Posts Tagged ‘Französisch-Polynesien’

Französisch-Polynesien: Strahlenopfer ringen noch immer um “Entschädigung”

Freitag, Juli 23rd, 2010

“Gerechtigkeit für die Opfer der Atomtests

Von Kirsten Wörnle

tahiti.jpg
Photo: Brot für die Welt

Fast 200 Atombomben zündete Frankreich zwischen 1966 und 1996 zu Versuchszwecken im Pazifik. Mehr als 10.000 Polynesier wurden für die Arbeiten in den Testgebieten herangezogen. Viele von ihnen sind in der Folge an Krebs erkrankt. Die Organisation “Moruroa e tatou” setzt sich für eine Entschädigung der Opfer ein.

Aldébaran hieß die erste, eine 28-Kilotonnen-Bombe, benannt nach einem Stern, der 150-mal so hell wie unsere Sonne strahlt. Bis 1974 folgten 45 weitere, noch viel größere Bomben. Ihre Sprengkraft war bis zu 63-mal so hoch wie die der Atombombe von Hiroshima. Ihr radioaktiver Niederschlag war noch im 6.700 Kilometer entfernten Chile zu messen. Nach diplomatischen Krisen verlegte Frankreich 1975 seine Versuche unter die Erde. Aber erst 1996, nach vielen unterirdischen Tests und unzähligen Protesten, stellte die Regierung die Versuchsreihe endgültig ein.

“Großes Geheimnis”

Papeete im Sommer 2008. Ein kleines Büro im Verwaltungsgebäude der Kirche. Hier sitzt der Verein “Moruroa e tatou” (“Moruroa und wir”), in dem sich ehemalige Arbeiter des französischen Atomversuchsprogramms zusammengeschlossen haben. Die von “Brot für die Welt” unterstützte Organisation wurde erst 2001 gegründet, fünf Jahre nach dem Ende der Atomtests. “Die Arbeiter haben lange Zeit nicht über ihre Erlebnisse gesprochen”, erläutert John Doom, ökumenischer Kirchenpräsident für den Pazifik und Koordinator von “Moruroa e tatou”. Was auf Moruroa und Fangataufa passierte, war Militärgeheimnis. “Viele hatten in ihren Verträgen Schweigeklauseln unterschrieben.” Der Zufall will, dass “Moruroa” das Wort für “Großes Geheimnis” ist. Als John Doom mit ein paar Gleichgesinnten 2001 ehemalige Moruroa-Mitarbeiter zu einem Treffen aufrief, rechnete er mit keiner großen Resonanz. Wer sich öffentlich kritisch über das Atomprogramm und seine Folgen äußerte, galt als Feind der Franzosen und riskierte unter der frankreichhörigen Regierung Tahitis Repressionen. “Wir haben damals zwanzig Stühle aufgestellt, doch dann kamen 150 Leute!”, erzählt der Kirchenmann. Einer nach dem anderen fasste Mut und erzählte seine Geschichte. Heute hat der Verein mehr als 4.500 Mitglieder.

Unterstützung für die Opfer

Unter dem Eindruck unermüdlicher Lobbyarbeit von “Moruroa e tatou” richtete die tahitianische Regierung 2005 schließlich eine Kommission zur Überprüfung der Folgen der Nuklearversuche ein. Zuvor hatte der Verein den ersten großen Untersuchungsbericht über die Atomtests in Französisch- Polynesien vorgelegt und der französischen Nationalversammlung vorgestellt. 2006 trommelte “Moruroa e tatou” Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, um über die Folgen der Atomtests zu sprechen. Die unermüdliche Lobbyarbeit hat in Frankreich bereits Früchte getragen: Die Schwesterorganisation AVEN (Association des Veterans des Essais Nucleaires) hat inzwischen Gerichtsurteile für gut zwei Dutzend Kläger erwirkt – sie haben gewonnen. “Hunderte Klageschriften sind in Vorbereitung, und Dutzende stehen vor der Entscheidung”, berichtet Anwalt Jean-Paul Teissonière. Es mag auch der wachsende Druck in Frankreich und auf Tahiti sein, der den französischen Verteidigungsminister Hervé Morin vor Kurzem dazu bewog, ein Gesetz zur Entschädigung von Strahlenopfern anzukündigen. Damit würde Frankreich erstmals anerkennen, dass die Atomtests Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hatten.”

(Quelle: Global Lernen.)