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Global: Die Kraft des verwundeten Gedächtnisses

Dienstag, November 23rd, 2010

Ein Interview von Katja Maurer mit Jean Ziegler über Wiedergutmachung, die Renaissance des politischen Bewusstseins und das Legitimationsproblem der herrschenden Eliten

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, bis 2008 Sonderbotschafter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, jetzt Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates, ist wie kaum ein Zweiter Fürsprecher der Erniedrigten und Ausgegrenzten des Südens. Der emeritierte Professor aus Genf ist selbst ein wandelndes Gedächtnis der Befreiungsbemühungen weltweit. Er hat auch dann nicht aufgehört, an die Verbrechen des Kolonialismus und der Sklaverei zu erinnern, als andere meinten, mit “dem Ende der Geschichte” seien auch diese Geschichten pure Nostalgie. In seinem jüngsten Buch, “Der Hass auf den Westen”, beschäftigt sich Ziegler mit der fehlenden ideellen und materiellen Reparation durch den Westen für die begangenen Verbrechen. Eingangs unseres Gesprächs unterhalten wir uns kurz über Haiti, das Jean Ziegler sehr gut kennt. Zwischen Haiti und der angrenzenden Dominikanischen Republik liegen für ihn riesige Unterschiede: “Tourismuszirkus” auf der einen und ein selbstbewusstes Volk mit kollektivem Gedächtnis auf der anderen Seite.

Warum ist Präsident Aristide, der 2004 gestürzt wurde, in Haiti gescheitert?

Jean Ziegler: Das hat mit seiner Forderung nach der Rückgabe der 150 Millionen Gold-Franken zu tun, die Haiti nach seiner Befreiung 1803 an französische Sklavenhalter bis 1883 zahlen musste. Aristide hatte die Rückgabe auf der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001 gefordert und eine Welle von Wiedergutmachungsforderungen für die erlittenen Schäden durch Sklaverei und Kolonialismus ausgelöst. Als Europäer kann man sich nicht vorstellen, was es bedeutete, dies auszusprechen. Der französische Geheimdienst hat nach diesem Auftritt Aristides Sturz maßgeblich betrieben.

Warum nimmt der Westen keine der Wiedergutmachungsforderungen an?

Weil die Herrschaftseliten in einem blinden Herrschaftsgedächtnis verhaftet sind. “Sie haben zwar den Kolonialhelm abgenommen”, wie Regis Debray sagte, “Darunter ist der Kopf kolonialistisch geblieben.” Der ehemalige französischen Außenministers Kouchner hat noch im Juni dieses Jahres geäußert, dass sich die Beziehungen zu Algerien erst normalisieren würden, wenn endlich die Generation des Aufstandes verschwunden sei. Frankreich hat Algerien bis heute den Sieg vom 2. Juni 1962, über die französische Armee und damit den Beginn der Entkolonialisierung von ganz Afrika, nicht verziehen. Das Verlangen nach Entschädigung und Entschuldigung ist heute viel stärker. Ein Beispiel: Im Dezember 2007 kam der französische Präsident Sarkozy zum ersten Mal nach Algerien, um Erdölverträge auszuhandeln. Vor den Verhandlungen stand Präsident Bouteflika auf und verlangte eine Entschuldigung für die Massaker von Setif. Damals wurden im Mai 1945 von der französischen Fremdenlegion 45.000 unbewaffnete Menschen ermordet und schwerst verletzt. Sarkozy entgegnete Bouteflika wörtlich: “Ich bin nicht der Nostalgie wegen hier.” Replik von Bouteflika: “Das Gedächtnis vor den Geschäften.” Es gab keine Verhandlungen. Sie sind bis heute ausgesetzt. Das ist radikal neu. Zum ersten Mal seit 500 Jahren gibt es einen indianischen Präsidenten in Bolivien. Nicht einen als Indianer verkleideten Linksintellektuellen aus La Paz, sondern einen Coca-Bauer aus dem Volk der Aimara. Vor der Wahl von Evo Morales sah man in Bolivien die Aimara, die Quechua, die Moxo, die Guarani mit ihren Hüten sitzen und hatte den Eindruck, dass es sich um passive, aus der eigenen Geschichte geworfene Völker handelt. Aber genau sie sind im Wasserkrieg aufgestanden. Der damalige Präsident musste das Land verlassen und Evo Morales wurde gewählt. In den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit von Januar bis Juni 2006 hat er 221 Minen, Erdöl- und Gasvorkommen, bislang in der Hand multinationaler Konzerne, enteignet und in Dienstleistungsgesellschaften umgewandelt. Er holte sich norwegische Buchhalter, die aus Erfahrung wissen, wie man Rohstoffreichtum für das Allgemeinwohl umverteilt. Sie haben ihm vorgeschlagen den internationalen Konzernen 18 Prozent Anteil zu überlassen, damit sie als Dienstleistungskonzerne weitermachen. 82 Prozent der Anteile sind jedoch staatlich. 221 Gesellschaften haben das unterschrieben. Mit den Milliarden aus diesen Einkünften macht Morales aus Bolivien ein blühendes Land. Das verwundete Gedächtnis hat auf unglaubliche Weise das politische Bewusstsein wieder erweckt und eine Widerstandsbewegung ins Leben gerufen. Dieses Bewusstsein bricht mit der kannibalischen Weltordnung und schafft jetzt souveräne Nationen, die auf Augenhöhe mit den Konzernen reden können.

Nun wird auch der Boden zum Spekulationsobjekt. Sind Sie nicht ein wenig optimistisch?

Die neoliberale Wahnidee ist so gefährlich, weil sie eine richtige und falsche Aussage miteinander verbindet. Nach dem Zusammenbruch der Bipolarität hat der kapitalistische Produktionsmodus wie ein Buschfeuer die Welt erobert und eine einheitliche Regulationsinstanz geschaffen: den Weltmarkt. Richtig ist, dass diese totale Liberalisierung eine unglaubliche Produktivitätssteigerung erwirkt hat. In den ersten zehn Jahren hat sich das Bruttoweltprodukt verdoppelt. Der Welthandel hat sich verdreifacht. Der Energiekonsum verdoppelt sich alle vier Jahre. Aber gleichzeitig sind unglaubliche Reichtümer in den Händen weniger planetarischer Oligarchien geschaffen worden. Die 500 größten Konzerne der Welt kontrollieren gemäß der Weltbank 53 Prozent des Weltbruttosozialprodukts. Noch nie sind so viele Menschen an Hunger gestorben, noch nie war der Planet so zerstört, noch nie war der Staat in seiner normsetzenden Macht so geschwächt und noch wie war die Stellung der supranationalen Organisationen so schlecht. Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren.

Wo sehen sie politische Räume für eine Gegenöffentlichkeit?

Als die Subproletarier der Vorstädte am 14. Juli 1789 die Bastille in Paris stürmten, wussten sie nicht, dass sie eine weltverändernde Revolution in Gang setzen würden. Sie kennen doch das Gedicht von Antonio Machado: Caminante, no hay camino, se hace el camino al andar. (Wanderer, es gibt keinen Weg, den Weg machen deine Füße selber). Die Radikalnegation der mörderischen Strukturen – das ist die entscheidende Auseinandersetzung. Ich weiß, was ich nicht will: keine Konzerndiktatur; keinen Biosprit, der Hunderte Millionen von Tonnen Nahrungsmittel verbrennt, während Menschen hungern; keine mörderischen Strukturanpassungsprogramme des Weltwährungsfonds. Die Herrschaftsklassen sind argumentativ sehr schwach. Man muss eine Legitimationstheorie haben, um Herrschaft auszuüben. Der neoliberale Wahnsinn, der Ethnozentrismus, die rassistischen und kolonialen Verbrechen delegitimieren die westlichen Herrschaftsklassen. Es muss eine Entschädigung geben, nicht technische Hilfe, sondern Wiedergutmachung. Das dringt in das Gedächtnis ein und wird politische Realität werden. Adorno und Horkheimer sprachen von der doppelten Negation. Es gibt die real gelebte Gerechtigkeit, die weniger wird. Und es gibt die einzufordernde Gerechtigkeit, also das Bewusstsein darüber, was gerecht wäre. Dieses Bewusstsein steigt. Karl Marx schreibt: “Der Revolutionär muss imstande sein, das Gras wachsen zu hören.” Das Gras wächst.”