Zeit, aber können Sie uns bitte erläutern, um was für eine Art Krise es sich handelt und was im Himalaya vor sich geht?

 

Syed Iqbal Hasnain:

Vielen Dank, dass ich mich in Ihrer Sendung haben.

 

Wie bereits erwähnt, hängt es damit zusammen, dass sich die Erde um mehr als 2 Grad Celsius erwärmt hat. Wenn Rechnen Sie das mal in Watt per Meter um – dann sehen Sie, dass wir es mit einer um 20% erhöhten Strahlungsenergie zu tun haben. Für die Politiker ist das ein großes Dilemma. Wie können sie diese Entwicklung stoppen? Schließlich war auch Kopenhagen ein Schlag ins Wasser – wie wir bereits gesehen haben. Denn es wurde kein klares, verifizierbares Abkommen zu diesem Thema getroffen. Ich denke, die globale – die ganze – Welt sollte etwas unternehmen.

 

Was die Gletscher des Himalaya betrifft, so schmelzen sie sehr schnell – und nicht nur die Gletscher auf der Tibetanischen Hochebene. Wir haben Gletscher, und wir haben den Permafrost. Der Permafrost schmilzt und ebenso die Gletscher. Aber da es sich um eine ungeheure Zahl von Objekten handelt (wie am Nord- und Südpol), dauert es eine Weile, bis sie alle abgeschmolzen sind. Wegen des Schmelzvorgangs ist auch der Wasserstand in sämtlichen Flusssystemen erhöht – ob es sich nun um den Indus oder den Brahmaputra handelt. In den kommenden Jahren wird der Wasserstand wieder abnehmen. Auf alle Gemeinden, die dort leben, wird sich dies äußerst katastrophal auswirken. Wir reden von über 1,5 bis 2 Milliarden Menschen, die in direkter Weise von den Wasserressourcen der Hochebene von Tibet und der großen Gebirgsketten des Himalaya abhängen.

 

Juan Gonzalez:

Wie schnell werden – Ihrer Meinung nach – die Gletscher zurückgehen?

 

Syed Iqbal Hasnain:

Wissen Sie, im Himalaya gibt es unterschiedliche klimatische Zonen – wenn man den gesamten Himalaya-Bogen sieht. Die östlichen (Gletscher) bekommen im Sommer den Monsunregen ab und schmelzen wesentlich schneller als die Gletscher auf der westlichen Seite, wo Winterzeit herrscht. Im Himalaya finden wir ein kompliziertes Klimasystem vor. Sie (die Gletscher) reagieren zu unterschiedlichen Zeiten. Insgesamt jedoch ziehen sich alle Gletscher des Himalaya zurück. Da Abschmelzen vollzieht sich nur zu unterschiedlichen Zeiten.

 

Amy Goodman:

Sprechen wir nun über die Bedeutung der Gletscher. Sie erwähnten die Flüsse, die vom Abschmelzen der Gletscher und dem Auftauen des Permafrostes betroffen sind. Was erwarten Sie für die kommenden Jahrzehnte?

 

Syed Iqbal Hasnain:

Wissen Sie, ich konstatiere, dass wir nichts gegen die Treibhausgase und unser regionales Problem unternommen haben. Letzteres ist der schwarze Kohlenstoff (Ruß). Er sorgt dafür, dass sich das Abschmelzen in dieser Region schneller vollzieht. Der schwarze Kohlenstoff wirkt sich vor allem im Himalaya aus.

Ich sehe (voraus), dass das Abschmelzen immer weitergehen wird. Nach einiger Zeit wird der Wasserspiegel steigen, dann wird er wieder sinken. Aktuelle Studien von Wissenschaftlern, die sich mit unserer Erde beschäftigt haben, ergeben schon heute, dass das Wasser des Indus überwiegend aus Schmelzwasser (Schnee und Eis des Himalaya) besteht: Die Ratio zwischen dem Schmelzwasser im Fluss und dem Regenwasser im Fluss betrage 151 Prozent, denn die Niederschlagsmenge im Gebiet des Indus hat abgenommen. Das alles hängt mit den Treibhausgasen und dem Ruß zusammen…. Das Entscheidende an der Gletscherschmelze ist nicht die Wassermenge, die dadurch freigesetzt wird, sondern wann dies geschieht, in welcher Jahreszeit. Denn das Wasser fließt in die Gemeinden, die flußabwärts gelegen sind sowie in die landwirtschaftlichen Ökosysteme und hält sie während der Sommerzeit, während der trockenen Zeit, am Leben.

 

Amy Goodman:

Was sollte jetzt geschehen?

 

Syed Iqbal Hasnain:

Ich denke, das ist ein sehr wichtiges Thema. Sobald sich die globale Gemeinschaft wieder in Cancun trifft, muss sie Begrenzungen beschließen…

 

Amy Goodman:

In Cancun findet der nächste Gipfel zum Klimawandel statt.

 

Syed Iqbal Hasnain:

Ja, das nächste Treffen zum Klimawandel.

 

Amy Goodman:

… im Dezember.

 

Syed Iqbal Hasnain:

Sie müssen die Sache sehr ernst nehmen. Mit Gerede ist es einfach nicht getan. Sie müssen bestimmte Grenzen setzen, auf globaler wie auf regionaler Ebene. Die Länder Süd(ost)asiens – einschließlich China – müssen ihre Ruß-Emissionen begrenzen, der durch Dieselemissionen und die Verbrennung von Biomasse entsteht. Sie müssen das ändern. Andere Kochherde für die Menschen müssen her – solche Dinge. Das betrifft Millionen von Menschen. Es gilt, die Emissionen des schwarzen Kohlenstoffes zu reduzieren. Ebenso müssen Filter (Katalysatoren) in die Lastwagen eingebaut werden. Im Himalaya ist das ein großes Problem – aufgrund der Armeegefängnisse in China, Indien und Pakistan. Das alles muss reduziert werden. Dann werden wir eine Veränderung in der Atmosphäre über Süd(ost)asien erkennen.

 

Amy Goodman:

Vielen Dank, dass Sie bei uns waren. Syed Iqbal Hasnain – indischer Wissenschaftler, der die Folgen des Klimawandels für die Gletscher untersucht. Mr. Hasnain ist Vorsitzender der ‘Glacier and Climate Change Commission’, die von der Regierung des indischen Bundesstaates Sikkim eingerichtet wurde.

 

 

Orginalartikel: Himalyan Glaciers Melting Faster Than Anywhere Else in World; Impact Could Devastate Over 1 Billion People
Übersetzt von: Andrea Noll”

 

(Quelle: ZNet.)