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Indien/Pakistan: 65 Jahre Kaschmirkonflikt

Samstag, November 24th, 2012

“Das verlorene Paradies

von Edgar Benkwitz

Das Blättchen | 15. Jahrgang | Nummer 23 | 12. November 2012

„Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, dann ist es hier, dann ist es hier …“. So sang einst ein persischer Dichter. Sein Vers ziert einen Pavillon im Shalimar Bagh, dem berühmten Moghulgarten in Srinagar, der Hauptstadt Kaschmirs. Er drückt das Lebensgefühl der grossen Moghul-Herrscher Indiens aus, die das Kaschmirtal für sich entdeckten und es als ein Zentrum ihrer Macht nutzten. Und in der Tat rechtfertigten die Schönheit der Landschaft, die blühende Kultur, die uralten innerasiatischen Handelswege, aber vor allem das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen mit drei Weltreligionen – Buddhismus, Hinduismus, Islam – viele Jahrhunderte diesen Anspruch. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo der indische Subkontinent endgültig die koloniale Herrschaft der Briten abschüttelte, der Niedergang dieser Region begann. Denn mit der Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistans 1947 entstand der Streit um Kaschmir. Mehrere Kriege wurden geführt, zehntausende von Menschenleben geopfert, Ressourcen der beiden armen Länder vernichtet. Heute stehen sich an einer Waffenstillstandslinie, die durch Kaschmir verläuft, zwei hochgerüstete Armeen gegenüber. Trotz gelegentlicher Entspannungsphasen ist der Konflikt weit von einer Lösung entfernt, seine Gefährlichkeit hat sich noch verschärft: Beide Staaten verfügen über Atomwaffen (siehe Wolfgang Schwarz in: Das Blättchen, Sonderausgabe 4/2012), und der internationale islamistische Terrorismus hat sich in Kaschmir festgesetzt.

Kaschmir, das Hochtal im Norden des indischen Subkontinents ist mit seinen angrenzenden Territorien im Himalaya mehr als 220.000 Quadratkilometer gross. Es war bis 1947 ein selbständiges Fürstentum, erkannte aber die Oberhoheit der Briten an. Der Maharadscha hatte die Wahl, sich entweder für die gerade entstehenden Staaten Indien oder Pakistan zu entscheiden oder selbständig zu bleiben. Maharadscha Hari Singh, ein Hindu-Fürst mit grösstenteils muslimischer Bevölkerung, legte sich jedoch nicht fest und weckte damit die Begehrlichkeiten seiner beiden neuen Nachbarn. Pakistan beanspruchte schon vor seiner Entstehung mehrheitlich muslimische Gebiete des kolonialen Indien. Indien hingegen betonte, dass solche Gebiete in seinem säkularen Staatenverbund am besten aufgehoben seien. Die Unentschlossenheit des Maharadschas führte schon wenige Wochen später zu einer Invasion muslimischer Stammeskrieger (Paschtunen) in das Kaschmirtal, die die Zugehörigkeit zu Pakistan erzwingen wollten. Neu Delhi, um Hilfe gebeten, beharrte zuvor auf einen Beitritt Kaschmirs zu Indien. Als das geschehen war, begannen indische Luftlandetruppen im Kaschmirtal die Eindringlinge zu vertreiben. Im Gegenzug setzte Pakistan offiziell seine Truppen ein, der erste indisch-pakistanische Krieg hatte begonnen. Die UNO erreichte 1949 einen Waffenstillstand, die Waffenstillstandslinie gilt bis heute. Und bis heute gibt es eine Dreiteilung des umstrittenen Gebietes. Indien kontrolliert 60 Prozent dieses Territoriums (die Regionen Jammu, Kaschmirtal, Ladakh), Pakistan kontrolliert 30 Prozent (die Regionen Gilgit-Ballistan, Azad-Kaschmir) und schliesslich hat China seit 1962 einen Teil von Ladakh unter Kontrolle (Aksai Chin) – das sind zehn Prozent.
Diese Proportionen zu verändern und letztendlich Kaschmir an Pakistan anzuschließen ist das Ziel pakistanischer Politik. Dafür hat es in der Vergangenheit alle Mittel eingesetzt, die von der Organisierung internationalen Drucks auf Indien, der Auslösung militärischer Konflikte bis zum Einsatz von Insurgenten und Terroristen reichen. Bereits 1948 legte die UNO ein Referendum fest, wonach die Kaschmiris über ihre Zukunft selbst bestimmen sollten. Es tauchte zwar immer wieder auf der politischen Bühne auf, hatte aber nie eine Chance auf Realisierung. Nur wenig später wurde Pakistan Mitglied der westlichen Militärbündnisse SEATO und CENTO, mit China wurde eine militärische Zusammenarbeit vereinbart. Indien hingegen blieb nichtpaktgebunden, lehnte sich aber stärker an die Sowjetunion an, bei der es sich politisch rückversicherte (Vertrag über Frieden, Freundschaft und Zusammenarbeit). 1965 und 1971 kam es erneut zu Kriegen zwischen Indien und Pakistan. Letzteres, inzwischen militärisch aufgerüstet, konnte 1965 trotz aller Anstrengungen den status quo nicht ändern. Im Abkommen von Taschkent musste es friedlichen Lösungen zustimmen. 1971 war Ostpakistan der Schauplatz des Krieges, in dessen Ergebnis die pakistanische Armee kapitulieren musste. Pakistan verlor seine östliche Provinz, mit Bangladesh entstand ein neuer Staat. Pakistan wurde enorm geschwächt; auch sein Gründungsmythos, Heimat aller Muslime zu sein, schwer beschädigt, da Bangladesh ebenfalls eine muslimische Bevölkerung hat. Indien hatte bereits 1957 das von ihm kontrollierte Gebiet in den Bundesstaat Jammu und Kaschmir umgewandelt und bestehende Autonomieprivilegien weitgehend abgeschafft. Diese Integration des größten Teils des umstrittenen Kaschmirgebietes in die Indische Union stieß auf erbitterten Widerstand Pakistans. Doch auch im Kaschmirtal regte sich Widerstand. Die muslimische Bevölkerung protestierte 1987/88 gegen Wahlfälschungen und polizeiliche Willkür, sie verlangte zudem eine Verbesserung ihrer sozialen Lage. Zunächst friedliche Demonstrationen schlugen in Gewalt um, wobei viele der Gewalttäter von Pakistan infiltriert waren. Ihnen folgten aus Ausbildungslagern von jenseits der Grenze die gefürchteten Mujaheddins mit Kämpfern aus der internationalen Terrorszene. Vertreter indischer Behörden wurden ermordet, aber auch gemäßigte Muslime nicht verschont. Indien versuchte dem mit der Verstärkung seiner Sicherheitskräfte zu begegnen. Sie wurden auf 200.000 Mann aufgestockt und mit Sonderrechten ausgestattet. Mittlerweile hat sich eine Lage entwickelt, in der die indischen Truppen als Okkupationsarmee angesehen werden. Schätzungen zufolge beträgt die Zahl der Opfer durch Terror und Verfolgungen seit 1988 allein im Kaschmirtal über 50.000.
Aber auch an der Waffenstillstandslinie gibt es immer wieder Zwischenfälle. Der schwerste ereignete sich im Sommer 1999 im Kargil-Gebiet, im Karakorum, wo auf 5.000 Meter Höhe um einen 160-Kilometer-Abschnitt der Waffenstillstandslinie gekämpft wurde. Tausenden indischen Soldaten gelang es erst nach Wochen, im Winter vorgerückte Pakistanis zurückzudrängen. Zum „höchstgelegenen Kriegsschauplatz der Welt“ entwickelte sich dann der Siacheng-Gletscher, wo in unvorstellbaren Höhen bis zu 6.700 Meter ein ständiger Kleinkrieg stattfand. Hier sollen sich 3.000 pakistanische und 5.000 indische Soldaten aufhalten. Im April dieses Jahres wurde der Wahnsinn der Aktionen nochmals deutlich, als eine Lawine in 4.500 Meter Höhe ein Bataillonshauptquartier der pakistanischen Armee wegriss und 139 Opfer unter einer 70 Meter hohen Schneedecke begrub.
Der Kaschmirkonflikt hat während seines fünfundsechzigjährigen Bestehens längst jeglichen Anspruch auf irgendeine Rechtmäßigkeit verloren. Kaschmir, einst blühende Region, wurde systematisch verwüstet. Salman Rushdie, dessen familiäre Wurzeln sich in Kaschmir befinden, nennt es resignierend „das verlorene Paradies“. In einem kürzlichen Interview plädiert er für die Wiederherstellung des Status von 1947, Kaschmir als selbständiger Staat, dessen Grenzen Indien und Pakistan garantieren sollten. Doch das ist illusorisch. Denkbar wäre vielmehr die völkerrechtliche Festschreibung des jetzigen status quo, wie sie des Öfteren im Gespräch ist. Doch das setzt eine Abkehr von alten Denkmustern, vor allem in Pakistan voraus. Vorbedingung wäre die Zurückdrängung des Terrorismus und die Einstellung seiner Unterstützung durch pakistanische Organe. Damit könnte eine Befriedung des Gebiets erreicht und der Konfliktherd entschärft werden. Für die leidgeprüften Bewohner wäre allein das – verglichen mit der gegenwärtigen Lage – ein paradiesischer Zustand.”

 

(Quelle: Das Blättchen.)

Asien: No Nukes!

Dienstag, August 21st, 2012

“Hintergrund: Die Anti Atom Bewegung in Asien

Von Dieter Kaufmann, August 2012

Rasantes Wirtschaftswachstum und steigende Ölpreise sind für die Länder Asiens Grund genug, für ihre Energieversorgung auf Atomkraft zu setzen. Die nukleare Begeisterung ist auch nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima ungebrochen. Während in China und Indien bereits Atommeiler am Netz sind, ist die Atomkraft für andere Länder eine “Option für die nächsten 15 bis 20 Jahre”. Selbst der Stadtstaat Singapur, kleiner als Berlin, will Atomkraftwerke bauen. In fast allen asiatischen Ländern wird der Strompreis stark subventioniert, damit die die Industrie und Haushalte keine zu hohe Kosten haben. Stromeinsparung Fehlanzeige!

In vielen Ländern von Asien gibt es eine Anti Atom Bewegung. Sie sind genauso zählebig wie in Deutschland auch. In Südkorea, Taiwan und Japan gibt es sehr aktive Anti AKW Gruppen. Über das 1993 gegründete Anti Atom Netzwerk „No Nukes Asia“ arbeiten viele Anti Atom Gruppen in Südostasien zusammen. Das jährliche Anti Atom Treffen Forum verbindet immer Bildung und Austausch mit direkten Aktionen und Pressearbeit. Im Forum arbeiten Menschen aus der Republik Korea, Taiwan, Philippinen, Indonesien, Malaysia, Thailand, Indien und Japan mit. In einer Abschlusserklärung in Südkorea auf einem internationalen Treffen vom 18.03. bis 24.03.2012 in der Stadt Samchuk heißt es auszugsweise sinngemäß: „Wir fordern die Regierungen von Indonesien, Thailand und den Philippinen auf, ihre Atomprogramme aufzugeben. Wir fordern alle Menschen auf, die tödliche Atomenergie abzulehnen. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um die Ära des Atomausstiegs zu starten und entschlossen den Umstieg für auf Menschen basierende, erneuerbare, nachhaltige saubere Energien durchzusetzen.“ (23. März 2012, No Nukes Forum Asia)

Südkorea

Von 1961 bis 1987 gab es in Südkorea eine Militärregierungen. Die Demokratiebewegung konnte sich erst 1987 durchsetzen. Diese Militärregierungen zogen das Atomprogramm durch. 1977 wurde in Südkorea das erste AKW kritisch. In Südkorea von heute, 2012, sind fünf AKW Standorte mit 22 AKW Reaktoren installiert. Bis zum Jahre 2024 will Südkorea 14 neue AKW bauen. So sollen 40 Prozent 2030 von der Atomenergie gedeckt werden. Im Jahre 2011 waren es 23 Prozent.

Die südkoreanische Umweltbewegung begann wie in der BRD auch aus einer Anti-AKW-Bewegung. Umweltfragen wurden in der koreanischen Diktatur zu kritischen Hochburgen in der Demokratiebewegung, die auf einen schwer erkämpften Weg 1987 zu einer zivilen demokratischen Regierungsform führte. Es ging aber auch den Kampf gegen Atommülllagerstätten, die die koreanische Regierung bauen wollte. Der Super Gau in Tschernobyl 1986 führte zu einen massenhaften Zulauf zur der Anti Atom Bewegung.

1988 wurde die koreanische Öffentlichkeit von der Anti Atom Bewegung über die Probleme mit den AKW und nukleare Entsorgung informiert. Zehntausende Menschen nahmen an Demonstrationen teil und unterzeichneten Petitionen protestierten weiter gegen den Bau neuer Atomkraftwerke und Atommülllagerstätten. 1989 wurde eine Kampagne gegen den Bau von AKW am AKW-Standort Yongkwan durchgeführt. 1990 wurde eine Demonstration mit 20.000 Menschen gegen eine Atommüll-Anlage organisiert, die auf der vor gelagerten Insel Anmyon errichtet werden sollte. Die koreanische Regierung hatte dort versucht, heimlich ein hochradioaktives Endlager zu errichten.

1993 kam es zur Gründung von Korean Federation for Environmental Movement (KFEM). Im Jahr 1995 erzwang KFEM nach langen Protesten die Absage einer geplanten Atommüll-Lagerstätte auf der Insel Gulup zu bauen. Der Vorschlag wurde im November abgebrochen. 1997 begann der Start der Kampagne gegen Atommüll Transporte von Taiwan nach Nordkorea. Das Projekt der Castor Transporte wurde im Dezember 1997 aufgegeben. Im Juli 1998 wurde ein Austauschprogramm mit Umweltgruppen in der Mongolei durchgeführt.

Nach dem Scheitern ein Endlager zu errichten versucht die Regierung jetzt erneut. Es soll 2003 bei der 70.000-Einwohner-Stadt Buan, 200 Kilometer südlich von Seoul, gebaut werden. Seit Juli 2003 gibt es ununterbrochen jeden Tag Lichter – Demonstrationen gegen das Endlager. Auf dem Höhepunkt der Demonstration waren 10.000 Demonstranten gegen die Atompläne der Regierung auf den Straßen. Die koreanische Regierung hatte bis zu 10.000 Polizisten eingesetzt, die zum Teil brutal gegen die Demonstranten vorgehen: 41 Demonstranten landeten im Gefängnis, über 400 wurden durch Polizeiangriffe und Übergriffe verletzt. Unter den Verletzten waren auch alte Menschen, Frauen und Kinder.

Die Demonstrationen sind bunt, vielfältig und fantasievoll: 300 Fischer machten mit ihren Booten eine Rallye gegen das geplante Atommülllager, ebenso 1500 Autofahrer mit ihren Autos und tausende von Radfahrern. 340 Dorfbürgermeister beteiligen sich, hunderte von Ärzten und Marine-Veteranen. Mönche fasteten und Priester beteten mit den Demonstranten.

In Buan wächst eine echte Graswurzel-Demokratie. Es gibt Marathon-Läufe, aber auch Musikfestivals gegen das Atommülllager. Unter dem Motto der traditionsreichen koreanischen Widerstandsbewegung “three steps one bow” (“Drei Schritte nach vorn, einmal auf den Boden”) machten 1200 Demonstranten einen 49 Kilometer langen Marsch und warfen sich dabei etwa zehntausend Mal auf den Boden, unter den Demonstranten waren auch viele SchülerInnen.

Die meisten koreanischen Medien haben bisher über die massenhaften Anti-Atom-Demonstrationen nur wenig und oberflächlich, manchmal auch diffamierend berichtet. (2005)

Nach Fukushima 2011 gab es vermehrt Anti Atom Demonstrationen. So z. B. “Nuklearfreies Korea, nuklearfreies Samcheok!” riefen die Demonstranten. Sie schwenkten Transparente und hielten Schilder in die Luft. Per Megafon forderten sie die Stilllegung aller koreanischen Atomkraftwerke und den Stopp der Planungen, die den Bau von sieben weiteren Atomreaktoren vorsehen. Unterstützung erhielten sie vom Meer aus, wo die Umweltorganisation Greenpeace mit ihrem Segelschiff Rainbow Warrior Anker geworfen hatte.

18. August 2012″

 

(Quelle: contrAtom.)

Indien: Tödliche Medikamententests

Freitag, Juli 27th, 2012

“Indien: neue Todesfälle bei Medikamenten-Tests

Novartis, BAYER, Pfizer an der Spitze / Probanden kennen Risiken meist nicht

Presse Info vom 27. Juli 2012
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Nach aktuellen Angaben der indischen Regierung starben im vergangenen Jahr 438 Probanden bei der Durchführung von Klinischen Studien. Eine von der Zeitung Business Standard eingesehene Aufstellung des Drugs Controller General of India (DCGI) für 2011 zeigt, dass allein bei Pharma-Tests von Novartis 57 Testpersonen starben. Auf der Liste folgen BAYER und Pfizer mit je 20 Todesfällen und Bristol Mayer Squibb mit 19. Genannt wird auch die US-Firma Quintiles, die jedoch keine eigenen Medikamente herstellt, sondern im Auftrag von Pharma-Unternehmen Studien durchführt.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Novartis, BAYER und Co. setzen das Leben indischer Probanden wissentlich aufs Spiel. Recherchen vor Ort zeigen immer wieder, dass die Studienteilnehmer nicht über die Gefahren der getesteten Medikamente informiert werden – häufig wissen sie nicht einmal, dass sie an einer Studie teilnehmen. Es ist daher heuchlerisch, wenn die Pharmaunternehmen behaupten, in Indien die selben Standards anzulegen wie in Europa!“. Bereits im Zeitraum von 2007 bis 2010 waren bei Tests von BAYER 138 Inderinnen und Inder ums Leben gekommen, allein vier Personen starben an Nebenwirkungen des umstrittenen Gerinnungshemmers Xarelto. BAYER zahlte den Hinterbliebenen Entschädigungen von lediglich 5.250 Dollar.

„Pharma-Studien in Ländern des Südens müssen nach denselben Sicherheitsstandards durchgeführt werden wie in Europa oder den USA. Geschädigte und Hinterbliebene müssen die gleichen Entschädigungen erhalten – nur dann werden gefährliche Billig-Studien unattraktiv“, so Mimkes weiter. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hatte in der jüngsten BAYER-Hauptversammlung eine Aufstellung aller in Indien untersuchten Medikamenten, der beauftragten Subunternehmen sowie der Häufigkeit von Nebenwirkungen und Todesfällen verlangt, jedoch keine Antwort erhalten.

Westliche Unternehmen verlagern immer mehr Medikamenten-Tests in Länder mit großer Armuts-Population. Allein in Indien lassen sie derzeit etwa 1.900 Studien mit 150.000 Probanden durchführen und zahlen hierfür etwa eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Die für die Kontrolle zuständigen Ethik-Kommissionen bestehen oft nur auf dem Papier. Experten halten die offiziellen Zahlen zudem für viel zu niedrig. Dr. Chandra Gulhati von der Fachzeitschrift Medical Specialties, der die Entwicklung seit Jahren dokumentiert: „Es sind viel mehr, weil die meisten Toten gar nicht gemeldet werden. Die Angehörigen wissen nicht, dass die Verstorbenen Teil einer Studie waren. Es wird nicht ermittelt, es finden keine Obduktionen zur Ermittlung der Todesursache statt“.

Eine Reportage von RTL zeigte vor einigen Wochen einmal mehr, dass Merck, BAYER und Boehringer an unethischen Medikamententests in Indien beteiligt sind (hier anschauen).

Eine vom indischen Parlament beauftragte Untersuchungskommission stellte zudem gravierende Mängel bei der Arzneimittel-Aufsichtsbehörde CDSCO fest: „Über Jahrzehnte hinweg hat sie vor allem den Interessen der Pharma-Industrie gedient und darüber die Interessen der VerbraucherInnen vernachlässigt“, resümiert der Bericht. So hat die CDSCO sich beispielsweise in Zulassungsverfahren für Medikamente auf Gutachten von Experten verlassen, denen die Pillen-Riesen die Hand geführt haben. Als ein Beispiel nennt der Report Xarelto von BAYER mit dem Wirkstoff Rivaroxaban: „Die drei Expertisen (…) für Rivaroxaban (BAYER), eine Arznei zur Blutverflüssigung, sind fast identische Kopien.“

alle Informationen zur Kampagne

 

(Quelle: CBG.)

Indien: Einen Schritt weiter

Samstag, Juli 7th, 2012

“India census: more people have a mobile phone than a household toilet

Updated – Friday 30 March 2012

Nearly half of India’s 1.2 billion people have no toilet at home, but more people own a mobile phone, according to the country’s latest census data.

Only 46.9% of the 246.6 million households have toilets while 49.8% defecate in the open. The remaining 3.2% use public toilets.

 

 

Census 2011 data on houses, household amenities and assets reveal that 63.2% of homes have a telephone. More than half the population – 53.2% – have a mobile phone.

About 77% of homes in the eastern state of Jharkhand have no toilet facilities, while the figure is 76.6% for Orissa and 75.8% in Bihar. All three are among India’s poorest states. In Jammu & Kashmir 8.9% of households still have their latrines emptied by manual scavengers.

“Open defecation continues to be a big concern for the country as almost half of the population do it,” Registrar General and Census Commissioner C. Chandramouli said while releasing the latest data. “Cultural and traditional reasons and a lack of education are the prime reasons for this unhygienic practice. We have to do a lot in these fronts,” he said.

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Anita Narre addressing villagers

A union minister had recently said that women in rural areas demand mobile phones, not toilets. This was vigorously denied by a 20-year-old tribal woman from Madhya Pradesh Anita Narre. “A toilet is more significant in the life of a woman than a mobile because the former gives them dignity”, she said. NGO Sulabh International adopted Anita Narre as a sanitation champion after the young bride had refused to return to her in-laws house until they had built a toilet.

For more information read the full set of statistics on Availability and Type of Latrine Facility: 2001-2011

Related news:

  • India: bride awarded US$ 10,000 for demanding toilet after marriage, Sanitation Updates, 20 Mar 2012
  • India: cell phones may end up bringing toilets, E-Source, 14 Dec 2010

Related web site: Census of India

Source:

  • BBC, 14 Mar 2012
  • IANS, ‘For women, toilets more important than mobiles’, Mid-Day, 08 Mar 2012 “
 

(Quelle: IRC.nl)

Global: Rio+20 – Eine Bilanz

Mittwoch, Juli 4th, 2012

“Rio+20: An undesirable U-turn

By Vandana Shiva | Jun 25, 2012

Rio de Janeiro is a city of U-turns. The most frequent road sign in the city is “Retorno” — return. And Rio+20 or the United Nations Conference on Sustainable Development followed that pattern. It was a great U-turn in terms of human responsibility towards protecting the life-sustaining processes of the planet.
Twenty years ago at the Earth Summit, legally binding agreements to protect biodiversity and prevent catastrophic climate change were signed. The Convention on Biological Diversity (CBD) and the United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCC) propelled governments to start shaping domestic laws and policies to address two of the most significant ecological crisis of our times.
The appropriate agenda for Rio+20 should have been to assess why the implementation of Rio treaties has been inadequate, report on how the crises have deepened and offer legally binding targets to avoid deepening of the ecological crises.
But the entire energy of the official process was focused on how to avoid any commitment. Rio+20 will be remembered for what it failed to do during a period of severe and multiple crises and not for what it achieved.
It will be remembered for offering a bailout for a failing economic system through the “green economy” — a code phrase for the commodification and financialisation of nature. The social justice and ecology movements rejected the green economy outrightly. A financial system which collapsed on the Wall Street in 2008 and had to be bailed out with trillions of taxpayers’ money and continues to be bailed out through austerity measures squeezing the lives of people is now being proposed as the saviour of the planet. Through the green economy an attempt is being made to technologise, financialise, privatise and commodify all of the earth’s resources and living processes.
This is the last contest between a life-destroying worldview of man’s empire over earth and a life-protecting worldview of harmony with nature and recognition of the rights of Mother Earth. I carried 100,000 signatures from India for the universal declaration on the rights of Mother Earth, which were handed over to the UN Secretary-General Ban Ki-moon.
It is a reflection of the persistence and strength of our movements that while the final text has reference to the green economy, it also has an article referring to Mother Earth and the rights of nature. Article 39 states: “We recognise that the planet earth and its ecosystems are our home and that Mother Earth is a common expression in a number of countries and regions and we note that some countries recognise the rights of nature in the context of the promotion of sustainable development. We are convinced that in order to achieve a just balance among the economic, social and environmental needs of present and future generations, it is necessary to promote harmony with nature.”
This, in fact, is the framework for the clash of paradigms that dominated Rio+20 — the paradigm of green economy to continue the economy of greed and resource grab on the one hand, and the paradigm of the rights of Mother Earth, to create a new living economy in which the gifts of the earth are sustained and shared.
While the Rio+20 process went backwards, some governments did move forward to create a new paradigm and worldview. Ecuador stands out for being the first country to have included the rights of nature in its Constitution. At Rio+20, the government of Ecuador invited me to join the President, Rafael Correa, for an announcement of the Yasuni initiative, through which the government will keep the oil underground to protect the Amazon forest and the indigenous communities.
The second government, which stood out in the community of nations, is our tiny neighbour Bhutan. Bhutan has gone beyond GDP as a measure of progress and has adopted gross national happiness. More significantly, Bhutan has recognised that the most effective way to grow happiness is to grow organic food. As the Prime Minister of Bhutan, Jigmi Thinley, said at a conference in Rio: “The Royal Government of Bhutan on its part will relentlessly promote and continue with its endeavour to realise the dreams we share of bringing about a global movement to return to organic agriculture so that the crops, and the earth on which they grow, will become genuinely sustainable — and so that agriculture will contribute not to the degradation but rather to the resuscitation and revitalisation of nature.”
Most governments were disappointed with the outcome of Rio+20. There were angry movements and protests. More than 100,000 people marched to say this was not “The Future We Want” — the title of the Rio+20 text.
I treat Rio+20 as a square bracket — in the UN jargon the text between the square brackets is not a consensus and often gets deleted. It is not the final step, it is just punctuation. Democracy and political processes will decide the real outcome of history and the future of life on earth. Our collective will and actions will determine whether corporations will be successful in privatising the last drop of water, the last blade of grass, the last acre of land, the last seed, or whether our movements will be able to defend life on earth, including human life in its rich diversity, abundance and freedom.

The writer is the executive director of the Navdanya Trust

 

(Quelle: The Asian Age.)

Siehe auch:

Wachstum und Herrschaft

Global: Leere Kassen?

Montag, Juni 11th, 2012

“Die Unkosten des Krieges

Billionen vom Staat für Blei, Stahl, Sprengstoff und Elektronik

Von Laurent Joachim 10.06.2012

1. 735. 000. 000. 000 Dollar, also 1,735 Billion US Dollar, soviel haben die Staaten der Erde für Waffenkäufe und Verteidigungs- bzw. Kriegsausgaben im vergangenen Jahr laut einem vor kurzem publizierten Zwischenbericht des Stockholmer Internationales Friedensforschungsinstituts SIPRI[1] ausgegeben

Das erste Mal seit 13 Jahren stagnieren zwar die weltweiten Militärausgaben aber die Höhe des derzeitigen Niveaus ergibt trotzdem eine horrende, fast unvorstellbare Summe. Was bedeuten diese Zahlen unter dem Strich?
 

Die wirklich Bösen sind wieder mal die üblichen Verdächtigten

Die 15 Länder[2] mit den meisten Militärausgaben(1) machen 82 Prozent der weltweiten Ausgaben aus.

Trotz eines leichten Rückgangs in Höhe von 1,2% sind die USA mit gesamten Militärausgaben in Höhe von 711 Milliarden Dollar weiterhin unangefochten an der Spitze der SIPRI-Liste und zwar nicht nur deswegen, weil das Land seit Ende des Zweiten Weltkrieges einen grundsätzlich aufgeblähten Militärapparat unterhält, sondern vor allem, weil die USA in der letzten Dekade zwei größere Kriege (in Afghanistan und dem Irak) geführt haben bzw. noch führen.

Nicht überraschend waren die Verteidigungsausgaben der USA im vergangenen Jahr deshalb um 59% höher als 2002. Insgesamt machen die Verteidigungsausgaben der USA ca. 41 % der weltweiten Militärausgaben aus, wobei die Bevölkerung der USA bezeichnenderweise nur 4,5 % der Weltbevölkerung ausmacht.

Auf Platz zwei der SIPRI-Liste, mit Militärausgaben in Höhe von geschätzten(2) 143 Milliarden Dollar, (ca. 8,2% der weltweiten Ausgaben) befindet sich China, ein Land mit 1,35 Milliarden Einwohnern, also ca. 19,3% der Weltbevölkerung. Chinas Hauptherausforderer Indien, mit 1,24 Milliarden Einwohnern – ca. 17,7% der Weltbevölkerung -, rangiert mit einem Militärbudget von 46,8 Milliarden Dollar (ca. 2,7% der Weltausgaben) auf Platz acht dieser Liste.

Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass im Zeitraum 2002 bis 2011 beide Länder ihre Ausgaben fürs Militär stark angekurbelt haben: Indien steigerte seine Ausgaben um 59% und China gar um 170%. Diese Änderungen spiegeln eine langsame, aktuell stattfindende Verschiebung der geopolitischen Reibungsflächen wider, die in den nächsten Jahren von allgemeiner Bedeutung sein dürfte.

Krisenzustände und prophylaktische Waffenkäufe sind unzertrennlich

Deutliche Hinweise auf den schon vorhersehbaren Krisenherden dieser Welt in der unmittelbaren Zukunft liefern die Höhe des Verteidigungs- und Waffenbeschaffungsbudgets von Saudi-Arabien (Platz sieben auf der SIPRI-Liste), Süd-Korea (Platz zwölf) und auch Algerien.

Die militärischen Ausgaben Süd-Koreas sind im Zeitraum 2002-2011 um ganze 45% gestiegen, so dass das Land im vergangenen Jahr 30,8 Milliarden Dollar für seine Verteidigung ausgab. Dies bedeutet, gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes, eine etwas höhere Anstrengung als Frankreich oder Großbritannien.

Mit einer Erhöhung von 90% zwischen 2002 und 2011 und Ausgaben in Höhe von 48,5 Milliarden Dollar im Jahr 2011 ist jedoch Saudi-Arabien Spitzenreiter in Sachen Aufrüstung (Wobei diese Zahl auch gewisse Ausgaben für den Zivilschutz mit einschließt). Das Land mit ca. 28,4 Millionen Einwohnern verzeichnet nämlich Militärausgaben, die eine Rekordzuweisung von ganzen 8,7% des Bruttoinlandsprodukts bedeuten und gibt spürbar mehr Geld fürs Militär aus, als etwa Indien mit einer 44-Mal größerer Bevölkerung.

Exemplarisch dafür ist der Ende Dezember 2011 durch die US-Regierung bewilligte Verkauf von 84 neuen Jagdbombern vom Typ Boeing-McDonnell Douglas F-15SA und den Upgrades von 70 weiteren F-15S samt Bewaffnung und Ersatzteilen im Rahmen eines 29,4 Milliarden-Vertrages[3]. Unübersehbar ist, dass dieser Verkauf zu einem Zeitpunkt erfolgte, als die Spannungen mit dem Iran eine Drohkulisse in der ganzen Region aufgebaut haben.

Auch Algerien ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine sich verschlechternde Sicherheitslage den unmittelbaren Kauf von Waffen nach sich zieht. Das Land hat einen zwar durchaus bescheidenen Militäretat von 2,5 Milliarden Dollar angesichts einer, vom eigenen Office National des Statistiques geschätzten Bevölkerungstärke von ca. 37,1 Millionen Einwohnern, aber Algerien erhöhte 2011 seine Militärausgaben um ganze 44%. Laut SIPRI erfolgte die Erhöhung größtenteils aufgrund des Bürgerkriegs in Libyen und der einhergehenden Stabilitätsverschlechterung in der Region.

Westeuropa versucht sich in Mäßigung, während Russland konsequent aufrüstet

Nach Ende des kalten Krieges und mit der Überwindung des Zusammenbruchs der Sowjetunion setzt Russland (Platz drei nach den USA und China auf der SIPRI-Liste) die seit einigen Jahren angefangene Modernisierung seiner Streitkräfte weiterhin konsequent fort. Das Land hat 2011 geschätzte 71,9 Milliarden für seine Armee ausgegeben (9,3% mehr als im Vorjahr) und verzeichnet zwischen 2002 und 2011 eine Steigerung der Militärausgaben um 79%.

Entsprechend der ambitionierten verteidigungs- und außenpolitischen Ziele Großbritanniens und Frankreichs bleiben die Militärausgaben dieser Länder weiterhin auf dem hohen Niveau von respektive 62,7 bzw. 62,5 Milliarden Dollar. Damit landen diese Länder auf Platz vier und fünf der SIPRI-Liste.

Doch die Wirtschafts- und Finanzkrise hat einige Länder Europas, wie Italien, Irland, Spanien und Griechenland dazu gezwungen ihre Militärausgaben drastisch zu senken.

Italien zum Beispiel, verzeichnete zwischen 2002 und 2011 einen kontinuierlichen Rückgang seiner Militärausgaben um 21% und gab 2011 lediglich geschätzte 34,5 Milliarden Dollar fürs Militär aus (1,6% der Wirtschaftskraft des Landes).

Im Gegensatz zu Italien – und trotz einer weitaus ungünstigeren Wirtschaftslage – hat Griechenland seit Anfang des Jahrhunderts überdurchschnittlich hohe Militärausgaben. Im Jahr 2000 waren es 4,3% des Bruttoinlandsprodukts und immer noch zwischen 3,1% und 3,6% im Jahr 2009, also das Doppelte vom europäischen NATO-Durchschnitt 2009.

Griechenland

Zwischen 2005 und 2009, also kurz vor und gleich nach der Finanzkrise in Griechenland, waren die Griechen zum fünftgrößten Waffenimporteur der Welt aufgestiegen. Die Griechen kauften in diesem Zeitraum ihre Waffen vorwiegen aus den USA für 4,6 Milliarden Dollar, aus Deutschland für 2,1 Milliarden und aus Frankreich im kleineren Umfang(3).

Das irrwitzige Aufrüstungsbudget der Athener Regierung weckte natürlich Begehrlichkeiten, die heute noch ein finanzielles Nachspiel haben.

Laut Recherchen vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel (19/2010) soll der Verkauf unter sehr dubiosen Umständen von 170  Leopard II Panzern an Griechenland im Jahr 2005 der Firma Krauss-Maffei Wegmann (KMW) einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro beschert haben. Aber auch im Fall des Verkaufs von vier deutschen U-Booten des Typs 214 im Wert von 2,85 Milliarden Euro an Athen durch das Konsortium(4) Ferrostaal-Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW)  im Jahre 2000 ist es nicht wirklich mit rechten Dingen zugegangen, denn 2011  wurden zwei ranghohe Manager von Ferrostaal des Bestechungsvorwurfs schuldig gesprochen und seit April dieses Jahres wurde der damals zuständige griechische Außenminister aufgrund dieser Bestechungsvorwürfe verhaftet.

Um diese beiden Affären überspitzt zusammenzufassen, könnte man sagen, dass die gestrigen Exportgewinne von KMF und HDW sozusagen nahtlos in das heutige Staatsdefizit Griechenlands übergangen sind, das vom deutschen Steuerzahler anteilsweise mitgetragen wird.

Die baltischen Staaten

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen dagegen haben für eine ganz andere und ziemlich radikale Lösung optiert: sie verzichten seit dem NATO-Beitritt 2004 (zuerst bis 2018) auf eine eigene – wohl nicht finanzierbare – Luftwaffe um Geld zu sparen.

Stattdessen wird die Bewachung des baltischen Luftraums durch die Entsendung von Jagdflugzeugen und Unterstützungspersonal anderer NATO-Mitglieder sichergestellt. So beendeten Ende April 2012 sechs McDonell F4 Phantom II des Jagdgeschwaders 71 ‘Richthofen’ und ein 100-Mann Kontingent der Luftwaffe eine viermonatige Mission im Rahmen der NATO-Operation ‘Baltic Air Policing’. Seitdem sichert Polen den baltischen Luftraum für ein Vierteljahr.

Niedrige Ausgaben bei voller Einsatzfähigkeit – Ist das deutsche Modell besser?

Deutschland kommt 2011 auf Platz acht der SIPRI-Länderliste der militärischen Ausgaben und gab (trotz den erheblichen Kosten des Einsatzes in Afghanistan) im letzten Jahr 3,7% weniger für seine Verteidigung aus als noch 2002.

Aus dem Bundeshaushalt[4] für das Jahres 2011 geht hervor, dass dem Bundesministerium der Verteidigung 31,55 Milliarden Euro (ca. 40 Milliarden US Dollar) zustehen. Bemerkenswert ist dabei, dass ungefähr die Hälfte davon zur Deckung der Personalkosten aufgewendet wird und nur rund ein Drittel (10,43 Milliarden Euro) für Beschaffungen und Anlagen vorgesehen sind. Der Verteidigungsetat entspricht damit ca. 10 % des Gesamthaushaltes von 305,8 Milliarden Euro der Bundesrepublik.

Im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien liegen damit die Ausgaben der Bundesrepublik mit ca. 1,3% des Bruttoinlandsprodukts sehr deutlich unter der vereinbarten Direktive[5] der NATO-Staaten, welche vorschreibt, dass die Verteidigungsausgaben 2% des Bruttoinlandsprodukts nicht unterschreiben dürfen, damit die Effizienz des Bündnisses nach eigener Einschätzung gewährleistet werden kann.

Einerseits ist es äußerst erfreulich, dass Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt die niedrigsten Militärausgaben unter den 15 Spitzenländern der SIPRI-Liste hat, anderseits machen diese Zahlen auch deutlich, dass die wiederholten Klagen der Soldaten, die Streitkräfte seien seit Jahren strukturell unterfinanziert[6], nicht von der Hand zu weisen sind. Dabei dürfte das Problem dennoch vorwiegend daran liegen, dass der wirtschaftliche und politische Druck zur Senkung des Wehretats ständig zunimmt, während die Bundeswehr mit neuen Aufgaben betraut wird, was auf Dauer weder politisch sinnvoll noch einsatztechnisch zielführend sein kann.

Wer profitiert von den Verteidigungsmilliarden?

Zweifelsohne kommt der Handel mit militärischen Gütern den exportierenden Nationen zugute. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch, weil dadurch eine gewisse Abhängigkeit mit den Kaufländern geschaffen wird – zum Beispiel politisch, aber auch aufgrund der nötigen Ausbildung oder der Wartungsarbeiten an den Waffensystemen.

Im exportierenden Land sichern diese Geschäfte zudem Arbeitsplätze (geschätzte 80.000 in der Bundesrepublik) und Steuereinkommen für den Staat. Dass dabei ethische Prinzipien infrage gestellt werden, zeigt der von der Bundesregierung möglicherweise geplante Verkauf von Leopard II Panzern an Saudi Arabien[7] für etwa drei Milliarden Euro.

Die größten Waffenexporteure[8] waren 2010 laut SIPRI-Statistiken laut den SIPRI-Statistiken die USA (30%), Russland (23%), Deutschland (11%), Frankreich (7%) und Großbritannien (4%). Diese fünf Länder sind demnach für Dreiviertel aller Waffenexporte in der Welt verantwortlich.

Berechnet man aber die Stärke  der Waffenexporte an der Bevölkerungsstärke (Export per Kopf) eines Landes wird die Statistik deutlich von Schweden, dicht gefolgt von Israel, angeführt. Beide Länder exportieren pro Einwohner ungefähr fünfmal mehr Waffen als Deutschland, das auf dem 14. Platz dieser Statistik[9] landet.

Der Export von Waffen ist sowohl für die Hersteller als auch für die Herkunftsländer eine wichtige Wirtschaftssäule, denn er ermöglicht die Produktion größerer Stückzahlen eines bestimmten Produktes und senkt damit wiederum die Preise dieses Produktes auf dem heimischen Markt. Deshalb werden in Zukunft die westlichen Hersteller aufgrund der tendenziell schrumpfenden Wehretats verstärkt versuchen, Märkte im Ausland zu erobern.

Neben den Exportnationen sind die Hersteller die wirklichen Profiteure des legalen Waffenhandels, vor allem aufgrund einer stark oligarchisch organisierten Branche.

Laut einer kürzlich vorgestellte Publikation vom SIPRI haben die 100 größeren Waffenschmieden der Welt[10] im Jahr 2010 militärische Ausrüstungsgegenstände im Wert von 411,1 Milliarden Dollar produziert, dabei machten die zehn größten Firmen alleine 56% dieser Summe (also 230 Milliarden) aus. Unter den 10 größten Waffenschmieden sind sieben US-amerikanischer und drei europäischer Herkunft (BAE Systems, EADS, Finmeccanica).

Die amerikanische Firma Lockheed-Martin, welche mit ca. 132.000 Angestellten Flugzeuge, Elektronik und Fluggeräte produziert und die diese Liste anführt, erzielte 2010 einen Umsatz in Höhe von 35,73 Milliarden Dollar (nur für militärische Produkte) und die größte europäische Firma, EADS, erzielte auf Platz sieben der Liste immerhin einen Umsatz von 16,36 Milliarden Dollar (nur für militärische Produkte).

Der legale Handel mit Waffen ist also trotz Krise ein höchstlukratives Geschäft.
 

Was bedeuten 1,735 Billion US Dollar und kann soviel Geld gefährlich sein?

Versucht man den Gegenwert weltweiten Militärausgaben in zivile Werte umzurechnen, wird rasch deutlich was diese jährlichen Ausgaben bedeuten. Mit 1,735 Billionen US Dollar könnte man sich zum Beispiel ca. 81,5 Millionen Volkswagen Golf in der Grundausstattung (ca. 16.975 Euro) leisten. Der Gegenwert muss aber nicht unbedingt der des Deutschen Lieblingskinds sein; nehmen wir ein weiteres Beispiel: Laut des statistischen Bundesamts kostete eine stationäre Krankenhausbehandlung[11] 2010 in Deutschland pro Patient und pro Fall 3.854 Euro.

Mit 1,735 Billionen US Dollar könnte man 360,6 Millionen Krankheitsfälle in Krankenhäusern nach deutschem Standard behandeln lassen, jedes Jahr wohlgemerkt. Eine beträchtliche Anzahl, wenn man bedenkt, dass in dem Erhebungszeitraum deutschlandweit ‘nur’ 18 Millionen Fälle behandelt worden sind.

Es dürfte zwar unbestritten sein, dass Rechtsstaaten Streitkräfte zur Sicherung sowohl ihrer legitimen Interessen als auch für den allgemeinen Schutz ihrer Bevölkerung brauchen, aber bei den schwindelerregenden Summen, die zur Zeit ausgegeben werden, dürfte die Frage angebracht sein, ob nicht mehr Schaden als Vorteile für die Geldgeber aus diesen Investitionen resultieren.

Die USA beispielsweise forcieren schon seit längerer Zeit die Durchsetzung ihrer subjektiven Interessen mit einem so massiven, weltweit angelegten Einsatz ihrer Streitkräfte, dass  4,5% der Weltbevölkerung 41% der weltweiten Militärausgaben tätigen müssen, um ihren Machtanspruch bzw. ihren Lebensstil verteidigen zu können. Dieser Machtanspruch und dieser Lebensstil beinhalten jedoch wiederum, dass eben 4,5% der Weltbevölkerung ca. 20% der Weltwirtschaftskraft benötigt(5). Da aber nicht mal das ausreicht, betrug das Staatsdefizit der USA im Jahr 2011 ca. 1,3 Billionen Dollar oder  8,7% des Bruttoinlandsprodukts: Geld, das im Ausland geliehen werden muss. Das heißt im Prinzip, dass auch ein Teil des Verteidigungsetats der USA mit geliehenem Geld aus dem Ausland finanziert wird.

Dass das Führen von Kriegen eine sehr direkte und äußerst negative Auswirkung auf die Staatsfinanzen hat, wird eindrucksvoll von Joseph E. Stiglitz, dem Nobelpreisträger für Wirtschaft 2001, in seinem 2008 erschienenen Buch[12] ‘The Three Trillion Dollar War: The True Cost of the Iraq Conflict’ erläutert, deshalb sind hohe Militärausgaben so beunruhigend für die Zukunft, denn sie können wirtschaftlich zwar kurzzeitige Abhilfe schaffen, aber nicht die dauerhafte Überlebensfähigkeit eines Landes sicherstellen, wenn dieses Land auf politisch und wirtschaftlich wackeligen – ja gar fragwürdigen – Fundamenten steht. 

Abrüstung, Stagnierung, Hochrüstung – Wie wird es weitergehen?

Ob die vom SIPRI verzeichnete Stagnierung der Militärausgaben auf dem heutigen Niveau sich in Zukunft fortsetzt, bleibt abzuwarten. Vermutlich werden einige schon hochgerüstete Staaten im Westen, aus gesamtwirtschaftlichen Überlegungen heraus, versuchen ihre Budgets zu schonen und ihre Ausgaben zu reduzieren oder niedrig zu halten. Aber aufsteigende Staaten wie Brasilien, Indien oder China, werden in der Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Streitkräfte modernisieren wollen, um ihrer neuen errungenen Wirtschaftsmacht zu entsprechen.

Die politische Bedeutungszunahme der großen Länder in Asien dürfte eine Auswirkung auf die Waffengeschäfte[13] haben. Laut SIPRI absorbieren Asien und Ozeanien 44% der weltweiten Waffenexporte,  Europa 19%, der Nahe Osten 17%, Nord- und Südamerika 11% und Afrika 9% . 

Indien ist Laut dem SIPRI zwischen 2007 und 2011 der weltgrößte Waffenimporteur mit ca. 10% der weltweiten Waffenimporte (darunter 80% kommen aus Russland), gefolgt von Südkorea mit  6%, von China und sowie Pakistan mit jeweils 5% und Singapur mit 4%. Allerdings ist China mittlerweile eine ernstzunehmende Exportnation, die unter anderem in Afrika zunehmenden politischen Einfluss mit solchen Lieferungen ausübt.

Weiterhin dürften sicherheitsrelevante politische oder wirtschaftliche Signale in manchen Regionen der Welt Regionalmächte dazu veranlassen, weiterhin hochzurüsten, um innen- sowie außenfeindliche Bedrohungsszenarien zu begegnen.

Aus diesen Gründen ist im weltweiten Maßstab vermutlich kein allumfassender und dauerhafter Rückgang der militärischen Ausgaben zu erwarten.

Am 4. Juni publiziert das SIPRI das neue ‘Yearbook’, das weltweit anerkannte Standard-Werk zum Thema

Anhang

Fußnoten

(1) Die 15 Länder mit den meisten Militärausgaben sind: die USA (1), China (2), Russland (3), Großbritannien (4), Frankreich (5), Japan (6), Saudi-Arabien (7), Indien (8), Deutschland (9), Brasilien (10), Italien (11), Südkorea (12), Australien (13), Kanada (14), die Türkei (15)

2) Diese Zahl ist nicht ganz unumstritten und einige Analysten gehen davon aus, dass die realen Verteidigungsausgaben Chinas um Einiges höher sein dürften.

3) Vgl. Greece : High military expenditures despite the financial krisis, Jan Grebe & Jerry Sommer, BICC, Focus 9, 2010

4) Ferrostaal war zu dem Zeitpunkt eine MAN Tochter und HDW ist Teil von ThyssenKrupp

5) Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) konnten die USA ein Bruttoinlandsprodukt (Kaufkraftsparität bereinigt) von 15.064.816 Millionen US Dollar im Jahr 2011 erwirtschaften.

Dabei betrug das Bruttoinlandsprodukt der Welt im gleichen Jahr 78.897.426 Millionen US Dollar. (Vgl. World Economic Outlook Database, April 2012, International Monetary Fund)

Links

[1] http://www.sipri.org

[2] http://www.sipri.org/research/armaments/milex/resultoutput/milex_15/the-15-countries-with-the-highest-military-expenditure-in-2011-table/view

[3] http://www.nytimes.com/2011/12/30/world/middleeast/with-30-billion-arms-deal-united-states-bolsters-ties-to-saudi-arabia.html

[4] http://www.bundesfinanzministerium.de/bundeshaushalt2011/html/ep14/ep14.html

[5] http://www.reuters.com/article/2010/05/17/us-nato-doctrine-idUSTRE64G48920100517

[6] http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/37512824_kw04_wehrbericht/index.html

[7] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1685064/

[8] http://www.economist.com/blogs/dailychart/2011/03/global_arms_exports

[9] https://docs.google.com/viewer?a=v&q=cache:nxBMN2RSnUkJ:www.svenskafreds.se/sites/default/files/at-percapita2011-eng.pdf+Arms+exports+per+capita+in+2011&hl=de&gl=de&pid=bl&srcid=ADGEESivFoGP_
JB0bhLQed8PouUa410ZIH_LUbj1FWzy7j6zPME5gOxVxxNjRlfSe2j1Jpkk-s9k1Nqh9aQyvnbSmKtc3ECggVmuG7OqzA73ZhY3fD5F9kBjlvnbTnGZI-lTfMUNpoWW&sig=AHIEtbRx7x8qEWyN0a4ZpIBdslgwXzk3TA

[10] http://www.sipri.org/research/armaments/production/Top100

[11] https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2011/11/PD11_417_231.html

[12] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/09/03/AR2010090302200.html

[13] http://www.sipri.org/media/pressreleases/rise-in-international-arms-transfers-is-driven-by-asian-demand-says-sipri

 

(Quelle: Telepolis.)