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Europa: Stolz auf eine fast perfekte Flüchtlingsabwehr

Donnerstag, Juli 15th, 2010

“Zahl der Boots-Flüchtlinge sinkt

Von Gregor Boldt

Essen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Bootsflüchtlinge in Europa zeigen offenbar Wirkung. Die Zahl der illegalen Einwanderer, die über das Meer nach Europa gekommen sind, ist nach Angaben der Vereinten Nationen deutlich zurückgegangen.

Bildquelle: medico.

Drei Jahre später wird es wohl weniger Bilder geben von ausgemergelten Afrikanern, die an den kanarischen Stränden zwischen Touristen erschöpft an Land paddeln. Die Zahl bis zum Bersten mit illegalen Einwanderern gefüllter, altersschwacher Seelenverkäufer im Mittelmeer wird sich ebenfalls in diesem Sommer verringern. Europa hat das Meer abgeschlossen. Umso mehr könnten sich die Ströme der Migranten in die EU auf das Nadelöhr Südosteuropa, auf die Türkei und Griechenland konzentrieren.

Nach Angaben des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) sind aktuell je nach Küstenabschnitt zwischen 50 und 95 Prozent weniger Bootsflüchtlinge angelandet als im Vorjahr. Verbesserte Grenzkontrollen sowie vermehrte und effizientere See-Patrouillien, Sicherheits- und Entwicklungsabkommen mit den Herkunftsländern der Migranten und nicht zuletzt die Wirtschaftskrise in den Mittelmeer-Anrainern der EU seien die Gründe dafür, so ein UNHCR-Sprecher zu dieser Zeitung.

„In diesem Jahr gibt es praktisch keine Boote mehr‟

Eine weitere Rolle spiele außerdem der bilaterale Vertrag zwischen Italien und Libyen aus dem vergangenen Jahr. Die Regierung Berlusconi stellte einen Scheck über fünf Milliarden Euro aus und übernahm Verantwortung für die Schäden aus der Kolonialzeit. Im Gegenzug hat Libyen einen Vertrag über 300 Millionen Euro mit einer italienischen Sicherheitsfirma abgeschlossen, um mit der neuen Ausrüstung seine Grenzen besser zu kontrollieren. Zudem hat er sich zu Verhandlungen mit der EU verpflichtet. In Zahlen drückt sich das so aus: 2008 gab es 37 000 Ankünfte illegaler Einwanderer aus Nordafrika in Italien, 2009 nur noch 8700. „Und in diesem Jahr gibt es praktisch gar keine Boote mehr‟, so Stefan Telöken vom UNHCR in Deutschland.

Auch die europäische Grenz-Agentur Frontex mit Sitz in Warschau nennt sinkende Zahlen. Im Vergleich zwischen 2008 und 2009 waren auf der Kanaren-Route 76 Prozent und der Mittelmeer-Route 83 Prozent weniger Flüchtlinge unterwegs. Den geringsten Rückgang (20 Prozent) gab es auf der Griechenland-Route. Hier versuchen vor allem Flüchtlinge aus Irak, Afghanistan, Somalia und Eritrea den Zaun nach Europa zu überwinden. Menschen aus Westafrika sind eher selten darunter.

Griechenland nimmt 150.000 Migranten fest

Frontex-Sprecherin Izabella Cooper sieht dennoch eine leichte Verlagerung der Flüchtlingsströme aus Gesamt-Afrika nach Griechenland. Eine These, der Stefan Telöken widerspricht: „Der Landweg über die Türkei und Griechenland war schon immer beliebt.‟ Dennoch: In Griechenland hat sich eine Lage entwickelt, der das Land kaum Herr zu werden scheint: 2009 war Griechenland für 75 Prozent der Verhaftungen wegen illegalen Grenzübertritts in Europa verantwortlich – 150 000 Menschen wurden festgenommen. „In diesem Jahr sind es bereits 88 Prozent‟, so Izabella Cooper.

Vor diesem Hintergrund betrachtet UNHCR mit Sorge die gegenüber 2008 leicht um drei Prozent auf 246 000 gestiegene Zahl der Asylbewerber in der EU. Denn Griechenland ist das Land des Staatenbunds, das den Flüchtlingsstatus am wenigsten vergibt.

Für Idrissa Sane spielt diese Diskussion keine Rolle mehr. Zwar hatte er im Gegensatz zu 360 Bootsflüchtlingen die Himmelfahrt über den Atlantik überlebt, doch wurde er nach seiner Ankunft auf Gran Canaria wieder abgeschoben. Drei Jahre später im Februar ist er mit 34 Jahren in seinem Heimatdorf im Süden Senegals gestorben.”

 

(Quelle: DerWesten.)

 

Siehe auch:

Streit um EU-Asylrecht “Deutschland schürt Ressentiments”