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BRD: Fairer Handel – Wendemanöver in der Sackgasse?

Samstag, Juli 28th, 2012

“Grenzen der Zertifizierung

Bilanz und Ausblick

Von Carolin Callenius und
Francisco Mari

Explosionsartig erleben wir, wie immer mehr Nachhaltigkeits-Siegel Teil unseres Alltags werden. Von Bio, Fair Trade, den Runden Tischen, diversen Biospritplaketten bis zu Pro Planet und MSC (Marine Stewardship Council) hinter den Begriff Nachhaltigkeit verbergen sich die unterschiedlichsten Ziele, Kriterien, Systeme und Akteure. Allen gemein ist, dass sie bei den Importen von Agrarprodukten ansetzen. Diese sollen – je nach selbst gesetztem Zielunterschiedlich – aus einer Produktion kommen, die auf Raubbau am Regenwald verzichtet, in der keine Kinder arbeiten müssen, die Arbeiter gerecht behandelt werden, besonders wenig Treibhausgase verursacht oder/und die Artenvielfalt geschützt wird. Zu Recht wird kritisiert, dass dieses Schildermeer nicht mehr überschaubar ist. Es ist auch zunehmend unklar, welchem Siegel man Glauben schenken kann; da sich bei den meisten Siegeln höchstens eine Hand voll Experten noch auskennen.

In den Expertenzirkeln wird eifrig diskutiert, wie man diese Siegel noch weiter verbessern kann, wie man sie zusammenfassen kann und in ihrer Reichweite umfassender machen könnte und wie unabhängig eine Kontrolle der Zertifizierung sein muss. Zeitgleich wachsen aber auch die Zweifel, ob angesichts der immensen globalen Probleme diese kleinen Reformen am Agrarhandel ausreichen. Reicht das Plus für Menschen und Umwelt im Süden aus, um die Nachhaltigkeitsziele von Umwelt und Entwicklung zu erreichen? Oder dient nicht gar das Ganze nur als Beruhigungspille gegen das schlechte Gewissen? Denn der übermäßige und wachsende Konsum – auch von besiegelten Produkten – hat Folgen für die Menschen und die Umwelt im Süden.

Es besteht kein Zweifel, dass einzelne Produkte − inklusive ihrer Herstellungsprozesse und Folgewirkungen − durch eine Zertifizierung verbessert werden können. Wir aber wollen in diesem Artikel ein paar Fragen aus entwicklungspolitischer Perspektive aufwerfen, die die Grenzen des Instruments thematisieren, und welche Probleme wir wahrnehmen, die mittels der Zertifizierung selbst nicht behoben werden können:

• Ist eine exportorientierte Landwirtschaft oder Landnutzung mit zertifizierten Produkten grundsätzlich ein besserer Entwicklungsweg für die Länder des Südens als die nichtzertifizierten Exporte?

• Wer profitiert von der Zertifizierung und wer hat das Nachsehen?

• Welche ökologischen oder »fairen« Grenzen hat das Instrument der Zertifizierung?

Alle drei Fragen werden von vielen Bauernverbänden und Nichtregierungsorganisationen im Süden zunehmend kontrovers diskutiert.

Exporte von Rohstoffen als richtiger Entwicklungsweg?

Zunächst will die Zertifizierung nichts weiter, als bestehende Agrarhandelsströme qualitativ verbessern. Dabei geht es immer um unsere Ansprüche als KonsumentInnen im Norden. Egal ob für Biosprit, Schokolade, Tropenholz, Palmöl oder Shrimps, gleichgültig ob öko oder fair oder beides – die Standards werden in den Industrieländern gesetzt. Für die lokalen Märkte im Süden spielen diese Zertifizierungen, ja meist auch die Produkte selber, keine Rolle. Keine Verbraucherin in Costa Rica fragt nach öko-fairen Bananen oder in Dakar nach einer MSC-Sardine. Konsequenterweise heißt das, dass aus Sicht der KonsumentInnen im Süden niemand Zertifizierungen oder private Standards braucht.

In den Ländern selbst aber beobachten wir, dass diese Nachfrage häufig zusätzlich erfolgt; während gleichzeitig die natürlichen Ressourcen immer knapper werden. Während also einerseits die durchschnittlichen Ackerflächen pro Betrieb immer kleiner werden, beansprucht der Exportanbau immer größere Flächen und greift meist auf die besten Böden und Wasserressourcen zurück. Diese Knappheit an Land, Wasser, Biodiversität, etc. führt dazu, dass die Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln in den letzten Jahren drastisch abnimmt. Viele Entwicklungsländer sind zunehmend von Nahrungsmittelimporten abhängig.

Eine Entwicklungsstrategie durch »Rohstoff- oder Agrarexporte« wurde in den letzten Jahrzehnten als der Königsweg propagiert. Sie versprach die gesteigerten Kostenvorteile in der Landwirtschaft und hohe Rohstoffpreise auszunutzen, um mit den Einnahmen Infrastruktur, Energie, Gesundheit und Bildung zu finanzieren. Niedrige Weltmarktpreise für Nahrungsmittel Nahrungsmittel förderten die Illusion man könne mit diesen Einnahmen auch die Ernährung der Bevölkerung sichern. Doch seit 2008 ist dieser Traum ausgeträumt. Die hohen und sehr stark schwankenden Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise führten den Ländern ihre Abhängigkeit vom Weltmarkt und die Unsicherheit der Budgetplanung vor Augen. Weder die Armen in den Städten und noch weniger die große- Mehrheit der Landbevölkerung haben davon profitiert.

Im Hinblick auf die Bekämpfung von Armut und Hunger muss hinterfragt werden, ob eine Export-Expansion, auch wenn sie als nachhaltig zertifiziert ist, im Sinne einer ernährungssichernden, landwirtschaftlichen Produktion für die arme ländliche Bevölkerung in den Ländern des Südens zu wünschen und zu unterstützen ist. Letztendlich dient auch sie nur dazu, unsere Versorgung im Norden mit natürlichen Ressourcen abzusichern. Den meisten Zertifizierungen, wie FSC (Forest Stewardship Council) und den Runden Tischen fehlt bereits im Ansatz das Ziel der Armuts- und Hungerbekämpfung. Sie gehen in ihrem Anspruch oft nicht über eine Verringerung der schlimmsten (ökologischen und teilweise sozialen) Probleme hinaus. Auch die wachsende Ernährungsunsicherheit kann durch Zertifizierung nicht erfasst und nicht vermieden werden.

Sind denn die Mengen an zertifizierter Ware überhaupt nachhaltig verfügbar?

Es sind die gleichen Äcker, die gleichen Flüsse und Wälder, die, bisher von bäuerlichen Familien genutzt werden, nun aber von den Investoren in nachhaltige Produktion benötigt werden. Der Zugriff auf das Ackerland aber führt zu neuen ernst zu nehmenden Konkurrenzen, die in Folge auch zu Nahrungsmittelengpässen auf den lokalen Märkten führen können. Nämlich dann, wenn Menschen der Zugang zu den natürlichen Ressourcen geraubt wird oder wenn auf den lokalen Märkten nicht mehr ausreichend Lebensmittel zur Verfügung stehen oder nur zu Preisen, die für die Ärmsten schlicht nicht mehr bezahlbar sind. Zwar lässt sich überprüfen, ob bei der Anlage einer zertifizierten Plantage das Ackerland legal erworben wurde, ob Landkonflikte anhängig sind, oder Regenwald zerstört wurde und damit ausschließen, dass Menschen von ihrem Acker vertrieben, oder ohne ihre Einwilligung umgesiedelt wurden. Doch wird die wachsende Nachfrage nach Agrarimporten aus dem Süden – mit oder ohne Zertifizierung – zu weiteren indirekten Folgen führen. Denn die ursprünglichen Nutzer des Landes werden nun an anderen Orten beginnen zu produzieren, wo sie unter Umständen einen Raubbau an Primärwäldern vornehmen. Im Zuge des Wettlaufs um die natürlichen Ressourcen, wie Land und Wasser haben die besonders Benachteiligten oft das Nachsehen. Nomaden, Hirten, Fischer und Indigene werden in ihren Nutzungsrechten eingeschränkt und sind dann auch Opfer von »politisch korrekten « und zertifizierten Investitionen von landbesitzenden Kleinbauern.

»Die Dosis macht das Gift.« Dies wird in den Diskussionen um Agrotreibstoffe immer wieder deutlich: Denn ob mit oder ohne Zertifizierung, es wird nicht gelingen die steigende Nachfrage nach Agrarprodukten auf nachhaltige Weise zu befriedigen. Bei immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen sind vielerorts die Grenzen für eine Produktionserweiterung bereits erreicht oder gar überschritten. Insbesondere dann, wenn immer mehr Energie und Grundstoffe aus Biomasse, Rohstoffe auf Erdölbasis ersetzen sollen. Bioethanol und Biodiesel benötigen jetzt schon zwei Prozent der weltweit verfügbaren Ackerflächen. Die neuen Hoffnungsträger einer »Grünen Technologie« aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Biokerosin, Biokunststoff, Baufasern und Schmierstoffe werden diesen Trend fortsetzen.

Partizipation für wen?

Nachhaltigkeitsstandards funktionieren in gewisser Weise wie alle privatwirtschaftlichen Standards, die von Handels- und Industrieverbänden angewendet werden (beispielsweise Standards des Codex Alimentarius, der für die Einhaltung von Hygienestandards sorgt und private Standardnormen wie EUROGAP). Sie führen zu einer dem Agrobusiness genehmen Uniformität der Produkte, der sich alle Produzenten unterwerfen müssen. Da der Vormarsch der Supermärkte auch im Süden voranschreitet, verlieren Kleinproduzenten ihre lokalen Märkte und nur wenige, die in die Standarderfüllung der meist internationalen Handelsketten investieren können, beliefern sie. Alle Anderen müssen auch noch zusehen, wie Billigreste die den Standard nicht erfüllen, sie auch noch von den Straßenmärkten der Armen vertreiben.

Kleinproduzenten können sich die Kosten, die mit der Zertifizierung verbunden sind, oft nicht leisten. Aber auch Landwirte mittelgroßer Betriebe gehen ein hohes Risiko ein. Denn je höher ihre Investition, desto größer die Gefahr durch Markteinbrüche bei nur geringfügigen Nichtstandarderfüllungen. Kurzfristige Erfolgs- und Gewinnbestrebungen aller Beteiligten lassen auch im Geschäft mit zertifizierten Produkten keine Zeit, um die Umwelt der Produzenten langsam und nachhaltig an neue Markterfordernisse anzupassen. Dieses Anliegen wird allein von den Standards des fairen Handels aufgegriffen, die langfristig mit Beratung die Partner unterstützen und die Produzenten an eine soziale, manchmal auch an eine ökologische, Nachhaltigkeit heranführen.

Die Produktionsstrukturen sind mit Ausnahme des fairen Handels meist nicht berücksichtigt. Es werden immer nur das Produkt und die Herstellungsweise zertifiziert; aber nicht ob es von mechanisierten Großbetrieben hergestellt wurde oder in kleinen Strukturen vor Ort. Dagegen wehrt sich beispielsweise die brasilianische Landlosen- Organisation MST. Diese meint, dass Nachhaltigkeit unbedingt die Verteilung der Ressourcen beinhalten müsse, denn sonst gefährde der Anbau in immer größer werdenden Strukturen die Lebensgrundlage der Menschen.

Zertifizierung – nur ein grüner Anstrich?

Seit dem Beginn von Zertifizierungen wird heftig darüber gestritten, was denn unter Nachhaltigkeit verstanden wird. Während die Einen jeden Schritt, den die Industrie sich bewegt, als einen Gewinn ansehen (Statt der Nische soll der Mainstream erobert werden), kritisieren die Anderen, dass dies nur ein grünes Deckmäntelchen sei. Für letztere steht außer Frage, dass man gentechnisch verändertes Soja nicht als »verantwortungsvoll« zertifizieren kann; dass auch Monokulturen, die sich über zehntausende von Hektar erstrecken und große Mengen Pflanzenschutzmittel einsetzen, alles andere als nachhaltig sind. Viele Fragen sind offen: Ist nicht auch eine öko-faire Shrimps-Mast ein Widerspruch in sich? Kann es angesichts der überfischten Meere eine Öko-Aquakultur geben? Schützen Biotreibstoffe zwar das Klima, erzeugen sie aber gleichzeitig Probleme im Bereich des Erhalts von Umwelt und Menschenrechtschutz? Nachhaltigkeitszertifizierungen sind immer nur partiell. Das Wissen um die komplexen Zusammenhänge von Sozial- und Ökosystemen ist begrenzt, und die Wirkungen, die massive Eingriffe haben, sind in Öko- oder Sozialstandards nicht wirklich erfassbar und vorherzusehen.

Was wäre ein Ausweg?

Grundsätzlich muss sich jedes Land, jede Region fragen, in welchem Ausmaß Infrastruktur, Land, Wasser, Energie und Arbeitskraft in die Exportproduktion gehen soll, oder eben in die eigene Nahrungsversorgung und verarbeitende Kleinindustrien eingebracht werden. Den Landwirten, die die Mehrzahl der Hungernden ausmachen, wäre mehr gedient, wenn (…).”

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(Quelle: Forum Umwelt & Entwicklung.)

BRD: Vor allem nicht fairblöden!

Donnerstag, Juli 12th, 2012

“Wie fair ist Fairtrade?

Gepa und andere Importeure für fair gehandelte Produkte distanzieren sich vom Fairtrade-Siegel. Sie erheben den Vorwurf, dass die Organisation niedrigere Standards akzeptiert, um mehr Umsatz zu machen

Von Claudia Mende

Der faire Handel ist im Umbruch. Während die Produkte beim Verbraucher immer beliebter werden, spitzt sich der Streit um die Ziele des fairen Handels zu. Jetzt hat die Gepa, Europas größter Importeur fair gehandelter Produkte, entschieden, nach und nach das Fairtrade-Siegel von den meisten ihrer Waren zu entfernen und es durch ein »Fair-plus«-Zusatzzeichen zu ersetzen. Fair-plus ist zwar kein Label, es soll aber dem Verbraucher signalisieren, dass die Gepa ihren Produzenten einen höheren Standard garantiert als Fairtrade.

Vier Fünftel aller fair gehandelten Waren in Deutschland tragen das TransFair-Siegel

Für die Siegelorganisation TransFair ist das ein herber Schlag. Denn nicht nur die Gepa, immer mehr Importeure distanzieren sich von dem Siegel Fairtrade und vermarkten eigene, höhere Standards. Dadurch gerät TransFair in den Verdacht, die eigenen Standards um eines höheren Umsatzes willen aufzuweichen. Dabei ist der faire Handel angetreten, damit sich Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika durch eigene, gerecht bezahlte Arbeit aus der Armut befreien können. Das bedeutet vor allem Mindestpreise, die in der Regel über dem Weltmarktpreis liegen, und feste, langfristige Abnahmeverträge (…) .”

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(Quelle: Publik-Forum.)

Kolumbien: “Bio” heißt nicht “fair”

Donnerstag, Juni 24th, 2010

Neue Hoffnung aus Genf

Von Florian Blumer

Wo «Bio» draufsteht, ist nicht immer auch Fairness drin. Ein kolumbianischer Kleinbauer hat einen Biopalmölkonzern vor dem Uno-Menschenrechtsausschuss in Genf eingeklagt. Ein Teil der Produktion des Daabon-Konzerns darf sich mit dem Bio-Suisse-Label schmücken.

Don Misael Payares ist ein kleiner, hagerer Mann mit leiser, ruhiger Stimme. Der Kleinbauer aus Kolumbien hat im Alter von 63 Jahren zum ersten Mal seine­ Heimat verlassen. Er soll in der fernen Schweiz für das Recht von 123 Familien kämpfen, die vom Biopalmölkonzern Daabon von ihrem Land vertrieben worden sind. Fünf Minuten hat ihm der Uno-Menschenrechtsausschuss in Genf gewährt, um sein Anliegen vorzubringen. Auch mit deutschen Biofirmen, die Abnehmer von Daabon sind, führt Don Misael Gespräche. So soll der fast schon verloren geglaubte Fall der 123 KleinbäuerInnen wieder ins Rollen gebracht werden.

Das Recht des Stärkeren regiert

Don Misaels Geschichte beginnt mit seinem Grossvater. Der machte sich in den vierziger Jahren wie viele andere Kolumbianer auf die Suche nach einem guten Ort zum Siedeln. Grosse Teile des Landes waren damals noch unbewohnt. Im Sumpfgebiet des Magdalenaflusses in der Region Südbolivar wurde er fündig: Gemeinsam mit anderen Bauernfamilien richtete er sich auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen ein – ein idealer Ort für den Ackerbau wie auch zum Fischen und Jagen. Für drei Pesos pro Hektare erwarben die BäuerInnen das Nutzungsrecht für den Boden vom Staat. An Landbesitz waren sie nicht interessiert; es wäre wohl auch zu teuer gewesen.

Bereits wenige Jahre später machten sich Viehzüchter auf ihrem Land breit, die KleinbäuerInnen mussten auf Felder in der Umgebung ausweichen. Die Staatsgewalt war weit weg, in der Region Magdalena Medio herrschte das Recht des Stärkeren. Zwar konnten die BäuerInnen zwischenzeitlich wieder zurück auf ihr Land, nachdem die Viehzüchter weitergezogen waren. Aber mit den zunehmenden Landkäufen von Privaten in den sechziger Jahren wurde es für sie immer enger.

In den achtziger Jahren kaufte der Drogenhändler Jesús Emilio Escobar – ein Verwandter des legendären Drogenbarons Pablo Escobar – die Hacienda Las Pavas, ein Grundstück, das sich teilweise auf dem ursprünglich von den Bauernfamilien bewohnten und bewirtschafteten Land befand. Durch Kauf und durch illegale Aneignung von Staatsland vergrösserte Escobar seine­ Hacienda in der Folge stetig – bis Don Misaels Familie und den anderen, die Staatsland per Nutzungsrecht bebauten, nichts mehr blieb. Sie mussten erneut weichen.

1995 verliessen Escobar und seine Familie die Hacienda, die BäuerInnen kehrten zurück – um wenige Jahre später nochmals vertrieben zu werden, diesmal von Paramilitärs. Nach deren Demobilisierung kehrten die Kleinbauernfamilien erneut zurück. Vor vier Jahren strengten sie dann ein sogenanntes Titulierungsverfahren an: Das kolumbianische Gesetz sieht vor, dass BäuerInnen, die verlassenes Land bebauen, nach fünf Jahren Antrag stellen können, offizielle BesitzerInnen zu werden.

Escobar jedoch hatte andere Pläne: Im Jahr 2007 verkaufte er das Land an das kolumbianische Biopalmölunternehmen Daabon und vertrieb die KleinbäuerInnen mit Waffengewalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Titulierungsverfahren noch gar nicht begonnen, weil verschiedene Behörden in Machtkämpfe verstrickt waren. Es ist erst 2008 eröffnet worden.

Angezündete Felder

Daabon stellt sich auf den Standpunkt, zum Zeitpunkt des Kaufs nichts vom Landkonflikt gewusst zu haben, und weist jede Schuld von sich. Dies, obwohl sich ein anderer potenzieller Käufer zuvor wegen des Konflikts zurückgezogen hatte. Der Konzern, der für einen Teil seiner Produktion das Bio-Suisse-Label trägt und Mitglied des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) ist, liess seine Ansprüche vielmehr rigoros durchsetzen: Im Juli 2009 fuhr ein Abrisskommando in Las Pavas auf. Bewaffnete Spezialeinheiten der kolumbianischen Polizei kreisten die Bauernfamilien ein, zündeten ihre Felder an und rissen ihre Hütten nieder.

Seither leben die Familien im Nachbardorf und sind auf staatliche und internationale Hilfe angewiesen – in der Region Magdaleno Medio gibt es kaum noch Land, das sie bewirtschaften könnten.

Mehr als Lippenbekenntnisse?

In einer Verfügung vom Februar 2010 erklärte die kolumbianische Agrarreformbehörde Incoder das Titulierungsverfahren der KleinbäuerInnen für ungültig: Es fehle die Unterschrift eines Beamten als Bestätigung, dass das Land tatsächlich bewirtschaftet wurde. Doch noch ist nicht alles verloren, auch wenn Daabon bereits begonnen hat, das Land für seine Palmölplantagen zu präparieren. Der Entscheid kann angefochten werden, und das unerwartete Interesse im fernen Europa hat Don Misael neue Hoffnung gegeben.

Vertreter der deutschen Biofirma Rapunzel haben ihm aufmerksam zugehört, hat doch Rapunzel zuvor eine eigene Rohstoffexpertin nach Kolumbien geschickt, um die Produktionsbedingungen bei Daabon zu überprüfen. Auf den Plantagen, von denen das Rapunzel-Biopalmöl stamme – Südbolivar gehört nicht dazu –, herrschten «vorbildliche» Arbeits- und Umweltschutzbedingungen, hat sie gemeint. Wie Don Misael betont, war die Rapunzel-Expertin allerdings nicht in Süd­bolivar auf der Hacienda Las Pavas. Die deutsche Biofirma will ihren Zulieferbetrieb nicht offen kritisieren, betont aber, dass sie «zukünftig ein neues Projekt aufbauen» werde, sollte sich Daabon nicht aktiv um eine Lösung bemühen und nicht «respektvoll mit den Bauern in Südbolivar umgehen».

Bereits für Ende Mai hat die Firma Body Shop, die ebenfalls Palmöl von Daabon bezieht, einen Bericht zur Situation in Las Pavas angekündigt, zusammen mit der Hilfsorganisation Christian Aid. Auf Anfrage heisst es jetzt, der Bericht werde «in den nächsten Wochen» publiziert.

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Mehr als ein Marketing-Gag?

Im letzten Jahr importierte die Schweiz über 30 000 Tonnen Palmöl – ein Rekordwert. Der Konsum hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Das hat Folgen: «Eine Ausweitung der Palmölproduktion geht immer auf Kosten des Regenwalds», sagt Lukas Straumann, Geschäftsleiter des Bruno-Manser-Fonds. Die Organisation kämpft gegen den Anstieg der Palmölproduktion. Denn er führt nicht nur zu Umweltproblemen, sondern auch zu massiven Menschenrechtsverletzungen: Angehörige des Volks der Penan auf Borneo etwa, für die sich der Bruno-Manser-Fonds einsetzt, werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben. Die Insel Borneo gehört zu den Staatsgebieten von Malaysia und Indonesien; diese zwei Länder stellen rund neunzig Prozent der Weltproduktion an Palmöl.

Um den Zerstörungen und den Menschenrechtsverletzungen entgegenzuwirken, die mit der Palmölproduktion verbunden sind, hat der WWF 2003 den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) initiiert. Die internationale Organisation vergibt seither Zertifikate, die garantieren sollen, dass das Palmöl der betreffenden Firma nachhaltig produziert wird. Lukas Straumann begrüsst die Initiative. Doch er sieht auch die Gefahr, dass sie «zur reinen Marketingmassnahme verkommt». Denn die Mitglieder sind zum grössten Teil Palmölproduzenten. Und die haben nicht gerade dazu beigetragen, die Ernsthaftigkeit ihrer Initiative zu unterstreichen.

Nebst Daabon in Kolumbien steht auch das Palmölunternehmen IOI, Gründungsmitglied des RSPO, in der Kritik. IOI soll die Richt­linien massiv missachten. Diese besagen, dass kein Urwald gerodet werden und kein Landkonflikt um das Anbaugebiet bestehen darf. Der Bruno-Manser-Fonds wirft der Firma IOI jedoch vor, grossflächig Regenwaldökosysteme zerstört und die Landrechte der UreinwohnerInnen auf Borneo verletzt zu haben.

Zudem lassen viele der RSPO-Firmen nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent ihrer Produktion für den europäischen Markt zertifizieren. Das übrige Öl stammt aus Plantagen, für die Urwald gerodet wird, was Menschenrechtsverletzungen mit sich bringt. Nach den RSPO-Regeln müssen sich die Firmen zwar verpflichten, nach und nach die gesamte Produktion zertifizieren zu lassen. Doch Straumann ist skeptisch: «Papier ist geduldig.» Dass ausgerechnet die Firma IOI als Gründungsmitglied die RSPO-Grundsätze missachte, stelle das System als Ganzes infrage.

Ein weiterer Streitpunkt ist die RSPO-Richtlinie, gemäss der Sekundärwald gerodet werden darf, «wenn erwiesen ist, dass der Wald ökologisch und sozial nicht wertvoll» ist. Als Sekundärwald wird diejenige Vegetation bezeichnet, die nachwächst, nachdem Urwald zerstört worden ist. Sie mache in der Region Sarawak auf Borneo neunzig Prozent des Waldes aus, sagt Straumann. Laut Corina Gyssler vom WWF Schweiz gibt es in Indonesien «mehr als sieben Millionen Hektar degradierte Wald- und Grasflächen», die für Palmölplantagen genutzt werden könnten. Für Straumann ein Mythos: Das Land gehöre mehrheitlich indigenen Gemeinden. Und der Verweis darauf, dass es sich um Sekundärwald handle, der gerodet wird, ändere nichts daran, dass so Regenwald verloren gehe. «Wenn man den Boden sich selbst überlässt, wächst der Wald wieder nach.»

Trotz allem, sagt Straumann, sei Palmöl aus zertifizierter Produktion besser als konventionelles. Grosse Sorgen bereitet ihm allerdings, dass Palmöl zunehmend als Agrotreibstoff verwendet wird und diese Nutzung von der EU auch noch gefördert wird. Bislang fand Palmöl in erster Linie in Lebensmitteln Verwendung, etwa in Schokolade. Es ist der weltweit verbreitetste pflanzliche Fettzusatz in Nahrungsmitteln. Auch Kosmetika und Tierfutter enthalten Palmöl. Der vollständige Verzicht darauf sei unrealistisch, sagt Straumann. «Es darf aber nicht sein, dass mit dem RSPO-Label eine Ausweitung der Produktion gerechtfertigt wird.»

(Quelle: WOZ.)

Schweden: Klima-Siegel für Lebensmittel

Donnerstag, Juni 17th, 2010

“Klima-Siegel für Lebensmittel


Klima-smart oder nicht? Das neue Label gibt Auskunft

Umweltbewusste Verbraucher in Schweden bekommen beim Kauf von Lebensmitteln neue Entscheidungshilfen: Seit diesem Dienstag können Lebensmittel, die unter geringem Schadstoffausstoβ produziert worden sind, mit einem Klima-Label gekennzeichnet werden. Die ersten derart markierten Produkte werden augewählte Gemüse aus schwedischen Gewächshäusern und bestimmte Milchsorten sein.

Nach dreijähriger Arbeit liegt nun ein Bewertungssystem vor, nach dem Lebensmittel mit dem Klima-Label versehen werden können. Christel Cederberg, Forscherin am Institut für Lebensmittel und Biotechnik, SIK, hat an dem Zertifizierungssystem mitgewirkt. Gerade in Sachen Essen und Trinken, betont sie, dürfe man den Klimafaktor keinesfalls auβer Acht lassen. „Wenn wir uns den gesamten Schadstoffausstoβ weltweit ansehen, müssen wir feststellen, dass die Lebensmittelproduktion – also all das, was wir essen, inklusive der gesamten Kette von Produktion über Transport bis hin zur Abfallentsorgung – für 25 bis 35 Prozent der gesamten Schadstoffmenge steht. Wenn wir es ernst meinen mit dem Ziel, den Schadstoffausstoβ markant zu senken, dann kommen wir an den Lebensmitteln nicht vorbei.‘

Siegel vorerst für einheimische Produzenten

Für die Auszeichnung mit dem Klimasiegel müssen nun verschiedene Kriterien erfüllt sein. So muss eine Tomate, die das Siegel erhalten will, einem Gewächshaus entstammen, das gut isoliert ist und mit erneuerbarer Energie gewärmt wird. Vorerst können nur einheimische Waren zertifiziert werden; in der Zukunft sollen aber auch ausländische Produzenten die Zertifizierung beantragen können. Schlieβlich mag ein Apfel, der am anderen Ende der Welt in einer umweltfreundlichen Plantage gereift ist, für sich betrachtet ein „grünes‘ Produkt sein; nach dem Transport über Tausende von Kilometern hat er gleichwohl sein dickes Klima-Päckchen zu tragen.

Beifall bei Verbrauchern

Die Initiative zur Umwelt-Zertifizierung von Lebensmitteln hatte Schwedens Regierung im Jahr 2007 ergriffen. Ausdrückliches Ziel war es, auf die Lebensmittelindustrie Druck auszuüben, die Produktion klimafreundlicher zu gestalten. An der Erarbeitung der Zertifizierung beteiligt waren die unabhängigen Öko-Label Krav und Svenskt Sigill. Krav wird die neuen Klimaanforderungen ab sofort in die eigenen Kriterien einverleiben – alle Produkte mit dem Krav-Label sind somit auch klimagerecht. Bei den Verbrauchern dürfte die Neuerung gut ankommen. Zahlreiche Umfragen belegen, dass das Gros der Schweden Informationen zur Herkunft der Produkte nachfragen, die bei ihnen auf den Tisch kommen. In einer Untersuchung der Naturschutzbehörde fanden im vergangenen Jahr 92 Prozent der Befragten die Idee einer Klima-Zertifizierung gut.”

 

(Quelle: Sveriges Radio International.)

Wachsender Widerstand gegen neues Label für Gen-Soja

Donnerstag, Mai 27th, 2010

“Open Letter: Growing Opposition to Round Table on Responsible Soy

May 2010

We kindly invite all organisations to sign the Open Letter below, opposing the ‘responsible’ label for monoculture soy (including GM soy), developed by the industry’s Round Table on Responsible Soy (RTRS). Please find the text of the letter below and attached.

The RTRS is holding its 5th conference 9-10 June 2010 in Sao Paolo, Brazil. It is expected that the label will be launched in Europe some time after the conference. This is the time to once more voice strong opposition to this greenwashing of industrial soy!

Please send the name of your organisation (and country, if relevant) before Friday June 4th, 4 o’clock European time, to
nina@corporateeurope.org

(…) [We] reject the “responsible” label for soy developed by the Round Table on Responsible Soy (RTRS). The attempts by the Round Table on Responsible Soy to greenwash large scale genetically modified (GM) soy production by labelling it as “responsible” will aggravate the problems caused by industrial soy production, instead of providing solutions.

The RTRS is expected to launch its “responsible” label after its conference in June 2010 in Brazil. Industrial soy production has caused rampant social and environmental damage in South America, including habitat destruction, deforestation, destruction of local food production systems, degraded soil fertility, exposure of local people to toxic pesticides and the large scale displacement of local communities and small farming systems.

In the North, large scale soy production has facilitated unprecedented industrialisation of the food chain, increasing reliance on imported animal feed and promoting unsustainable animal production with negative consequences for farming, the environment and people’s health, and encouraging unsustainable consumption patterns. Intensive meat, dairy and egg production is an important contributor to global greenhouses gas emissions , while agrofuels from soy could produce more emissions than fossil fuels.

Multinational companies reap huge financial rewards from this unsustainable production system at both ends.

The RTRS cannot succeed in its stated aims to deliver “responsible” soy because:

1) RTRS lacks support and is not representative

The RTRS claims to be an “international multi-stakeholder initiative” , but in reality the scheme has little or no support from sustainable family farmers, social movements or civil society, either in South America or in Europe. On the contrary the scheme faces strong criticism from these organizations especially in soy producing countries. Furthermore, major players in the Brazilian soy industry – APROSOJA and ABIOVE – have turned their backs on the RTRS due to disagreements on the inclusion of even the very weak deforestation clause (see 2).

2) RTRS criteria are seriously flawed
The RTRS claims to be developing a “responsible” label for mainstream soy, but is based on a wholly inadequate set of principles and criteria. For example:

• GMOs and pesticides
The RTRS will certify genetically modified (GM) soy as responsible. Most soy in South America is genetically modified to be resistant to the herbicide Glyphosate (marketed by Monsanto as RoundupReady soy). Both GM and non-GM soy are based on monocultures, both have destructive impacts on biodiversity and local communities and both use a range of agrochemicals, but herbicide-resistant soy has higher negative biosafety impacts than non-GM soy, particularly for soil life and fertility. While GM soy is promoted to farmers as a way to reduce labour costs, the continuous and indiscriminate application of herbicides resulting from the use of herbicide-resistant crops has severe impacts on the livelihoods and health of communities living around the soy fields. It has also accelerated the emergence of herbicide resistant weeds, which are a serious problem across thousands of hectares of soy in the US, Argentina and Brazil. This is also forcing a return to using more dangerous pesticides such as 2,4-D (a component of Agent Orange).

• Deforestation and soy expansion
The RTRS criteria for “responsible” soy agreed in May 2009 do not prevent further deforestation. According to the RTRS, “responsible” soy can be grown on land that has been deforested as recently as May 2009. “Responsible” soy can even be grown on land that will be deforested in the future, as long as the producer can provide “scientific evidence” that there were no primary forest, or High Conservation Value Areas (HCVAs), on that land and that it did not affect “local peoples’ land” (which is not further defined).

It is not clear how these flawed criteria will be monitored and enforced.

3) RTRS cannot address macro-level impacts of industrial farming
Importantly, the RTRS cannot address the deforestation, greenhouse gas emissions and social conflicts caused by displacing agricultural activities elsewhere (Indirect Land Use Change). Other impacts include rising food prices and huge pressures on land and resources.

4) RTRS claims climate benefits
RTRS “responsible” soy claims to have climate benefits, but would largely supply feed for unsustainable intensive poultry, livestock and agrofuel production. The perverse lobbying at the 2009 UN Climate Change Conference in Copenhagen of the RTRS along with biotech giant Monsanto to gain carbon credits for industrial soy production gained them the international Angry Mermaid Award for worst climate lobbying. In the EU, the RTRS is trying to gain accreditation under the EU Renewable Energy Directive (RED) that contains the widely opposed 10% agrofuel target.

Some of the pilot projects of the RTRS involve small scale farming of soy, but this cannot mask the fact that the bulk of the RTRS’s “responsible” soy will be grown on large-scale plantations with heavy pesticide use and no consideration for the local people or the environment. Consumers are currently prevented from seeing the extent of the damage done by industrial (RoundupReady) soy as it happens far from their homes. European supermarkets use the RTRS to claim they are acting responsibly while carrying on with business as usual. Any supermarket that participates in the RTRS risks a backlash from its customers.

To address the impacts outlined above the undersigned organisations demand real solutions that move to a sustainable food production system that include:

• phasing out monoculture production systems and instead promoting agro-ecological systems, diversification of production and stimulation of local production for local markets that contribute to food security and food sovereignty in producer and consumer countries.

• promoting genuine land reforms and land rights in producing countries, which will address highly inequitable land ownership and concentration;

• drastically changing production models and consumption patterns required to feed a population of 9 billion in 2050 sustainably and equitably ; this means reducing the shocking levels of overconsumption and waste in the industrialised world

• abandoning intensive meat, dairy and egg production systems and moving towards low-input livestock systems

• eliminating Europe’s dependency on plant protein imports and support a move towards more low input, grass based livestock systems.

• stopping the promotion of agrofuel production as a climate solution for rich countries and instead developing better transport systems that reduce demand for energy and fuel.”

(Quelle: Aboriginal News Group.)

USA: “Öko-freundliche” Produkte?

Freitag, Mai 7th, 2010

Some companies greenwash in effort to clean up

What does ‘green” in label mean anyway?

These days, going green seemingly is a breeze: Pesticides, SUVs, laptops, bottled water, coal, airlines, cruise ships and dry cleaners all promise that they’re ‘friendly,’ ‘gentle’ and ‘kind to the planet.’

Unfortunately, there probably is no such thing as an ‘eco-friendly’ product, because all use resources to create some amount of waste. Environmentalists argue ad infinitum about what ‘green’ really means. And though the Federal Trade Commission is supposed to crack down on fraudulent advertising, critics say the agency hasn’t kept pace with the burgeoning number of misleading environmental claims.

The result is that consumers are often flooded by greenwash, the practice of disingenuously spinning a product, service or policy as greener than it actually is. Think whitewashing with an eco-brush. One environmental marketing firm, TerraChoice, found some form of greenwashing in 98 percent of the 2,219 products in the U.S. and Canada with environmental claims that it surveyed.

But since no one really knows what ‘green’ means — and marketers have relatively outdated FTC guidelines — consumers are left to sort out which green companies are (…).”

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(Quelle: Chicago Tribune.)