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EU: Flüchtlingsabwehr per Drohnen

Donnerstag, September 5th, 2013

“EU-Grenzen zu Nordafrika und Osteuropa sollen mit Drohnen überwacht werden

Von Matthias Monroy | 05.09.2013

Rüstungskonzerne und Luftfahrtinstitute drängen auf Drohnen zur Überwachung der EU-Außengrenzen. Es geht zunächst um Weißrussland, Lettland, Marokko, Tunesien und Libyen

Seit Jahren fördert die EU-Kommission Forschungen zur Nutzung von unbemannten Plattformen zur Grenzüberwachung. Hintergrund ist die Errichtung des Grenzüberwachungssystems EUROSUR, das dieses Jahr in mehreren Mitgliedstaaten in Betrieb geht und deren Aufklärungskapazitäten zusammenschalten soll. Als Zentrale dieses sogenannten “Konzepts der virtuellen Grenzen” fungiert das Hauptquartier der EU-Grenzüberwachungsagentur FRONTEX [1] in Warschau (Militarisierung des Mittelmeers [2]). Eine Studie schlägt nun konkrete Einsatzgebiete für Drohnen vor.

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Die Aufrüstung der EU-Außengrenzen erreicht eine neue Dimension: Die mittlerweile beendete Studie “Open Architecture for UAS based Surveillance System” (OPARUS [3]) definiert drei großflächige Regionen, in denen die Grenzpolizei zukünftig unbemannte Luftfahrtsysteme einsetzen könnte. Es geht dabei nicht um die Rettung Schiffbrüchiger: In Projektbeschreibungen [4] ist lediglich von der Bekämpfung “illegaler Migration” und “Schmuggel” die Rede.

Im Bereich der Überwachung von Landgrenzen [5] sollen Drohnen an der östlichen Grenze Polens eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um jenes Gebiet, das an Weißrussland, Litauen und die russische Exklave Kaliningrad angrenzt. Betont wird, dass Polen nach seinem EU-Beitritt eine wichtige Funktion als EU-Außengrenze übernimmt. Als aufzuklärende Objekte werden Einzelpersonen ebenso wie Gruppen, aber auch Autos und Lastwagen genannt. “OPARUS” schlägt vor, dass Polen zwei große Drohnen beschaffen könnte. Möglich sei aber auch der Kauf lediglich einer Drohne mit hoher Reichweite sowie zehn kleinerer Drohnen.

Für die seeseitige Überwachung mit unbemannten Plattformen gelten das südliche Mittelmeer und die Kanarischen Inseln im Atlantik als Zonen, in denen die Flugroboter auf die Jagd nach Migranten gehen könnten. Für das Mittelmeer werden gleich drei Interessengebiete genannt: Die See zwischen Tunesien, Libyen und der italienischen Insel Lampedusa; zwischen Tunesien, dem libyschen Bengasi und Malta bzw. Sizilien sowie die Straße von Gibraltar.

Szenarien für kleinere und große Drohnen

Eine der Arbeitsgruppen von “OPARUS” hatte rund 250 verschiedene Drohnen verschiedener Hersteller untersucht. Berücksichtigt wurden sowohl Starrflügler als auch Helikopter-Drohnen. Während zahlreiche europäische Hersteller kleinere und mittlere Drohnen anbieten, werden Drohnen mit größerer Reichweite hauptsächlich von israelischen und US-amerikanischen Konzernen gefertigt. Auch diese wurden bei “OPARUS” auf ihre Nutzung für die Grenzüberwachung untersucht. Laut der Projektbeschreibung haben hierfür mehrere Simulationen stattgefunden. Welche Typen dafür genutzt wurden, wird aber nicht mitgeteilt. Womöglich wurde aber auf Ergebnisse anderer Projekte zurückgegriffen, an denen auch deutsche Institute oder Firmen beteiligt sind (Drohnen bald auch für Inlandsgeheimdienst und Bundeskriminalamt? [6]).

In der Studie werden drei Szenarien für den Einsatz unbemannter Systeme genannt. Die Drohnen könnten zunächst als Unterstützung von Küstenwachschiffen eingesetzt werden. Denkbar sei aber auch die Unterstützung vorhandener Küstenüberwachung, wie es in Spanien bereits seit Jahren im Projekt SIVE [7] betrieben wird. Als weitere Möglichkeit werden Überwachungsflüge auch außerhalb der Hoheitsgebiete Italiens oder Spaniens aufgeführt. Während für die küstennahe Überwachung auch kleinere Drohnen genutzt werden könnten, müssten hierfür sogenannte MALE-Drohnen (Medium Altitude Long Endurance) geflogen werden.

Handreichungen werden aber auch zur Nutzlast, also den mitgeführten Überwachungssystemen sowie der Kontrollstation gegeben: Während wegen der bewaldeten Flächen in Polen eher Infrarotkameras verwendet werden müssten, könnten über dem Meer maritime Radargeräte eingesetzt werden. Stets sollten aber auch andere Quellen eingebunden werden, etwa Radarüberwachung oder Satellitenaufklärung.

Wie die meisten EU-Forschungsprojekte startete “OPARUS” mit der Befragung zukünftiger “Endnutzer”. Gemeint sind jene Behörden, die für die Grenzüberwachung zuständig sind. Dies obliegt in manchen Ländern jedoch dem Militär oder ihm unterstellten Gendarmerien. So versammelten sich bei “OPARUS” Grenzsoldaten aus Spanien und Malta mit quasi-militärischen Grenztruppen aus Polen [8] und Lettland [9] sowie der italienischen Guardia Di Finanza.

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Erste Treffen bei FRONTEX und dem Rüstungskonzern EADS

FRONTEX durfte im ersten Treffen von “OPARUS” “Hot Spots” unerwünschter Migration bestimmen. Erst dann begann die eigentliche Studie. Die Grenzschutzagentur ist dieses Jahr selbst mit der Erprobung unbemannter Luftfahrzeuge beschäftigt (Frontex geht in die Luft [10]).

Im Projekt “OPARUS” trafen alle großen europäischen Drohnenbauer zusammen, um Ergebnisse früherer Forschungsprogramme zur Nutzung von Drohnen zusammenzuführen. Ziel war die Entwicklung gemeinsamer Standards, damit die Systeme verschiedener Länder synchronisiert werden können. Mit dabei waren Sagem, Thales und Dassault Aviation (Frankreich), BAE Systems (Großbritannien), SELEX (Italien), der israelische Hersteller IAI sowie ein spanischer Ableger der deutsch-französischen Firma EADS. Dort fand das zweite konstituierende “OPARUS”-Treffen statt.

Neben den Rüstungskonzernen beteiligten sich auch die wichtigsten Luft- und Raumfahrtinstitute, die mit finanzieller Unterstützung der EU-Kommission ebenfalls langjährige Erfahrungen im Bereich unbemannter Systeme [11] sammeln konnten. Hierzu gehören neben der polnischen Luftwaffe und dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Einrichtungen INTA (Spanien) und ONERA (Frankreich). Ähnliche Tests hat die deutsche Bundespolizei seit 2011 über der Ostsee [12] begonnen.

Die drei Institute DLR, INTA und ONERA forschen unter Beteiligung italienischer und französischer Militärs und Grenzpolizeien an der Eignung von Drohnen der Typen “Heron” und “Predator” zur Grenzüberwachung. Im Frühjahr fand erstmals ein Flug im spanischen zivilen Luftraum statt.

In einem anderen EU-Vorhaben werden unter dem Akronym “AEROCEPTOR” Möglichkeiten zum Angriff polizeilicher Drohnen aus der Luft entwickelt (EU will polizeiliche Drohnen bewaffnen [13]). Genutzt werden wohl Helikopter-Drohnen des Typs “Yamaha Rmax”, deren Flugeigenschaften ONERA bereits seit 2006 evaluiert. Im Sommer 2015 sollen in AEROCEPTOR erste Testflüge stattfinden. An welchem Ort ist noch nicht klar, allerdings sollen sie entweder in Frankreich an einem Standort der ONERA oder beim INTA in Spanien stattfinden. Zu den weiteren Partnern gehören der israelische Drohnenhersteller IAI und die polnische Firma PIAP, die bereits im Auftrag der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX als Prototypen zwei Landroboter für die Grenzüberwachung gebaut hatte.

In Spanien haben sich mittlerweile zwei militärische Standorte zu Drohnen-Teststrecken gemausert: Die “Heron” wird von einem Flugplatz nahe der Stadt Murcia [14] geflogen. In Matacán bei Salamanca [15] unterhält das Militär eine weitere Einrichtung, von wo umfangreiche Testflüge von Drohnen verschiedener Hersteller ausgeführt werden. Zu den Partnern gehört auch EADS. In Matacán führt die spanische Luftwaffe inzwischen Schulungen[16] durch, in denen sich Interessierte zu zertifizierten Drohnenpiloten ausbilden lassen können. Das spanische Luftfahrtgesetz wurde hierzu in den letzten Jahren mehrfach geändert.

Polizeiliche Missionen könnten zunehmend automatisiert erfolgen

Auch “OPARUS” widmete sich der Vereinheitlichung von gesetzlichen Standards und schlägt einen dreistufigen Ansatz vor, um Drohnen bald in allen EU-Mitgliedstaaten zur Grenzüberwachung einsetzen zu können. Demnach könnten Flugroboter heutzutage bereits auf Sicht gesteuert oder in gesperrten Lufträumen geflogen werden.

Ab 2014 würden laut “OPARUS” teilautomatisierte Ausweichsysteme gewährleisten, dass zunehmend auch der zivile Luftraum durchquert werden könnte. Dann könnten Drohnen entweder in Höhen über anderen Flugzeugen verkehren oder es könnten temporäre Korridore eingerichtet werden. In Frankreich werden ähnliche Verfahren als “smart segregation” bezeichnet. Im Frühjahr [17] wurde ein derartiger Flug in einem EU-Projekt in Spanien unter Beteiligung von Fluglotsen erfolgreich demonstriert [18]. Zum Einsatz kam eine israelische “Heron”, vorher hatte das deutsche DLR umfangreiche Simulationen beigesteuert.

Langfristig freuen sich die Beteiligten von “OPARUS” schließlich auf Pläne der Europäischen Union, die unbemannte und bemannte Luftfahrt im “Einheitlichen Europäischen Luftraum” zusammenzuführen (EU will zivilen Luftraum für schwere Drohnen öffnen [19]). Dann könnten die Drohnen sogar teilautomatisierte Missionen fliegen. Würden die Systeme wie vorgeschlagen EU-weit standardisiert, seien sogar grenzüberschreitende polizeiliche Einsätze im europäischen Luftraum möglich.

Anhang

Links

[1] http://www.frontex.europa.eu/

[2] http://www.heise.de/tp/artikel/34/34515/1.html

[3] http://www.oparus.eu/

[4] http://cordis.europa.eu/search/index.cfm?fuseaction=result.document&RS_LANG=EN&RS_RCN=13524806&q=

[5] http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=NEW_RESU_TM&ACTION=D&RCN=56071

[6] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38416/1.html

[7] http://www.cilip.de/ausgabe/69/sive.htm

[8] http://www.europol.europa.eu/content/memberpage/poland-793

[9] http://www.europol.europa.eu/content/memberpage/latvia-775

[10] http://www.heise.de/tp/artikel/39/39084/1.html

[11] http://iap.esa.int/projects/security/DeSIRE

[12] http://www.flugrevue.de/de/luftwaffe/uav/umat-fliegt-von-einsatzschiff-der-bundespolizei.67072.htm

[13] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38529/1.html

[14] http://www.aena-aeropuertos.es/csee/Satellite/Aeropuerto-Murcia-San-Javier/en/Page/1047570399273/

[15] http://www.defensa.gob.es/Galerias/documentacion/revistas/2012/red-289-uas-matacan.pdf

[16] http://www.uria.com/documentos/circulares/403/documento/3977/Junio_2012_defensa_ING.htm?id=3977

[17] http://www.contracts.mod.uk/rpas-insertion-into-civil-airspace-a-new-chapter-in-aviation-history/

[18] http://www.contracts.mod.uk/rpas-insertion-into-civil-airspace-a-new-chapter-in-aviation-history/

[19] http://www.heise.de/tp/blogs/8/152740 “

 

(Quelle: Telepolis.)

Afrika: Mitspieler gesucht

Dienstag, Januar 29th, 2013

“USA wollen Drohnenstützpunkt in Afrika

Die USA wollen islamistische Extremisten und Al-Kaida-Ableger in Afrika besser kontrollieren können. Zu diesem Zweck plant das Verteidigungsministerium einen Drohnenstützpunkt Nordwestafrika.

Noch halten sich die USA aus dem Konflikt in Mali heraus. Das könnte sich aber bald ändern. Das Verteidigungsministerium erwägt offenbar den Einsatz von ferngesteuerten Überwachungsdrohnen im Krisengebiet von Mali.

Im Visier der vorerst unbewaffneten US-Operation aus der Luft sind Gruppen des Terrornetzwerkes Al-Kaida sowie islamistische Extremisten. Das berichtete die Tageszeitung «New York Times» am Montag.

Zu den möglichen Standorten zählten Regierungsmitarbeiter das im Osten an Mali grenzende Niger sowie das südlich von Mali gelegene Burkina Faso. Die Drohnen könnten so schnell wie möglich die von Frankreich geführte Mission in Mali unterstützen, hiess es.

Die einzige ständige Militärbasis der USA in Afrika liegt in Dschibuti, weit im Osten des Kontinents. Vertreter des Militärs bestätigten auch dem Fernsehsender Fox News entsprechende Pläne und Niger als Standort. Allerdings befinde sich der Stützpunkt noch in der Planungsphase. Weder das Pentagon noch das Weisse Haus oder die Regierung in Niger hätten die Pläne bestätigt.

IWF und Japan sichern Mali Millionen zu

Nebst technischer Hilfe aus der Luft ist auch finanzielle Unterstützung in Sicht. Japan kündigte an, das westafrikanische Land und andere Staaten der Sahel-Zone mit zusätzlich 120 Millionen Dollar zu unterstützen.

Das Geld solle helfen, die Region zu stabilisieren und die Sicherheit zu verbessern, erklärte der japanische Aussenminister Fumio Kishida. Unter anderem sei es zur Finanzierung von Friedenseinsätzen gedacht.

Der IWF seinerseits gewährte Mali einen Kredit von 18,4 Millionen Dollar. Dieser solle dem Land erlauben, sich von der Rezession zu erholen und die wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen.

Doch diese erste Finanzspritze ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Benötigt würden für den Militäreinsatz der Allianz 950 Millionen Dollar. Dies sagte der Präsident der Elfenbeinküste und Vorsitzende der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, Alassane Ouatarra, bei der Eröffnung einer Geberkonferenz für das Krisenland in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

10 000 Soldaten würden benötigt, um das riesige Land aus der Hand von islamistischen Extremisten zu befreien – weit mehr als die ursprünglich geplanten 3300, fügte er hinzu.”

 

(Quelle: SRF.ch)

Siehe auch:

Ein “Kollateralschaden”
The imperial agenda of the US’s ‘Africa Command’ marches on
America’s Best Worst Partner in Africa
U.S. Airlift of French forces to Mali
Ambassador Christopher Dell, DCMA, spoke with journalists from Burkina Faso and Niger during their visit to AFRICOM headquarters
Mali: Fortsetzung des Drohnenkriegs gegen Dschihadisten

Update:

Pentagon richtet Drohnen-Stützpunkt in Niger ein

EU: Boats 4 People! (KAMPAGNE)

Freitag, Juni 15th, 2012

 

(Quelle: YouTube.)

Siehe auch:

Boats4people

Algerien: Revolutionsfeiern…

Sonntag, Mai 20th, 2012

“Boualem Sansal [Algerien]: Wo die Welt aufhört, fängt Algerien an

Eine Annäherung an den Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2011

Von Regina Keil-Sagawe

“Und so entdeckte ich, dass man den Krieg nur am Frieden, zu dem er führt, erkennt, so wie man den Baum an seiner Frucht erkennt. Wenn der Krieg nicht zu einem besseren Frieden führt, dann ist es kein Krieg, sondern blanke Gewalt, die man Gott und der Menschheit antut und die, immer finsterer, immer feiger, immer neu ausbrechen wird, um jene zu strafen, die ihn begonnen haben, ihn aber nicht zu führen und zu beenden wussten, wie ein Krieg enden muss: mit einem besseren Frieden für alle.”

Ob die Jury, die Boualem Sansal im Juni 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt hat, wohl vorab einen Blick geworfen hat in das Manuskript seines jüngsten Romans, der im August 2011 in Paris erschienen ist und den Bogen über drei Generationen Krieg und Frieden spannt?

Wie ein warnendes Fanal zum Arabischen Frühling klingen die Zeilen aus Boualem Sansals sechstem Roman, Rue Darwin, einer prallen algerischen Familiensaga, die von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart reicht und im Kern aus einer Meditation über den Krieg besteht, über all die Kriege und Vertreibungen, Repressionen und Revolten, die der algerische Autor, Jahrgang 1949, miterlebt hat und die ihn spät, doch mit umso größerem Eklat, zur Literatur geführt haben.

Diese war ihm nicht in die Wiege gelegt, die in Teniet el-Had, einem kleinen Bergdorf zwischen Zedernnationalpark und Sahara stand, über 200 km südwestlich von Algier. Er wächst vaterlos mit drei Brüdern im nahen Vialar (heute Tissemsilt) auf; 1956 zieht die Familie nach Algier um, in eben die “Rue Darwin” im Arme-Leute-Viertel Belcourt, in der auch Camus mit seiner Mutter lebte und die Sansals neuem Roman den Titel gab; 1972 macht er sein Diplom in Maschinenbau, promoviert 1975 zum Industrieökonom, wird Hochschuldozent, Wirtschaftsberater und Unternehmenschef; bekleidet ab 1992 diverse hohe Posten im algerischen Handels- und Industrieministerium, im Wirtschafts- und Sozialrat. Und lebt seit Jahrzehnten in Boumerdès, einem kleinen Küstenort östlich von Algier, zwischen Wäldern, in denen sich bis heute versprengte Terroristen tummeln, und Stränden, von denen algerische Bootsflüchtlinge nach Europa aufbrechen.

Dort, in Boumerdès, lernt er auch Rachid Mimouni (1945–1995) kennen, den Romancier, der zum 20. Jahrestag der algerischen Revolution mit seinem Roman Le fleuve détourné (1982; dt. 2001: Der Fluß nahm einen anderen Lauf) eine zynische Bilanz der Unabhängigkeit vorlegt und Sansal immer wieder zum Schreiben ermutigt. Doch erst 1996, ein Jahr nach Mimounis tragischem Tod im marokkanischen Exil, greift Sansal tatsächlich zur Feder. Und wer ihn liest, möchte meinen, er führe Mimounis Vermächtnis fort. Den Impuls zum Schreiben gibt der furchtbare Bürgerkrieg, jener “Krieg der Cliquen und Clans”, der von 1992 bis 1999 in Algerien wütet und über 200 000 Opfer fordert. “Ich musste einfach reagieren”, so Sansal, “die Gewalt war unerträglich.”

Eine Gewalt, die, lange angestaut, sich eruptiv in Sansals voluminösen Erstling ergießt, den Politkrimi Der Schwur der Barbaren (Merlin 2003, Übers. Regina Keil-Sagawe), die “vulkanische Selbstfindung eines Schriftstellers”, wie Peter von Matt in seiner Laudatio in der Paulskirche anmerkt. In sich türmenden Satzkaskaden lässt Sansal ein bildersprühendes, erfahrungsgesättigtes Fresko Algeriens erstehen: ein satirisches Porträt von Justiz und Industrie, Bildungssektor und Gesundheitswesen; ein pittoreskes Panorama algerischer Dörfer, Städte und Landschaften; ein flirrendes Potpourri historischer Mythen und Legenden – Bestandsaufnahme eines versunkenen, sich selbst den Todesstoß versetzenden Algerien.”So schnell und so brillant ist selten ein historisches Drama in Literatur aufgegangen”, schrieb die FAZ über den Schwur der Barbaren, der mit Omar Sharif nach einem Drehbuch von Jorge Semprún verfilmt worden ist.

Sogar ins Arabische wurde er übersetzt. Doch während Frankreichs Literaturwelt den 50-jährigen Senkrechtstarter, von dem man bislang nur Texte über Turboreaktoren und Produktivitätssteigerung kannte, als Erneuerer der französischen Sprache feiert, wird er in Algerien als Kolonialnostalgiker gerügt, 1999 beurlaubt und 2003, nach harscher Regimekritik – er hatte vorgeschlagen, den Religionsunterricht an den Schulen abzuschaffen – von seinem Posten als Generaldirektor im Industrieministerium entbunden. Was seiner literarischen Produktivität indes keinen Abbruch tut: “Eine Sturzflut, die wohl tut. Buch für Buch legt er erst unsere Narben frei und verbindet dann unsere Wunden”, so charakterisierte ihn im August 2011 die algerische Tageszeitung El Watan. “Seine Monster sind die unseren: ein hybrides Regime und Mörder, die im Namen Allahs Kehlen aufschlitzen. Und die bisweilen in eins verschmelzen.”

Wenn Albert Memmi (*1920), der große tunesische Soziologe, 2004 in seinem Portrait du décolonisé betont, “einem Volk die Wahrheit zu sagen, heißt nicht, sein Elend zu vergrößern, selbst wenn andere das hören und sich zunutze machen können, sondern im Gegenteil, es zu achten und ihm zu helfen”, so hat Boualem Sansal genau das umgesetzt: Roman für Roman, Essay für Essay seziert er den Filz aus Polit- und Finanzmafia, der die Algerier um die Früchte ihrer Revolution betrügt, präsentiert er Gegenentwürfe zum Diktat einer ethnisch und religiös, sprachlich und kulturell gesäuberten Identität, auf einer Linie mit Assia Djebar (*1936), Anouar Benmalek (*1956) oder Kateb Yacine (1929–1989), dem verfemten Kultautor, von dem der berühmte Slogan stammt, der bis heute vielen Algeriern aus der Seele spricht:”Ni Arabe ni musulman, mais Berbère et rebelle / weder Araber noch Muslim, sondern Berber und Rebell”.

So lässt er im Essay Petit éloge de la mémoire. Quatre mille et une années de nostalgie (Kleines Lob der Erinnerung, 2007) seinen imaginären Ich-Erzähler durch vier Jahrtausende algerischer Geschichte geistern, räumt er im Essay Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute (Merlin 2008, Übers. Ulrich Zieger) mit den “nationalen Konstanten” auf, jener (R)Einheit von Rasse, Religion und Sprache, die das Regime den Algeriern übergestülpt hat wie eine Zwangsjacke. Poste restante: Alger, das als Reaktion auf die umstrittene Generalamnestie von 2005 entstand, die den Terroristen der 1990er Straffreiheit einräumt und alles mit dem Mantel des Schweigens zudeckt, unterliegt in Algerien der Zensur. Sansal, der gegen die “Blockade des Denkens” anschreibt, hat es wohl schon so kommen sehen: “Am besten ist es, nichts zu schreiben und schon gar nicht das, was alle denken.” Jenen schrankenlosen Gedankenaustausch, zu dem er in seinen Essays aufruft, demonstriert Sansal quasi live in seinen Romanen, Wälzern von überbordender Fabulierlust. 2000 erscheint Das verrückte Kind im hohlen Baum (Merlin, Übers. Riek Walther), der Dialog zweier Todeskandidaten, eines Algerienfranzosen und eines Islamisten, in einem Gefängnis im algerischen Süden; 2003 dann Erzähl mir vom Paradies (Merlin 2004, Übers. Regina Keil-Sagawe), ein vielstimmiger Bar- und Bistro-Roman, der ein Algerien zwischen Traum und Alptraum skizziert; schließlich Harraga (Merlin 2007, Übers. Riek Walther), ein Roman, der um zwei unkonventionelle Frauenschicksale kreist und auch das Thema der “Harraga” aufgreift, jener algerischen Bootsflüchtlinge, die alles hinter sich lassen: “Wir werden den Weg finden und die Zeit. Und wir werden lernen zu leben und wir werden lernen zu lachen. Davon träumen die Harragas.” Mit diesem Zitat aus dem Roman sind die Flugblätter einer Gruppe junger Leute vor der Frankfurter Paulskirche bestückt, die am Sonntag, dem 16. Oktober, kurz vor der Verleihung des Friedenspreises, für “Freiheit statt Frontex” demonstrieren. Jenes Preises, den Boualem Sansal – als zweiter Algerier nach Assia Djebar (2000) – deshalb erhält, weil er, so die Urkunde des Börsenvereins, ein “leidenschaftlicher Erzähler” ist, “geistreich und mitfühlend”, der “die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen” befördere, “offen Kritik an den sozialen und politischen Verhältnissen” im Lande übe, sich “hartnäckig” für das “freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft” einsetze und letztlich “gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür” auftrete, in Algerien und weltweit.

Seine Dankesrede gerät zur Liebeserklärung an ein Algerien, wie es sein könnte, wenn es nicht wäre, wie es ist: “eine Summe unauflöslicher Paradoxien, von denen die meisten tödlich sind. Als da wären: ein reiches Land mit furchtbar armer Bevölkerung – Stichwort Verschwendung, Stichwort Korruption; ein Land mit demokratischen Grundstrukturen – Stichwort Parteienvielfalt, Stichwort Pressefreiheit –, aber orientalisch-despotischer Alltagspraxis; ein Land mit kosmopolitischer Vergangenheit, das an Gedächtnisverlust und Selbsthass leidet, bis hin zur Selbstzerstörung …” Diese Paradoxien sind der Stoff, aus dem sich Boualem Sansals sagenhaftes Œuvre speist. Doch obwohl es beinahe komplett und in geradezu bibliophiler Ausstattung auf Deutsch vorliegt, kennt man den Autor hierzulande vorrangig als Autor von Das Dorf des Deutschen (Merlin 2009, Übers. Ulrich Zieger). Einem Roman, der Parallelen zwischen Nazitum und Islamismus zieht und seinen Autor in Deutschland so geschätzt werden ließ (Platz 2 der “Weltempfänger”-Bestenliste 2/2009) wie in Algerien zum Nestbeschmutzer: Denn dort kratzt die Historie vom Nazi-Schergen, der sich nach Algerien absetzt und zum Freiheitshelden mutiert, gewaltig am nationalen Gründungsmythos: der algerischen Revolution (1954–1962), die sich im Jahr 2012 zum 50. Mal jährt.

“Die Befreiung brachte keine Freiheit. Und Freiheiten schon gar nicht.” Lakonisch fällt Sansals Urteil zum Jubeljahr in seiner Dankesrede aus. Den Roman zur Revolution, den hat er schon geschrieben: Rue Darwin lautet er, und der Titel ist nachgerade Chiffre für eine Revolution, die ihre Kinder frisst. Keine Frage, Boualem Sansals neuer und sehr persönlicher Roman, der alle Gewissheiten und Zugehörigkeiten radikal in Frage stellt, empfiehlt sich als Vademecum für den Arabischen Frühling.”

Regina Keil-Sagawe ist Spezialistin für maghrebinische Literatur und Vorstandsmitglied im Deutsch-Algerischen Kulturverein YEDD e.V.; sie hat zwei Romane von Boualem Sansal ins Deutsche übersetzt. (…)

 

(Quelle: Literatur Nachrichten.)

Anmerkung

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Literatur Nachrichten” kann in unserer Bücherei entliehen werden.

Europa: Nur Handel mit wertfreier Technik?

Sonntag, Februar 19th, 2012

“Exporting Censorship and Surveillance Technology

Author: fjansen

Western companies turn a healthy profit by exporting their surveillance technologies and equipment to repressive regimes. This is what Ben Wagner concludes in the Hivos-commissioned report “Exporting Censorship and Surveillance Technology”. Wagner interviewed dozens of people from Europe and North Africa and found that governments there have relied heavily on Western censorship technologies in an attempt to quell the civil unrest during the Arab Spring.

Earlier reports had already established that reputable companies such as Nokia Siemens and Sony Ericsson have in the past provided these tools of oppression to the governments of Iran and Belarus respectively. In these countries, surveillance technologies are used to delve into every aspect of citizens’ lives. From social networking to business services and from photo sharing to pornography, very few forms of on-line communication go unnoticed. Remarkably, these technologies even enable governments to spy on citizens who believe themselves to be working through encryption. In Tunisia, large companies employ surveillance tools to keep a close watch on their employees. Maintenance of these complex surveillance instruments is conducted by Western ‘technical consultants’, often from Germany and France.

It is cynical, as Wagner notes, that “the uprising period [i.e. the Arab Spring] seems to have been interpreted as a particularly effective sales period by the vendors of censorship and surveillance technologies.” Even more so because the knowledge that repressive regimes obtain using these tools is often used to locate, intimidate or arrest dissenting bloggers, journalists and activists. The fact that some companies have offered their services to governments that were flagrantly disregarding the human rights of their populace during recent uprisings, “goes far beyond corporate disregard [… and] suggests clear intent by the company involved that their product would be used for human rights violations.”

The internet has in the past been described as a “playground for political liberalization”. It has by now become clear just what a dangerous playground it can really be. Courtesy, at least in part, of Western corporations.

Ben Wagner is a Doctoral Researcher at the Department of Political and Social Sciences, European University Institute, Florence, Italy. His article, “Exporting Censorship and Surveillance Technology”, can be found on here

 

(Quelle: Hivos.)

Nordafrika / Mittlerer Osten: “Die Rolle des Internets wurde überschätzt”

Montag, Juli 18th, 2011

Interview

Sabine Geschwinder befragt Esra’a Al Shafei

“Wer ein Foto von Esra’a Al Shafei veröffentlichen will, bekommt einen Comic. Das ist sicherer. Denn die Studentin aus Bahrain betreibt ein Portal, bei dem kritische Stimmen aus Ländern wie Libyen oder Ägypten zu Wort kommen dürfen.

Comics gegen Homophobie, Gedichte, in denen schonungslos die Gewalt gegen Frauen dargestellt wird, oder Artikel, die direkt von Häftlingen aus dem Militärgefängnis stammen. Die Seite Mideast Youth bündelt jede Art von kritischen Stimmen, die sich für sozialen Wandel im Mittleren Osten oder Nordafrika einsetzen. Veröffentlichen kann jeder, der etwas beizutragen hat. Gegründet wurde die Seite vor fünf Jahren von der Studentin Esra’a Al Shafei, die zum Zeitpunkt der Gründung gerade 19 Jahre alt war. Mit Medien Monitor sprach die Internet-Aktivistin unter anderem über die Macht des Internets und die Angst vor Verfolgung.

Medien Monitor: Was glauben Sie, wird die Rolle des Internets in den Revolutionsbewegungen im Mittleren Osten über- oder unterschätzt?

Esra’a Al Shafei: Ich denke, in den aktuellen Revolutionen wurde die Rolle des Internets überschätzt und aufgeblasen. Mainstream-Medien sind auf den Zug aufgesprungen und haben die Bewegungen aufgebauscht, indem sie den Fokus besonders auf den Einsatz von Twitter und Facebook gelegt haben. Von den wirklichen Gründen, warum die Leute auf die Straße gegangen sind, haben sie abgelenkt. Diese Revolutionen “Facebook-Revolutionen”, “Twitter-Revolutionen” oder sogar “Internet-Revolutionen” zu nennen, ist genauso, als wenn man sie “Schuh-Revolutionen” nennen würde, nur weil alle Protest-Teilnehmer während der Proteste Schuhe getragen haben. Das Internet ist ein Werkzeug, nichts weiter. Man kann damit Wandel entfachen und man kann es nutzen, um Propaganda und Rassismus zu verbreiten. Den einzigen Unterschied macht nur die Entscheidung aus, wie man es nutzen will. Das Internet hat es aber möglich gemacht, dass Menschen diese Proteste verfolgen konnten, die sonst nicht dazu in der Lage gewesen wären.

Nach welchen Kriterien veröffentlichen Sie eigentlich die Artikel auf Ihrer Seite?

Die Artikel können offen eingestellt werden, ohne Moderation. Das Einzige, was wir machen, ist …

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(Quelle: Medien Monitor.)