Posts Tagged ‘Foxconn’

China: Fauler Apfel

Mittwoch, Mai 4th, 2011

“Apple’s Chinese workers treated ‘inhumanely, like machines’

Investigation finds evidence of draconian rules and excessive overtime to meet western demand for iPhones and iPads

By Gethin Chamberlain

An investigation into the conditions of Chinese workers has revealed the shocking human cost of producing the must-have Apple iPhones and iPads that are now ubiquitous in the west.

The research, carried out by two NGOs, has revealed disturbing allegations of excessive working hours and draconian workplace rules at two major plants in southern China. It has also uncovered an ‘anti-suicide’ pledge that workers at the two plants have been urged to sign, after a series of employee deaths last year.

The investigation gives a detailed picture of life for the 500,000 workers at the Shenzhen and Chengdu factories owned by Foxconn, which produces millions of Apple products each year. The report accuses Foxconn of treating workers ‘inhumanely, like machines’.

Among the allegations made by workers interviewed by the NGOs – the Centre for Research on Multinational Corporations and Students & Scholars Against Corporate Misbehaviour (Sacom) – are claims that:

■ Excessive overtime is routine, despite a legal limit of 36 hours a month. One payslip, seen by the Observer, indicated that the worker had performed 98 hours of overtime in a month.

■ Workers attempting to meet the huge demand for the first iPad were sometimes pressured to take only one day off in 13.

■ In some factories badly performing workers are required to be publicly humiliated in front of colleagues.

■ Crowded workers’ dormitories can sleep up to 24 and are subject to strict rules. One worker told the NGO investigators that he was forced to sign a ‘confession letter’ after illicitly using a hairdryer. In the letter he wrote: ‘It is my fault. I will never blow my hair inside my room. I have done something wrong. I will never do it again.’

■ In the wake of a spate of suicides at Foxconn factories last summer, workers were asked to sign a statement promising not to kill themselves and pledging to ‘treasure their lives’.

Foxconn produced its first iPad at Chengdu last November and expects to produce 100m a year by 2013. Last year Apple sold more than 15m iPads worldwide and has already sold close to five million this year.

When the allegations were put to Foxconn by the Observer, manager Louis Woo confirmed that workers sometimes worked more than the statutory overtime limit to meet demand from western consumers, but claimed that all the extra hours were voluntary. Workers claim that, if they turn down excessive demands for overtime, they will be forced to rely on their basic wage: workers in Chengdu are paid only 1,350 yuan (£125) a month for a basic 48-hour week, equivalent to about 65p an hour.

Asked about the suicides that have led to anti-suicide netting being fitted beneath the windows of workers’ dormitories, Woo said: ‘Suicides were not connected to bad working conditions. There was a copy effect. If one commits suicide, then others will follow.’

In a statement, Apple said: ‘Apple is committed to ensuring the highest standards of social responsibility throughout our supply base. Apple requires suppliers to commit to our comprehensive supplier code of conduct as a condition of their contracts with us. We drive compliance with the code through a rigorous monitoring programme, including factory audits, corrective action plans and verification measures.’

• This story was amended on 1 May 2011 to correct the name of The Centre for Research on Multinational Corporations

 

(Quelle: The Guardian.)

Die Barbarei des Normalzustands

Mittwoch, Juni 2nd, 2010

Von Marcus Hammerschmitt

Suizid als Klassenkampf? Weil eine bestimmte chinesische Firma das iPad herstellt, fällt es auf, wenn sich ihre Mitarbeiter reihenweise in den Tod stürzen

Wenn man den Moment nennen sollte, in dem in den USA der Arbeitsschutz einsetzte, dann könnte man leicht auf den Zigarettenstummel verweisen, der am 25.3.1911 auf einen Kleiderhaufen fiel. Der befand sich in der Triangle Shirtwaist Factory, ein Unternehmen, das man heutzutage als Sweatshop bezeichnen würde: Junge Immigrantinnen nähten im Akkord Hemden, die Türen waren während der Arbeitszeit geschlossen, der Brandschutz lächerlich ungenügend. Arbeitsbedingungen, die im Zusammenhang mit dem Zigarettenstummel für 146 Leichen sorgten. Die Feuerwehr war vor Ort, aber ihre längste Leiter reichte nur bis zum sechsten Stock. Von den Stockwerken darüber warfen sich viele der Arbeiterinnen aus Angst vor dem Verbrennen in den Tod.

Hundert Jahre später sind wir so viel weiter nicht gekommen. Derzeit fallen keine amerikanischen Näherinnen von den Dächern, sondern junge Chinesen, in den "Sonderwirtschaftszonen" der "Volksrepublik China", in denen sie einer Sonderbehandlung ausgesetzt sind, die viel Volk braucht und verbraucht, aber ganz ohne Republik auskommt. Das Feuer, das die jungen Wanderarbeiter und -arbeiterinnen zu verzehren droht, wird in der Regel nicht durch Zigarettenstummel hervorgerufen – die Triangle Shirtwaist Factories von heute heißen KTS Chittagong und Sayem Fashions.

Das Feuer, das die jungen Chinesen auf die Dächer treibt, hat eine Arbeiterin mit einem Satz so beschrieben: "Mein Leben ist dennoch leer, und ich arbeite wie eine Maschine." "Dennoch", weil zu einem Monatsverdienst von 240 Euro bei sechs 12-Stunden-Tagen in der Woche (plus Überstunden) immerhin noch Essen und Übernachtung inbegriffen sind. In anderen Quellen ist noch von viel geringeren Löhnen die Rede. Sprechverbote während der Arbeit, Demütigungen, zu schnelle Bandgeschwindigkeiten und "militärischer" Führungsstil werden beklagt. Ein kaltes Feuer scheint es zu sein, ein eher seelenfressendes als Fleisch verbrennendes, eines, das kenntlich wird in den Maßnahmen zu seiner Unkenntlichmachung. Für solche Maßnahmen steht Terry Gou, seines Zeichens Aufsichtsratschef bei Foxconn. Er bekennt, durch die Selbstmorde "traumatisiert" zu sein (siehe Weiterer Suizid beim taiwanesischen Apple-Zulieferer Foxconn). Zu einer Pressekonferenz, die diesem schweren Trauma Ausdruck verleihen sollte, wird berichtet:


▸"Generell steigt die Suizidrate, wenn in einer Gesellschaft das Bruttoinlandsprodukt ansteigt", sagte Gou, der im Helikopter zu einem Treffen mit 200 Reportern angereist war, die er durch eine Fabrik führte. Gou war von Leibwächtern umringt.

Eine Gemütslage, die solches Verhalten möglich macht, muss erst einmal beschrieben werden, um sie vielleicht irgendwann zu verstehen, und wer nach Beschreibungen sucht, wird in der chinesischen Gegenwartsliteratur fündig. Zum Beispiel in "Chengdu, vergiss mich heute Nacht" von Murong Xuecun.

Der Roman beschreibt keine Typen vom Kaliber Terry Gous, sondern eher die kleinen Haie des neuen chinesischen Kapitalismus, aber das Gemisch aus Leere, Totalkorruption, Zynismus und Verantwortungslosigkeit ist sehr schön beschrieben – zusammen mit dem spezifisch chinesischen Mummenschanz, der immer darauf hinausläuft, "das Gesicht nicht zu verlieren" – so sehr die Kloake auch stinkt, sie soll wenigstens schön gestrichen sein.

Fast noch widerlicher sind die Verlautbarungen von Apple zum Thema. Man wolle jetzt die Lage unabhängig untersuchen, heißt es. Was die PR-Abteilung so sagt, wenn der Laden unter Druck ist.

Apple und die unangenehme Wahrheit

Die Untersuchung könnte leicht abgeschlossen werden. Wenn ihr, Sportsfreunde von Apple, die Margen herausholen wollt, die ihr braucht, um größer als Microsoft zu werden, dann geht das nur, indem eure Zulieferer ihre Arbeiter alle machen. Natürlich wisst ihr das. Und natürlich seid ihr keine bösen Menschen, und die nichtbösen Menschen von Dell, HP, Sony usw. machen es genauso. Es ist nur so, dass euer Businessmodell von Cupertino aus in China die Arbeiter auf die Dächer treibt.

Aber solange ihr öffentlich weint, eure Besorgnis ausdrückt, Untersuchungen veranstaltet, und im Fall der Fälle die Verantwortung auf die Schlitzaugen abschiebt, braucht sich keiner dieser unangenehmen Wahrheit zu stellen. Was auch der Zweck eurer Betroffenheit, eurer Wirtschaftsethik, eurer Zertifikate, Untersuchungen und all der anderen Alibi-Aktivitäten ist – sie erlauben euch, gleichzeitig zur wertvollsten Technologie-Firma der Welt zu gehören, und gute Menschen zu sein. Ist das nicht fein?

Die Gewaltmaschine

Wie immer gibt es für europäische Überlegenheitsgefühle nicht den geringsten Anlass. Eine ganz ähnliche Selbstmordserie bei der France Telekom ist noch relativ frisch (siehe Mörderische Arbeitsbedingungen und individuelle Verzweiflungsakte), aber da die sich nicht mehr so unvorteilhaft häufen wie noch vor kurzem, ist das alles kein Thema mehr. Die betreffenden Berichte werden gerade abgeheftet.

Wenn man die Seriensuizide als letzte, verzweifelte, unfreiwillige Form von Klassenkampf begreifen würde – wie viele Tote bräuchte es, damit sich etwas ändert? 146, wie damals bei der Triangle Shirtwaist Factory? Was sich verändert hat seit 1911 ist das statistische Rauschen – es hat ja so sehr zugenommen. Die Abgebrühtheit ebenso. Wieder ein Blick in die Literatur. In seinem Roman "2666" verarbeitete der chilenische Schriftsteller Roberto Bolano eine reale Mordserie im mexikanischen Ciudad Juarez. Als ab 1993 eine Frau nach der anderen bestialisch umgebracht wurde, geschah bis 2004 so gut wie nichts.

Bezeichnenderweise waren die Opfer meistens Arbeiterinnen aus den örtlichen Sweatshops ("maquiladoras"), die für multinationale Konzerne produzieren. Erst als die Zahl der Ermordeten so groß wurde, dass sich internationale Aufmerksamkeit nicht mehr vermeiden ließ, begann die Kosmetik: mehr Polizisten, bessere Forensik, einige Verhaftungen. Mindestens 126 Fälle sind bisher nicht aufgeklärt, und die Morde gehen weiter.

Wer sich fragt, wie so was sein kann, wie so eine Gewaltmaschine funktioniert, dem sei der Roman von Bolano an’s Herz gelegt. Aber wenn das iPad im Spiel ist, beginnt die Kosmetik schon früher.

Ob das kalte Feuer bald erlischt, das die chinesischen Wanderarbeiter und -arbeiterinnen auf die Dächer treibt? Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

(Quelle: Telepolis.)

Aktuelle Arbeitskämpfe im globalen Süden

Montag, Mai 31st, 2010

“I. Internationales / China / Arbeits und Lebensbedingungen

Der Protest gegen die Foxconn-Hölle weitet sich aus…

a) Der 8. Juni – Gedenktag an die Foxconn-Opfer

Aus Anlass der Markteinführung der neuen iPhone Generation von Apple am 8. Juni hat die Solidaritätsorganisation SACOM ( (Students & Scholars Against Cooperate Misbehavior) zum Gedenktag an die Foxconn-Opfer aufgerufen. Wir verweisen dazu nochmals auf die E-Petition von SACOM zum Protest gegen Foxconn-Praktiken (die unter anderem auch die Forderung nach demokratisch gewählter Gewerkschaftsvertretung enthält): “June 8th: Global Day of Remembrance for Victims of Foxconn” vom 27. Mai 2010, die in den ersten drei Tagen bereits rund 500 Unterschriften sammelte.

b) Protest bei der Foxconn Zentrale

In “Foxconn Workers Protest String Of Deaths At Company” vom 28. Mai 2010 bei digtriad wird von dem gemeinsamen Protest einiger NGOs und taiwanesischer Gewerkschafter vor der Konzernzentrale in Taipeh berichtet.

c) Das Ergänzungsprogramm der Verwaltung von Shenzen: Erwerbslose Migranten verjagen…

In “China: expelling the unemployed from Shenzhen” fasst Don Weinland bereits am 10. Mai 2010 bei Global Voices Online eine Reihe von Bolgberichten aus der VR China zusammen, die sich gegen die Maßnahme der Administration von Shenzen richten, MigrantInnen, die länger als drei Monate erwerbslos sind, zu deportieren. Wer also beispielsweise seinen Platz in einem der Foxconn-Schlafsääle verliert, soll auch bald abgeschoben werden – was zur Verbesserung der Lage der Beschäftigten nun auch nicht beiträgt. Von der Lage der Erwerbslosen ganz zu schweigen…

II. Internationales / China / Arbeitskämpfe

Alle Räder stehen still: Bei Honda

Analysten und Medien sehen den “grössten Automarkt der Welt” in Gefahr: Der bis dahin 9tägige Streik der 1.900 Arbeiter bei einem Zulieferer von Honda, der “just in time” alle vier Werke Hondas in China zumindest bis zum Freitag letzter Woche still legte, wird nur als Auftakt kommender Auseinandersetzungen gesehen: Forderten die Arbeiter hier eine Erhöhung der Mindestlöhne von 120 auf 240 Euros, so wird allgemein darauf verwiesen, dass der Stundenlohn in den Autofirmen Chinas rund 1,2 Euros beträgt.

Der Artikel “Streik legt Hondafabriken in China lahm” vom 30. Mai 2010 beim German-China Portal setzt die Auseinandersetzungen auch in Zusammenhang mit den Ausweitungsplänen Hondas um ein Drittel auf 480.000 Einheiten.

In dem Artikel “Honda asks Chinese workers to avoid industrial action” von Tom Mitchell in der Financial Times vom 30. Mai 2010 (Registrierung erforderlich) wird einerseits eben davon berichtet, dass Honda von der Belegschaft fordert Streikverzicht zu erklären – andrerseits werden mehrere Arbeiter zitiert, die unterstreichen, dass dies bisher niemand getan hätte und niemand tun werde – stets verbunden mit abfälligen Äusserungen über den Nutzen der bestehenden Gewerkschaft…

III. Internationales / Thailand

Bangkok “befriedet” – die Lage nicht

Nach dem blutigen Militärschlag am Ende von neun Wochen wachsender Proteste wird in Bangkok aufgeräumt – viele BürgerInnen der Stadt tun dies im wahrsten Sinne des Wortes. Die Todesopfer und die massenhaften Verhaftungen von Rothemden – und die noch nicht festgenommenen Repräsentanten werden von der Polizei in Großrazzien weiter gesucht – haben die Lage in der Hauptstadt beruhigt – Friedhofsruhe herrscht dennoch nicht. So unterschiedlich die diversen Einschätzungen und Analysen von Perspektiven auch sein mögen, eines eint sie alle: Das Urteil, das nichts wirklich gelöst ist, dass die sozialen und politischen Probleme, die in zwei Jahren hintereinander zu so heftiger Konfrontation geführt haben, selbstverständlich weiter bestehen.

a) Jacques-chai Chomthongdi und Chanida Chanyapate heben in ihrem Beitrag “Aftermath of the Battle: Picking up the pieces” vom 29. Mai 2010 bei Global South vor allem den Gegensatz zwischen Stadt- und Landbevölkerung hervor und unterstreichen dabei sowohl die ihrer Ansicht unklaren sozialen Aussagen der führenden UDD Sprecher als auch deren Mitverantwortung für die Opfer; wie sie auch herausstellen, dass die Ober- und Mittelklassen Bangkoks die Militäraktion (angesichts ihres brennenden Eigentums) begrüsst haben. Sie lassen aber auch eine Reihe von Aktivisten der Rothemdbasis speziell aus dem ländlichen Norden zu Wort kommen.

b) “The ‘Voter’s Uprising’ that is changing perceptions in Thailand” [PDF-Dokument] von Junya Yimprasert (Thai Labour Campaign) ist eine Broschüre, die aus Anlaß der Auseinandersetzungen 2009 verfasst worden war und am 20. Mai 2010 in überarbeiteter und aktualisierter Form neu aufgelegt wurde: Dabei wird darauf abgehoben, dass beide in Frage stehenden Regierungen sich in der Korruption nicht unterscheiden – noch in neoliberaler Politik. Für die Argumentation wird ein geschichtlicher Abriß des Kampfes um Demokratie seit 1932 gegeben – und die reaktionäre Rolle der monarchie unterstrichen.

IV. Internationales / Indien / Gurgaon

Die Zahl der Arbeiterkämpfe nimmt inflationäre Ausmaße an…

Das ist einer der Titel der Berichte, die in der neuen Ausgabe – die Nr 26 vom 20. Mai 2010 – der Gurgaon Workers News zusammengestellt sind, mit einer wahrhaft ständig anwachsenden Zahl von Streikberichten, aber auch über Straßenblockaden in Arbeitervierteln und vielfältigen anderen aktuellen Widerstandsformen.

V. Internationales / Indien / Arbeitsbedingungen

Zeitarbeit in der IT Kaderschmiede

Das Indian Institute of Technology in Kanpur (IITK) ist eine der zentralen “Kaderschmieden” der indischen Computerbranche: Etwa 10.000 Menschen arbeiten dort. Davon sind über 3.000 KontraktarbeiterInnen – von Reinigung bis zu den technischen Grundlagen der Computerarbeit übernehmen sie alles – die neben schlechter Bezahlung auch all die anderen Probleme von ZeitarbeiterInnen haben, die der heutige Kapitalismus den Menschen weltweit zumutet. In seinem Artikel “Contract Workers at IITK: A Response to Commonly Held Misconceptions” vom 23. Mai 2010 bei Sanhati berichtet Rahul Varman aus der Sicht eines Computerwissenschaftlers, der seit 15 Jahren am Institut arbeitet über die Probleme dieser Beschäftigten – und mögliche Wege zur Problemlösung.

VI. Internationales / Philippinen

Philex Mining – not welcome…

Seit Anfang 2009 versucht die kanadische Philex Mining über eine lokale Tochterfirma in Anislagan in Surigao del Norte eine Zeche zu betreiben – gegen den geschlossenen Willen der AnwohnerInnen, die bereits vor einigen Jahren die Einrichtung eines Konkurrenzunternehmens verhinderten. Der Bericht “Villagers to barricade Philex Mining’s entry” auf der Aktionsseite “Save Anislagan Watershed” ist zwar bereits vom Februar 2010 bietet aber alle nötigen Hintergrundinformationen zu dieser Auseinandersetzung.”

(Quelle: LabourNet Germany.)