Posts Tagged ‘Female Genital Mutilation – FGM’

Indonesien: Hippokratischer Eid vs. FGM ?

Donnerstag, Januar 31st, 2013

“Indonesien: MUI pocht auf Mädchenbeschneidung

Der Ulema-Religionsgelehrtenrat sieht den Brauch durch eine UN-Resolution gefährdet

Von Peter Mühlbauer | 31.01.2013

Während Deutschland über Blicke auf den Busen und Dirndlkomplimente debattiert, haben Frauen in Indonesien andere Sorgen: Dort hat Maruf Amin[1], der Chef des Ulema-Religionsgelehrtenrats (Majelis Ulama Indonesia – MUI)[2] alle Ärzte und Krankenhäuser des Landes aufgefordert, sich elterlichen Wünschen nach einer Beschneidung von Töchtern trotz einer im Dezember verabschiedeten Resolution der UN-Vollversammlung nicht zu verweigern.

Amins Stellvertreter Amirsyah Tambunan sprach gegenüber der Presse von einem in der indonesischen Verfassung garantierten Grundrecht auf die Beschneidung von Mädchen, die “Teil der Lehren des Islam” sei und “für Männer und Frauen empfohlen” werde. Huzaemah, ein weiteres Mitglied des Religionsgelehrtenrats, bezeichnete den Brauch in Jakarta Post[3] sogar als “religiöse Verpflichtung”. Sie sollte seiner Ansicht nach bei allen Frauen vorgenommen werden, um ihren Geschlechtstrieb unter Kontrolle zu halten.

Mädchenbeschneidung ist in Indonesien erst seit drei Jahren gesetzlich geregelt. Damals gelang[4] es dem MUI durch Druck auf die Regierung, eine geplante Vorschrift zur Bekämpfung des Phänomens in eine explizite Erlaubnis für zugelassene Ärzte umzuwandeln. Diese dürfen nun den vorderen Teil der Klitorisvorhaut entfernen, ohne eine Bestrafung oder Schadensersatzpflichtigkeit fürchten zu müssen. Auch der traditionell verbreitete Stich mit einem Stück Bambus gilt als legal.

Indonesische Frauenrechtsorganisationen wie Komnas Perempuan[5], LBH Apik[6] und Fatayat[7] kritisieren diese Erlaubnis und weisen darauf hin, dass sich eine Pflicht zur Beschneidung weder im Koran noch im überregionalen Teil religiöser Überlieferungen findet. Darüber hinaus verringere sie nicht nur das Lustempfinden, sondern über Gesundheitsrisiken auch die Chancen auf Nachwuchs.

Indonesien ist nicht das einzige Land, in dem die offenere Duldung der Mädchenbeschneidung mit Verweisen auf die freie Religionsausübung gefordert wird: Im November[8] erregte der ägyptische Gynäkologe Mohamed Kandeel mit einem Appell Aufsehen, in dem er verlangt, Elternrechte weltweit so auszudehnen, dass sie nicht nur die Beschneidung ihrer Söhne, sondern auch die ihrer Töchter umfassen.

Der Professor an der Universität in Menofiya versucht seine Argumentation dafür mit der Behauptung zu untermauern, es gebe lediglich “unzureichende Beweise”, dass eine Beschneidung nach “Typ I” (bei der die Klitorisvorhaut und/oder die Klitoris entfernt wird) eine “schädliche Prozedur” ist, wenn sie “von erfahrenem Personal in einer passenden Einrichtung mit Vorrichtungen zur Schmerzkontrolle und zur Narkose durchgeführt wird”. Medizinische Erkenntnisse über die Funktion der Klitoris und die Nervenkonzentration in dem entfernten Gewebe sieht der Sunnit durch Interviews infrage gestellt, in denen beschnittene Frauen behaupten, sie würden beim Geschlechtsakt subjektiv noch etwas empfinden.

Anhang

Links

[1] http://id.wikipedia.org/wiki/Maruf_Amin

[2] http://www.mui.or.id/

[3] http://www.thejakartapost.com/news/2013/01/22/mui-pushes-govt-circumcise-girls.html#.UP5GA0TBI74.twitter

[4] https://www.taz.de/!109704/

[5] http://www.komnasperempuan.or.id/en/about/profil/

[6] http://www.lbh-apik.or.id/

[7] http://www.fatayat.or.id/

[8] http://www.heise.de/tp/blogs/8/153164 “

 

(Quelle: Telepolis.)

Europa / Afrika: Die Kontroverse um FGM geht weiter

Donnerstag, Oktober 13th, 2011

“Wie Ethnologie Leiden verhindern kann

Von Lorenz

Die Kontroversen um weibliche “Genitalverstümmelung” eignen sich hervorragend, um ethnologische Einsichten an die breite Bevölkerung zu vermitteln, meint Janne Mende.

Über ihr soeben erschienenes Buch Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung. Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus habe ich mich mit ihr kurz via email unterhalten.

Was hoffen Sie, wird den Lesern bei der Lektüre des Buches durch den Kopf gehen?

– Ich diskutiere in meinem Buch die für Ethnologen und Ethnologinnen zentrale Frage nach dem Umgang mit kulturellen Vorstellungen, die einem Verständnis von Menschenrechten entgegenstehen, das das Glück der Einzelnen hervorhebt. Mir geht es um einen Weg jenseits von einem bedingungslosen Kulturrelativismus, der alles, was als ‘anders’ erscheint, akzeptiert, und jenseits von einem unreflektierten Universalismus, der ohne Kontextbezug und unvermittelt Menschenrechtsideen postuliert.

– Statt in eine dichotome Fragestellung zu verfallen, die nur eine der beiden Seiten als Ausweg kennt, sollen sie als je schon vermitteltes Verhältnis erkannt werden. Dann ist es möglich, repressive von emanzipatorischen Aspekten auf beiden Seiten zu unterscheiden und letztere zu stärken.

Wie vermitteln Sie Einsichten unseres Faches am Beispiel weiblicher Genitalverstümmelung (oder Genitalverstümmelung wie es andere benennen) ?

– Der Umgang mit der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung / Genitalbeschneidung ist ein höchst kontroverses Thema. Das zeigt sich bereits bei der Schwierigkeit der Benennung. Gerade an den Diskussionen um diese Praxis lässt sich das vermittelte Verhältnis von Kulturrelativismus und Universalismus sehr eindringlich herausarbeiten: Weder haben Abschaffungsbemühungen Erfolg, die ohne Rücksicht auf lokale Gegebenheiten vorgehen, noch kann das sehr reelle und dokumentierte Leiden von Mädchen und Frauen ausgeblendet werden.

– Die Notwendigkeit von Kontextualisierungen verdeutlicht sich ebenso wie die Notwendigkeit von einem Maßstab für Kritik, der betroffenen Frauen die Möglichkeit in die Hand gibt, sich gegen repressive Strukturen einzusetzen.

Wie kommen Sie zum Schluss, weibliche Genitalbeschneidung / Genitalverstümmelung müsse abgelehnt werden?

– Ich arbeite anhand zahlreicher Beispiele sieben verschiedene Begründungsmuster für die Praxis heraus. Obwohl sie sich in politischer, sozialer, ökonomischer und psychosozialer Hinsicht stark voneinander unterscheiden können, ist ihnen das Merkmal gemeinsam, dass sie der Herstellung und Anerkennung (kollektiver) Identität dienen. Zu dieser gibt es kaum gangbare Alternativen. Wollen Frauen und Mädchen innerhalb der gegebenen Gesellschaft handlungsfähig bleiben, müssen sie sich dem Eingriff unterziehen.

– Wenn die Praxis nun als Ergebnis freier, autonomer Wahl bezeichnet wird, so wird diese grundlegende Alternativlosigkeit völlig ignoriert. Ein relativierendes Anerkennen der Praxis greift zu kurz und ignoriert das Leiden, das mit dem Eingriff einhergeht.

– Aber auch der ausschließliche Fokus auf eine Abschaffung der Praxis ist unzureichend: Einerseits lässt sich die Praxis kaum aus dem Geflecht von Sinnzusammenhängen herauslösen. Andererseits würden weitergehende repressive soziale Mechanismen und (Geschlechter-) Ungleichheiten bestehen bleiben.

– Da keine Kultur oder Gesellschaft homogen oder statisch ist, stellt sich die Frage, wer und mit welchem Interesse einen Brauch als unentbehrlich bezeichnet. Handlungsalternativen eröffnen sich erst dann, wenn Interessen, Verhaltensweisen und der Zugang zu Ressourcen nicht mehr eng an das Geschlecht, an die Religion oder an das Aussehen der Geschlechtsorgane geknüpft werden. So lang eine wirkliche Entscheidungsfreiheit ohne sozialen, politischen, religiösen oder ökonomischen Druck nicht existiert, darf das Leiden von Mädchen und Frauen an den körperlichen, sexuellen und psychosozialen Folgen der Praxis nicht ignoriert oder den Interessen des Kollektivs untergeordnet werden.

Wie sollen sich Behörden dem Problem gegenüber konkret verhalten? 

– Patentrezepte eignen sich angesichts der komplexen Problematik nur bedingt. Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass eine rechtliche Grundlage hilfreich ist, die nicht nur das Engagement gegen Exzision unterstützt, sondern die Frauen und Mädchen in allen Bereichen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, zu Eigentum, zum Arbeitsmarkt usw. ermöglicht, sowie eine Zivilgesetzgebung, die beispielsweise Frauen im Scheidungsfall nicht mittellos lässt.

– Es haben sich vor allem diejenigen Herangehensweisen als erfolgreich erwiesen, die mit den betreffenden Frauen und Männern vor Ort gemeinsam Handlungsstrategien entwickeln. Mit einer kultursensiblen Analyse können Hintergründe und Begründungsmuster der Praxis offengelegt werden. So können vor dem universellen Hintergrund der Verringerung von Leiden angemessene Abschaffungsbemühungen entwickelt werden.

Ethnologin Fuambai Ahmadu kritisiert westliche Kampagnen gegen Genitalbeschneidung. Wie interessant finden Sie Ahmadus Argumente?  

– Mit Ahmadu setze ich mich im Buch ausführlich auseinander. Sie bezeichnet ihre eigene Exzision, über deren genauen Ablauf sie vor dem Eingriff informiert wurde, als Möglichkeit, sich zwischen der westlichen Welt und der Welt in Sierra Leone frei bewegen zu können. Sie reflektiert jedoch nicht, dass den Mädchen und Frauen in Sierra Leone genau diese Möglichkeit nicht offen steht. Nicht nur wird dort durch das strikte Schweigegebot ein fundiertes Wissen über die Praxis im Vorfeld verhindert. Zudem legt die Exzision die Frauen auf einen genau abgegrenzten Handlungsspielraum fest. Abweichungen riskieren die Strafe des Verstoßenwerdens.

– Ahmadu untergräbt somit ihren eigenen Anspruch auf eine kontextsensible Vorgehensweise, wenn sie strukturelle Bedeutungs- und Herrschaftsebenen ausblendet. Die Initiation markiert den Eintritt in den Geheimbund der Frauen, Bundo-, Bundu- oder Sande-Gesellschaft genannt. Wenn ein Mädchen sich der Praxis nicht unterzieht und damit nicht in den Bund aufgenommen wird, ist sie in der Gesellschaft praktisch nicht handlungsfähig. Ihr wird der Zugang zu Besitz abgesprochen, ebenso wie ihre Heiratsfähigkeit oder ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären. Die Exzision soll sie zu einer Frau machen, und zwar (wie von Ahmadu ausdrücklich betont wird) zu einer heterosexuellen Frau in einer geschlechterdualistisch organisierten Gesellschaft.

– Sie schreiben in der E-Mail zu mir, Sie möchten ethnologische Einsichten einem breiteren Publikum zugänglich machen. Doch schon auf den ersten Seiten des Buches schlagen Sie zu Worten wie “hypostasieren” und “Präsuppositionen” etc. Ein Widerspruch?

– Fachbegriffe und Fremdwörter schließen ein breiteres Verstehen nicht notwendigerweise aus. Das Buch ist in einer nachvollziehbaren Sprache verfasst, die ihre Leser und Leserinnen nicht unterschätzt. Der sozialwissenschaftliche Anspruch wird so weder untergraben noch esoterisch auf ein kleines, ausgewähltes Publikum beschränkt.

Ihr Buch in einem Satz?

– Es geht nicht um das Recht eines Ansatzes, sei es Kulturrelativismus oder Universalismus, sondern es geht um die kontextbezogene, nicht-repressive, aber dennoch unhintergehbare Verminderung von Leiden.

Letzte Worte an die Lesenden an den Bildschirmen?

– Um ein Vermittlungsverhältnis zwischen zwei scheinbar dichotom sich gegenüberstehenden Momenten herauszuarbeiten, bedarf es der Arbeit am Begriff, einer steten Reflexion, die sich nicht mit dem einmal Erreichten begnügt, und der Kraft, „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Adorno)

>> mehr Information beim Transkript-Verlag, wo man auch die Einleitung (pdf) lesen kann

SIEHE AUCH:

Journal Ethnologie 3/2007 über weibliche Genitalbeschneidung in Afrika

Yes to female circumcision? Anthropologist Fuambai Ahmadu attacks Western feminists

Circumcision: "Harmful practice claim has been exaggerated" – AAA meeting part IV

Maxikulti: Ethnologen, raus aus der Kulturfalle!

Do anthropologists have anything relevant to say about human rights?

Ethnologe Christoph Antweiler: Wie universell sind die Menschenrechte?

Humanismus + Kosmopolitismus + Anthropologie = humane Weltkultur?

Why anthropology fails to arouse interest among the public – Engaging Anthropology (2)

 

(Quelle: antropologi.info)

Gambia: Frauenbeschneidung kontrovers

Freitag, Juni 10th, 2011

“Perspektiven auf Frauenbeschneidung:
Ein Versuch der Erklärung

Von Anett Schädlich

Ein buntes Plakat mit der Aufschrift “Stop Female Genital Cutting!”, unter der ein junges Mädchen mit gespreizten Beinen und schmerzverzerrtem Gesicht zu erkennen ist, bebildert die weiße Wand. Der Besuch eines Gesundheitszentrums in Gambia lässt die offizielle Einstellung der nichtstaatlichen Organisationen gegenüber der Beschneidung von Mädchen und Frauen durchblicken: Aus den Medien weiß ich, dass fast alle Anstrengungen Frauenbeschneidung zu unterbinden, bisher im Nichts endeten. Immer noch werden etwa 80 Prozent der kleinen Mädchen oder jungen Frauen in Gambia beschnitten. Die Defensive gegen jene Form des Eingriffs in den weiblichen Körper scheint unfassbar schwierig. Doch warum ist das so? Und wann fing der Kampf gegen Frauenbeschneidung an? Wer sind die GegnerInnen, wer die VerteidigerInnen? Ich begann mich dafür zu interessieren, was zu der heutigen Kontroverse um Frauenbeschneidung führte und wie sich die Argumentation der Beteiligten entwickelte.

Um nicht denselben Fehler zu begehen, wie er vielen GegnerInnen von Frauenbeschneidung nur allzu oft vorgeworfen wird, will ich gleich am Anfang eine Differenzierung vornehmen, die eine Pauschalisierung vermeiden soll. Die World Health Organization (2006) legte kürzlich drei “Typen” von Beschneidung fest. Der Erste beschreibt die bloße Entfernung der Klitoris. Typ 2 hat die gleichen Merkmale wie Typ 1 sowie die Entfernung der inneren Schamlippen. Der dritte Typ entspricht Typ 2 und beinhaltet darüber hinaus das Zusammennähen der äußeren Schamlippen. Dass diese Definitionen nur eine Verständnishilfe darstellen, sollte jedem bewusst sein. Die Realität wird kaum exakt mit diesen Typen übereinstimmen. Bisweilen wird zusätzlich der Typ 4 genannt. So ist in dem von Bettina Shell-Duncan und Ylva Hernlund (2000) herausgegeben anthropologischen Buch von der “symbolische Beschneidung” zu lesen. Hierbei wird “nur so getan als ob” beschnitten wird. Sie ist als Alternative zu den anderen Typen anzusehen: Das Mädchen wird keiner tatsächlichen Beschneidung unterzogen, jedoch bleibt die Bedeutung des Rituals erhalten.

Auch wenn sich die Einteilung in Typen im ersten Moment vielleicht nach bloßer Kategorisierung anhört, ist es wichtig sich der Unterschiede bewusst zu werden, da Verallgemeinerungen, zu denen in Vergangenheit viele Organisationen im Kampf gegen Frauenbeschneidung geneigt waren, nicht selten genau deshalb durch die Betroffenen in die Kritik gerieten. Es ist beispielsweise fragwürdig medizinische Konsequenzen für alle Typen zu verabsolutieren. Diese Problematik deutet schon das Konfliktpotential an, welches das Thema Frauenbeschneidung in sich birgt. Und das ist nur einer von vielen Aspekten. Auch die Frage nach der Bedeutung, welche sich für die Durchführenden mit der Beschneidung verbindet, ist Grund vieler Konfrontationen. Viel zu oft scheinen sich die KritikerInnen gar nicht für die Motive zu interessieren oder die bloße Unterdrückung der Frau durch den Mann zu sehen, dabei ist es weit komplexer, als sie annehmen.

Frau werden, Kind bleiben – „gute“ Gründe für Beschneidung?

Es erscheint vielleicht anmaßend, die Beweggründe, welche zum Beschneiden von Frauen führen, in einem kurzen Abschnitt zusammenfassen zu wollen. Deshalb sollen folgende Ausführungen nur als Ansatz verstanden werden, sich von der Vorstellung zu lösen, Frauenbeschneidung als bloße “grausame Tradition” zu pauschalisieren. Ein Argument, welches immer wieder zu finden ist, ist die Heiratsfähigkeit. Die Frauen glauben sich der Gefahr ausgesetzt, als “Unbeschnittene” keinen Ehemann zu finden. Die Männer hingegen sehen die Beschneidung mitunter als Garant dafür, dass die eigene Ehefrau treu ist, was erklärt, weshalb sie mancherorts erst in der Hochzeitsnacht durchgeführt wird. Auch denken die Frauen zum Teil, so ist erneut bei Shell-Duncan und Hernlund zu lesen, dass die sexuellen Vorlieben des Mannes nur als beschnittene Frau befriedigt werden können. Bisweilen sichert Beschneidung die Jungfräulichkeit, sprich die “Reinheit” der Frau vor der Heirat, wenn die Schamlippen im Kindes- oder Jugendalter verschlossen werden.

Zum anderen wird in Shell-Duncans und Hernlunds Buch berichtet, dass die Beschneidung oftmals Teil der Initiation ist. Es ist ein notwendiger Schritt, vom Kind zur Frau zu werden. Weiblichkeit und Fruchtbarkeit wird so erst “erschaffen”. Bei den Kono in Sierra Leone wird beispielsweise die Klitoris mit dem Penis gleichgesetzt. Nur durch die Entfernung des “Männlichen” setzt sich die Frau wirklich vom Mann ab. Die Frau muss sich ihre eigene weibliche Identität erst erschaffen. Als Initiation wird in Sierra Leone die Aufnahme in den Geheimbund der Bundu, auch Sande genannt, verstanden. Die Ethnologin Jaqueline Knörr (2006), Mitarbeiterin des Max-Planck- Instituts in Halle a. d. Saale, forschte zu den Bundu im Rahmen ihrer Habilitation, wobei sie auch auf die Stellung der Beschneidung eingeht. Die Mitgliedschaft in dem Bund ist allein Frauen vorbehalten. Um den Status “Frau” zu erreichen, muss vorher allerdings die Beschneidung durchgeführt werden. Erst danach ist ihr Geschlecht zweifellos festgelegt. “Unbeschnittenen” wird der Erwachsenenstatus sogar aberkannt, ganz gleich welchen Alters sie sind. Somit werden sie zu Außenseiterinnen nicht nur der Geheimgesellschaft, sondern der gesamten “weiblichen Welt”.

Häufig wird Beschneidung von den Durchführenden mit ihrem islamischen Glauben erklärt. So kann Frauenbeschneidung als Voraussetzung gelten, Mitglied einer islamischen Gemeinde zu sein. Als Beispiel hierfür werden bei Shell-Duncan und Hernlund die Mandingos in Guinea-Bissau genannt. Bei ihnen ist Frauenbeschneidung im Islam verankert, da unbeschnittene Frauen als unrein angesehen werden. Reinheit gilt jedoch als eines der obersten Gebote, um in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Wie diese, wenn auch nicht vollständige, Aufzählung zeigen soll, sind die Begründungen für Frauenbeschneidung vielfältig. Den GegnerInnen von Frauenbeschneidung, so die Kritik der Betroffenen, fehlt es allerdings zu oft an der Fähigkeit, sich differenziert damit auseinanderzusetzen. Deshalb werde eine Debatte geführt, der es an fundiertem Wissen mangelt.

Befreiung der Frau oder Ego-Trip der “westlichen” Frauen? Der Kampf gegen Frauenbeschneidung

Um das Gleichgewicht zu halten, möchte ich mir nun die andere Seite, also die der GegnerInnen von Frauenbeschneidung, genauer anschauen. Bei näherer Betrachtung der historischen Entwicklung der Debatte wird laut der amerikanischen Anthropologin Elizabeth H. Boyle (2002) offensichtlich, dass es sich bei ihr um ein Produkt des Wandels der Stellung der Frau in der “westlichen Gesellschaft” handelt. Zwar gab es schon vorher Versuche, Frauenbeschneidung von Seiten der Kolonialmächte oder auch Missionare zu unterbinden, doch gewann die Debatte erst mit der Einmischung von FeministInnen an Radikalität und vor allem an Internationalität.

Die Argumentation der sich gerade emanzipierenden Frauen Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre verlief hauptsächlich auf einer moralischen Ebene, die Frauen zu Opfern und Männer zu Tätern werden ließ. Für Frauenbeschneidung, so ist bei Rogaia Mustafa Abusharaf (2006), die sich ausgiebig mit dem Wandel der Diskussion um dieses Thema beschäftigt, nachzulesen, seien laut des feministischen Lagers allein die Männer verantwortlich zu machen. Sie würden Frauenbeschneidung aufrechterhalten, um sie vor allem sexuell unterdrücken zu können. An derartigen Kritiken wurde vor allem beanstandet, dass sie stark vom Selbstinteresse der FeministInnen geleitet seien: Sie versuchten sich gerade zu emanzipieren und übertrugen dies auf Frauen in aller Welt, selbst wenn diese nicht danach fragten. Den AktivistInnen wurde deshalb zum Vorwurf gemacht, dass sie sich zu oft von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen leiten ließen. Die feministische Bewegung schaffte es zwar zu polarisieren, doch wirkliche Erfolge konnte sie im Kampf gegen Frauenbeschneidung nicht erzielen. Trotzdem blieben ihre Versuche nicht ohne Folgen, denn sie lenkten erstmals im globalen Rahmen die Aufmerksamkeit auf diese Thematik.

Da die Begründung der FeministInnen so kontrovers war, bezogen sich die meisten nichtstaatlichen Organisationen, welche das Ziel der Abschaffung von Frauenbeschneidung verfolgten, mehr auf die Gesundheitsgefährdung. Der medizinische Aspekt wurde als “objektiv” gesehen. Die FeministInnen sahen in jenem Paradigmenwechsel eine Chance und griffen dieses Argument mit auf. Die Objektivierung des Diskurses durch medizinische Fakten kann als der Schritt in die Richtung einer Internationalisierung des Kampfes gegen Frauenbeschneidung angesehen werden. Die Unversehrtheit anderer Menschen, so lautet die Begründung, sei fernab von Staatsgrenzen und “Kulturhürden” etwas, das “uns alle” angehe. Frauenbeschneidung, als “Verstümmelung” deklariert, könne somit aus medizinischer Sicht nicht vertretbar sein.

Diese Argumentation ist ein Beispiel dafür, dass die Typisierung von Frauenbeschneidung durchaus sinnvoll sein kann. So erfährt der/die Lesende bei Abusharaf, dass die GegnerInnen häufig zu der Aussage neigen, Frauenbeschneidung führe, egal wie durchgeführt, zu schädlichen Konsequenzen für die Gesundheit oder sei im schlimmsten Falle tödlich. Doch sind diese theoretischen Ausführungen laut Abusharaf nicht immer verträglich mit den Erfahrungen der Frauen. Die körperlichen Konsequenzen der Beschneidung können beispielsweise anders erlebt werden als angenommen. Und selbst wenn gesundheitliche Probleme der Frauen als Folge der Beschneidung identifiziert werden, sei deshalb für die Betroffenen dieser Zusammenhang noch lange nicht klar.

Eine weitere überraschende Wendung greift Abusharaf auf: Durch die Konzentration auf den gesundheitlichen Aspekt kam es teilweise zu unerwarteten Ergebnissen. Als extremes Beispiel weist die Autorin auf Ärzte und Krankenschwestern hin, die sich durch Sensibilisierungskampagnen dem Thema mehr als zuvor annahmen, sprich die Beschneidung lieber selbst durchführten, als diese Aufgabe einer unqualifizierten “Beschneiderin” zu überlassen. Paradoxerweise gewannen sie erst durch die häufig von NGOs durchgeführten Schulungen den nötigen Wissenstand und das erforderliche Equipment, um die Beschneidungen unter ihrer Ansicht nach vertretbaren Bedingungen durchführen zu können.

Das Argument der Menschenrechte: Internationalisierung der Debatte

Vielleicht auch weil das Argument der Gesundheitsgefährdung nicht zum erhofften Ergebnis der Abschaffung von Frauenbeschneidung führte, kam es laut Boyle in den 90er Jahren zu einem weiteren Paradigmenwechsel, infolgedessen die Menschenrechte Mittel des Kampfes wurden. Auch internationale politische Organisationen, wie die UN, welche anfangs noch sehr zurückhaltend waren, stiegen nun in die Debatte mit ein. Diese einflussreichen Gegenspieler der Beschneidung hatten die Möglichkeit, erheblichen Druck auf die Politik auszuüben. Somit begannen einige Staaten, Frauenbeschneidung zu illegalisieren. Allerdings ist dies oftmals nicht geglückt. So kam es zwar vielerorts zum Verbot von Frauenbeschneidung, doch führte das nicht zur erhofften Unterbindung des Praktizierens. Es habe, so sind die Stimmen der KritikerInnen bei Boyle nachzulesen, den Menschen an Alternativen gefehlt. Gesetze allein könnten deshalb nicht erfolgreich sein.

Der Bezug auf die Menschenrechte stellt sich als genauso verstrickt, wie die vorhergehenden Argumentationen gegen Frauenbeschneidung heraus, wie am Beispiel des Übereinkommens über die Rechte des Kindes, welches im Jahre 1989 erlassen wurde, deutlich wird. Hier heißt es im Artikel 37, dass das Kind keiner “grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung oder Strafe” (BPB 2004: 179) ausgesetzt werden soll. Darauf Bezug nehmend kann Frauenbeschneidung als eine Form der Kindesmisshandlung betrachtet werden. Diese Schlussfolgerung ist jedoch problematisch, folgt man der Konfliktanalyse Shell-Duncans und Hernlunds. Die Mädchen könnten sich, entgegen dieser Annahme, in einer Umgebung, wo eine überwiegende Anzahl Gleichaltriger beschnitten ist, nur “normal” entwickeln, wenn auch sie sich der Beschneidung unterziehen. Die Alternative wäre der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Es heißt im Artikel 30 dieses Übereinkommens aber auch, dass einem Kind “nicht das Recht vorenthalten werden (darf), in Gemeinschaft mit anderen Angehörigen seiner Gruppe seine eigene Kultur zu pflegen” (BPB 2004: 178). Deshalb sei es von Seiten der BefürworterInnen des Kultur-Arguments fraglich, Eltern Missbrauch zu unterstellen, wenn nach ihrem Verständnis Beschneidung einen Teil der Kultur ausmacht.

Zum anderen soll hier die Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen aus dem Jahre 1993 als weitere menschenrechtliche Basis der GegnerInnen von Frauenbeschneidung erwähnt werden. Hierbei ist gleich Artikel 1 entscheidend: “Im Sinne dieser Erklärung bedeutet der Ausdruck “Gewalt gegen Frauen” jede gegen Frauen auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung, durch die Frauen körperlicher, sexueller oder psychologischer Schaden oder Leid zugefügt wird” (BPB 2004: 163). Frauenbeschneidung kann in diesem Sinne als Form der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen begriffen werden. Allerdings werde Beschneidung, so lautet die Gegenposition, welche wiederum bei Shell-Duncan und Hernlund nachzuverfolgen ist, oft von den Frauen selbst am Leben erhalten, und zwar gerade aufgrund der Macht, die sie dadurch in ihrer Gemeinschaft erhalten.

Die Debatte, wie sie derzeit geführt wird, ist, wie durch die hier angeführten Beispiel ersichtlich wird, durch eine unüberwindbare Kluft zwischen GegnerInnen und KritikerInnen gekennzeichnet. Für die einen sind universelle Vorstellungen, wie die Menschenrechte, Basis ihrer Überzeugung. Für die anderen sind vor allem der individuelle Bedeutungskontext und die Aufgabe, welche Frauenbeschneidung in der Gemeinschaft erfüllt, ausschlaggebend. Die Bedeutung von Frauenbeschneidung ist laut der Gegenseite jedoch nicht entscheidend genug, um die Augen vor den gesundheitsgefährdenden und menschenrechtsverachtenden Aspekten zu verschließen. Die Frage ist, ob eine Einigung zwischen den beiden Seiten der Auseinandersetzung jemals möglich ist oder ob der Ball auch in Zukunft nur weiter hin und her geworfen wird.

Nach der ernüchternden Erkenntnis, dass ein Ende der gegenseitigen Beschuldigungen nicht absehbar ist, möchte ich mit einem Konzeptbeispiel aus Gambia (gelesen bei Shell-Duncan und Hernlund) enden, das die rituelle Bedeutung von Frauenbeschneidung beibehält, jedoch ohne sie “wirklich” durchzuführen: das “Ritual ohne Schneiden”. Ziel des nichtstaatlich geförderten Projektes ist es, den jungen Frauen die Nachteile der Frauenbeschneidung nahe zu bringen, ohne die damit einhergehende Initiation zu untergraben. Die InitiatorInnen dieses Programms nahmen sich die Zeit, die Mädchen intensiv zu trainieren und ihnen jenes Wissen zu vermitteln, welches sie auch im Rahmen des Rituals um die Beschneidung gewinnen würden. Die Beteiligten ließen sich darauf ein und unterzogen sich als erste in Gambia dem “Ritual ohne Schneiden”.

Inwieweit solche Projekte langfristige Wirkungen zeigen, ist noch nicht abzusehen. Doch ist es meiner Meinung nach ein Schritt in die Richtung, dass Frauen einen eigenen Weg finden, ohne sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Eine Strategie, die vielleicht funktionieren wird.

Referenzen

Abusharaf, R. M. (2006): Female Circumcision: Multicultural Perspectives. Philadelphia: Universityof Pennsylvania Press.

Boyle, E. H. (2002): Female Genital Cutting. Cultural Conflict in the Global Community. Baltimore (u.a.): Johns Hopkins University Press.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.) (2004): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Bonn: Bercker, Kevelaer

Knörr, J. (2006): Zur sozialen Bedeutung weiblicher Geheimbünde in Sierra Leone. Public lecture delivered for habilitation, 25. Januar 2006. Halle/Saale: Max Planck Institute for Social Anthropology.

Shell-Duncan, B. & Y. Hernlund (Hrsg.) (2000): Female `Circumcision` in Africa. Culture, Controversyand Change. Boulder, Colorado: Lynne Rienner.

World Health Organization (2006): Female genital mutilation and obstetric outcome: WHO collaborative prospective study in six African countries. Geneva, Switzerland: WHO Press

Anett Schädlich (24) studiert seit 2004 Ethnologie, VWL sowie Zeitgeschichte in Halle und ist seit 2006 Redaktionsmitglied der CARGO. 2007 absolvierte sie über VolNet e.V. ein 4-monatiges Praktikum in Gambia (Westafrika).”

 

(Quelle: CARGO.)

Burkina Faso: Kampf gegen Genitalverstümmelung

Montag, Mai 9th, 2011

“Immer mehr Dörfer schließen sich an

Kampf gegen Genitalverstümmelung in Burkina Faso

Von Regine Bouédibéla und Saskia Bastian

Über 32.000 Mädchen in Burkina Faso konnten seit 1998 durch den Einsatz des Vereins „Bangr Nooma“ vor der weiblichen Genitalverstümmelung bewahrt werden. Immer mehr Dörfer schließen sich dem Kampf gegen Genitalverstümmelung an und wollen mit dem Verein zusammenarbeiten. TERRE DES FEMMES unterstützt das Projekt seit über zehn Jahren.

Im November 2010 besuchte die TDF-Projektkoordinatorin Regine Bouédibéla Bangr Nooma. Gemeinsam mit der Leiterin des Projekts, Rakieta Poyga, reiste sie vor Ort in die Dörfer, die sich der Aufklärungskampagne angeschlossen haben.

Der Verein Bangr Nooma

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind über 70 Prozent der Mädchen und Frauen im westafrikanischen Burkina Faso an ihren Genitalien verstümmelt. Zwar setzt sich mittlerweile auch die Regierung des Landes gegen Genitalverstümmelung ein, doch fehlen die Mittel für landesweite Kampagnen und Schulungen. Zusammen mit anderen Frauen in ihrem Dorf ergriff Rakieta Poyga 1998 die Initiative und gründete den Verein “Bangr Nooma”, was bedeutet: “Es gibt nichts Besseres als Wissen.” Die Arbeit der Aufklärungskampagnen geht jeweils über drei Jahre. In der ersten Phase versuchen die Bangr-Nooma-MitarbeiterInnen, die Dorfchefs für ihr Anliegen zu gewinnen. Stimmen diese zu, werden eine Frau und ein Mann aus dem Dorf zur Animateurin und zum Animateur ausgebildet. Diese versuchen dann in intensiven Gesprächen mit der Dorfbevölkerung das Tabu um die Genitalverstümmelung zu brechen. Die Kampagne richtet sich auch an die Beschneiderinnen: Bangr Nooma bietet ihnen Umschulungen an, damit sie nicht aus finanzieller Not an der Genitalverstümmelung festhalten. Im weiteren Verlauf der Kampagne wird dann ein Dorfkomitee gegründet, das zusammen mit ehemaligen Beschneiderinnen darüber wacht, dass Mädchen nicht weiterhin heimlich beschnitten werden. Über 300 ausgebildete Frauen und Männer sind mittlerweile für den Verein unterwegs und fahren zu den Menschen in die Dörfer, um mit ihnen über weibliche Genitalverstümmelung zu sprechen. Für ihre Arbeit stellt ihnen Bangr Nooma ein Fahrrad oder ein Mofa zur Verfügung, damit sie die oft abgelegenen Dörfer besser erreichen. Der Lohn für diesen Einsatz beträgt umgerechnet zwischen 20 und 40 Euro im Monat.

Immer mehr Dörfer schließen sich an

Zusammen mit Rakieta Poyga und weiteren Bangr-Nooma-MitarbeiterInnen besuchte Regine Bouédibéla zunächst das etwa 4.000 Einwohner zählende Dorf Polosgo. Dort berichteten die Frauen, sie hätten durch Bangr Nooma erkannt, dass es sich bei der Verstümmelung weiblicher Genitalien um eine schädliche Praktik handelt, die zu Unfruchtbarkeit oder Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr führen könne und die auch die Ausbreitung von HIV fördere. Doch für manche tun sich neue Probleme auf: “Jetzt lieben die Männer die unbeschnittenen Frauen, und wir beschnittenen Frauen leiden, weil sie uns verlassen und vernachlässigen, ganz einfach deshalb, weil wir ihnen keine Lust bereiten können.” Der Gemeinderat des Dorfes versprach, sich gegen die Praktik der Beschneidung einzusetzen. Eine der anwesenden Frauen bekräftigte: Im Fall einer weiteren Beschneidung würde sie diese beim Gemeinderat und beim Sozialdienst oder der Polizei anzeigen. Es fand auch ein Treffen mit dem Leiter der örtlichen Gesundheitsstation statt, der erklärte, dass es im Einzugsbereich der Gesundheitsstation durchschnittlich 1.000 Krankheitsfälle im Monat gebe – viele davon Malaria und Durchfallerkrankungen. Er berichtete weiter, dass Genitalverstümmelungen manchmal heimlich oder in weiter entfernten Dörfern durchgeführt würden. Auch würden immer mehr Mädchen bereits als Kleinkinder beschnitten. Insgesamt gehe die Zahl der Beschneidungen jedoch eindeutig zurück. In Songdin, einem weiteren Dorf, das mit Bangr Nooma zusammenarbeitet, wurden Regine Bouédibéla und Rakieta Poyga von den EinwohnerInnen willkommen geheißen. In dem 2.000 EinwohnerInnen zählenden Dorf gibt es schon mehrere Dorfkomitees, die darüber wachen, dass keine Mädchen mehr beschnitten werden. Die EinwohnerInnen erklärten, dass sie ihre Mädchen früher beschnitten, da ihnen die Folgen dieser Praktik nicht klar waren. Die Mädchen waren in der Regel sieben Jahre alt, manchmal auch jünger. Durch die Sensibilisierungsarbeit von Bangr Nooma setzt sich die Bevölkerung inzwischen jedoch kritisch mit den Folgen von Genitalverstümmelung auseinander.

Auch Kirchengemeinden machen mit

Im Dorf Yagma sprachen die VertreterInnen von Bangr Nooma und Regine Bouédibéla mit den Anhängern der “Gemeinschaft Gottes”. Eine der Zuhörerinnen berichtete von ihrer eigenen Tochter, die gerade die Folgen der Beschneidung erlebe, die Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr und den zwingenden Kaiserschnitt bei der Geburt. Der Pfarrer fragte, ob Bangr Nooma Frauen helfen könne, die aufgrund der Genitalverstümmelung inkontinent geworden seien. Rakieta Poyga konnte aufklären, dass der Verein auch Frauen unterstützt, die wegen der Folgen der Verstümmelung eine Operation brauchen. Wie viele andere Dörfer in der Umgebung leidet auch Yagma unter einer hohen Analphabetenrate. Die nächsten Schulen sind weit entfernt. Einige der Kinder können in der Stadt zur Schule gehen, andere wiederum müssen einen Weg über 15 Kilometer zurücklegen. Viele Frauen äußerten den Wunsch nach einem Bildungszentrum. Rakieta Poyga antwortete, dass für ein solches Zentrum viele Mittel benötigt würden. Bangr Nooma könne aber einen zweimonatigen Alphabetisierungskurs für Frauen organisieren.

Unterstützung durch den Imam

Auch im Dorf Roumtenga fand ein Austausch zwischen Bangr Nooma und den DorfbewohnerInnen statt. Die Animateurin von Bangr Nooma ergriff die Gelegenheit, um mit den anwesenden DorfbewohnerInnen über Genitalverstümmelung zu sprechen. Im regen Austausch stellte einer von ihnen die Frage, ob Beschneidung nur in Afrika praktiziert werde oder auch in Europa. Regine Bouédibéla antwortete, dass Beschneidung weiblicher Genitalien in europäischen Ländern nicht üblich sei. Sie berichtete, dass umgekehrt bis vor wenigen Jahren in Europa kaum bekannt war, dass es Gegenden gibt, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird. Auch mit dem Imam des Dorfes war eine Unterredung möglich. Dieser bedankte sich bei Bangr Nooma für die Aufklärung und sagte seine Unterstützung zu. Er berichtete vom Tod eines Mädchens, das die Koranschule besuchte und nach der Beschneidung gestorben sei. Dies habe ihn aufgerüttelt. Seines Wissens sei Beschneidung in Mekka, der heiligsten Stätte des Islam, unbekannt. Er rief die Dorbevölkerung auf, nicht nur technischen Fortschritt zu akzeptieren, sondern auch darüber nachzudenken, welche Traditionen schädlich sind, und diese aufzugeben. Da immer mehr Dörfer an den Aufklärungskampagnen teilnehmen möchten, ist Bangr Nooma auch weiterhin auf Ihre Unterstützung angewiesen. Eine dreijährige Kampagne kostet umgerechnet 2.300 Euro. Bitte spenden Sie unter dem Stichwort “Burkina Faso” auf das Konto mit der Nummer 244 299, Kreissparkasse Tübingen, BLZ 641 500 20.

Zu den Autorinnen:

Regine Bouédibéla ist ehrenamtliche Koordinatorin des von TERRE DES FEMMES unterstützten Projektes Bangr Nooma. Sie besucht das Projekt in regelmäßigen Abständen und informiert über die Fortschritte.

Saskia Bastian hat Erziehungswissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie ist Praktikantin bei TERRE DES FEMMES im Referat gegen Genitalverstümmelung.”

 

(Quelle: Frauensolidarität.)

Hinweis:

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Frauensolidarität”, die sie in unserer Bücherei entleihen können.

USA: Debatte um Erlaubnis für weibliche Genitalverstümmelung

Sonntag, Mai 23rd, 2010

AAP on Female Genital Mutilation: Let’s Not and Say We Did

The American Academy of Pediatrics is under fire for revising its guidelines on female genital mutilation (FGM). U.S. federal law bans all forms of female genital cutting for minors. However, the bioethics division of the AAP wants the law changed to allow doctors to ceremonially nick the clitoris at the parents’ request. The process AAP reluctantly endorses has been compared to a pinprick–just enough to raise a drop of blood. It’s essentially a medicalized ritual that evokes FGM without actually harming the child.

Many of my fellow feminists are outraged by the AAP’s proposal. Personally, I think the change might be a good idea, or at least a proposal worth studying.

The overriding goal should  to maximize the number of intact clitorises. I’m all in favor of repudiating FGM and all its pomps, but outrage has to take a back seat to child protection. The AAP thinks that it’s better to give parents the option of a medically harmless symbolic version of the procedure in order to dissuade them from sending their girls back to their ancestral homelands to get their clitorises cut off for real.

SarahMC of Pursuit of Harpyness writes:

The AAP is supporting a form of ritualistic mutilation on girls in an attempt to prevent potential further harm. But will parents who request FGC be satisfied with–or fooled by–the so-called compromise of a “nick?” I am sympathetic to this complex predicament. However, if doctors suspect that their patients’ parents will sexually mutilate them, they could contact child protective services. What is best for the girls? [Emphasis added]

It’s not a question of fooling or satisfying anyone who’s gunning for clitoridectomy or infibulation. If parents are really invested in mutilating their daughters, they won’t be satisfied with a ritual nick.

However, there are probably parents out there would would prefer to keep their daughters intact, but who don’t want to be seen as rejecting the tradition. Now, you might be thinking: What kind of horrible person would go along with something like this just for the sake of tradition?

Well, some secular Jewish parents face a similar conundrum. It’s difficult to justify cutting off part of an infant’s penis because a very old book says that a God you don’t believe in prefers boys that way. Some couples I know are deeply divided on this question. I wouldn’t want my son cut, but I know this decision would ruffle some feathers even within my liberal family. (I don’t want to equate the horrors of FGM with routine foreskin docking. FGM is infinitely worse in terms of health impact and symbolism. Foreskin docking is perfectly compatible with a healthy sex life. The symbolism of FGM: Your genitals are dirty and if they work correctly you will become a filthy slut, so we’re preemptively hobbling you. The symbolism of male circumcision within Judaism: You are special, welcome to this awesome club!)

Opting out of a major ritual will be seen as provocative, even rebellious. Other people will interpret it as a criticism of them, of their bodies, of their decisions about their own children–whether you meant it that way or not. Some people relish the opportunity to Make A Statement with their child-rearing decisions, but other people would rather just avoid the static. It’s so much easier to cave to social pressure. You can reassure yourself everyone does it and life goes on and it’s no big deal. It’s easy to justify what everyone around you accepts as normal, even in the face of your own qualms.

If you could opt for a ceremonial blood-drawing, you could tell your family, “Oh, yeah, we took care of that at the hospital.” It’s not like they’re going to check.

The harm reduction approach to FGM prevention could backfire. The AAP acknowledges that possibility in the position statement. There’s some research that suggests that ritualizing the procedure legitimizes the procedure and keeps the custom alive longer than it otherwise would have. I would like to see the law changed to allow for some randomized prospective studies of harm reduction vs. outright denunciation. We should go with whatever approach gets the most girls to adulthood with their genitals intact.

(Quelle: Big Think.)

Afrika: ParlamentarierInnen gemeinsam gegen Genitalverstümmelung

Freitag, Mai 7th, 2010

“AFRICA: MPs push for continent-wide FGM/C ban

Parliamentarians from all over Africa are pushing for a continent-wide ban on female genital mutilation/cutting (FGM/C) and are calling on the UN to pass a General Assembly resolution appealing for a global FGM/C ban, as it violates human rights, they say.

Some 17 African states have banned FGM/C, among them Burkina Faso, Togo, Senegal and Uganda.

Members of parliament (MPs) from African nations met in Dakar 3-4 May to exchange lessons learned and actions to take to achieve the ban and resolution. While national human rights laws, and regional treaties such as the 2003 Africa Union Maputo Declaration refer directly or indirectly to FGM/C, separate laws must be passed to address it head-on, said delegates (…).”

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(Quelle: IRIN News.)