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Palästina: Paradoxe Hoffnung

Mittwoch, Juni 23rd, 2010

“Eine Ausbildung fürs Leben

Die Schule für Gemeinde-Gesundheitspflegerinnen der PMRS in Ramallah


Hadil, Aida und Schul-Koordinatorin Ayda Ayesh

Aida Ismail und Hadil Al-Misri absolvieren das zweite und letzte Jahr der Ausbildung zur Gemeinde-Gesundheitspflegerin an der School of Community Health in Ramallah. Die Schule wird von dem langjährigen medico-Partner Palestinian Medical Relief Society getragen.

medico: Wie war es, als Ihr Eure Ausbildung begonnen habt?

Aida Ismail: Als ich hierher nach Ramallah kam, hatte ich es sehr schwer. Zuhause in Beit Ula waren wir zehn Kinder. Hier war ich zum ersten Mal auf mich gestellt und allein in einer fremden, grossen Stadt. Ich hatte Heimweh, dachte oft an die Eltern. Doch wir leben hier in einem Studentinnenheim, und langsam habe ich mich daran gewöhnt. Heute möchte ich es nicht missen, diese zwei Jahre haben mich befreit. Zuhause hat meine Mutter über alles entschieden. Hier entscheide ich über mein Leben, was ich nach der Schule tue, was ich einkaufe. Nicht, dass ich viel Geld habe. Ich muss mit 200 Schekel (rund 40 Euro) im Monat auskommen. Davon gehen 66 für die monatliche Fahrt nach Hause weg. Das ist so teuer geworden, weil wir Jerusalem umfahren müssen, das verdoppelt die Strecke.

Hadil Al-Misri: Für mich war es eine grosse Herausforderung. Auch ich bin zum ersten Mal auf mich gestellt, doch ich habe hart gekämpft, um hierher zu kommen. Nachdem mein Vater verstorben war, heiratete meine Mutter wieder. Ich lebte mit meiner Tante und meiner Oma. Ich könnte mir die 400 jordanischen Dinar (ca. 400 Euro), die die Schule für die zwei Jahre kostet, gar nicht leisten. Die Schule hat mir die Gebühren zwar erlassen und das Studentinnenheim ist umsonst, aber ich muss für meinen Unterhalt zahlen. Meine Onkel unterstützen mich, aber sie haben selber kaum etwas und können nur unregelmässig 200 oder 300 Schekel geben. Ramallah ist aber sehr teuer. Deshalb bringe ich Essen von zuhause mit. Dort ist es günstiger, wir machen auch vieles selbst. Aber die reine Fahrzeit dauert über zwei Stunden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Jenin kann es bis zu sechs Stunden dauern. Heute Morgen bin ich von dort zurückgekommen. Unterwegs hat uns das israelische Militär aufgehalten und den Bus mit Hunden durchsucht.

medico: Lohnen sich die Strapazen?

Hadil: Ja, sehr. Das Studium hat meinen Blick auf die Welt verändert. Früher konnte ich vor lauter Scheu den Menschen kaum in die Augen schauen. Heute kann ich selbstbewusst auf Menschen und ihre Probleme zugehen.

Aida: Und es ist nicht nur der Umzug in die Stadt. Mein persönlicher Befreiungsprozess hing vor allem mit dem Studium zusammen. Während Krankenschwestern vielleicht darauf warten, dass jemand mit einem Problem zu ihnen kommt, lernen wir, integriert in und mit einer Gemeinde zu arbeiten, auf Menschen zuzugehen. Hadil: Genau das liebe ich an dem Studium. Neben den erworbenen Fachkenntnissen lernen wir viel Praktisches. Wir besuchen Krankenhäuser, Kliniken, aber auch Kindergärten und Altersheime. Dabei lernen wir viel über Präventionsarbeit und Aufklärung.

medico: Fühlt Ihr Euch also gewappnet für die Zukunft?

Aida: Unbedingt. Ich möchte im Gesundheitsbereich arbeiten, am liebsten im präventiven Bereich. Ich würde gerne eine Stelle in meinem Heimatort finden, aber noch wichtiger ist, überhaupt eine Stelle zu finden. Nur so kann ich selbstbestimmt leben, ohne wieder in die tradierte Frauenrolle im Dorf zurückzufallen.

Hadil: Wir sind sehr arm, und ich muss Arbeit finden. Ob ich eine Stelle zuhause bekomme, ist ungewiss. Das Studium hier hat mich aber verändert, und ich bin viel selbstbewusster als früher. Ich bin deshalb auch zuversichtlich. Erst neulich hat mich ein alter Nachbar zuhause um Rat gefragt. Er nahm mich ernst, das macht mich stolz. So etwas wäre mir früher nie passiert. Und dann kamen einige junge Menschen im Dorf auf mich zu mit der Idee, in Jenin ein Restaurant mit gesundem Essen zu eröffnen. Da soll ich die Gesundheitsexpertin werden. Wenn das nicht klappt, so traue ich mir sogar zu, eine eigene Einrichtung aufzumachen, einen Frauenklub oder einen Treffpunkt für alte Leute. Aber die Zukunft ist mehr als Arbeit: Wir sind viel gereist während des Studiums. Da habe ich zum ersten Mal die wahren Ausmasse der Besatzung kennengelernt. Aus Angst um uns haben uns die Erwachsenen früher nie verreisen lassen. An den Checkpoints habe ich mich erkältet, mich von Hunden beschnüffeln lassen müssen. Aber ich bin jetzt fest entschlossen, die Kenntnisse, die ich hier erwerbe, zu nutzen, um für die Rechte der Schwachen zu kämpfen. Als Freiwillige in meiner Gemeinde.”

(Quelle: medico international.)