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Äquatorial-Guinea: Fußballerinnen zu erfolgreich?

Donnerstag, Juli 7th, 2011

“Zwischen Wertschätzung und Stigmatisierung

Fußballerinnen in Äquatorial-Guinea

Von Regina Roschmann und Yvonne Weigelt-Schlesinger

Vom 26. Juni bis 17. Juli 2011 findet in Deutschland die Frauenfußball-Weltmeisterschaft statt. Dabei vertreten die Teams aus Äquatorial-Guinea und aus Nigeria – Letztere sind Afrikameisterinnen – den gesamten Frauenfußball in Afrika. Laut ExpertInnen des Fußballweltverbandes (FIFA) hat dieser eine vielversprechende Entwicklung gemacht und blickt in eine aussichtsreiche Zukunft. Allerdings hat man in den meisten afrikanischen Ländern nicht nur mit enormen infrastrukturellen Problemen, sondern auch nach wie vor mit Vorurteilen gegenüber Fußball spielenden Frauen zu kämpfen. Am Beispiel des kleinen westafrikanischen Landes Äquatorial-Guinea beleuchtet der folgende Beitrag den kontrovers geführten Geschlechterdiskurs.

Der schwere Weg zur WM

In der FIFA-Frauen-Weltrangliste rangiert Äquatorial- Guinea im März 2011 auf Platz 61 und ist damit aktuell die viertstärkste afrikanische Mannschaft hinter Nigeria (Rang 27), Ghana (Rang 49) und Südafrika (Rang 58). Zum Vergleich: Deutschland steht an zweiter Stelle, die Schweiz auf Rang 26 und Österreich auf Position 40. Der nationale Verband von Äquatorial-Guinea, die Federación Ecuatoguineana de Fútbol, wurde 1960 gegründet und ist seit 1986 Mitglied der FIFA. Seit 1996 existiert auch ein organisierter Frauenfußballbetrieb. Bei der Frauenfußball- Weltmeisterschaft in Deutschland hat es Äquatorial-Guinea in der Gruppenphase mit den Mitfavoriten Norwegen und Brasilien sowie mit Australien zu tun. In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft ließ Äquatorial-Guinea Länder wie Ghana, Südafrika und Kamerun hinter sich und wurde erst im Finale von Nigeria besiegt. Dennoch kam der Erfolg nicht überraschend. Schon 2008 wurde die Afrikameisterschaft vom äquatorial-guineischen Team gewonnen, und die Mannschaft sorgte schon in der Olympiaqualifikation 2007 zu den Spielen in Beijing mit ihrem Sieg über Favorit Südafrika für Furore. Solche Erfolge eines Landes, das gerade mal 650.000 EinwohnerInnen zählt, lassen offenbar Misstrauen aufkommen und obendrein Spekulationen über das “wahre” Geschlecht von Spielerinnen entstehen. Es regte sich Protest. Anschuldigungen wurden geäußert, in dieser Mannschaft würden Männer spielen. Erklären könnte diese Erfolge aber auch die Tatsache, dass der Frauenfußball erst seit einiger Zeit einen Boom erlebt. Auch andere Länder – vor allem in Afrika – können deshalb derzeit noch nicht auf große personelle Ressourcen zurückgreifen. Die Größe des Landes bzw. die EinwohnerInnenzahl ist also möglicherweise noch kein entscheidendes Kriterium, und auch ein kleines Land kann sich im Wettkampf behaupten.

Wann wird eine Frau als Frau gesehen?

Die Frage nach dem wahren Grund der Erfolge wird sich von Außenstehenden nur schwer beantworten lassen. Dennoch versteckt sich hinter diesem Diskurs eine Problematik, die in letzter Zeit vor allem durch den Fall Caster Semenya für Aufsehen sorgte. Die Südafrikanerin Semenya triumphierte bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin über die Strecke von 800 m und sah sich anschließend u. a. aufgrund ihrer plötzlichen Leistungssteigerung, ihrer tiefen Stimme und ihrem Aussehen mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei keine Frau. Anschließend musste sie sich einem Geschlechtstest unterziehen, der Aufschluss bringen sollte. Bemerkenswert im Falle der aktuellen Vorwürfe gegenüber Äquatorial-Guinea ist in diesem Zusammenhang eine Aussage, die Nigerias Trainerin Eucharia Uche zugeschrieben wird: “Wie schon 2008 spielen bei ihnen zumindest zwei Männer mit”.– “Zumindest” heißt es in diesem Vorwurf; so eindeutig scheint die Sachlage also nicht zu sein. Und sie ist es auch nicht, denn die übliche Unterscheidung in männlich und weiblich, wie sie in den meisten Kulturen gesellschaftlich konstruiert wird, ist aus biologischer Sicht eben nicht so eindeutig. Es gibt z. B. Menschen, die mit einem Y-Chromosom geboren wurden, aber alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau entwickelten, ausgenommen der inneren Sexualorgane. Medizinisch wird diese Konstellation als Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS) bezeichnet. Diese Frauen haben ein XY-Chromosom, sind aber doch keine Männer, da ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert.

Geschlechtstests als Lösung?

Geschlechtstests lösen diese Problematik demnach nicht immer. Aber gerade der Sport nutzt auf formeller Ebene die Unterscheidung in männlich/weiblich als Grundlage zur Strukturierung seiner Wettbewerbe. Ein Abweichen von dieser Einteilung, also die Zulassung von Männern und Frauen in denselben Wettbewerben, würde dem Sport ein konstituierendes Charakteristikum entziehen: die Chancengleichheit. Dass der Sport von dieser binären Unterteilung abweicht und Wettkampfklassen weiter differenziert – z. B. Wettkämpfe für Intersexuelle einführt –, ist aufgrund des hohen Aufwands und der stark traditionell geprägten Strukturen unwahrscheinlich. Neben diesen formellen Kriterien beruhen auch heute noch im Sportsystem die traditionellen Geschlechterrollen auf dem komplementären Schema der “männlichen Stärke” und der “weiblichen Schwäche”. Die Ausübung der “Männersportart” Fußball, gepaart mit der Nichtübereinstimmung des gesellschaftlichen Schönheitsideals von Frauen, gilt als “unafrikanisch” und unwürdig und wird teilweise sogar durch Strafen sanktioniert (vgl. Meier, 2010).
Die Leichtathletikerin Caster Semenya hat im Juli 2010 die Startberechtigung für die Frauenwettbewerbe nach einer Hormonbehandlung zurückerhalten. In ihrer Heimat wird sie als große Sportlerin gefeiert. Aber andernorts könnte an jedem weiteren Sieg ein Makel hängen bleiben, nach dem Motto: die hat zwar gewonnen, aber eigentlich ist sie keine Frau.
Das internationale Olympische Komitee (IOK) will, zwölf Jahre nach der Abschaffung der Sextests, wieder Geschlechtskontrollen für Frauen einführen. Der würdige Umgang mit Menschen, die wahrscheinlich selbst nicht genau wissen, in was für einem Körper sie stecken, bleibt dabei auf der Strecke. Auch wenn das IOK verlauten ließ, dass die besagten Fälle dann nicht öffentlich weltweit kommuniziert würden. Man darf gespannt sein, wie sich die Öffentlichkeit im Sommer bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen gegenüber den Spielerinnen aus Äquatorial- Guinea verhalten wird. Das Ausmaß der Kritik wird sich vermutlich danach messen, wie erfolgreich die Spielerinnen sind und gegen welche Mannschaften sie punkten.

Literaturtipp:
Meier, M.: Banyana Banyana. In: Frauenfussball – Magazin. 1 (3). 4–5 (Aachen, 2010).

Zu den Autorinnen:
Regina Roschmann studierte Sportökonomie in Chemnitz (Deutschland) und Trondheim (Norwegen). Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Chemnitz. Ihre Schwerpunkte sind Fußball und Sportmarketing. // » Yvonne Weigelt-Schlesinger studierte Sportwissenschaft in Chemnitz (Deutschland) und promovierte in Tübingen. Seit 2009 ist sie Assistentin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern. Ihre Schwerpunkte sind Geschlechterforschung, Sportspieldidaktik und Sportbiographien von Frauen mit Migrationshintergrund. “

 

(Quelle: Frauensolidarität.)

Hinweis

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Frauensolidarität”, aus der dieser Aufsatz stammt, finden Sie in unserer Bücherei.

BRD: Vertrags- und andere Grätschen

Montag, Juli 4th, 2011

“Wettbewerb total

Durch die Ökonomisierung des Sports wird der Trainingsplatz zum Marktplatz. Gehandelt werden Berufssportler in allen Preisklassen

Von Holger Marcks

Es ist wieder Fußball-WM in Deutschland, diesmal der Frauen. Ein kleines „Sommermärchen“ hat es zu sein, wie schon bei den Männern 2006, als die Republik in nationalistischer Euphorie taumelte. Und noch einen anderen Herzenswunsch scheinen die MacherInnen zu hegen: den verwertungsund imagemäßigen Durchbruch des Frauenfußballs. Tatsächlich wächst im DFB der Frauenbereich am stärksten. Dennoch lässt der finanzielle und mediale Boom auf sich warten. Die Nationalmannschaft, mit der sich leichter Emotionen mobilisieren lassen, scheint sich da als Zugpferd anzubieten. Die kommerzielle Einwirkung auf den Frauen-Fußball rund um die WM ist zumindest nicht zu übersehen. Verkrampft wirkt dabei die auf Weiblichkeit setzende Vermarktungsstrategie, mit der man eine Art emanzipatorischen Befreiungsschlag herbeireden möchte.

Auch wenn oft zu hören ist, man solle den Frauenfußball gar nicht mit dem der Männer vergleichen, wird einmütig stets eine große Bürde der Frauen genannt: ohne Profistrukturen könne sich der Sport nicht, wie bei den Männern, auf höherem Niveau entfalten. Ob die Professionalisierung und Verwertung des Sports überhaupt wünschenswert ist, wird kaum gefragt.

Wer heute im sportlichen Wettbewerb hoch hinaus will, muss sich einiges antun, etwa eine maximale körperliche Ausbeute. Viele Sportarten sind derart durchprofessionalisiert und haben ein so hohes Leistungsniveau erreicht, dass Mithalten nur mit intensivstem Training und qualifiziertem Umfeld möglich ist. Der „Sachzwang“ reicht dabei so weit, dass häufig nur mit Doping – ob legal oder illegal – Spitzenplätze winken. Auch in sozialer Hinsicht wird BerufssportlerInnen einiges abverlangt. Ihre Lebensbahn folgt oft sehr eng gezogenen Kreisen, nicht selten von Kindheit an. Durchgeplante Kalender und eine höchst disziplinierte Lebensführung zeugen nicht gerade von hedonistischen Ausschweifungen. Nicht zu vergessen die mangelnde Sinnhaftigkeit und der enorme Druck, die manche Profi-Psyche belasten.

Kein Grund zum Jammern, mag man meinen. Bei der guten Bezahlung sei das allemal zumutbar. Doch BerufssportlerInnen, das sind nicht nur hochdotierte Stars. Es sind häufig auch Topspielerinnen in Rand- und sogar niedrigklassige Spieler in Massensportarten. Und die waten zweifellos nicht im Luxus. Im Fußball etwa reichen die ökonomischen Zwänge in die Tiefen des Amateurbereichs hinein, wo das Buhlen um Spieler beginnt, etwa mit Honoraren und Ausbildungsoder Arbeitsplätzen (siehe Grenzen des Amateurhaften). Die Grenze zwischen Profis und Amateuren ist dabei unklar. Die Spieler selbst schwanken nicht selten zwischen sportlich-beruflicher Doppelbelastung oder prekärer Existenzsicherung, immer mit dem Risiko, dass eine Verletzung ohnehin alles beenden könnte. Wer sich kein berufliches „Standbein“ geschaffen und nur auf den Sport gesetzt hat, kann da schnell vor dem Nichts stehen.

Vor einem schnellen Ende sind allerdings auch die „Großen“ nicht ganz gefeit. Umsatteln muss dann, wer nicht ausreichend vorgesorgt hat – oder seinen Reichtum verprasst. Generell ist die aktive Zeit von Profisportlern sehr begrenzt. Sie sind gewissermaßen Frührentner. Und dies scheint sich v.a. im Fußball noch zu verstärken, ist doch ein Trend zu jungen Spielern – selbst ausgebildet versprechen sie hohe Gewinnspannen – deutlich erkennbar, der mit der Einführung des „Financial Fair Play“ (siehe „Diese Blutgrätsche wird ihnen präsentiert von…“) noch zunehmen dürfte.

Dass in der Belle Etage des Sports nicht alles rosig ist, darauf verweist allein schon die Existenz von Gewerkschaften in diesem Bereich. Tatsächlich sieht etwa die VDV (siehe Dribbeln, flanken, organisieren) einiges anzupacken in Sachen Arbeitsbedingungen. Manches wurde schon getan. Legendär ist etwa das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 1995: Der belgische Profi Jean-Marc Bosman erstritt damals, unterstützt von verschiedenen europäischen Spielergewerkschaften, u.a. das Recht für Profifußballer, nach Vertragsende ablösefrei zu wechseln.

Doch nach wie vor werden Spieler in der Sportökonomie wie ein Stück Fleisch gehandelt. Dies kann, menschlich und moralisch, sehr bedenkliche Formen annehmen. Wie etwa in den USA, wo sich Teams bei sog. „Drafts“ junge Spieler anschauen und sich die Lizenz an ihnen sichern können. Oder jene Events in armen Ländern, bei denen europäischen Scouts Spieler wie auf dem Basar präsentiert werden. Die viel beschworene Karriere vom Fawela-Kind zum Fußballprofi kann da auch schon mal zum Dorfverein in den Schweizer Alpen führen. Aber ein Verein, der auf der Höhe der Zeit ist, der unterhält heute ein ganzes Reservoir an Zusatzspielern – eigens zu dem Zweck, sie an andere Vereine auszuleihen. Ja, Leiharbeit gibt es auch in der Bundesliga.”

 

(Quelle: Direkte Aktion.)

Hinweis

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Direkte Aktion”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

Afghanistan: UNHCR sucht Abnehmer für Fußbälle

Montag, Mai 9th, 2011

“UNHCR sucht Abnehmer für Fußbälle aus Afghanistan

Gemeinsam mit der afghanischen Nichtregierungsorganisation ‘Greenway’ fördert UNHCR die Fertigung von Lederfußbällen in Barikab. Die Ball-Produktion innerhalb des UNHCR-Rückkehrprogramms ist neu und wird vornehmlich von Flüchtlingsfrauen ausgeübt, die angelernt werden und dadurch zusätzlich Geld für den Unterhalt ihrer Familien verdienen können. Jetzt sollen Abnehmer für die Spielgeräte gefunden werden.

Die erste Projektphase verlief bereits sehr vielversprechend und die ersten Bälle sind auch schon bei UNHCR in Deutschland und in Österreich eingetroffen.

“Wir brauchen dringend Aufmerksamkeit für dieses Vorzeigeprojekt, dass heimgekehrten Flüchtlingsfrauen Hoffnung, Anerkennung und Perspektive verschafft”, so Dietmar Kappe von der UNO-Flüchtlingshilfe, dem deutschen Spendenpartner von UNHCR. Kappe steht bereits mit zahlreichen Fußball-Bundesliga-Klubs in Kontakt, die die Bälle signieren wollen, darunter Werder Bremen, Hannover 96, St. Pauli und Bayer Leverkusen.

“Die Einnahmen einer anschließenden Versteigerung der signierten Bälle können wir dann wieder den afghanischen Flüchtlingsfrauen zuführen”, erläutert Kappe seine Strategie. Und auch die Deutsche Post hat bereits ein Benefizspiel gegen ehemalige Kickerinnen des Deutschen Fußball Bundes (DFB) bestritten und sogleich 1.000 EUR für das UNHCR-Projekt in Afghanistan überwiesen.

In Kappes Büro stapeln sich derweil die Fußbälle aus Barikab. “Ab 20 Euro zeige ich mich verkaufswillig”, schmunzelt der Pressesprecher, “allerdings nur für die Basisversion; die qualitativ hochwertigeren Spielgeräte kosten mindestens 50 Euro.”

Ausgebildete Arbeiterinnen in Barikab können bis zu drei Bälle am Tag produzieren. Dafür erhalten sie den Durchschnittslohn von etwa vier Euro am Tag. Fast alle nehmen die Näharbeiten mit nach Hause, denn die traditionellen sozialen Strukturen vor Ort schränken die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit stark ein.

Deutschland, Österreich und die Schweiz sind nicht die einzigen Interessenten: “Was die Frauen am meisten freut, ist die Aussicht, dass ihre Bälle bei weltweiten Events präsentiert werden, bei denen man die Arbeit und das Talent afghanischer Frauen kennenlernen und wertschätzen kann”, so die Einschätzung von Grainne O’Hara, verantwortliche UNHCR-Mitarbeiterin in Kabul.

Mehr als 5,5 Millionen Menschen sind seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 aus Pakistan und dem Iran nach Afghanistan zurückgekehrt, viele von ihnen Frauen. Die Rückkehrer machen derzeit rund 20 Prozent der afghanischen Bevölkerung aus. In manchen Regionen ist jeder Dritte ein ehemaliger Flüchtling. Im Rahmen seines Mandats unterstützt UNHCR die freiwillige Rückkehr.

Weitere Projektinfos erteilt Dietmar Kappe, Telefon +49 (0)2 28 – 6 29 86 14″

 

(Quelle: UNHCR –  UNHCR sucht Abnehmer für Fußbälle aus Afghanistan.)

Südafrika: “Kirche hat ihre Rolle noch nicht gefunden”

Freitag, April 23rd, 2010

Interview mit dem evangelischen Pfarrer und Widerstandskämpfer Ben Khumalo-Seegelken, der seit 1975 in der Bundesrepublik Deutschland lebt; er erinnert sich an die Zukunft der Apartheid – und blickt in die Zukunft seines Heimatlandes.

evangelisch.de: Herr Pfarrer Khumalo-Seegelken, wie haben Sie von der Freilassung Nelson Mandelas erfahren?

Khumalo-Seegelken: Von meiner Familie. Mein Bruder rief mich an und teilte mir es mit.

evangelisch.de: Was ging da in Ihnen vor?

Khumalo-Seegelken: Ich konnte es nicht glauben, es war unbeschreiblich. Wir hatten uns das sehr lange gewünscht und darauf gehofft – als es dann geschah, wollte es mir nicht in den Kopf. Eine große Freude, unfassbar. (…)

evangelisch.de: Welche Rolle spielen heute Glaube und Kirchen?

Khumalo-Seegelken: Es gibt Menschen mit Rückgrat – Menschen, die in der Zeit der Apartheid auch dann, wenn die vielen Stimmen des gewaltfreien Widerstands nicht mehr vernehmbar waren, dennoch ihre Stimme erhoben haben unter Inkaufnahme großer Gefährdung – etwa Desmond Tutu. Es sind Menschen, die im neuen Südafrika auch gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat klare Worte finden und deutlich Partei ergreifen für Opfer von Unrecht. Es sind Menschen, die in der Tradition des christlich motivierten Widerstandes diese Linie weiterziehen. Doch auch Nichtregierungsorganisationen außerhalb der Kirche haben zum Beispiel den Wahrheits- und Versöhnungsprozess begleitet. Dabei erhielten Menschen Raum, die keine Möglichkeit hatten, im Rahmen der Anhörungen ihr Leid zu klagen, mit den Verfolgern von damals über das zu reden, was geschehen war, und Versöhnung und Vergebung zu suchen. Diese Organisationen und Interessengemeinschaften sind konfessionsübergreifend und auch nicht nur christlich oder kirchlich bestimmt. Die institutionalisierte Kirche, sei es im Zusammenschluss des Südafrikanischen Kirchenrates oder aber die verschiedenen Konfessionen, die es im Lande gibt, glänzt im neuen Südafrika des Öfteren durch Abwesenheit, wo ihre Stimme nötig wäre.

evangelisch.de: Woran liegt das?

Khumalo-Seegelken: Meiner Beobachtung nach hat die institutionalisierte Kirche ihre kritisch-konstruktive, begleitende Rolle in einer demokratischen Gesellschaft noch nicht gefunden. Es gibt im Land noch die Apartheidgeografie, und die Struktur der Trennung und des beziehungslosen Nebeneinanders, wie es vorhanden war, ist noch heute in den institutionalisierten Kirchen zu finden. Am Sonntagvormittag ist Südafrika am getrenntesten – wenn jeder und jede im Gottesdienst mit denjenigen zusammen ist, mit denen man auch zur Apartheitszeit gezwungenermaßen zusammen war. Wege in die Richtung, dass Christinnen und Christen gemeinsam den Alltag gestalten und dem Staat vormachen, wie es werden könnte, wenn Menschen miteinander lebten, lassen sich nur hier und dort in Einzelfällen finden. Nach wie vor sind Menschen weißer Hautfarbe unter Menschen weißer Hautfarbe, und Menschen schwarzer Hautfarbe unter Menschen schwarzer Hautfarbe. Und es gibt auch Kirchen, etwa die Evangelisch-Lutherische Kirche, die die Strukturen aufrechterhalten haben, die in der Apartheidszeit entstanden waren. Eine lutherische Kirche für Weiße und eine für Schwarze bestehen nebeneinander. Seit der Demokratisierung, also seit 15 Jahren, haben wir den Schritt nicht vollzogen.

Fußball-WM in einem Land, das im Aufbruch ist

evangelisch de: Es bleibt also noch viel zu tun …

Khumalo-Seegelken: Ja, im neuen Südafrika ist in den vergangenen 15 Jahren weniger in Bewegung gekommen, gerade in den institutionalisierten Strukturen der Kirche, als hätte zustande kommen können.

evangelisch.de: Im Sommer nun steht die Fußball-Weltmeisterschaft bevor. Welches Südafrika kann die Welt dort erleben?

Khumalo-Seegelken: Die Welt kann ein Südafrika erleben, das im Aufbruch ist. Das in seinem Alltag die großen Widersprüche zwischen Arm und Reicht deutlich an den Tag legt. Ein Südafrika, das aber großes Potenzial hat, es gibt viele junge und engagierte Menschen in politischer Verantwortung, die den Aufbruch weiter entfalten wollen. Es ist ein ermutigendes und anspornendes Bild.

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(Quelle: evangelisch.de.)

Apartheid-Opfer vs. Daimler

Freitag, April 23rd, 2010

medico international-Unterschriftenaktion für Apartheid-Entschädigung

“Der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika steht unter keinem guten Stern. Das Problem ist nicht das DFB-Team, sondern dessen Hauptsponsor: Mercedes-Benz. Bei SüdafrikanerInnen die ihr Leben im Kampf gegen das rassistische Apartheidregime riskierten, ruft das Daimler-Logo dunkle Erinnerungen wach. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, durch die Lieferung von Fahrzeugen und Maschinen an Polizei und Militär des südafrikanischen Apartheidregimes, Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen geleistet zu haben. Die südafrikanische medico-Partnerorganisation Khulumani Support Group fordert die Anerkennung des begangenen Unrechts und Entschädigungszahlungen. Wir wollen die zunehmende Aufmerksamkeit durch die WM in Südafrika dazu nutzen, den Druck auf Daimler in Deutschland zu erhöhen. Mit der Kampagne “Daimler – Star of Apartheid” unterstützen wir die Apartheidopfer in der Auseinandersetzung mit dem Stuttgarter Konzern. Forderungen der Kampagne sind die Öffnung des Daimler-Archivs und eine angemessene Entschädigung.

Setzen auch Sie sich für eine Entschädigung der Apartheidopfer ein. Unterzeichnen Sie unseren Aufruf!

Die Unterschriften und Protestpostkarten an Daimler werden wir im Herbst an Dr. Dieter Zetsche, den Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG übergeben (…).”

Hier können Sie Online unterzeichnen: www.star-of-apartheid.de

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(Quelle: medico international.)

Lese-Tipp:

♦ “Wider die Straffreiheit. Firmen wie Daimler müssen sich für ihre Kollaboration mit dem Apartheidregime verantworten.”

Interview von Amy Goodman (Democracy Now!) mit der Khulumani-Sprecherin Marjorie Jobson und dem Klagevertreter Michael Hausfeld über die Gründe der Klageerhebung und die Bedeutung des Prozesses;

in: “Afrika Süd” 39. Jg., Nr. 1, Februar/März 2010 – ausleihbar in unserer Bücherei.

[Update:]

● “Daimler hat den Rassisten Militärfahrzeuge geliefert”

Südafrika

Sonntag, April 18th, 2010

Einem wahren Südafrika-Hype sitzten derzeit – wie es scheint – die entwicklungspolitischen Zeitschriften auf: Die dortige FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2010 macht’s möglich.

Ob “wahre” Fußball-Fans den Blick über das Grün des Rasens hin zu sozialpolitischen Themen wagen werden, darf getrost angezweifelt werden. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und so sei hier auf die aktuelle INKOTA-Brief-Ausgabe verwiesen, die neben
PERIPHERIE und EINE WELT den (nichtsdestotrotz lesenswerten) Schwerpunkt Südafrika gewählt haben. Weitere Zeitschriftentitel werden ab Mai sicherlich auf diesem Themen-Pfad folgen. Insbesondere die “Peripherie” bemüht sich redlich, Themen geringerer medialer Aufmerksamkeit in den Vordergrund zu stellen (trotz des unübersehbaren Tributs an die Marketingabteilung). Das gibt sicher Applaus vom Fachpublikum, treibt vermutlich aber – leider! – nicht die Verkaufszahlen in die Höhe. Wer das schade findet oder sich angesichts der Fußball-WM mal wieder mit Südafrika beschäftigen möchte, sollte die Ausgabe(n) kaufen.

Die neuen Ausgaben der o. g. Zeitschriften können in der Bücherei entliehen werden.