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Argentinien: Kleiner Gruss nach Griechenland

Montag, Februar 13th, 2012

“Ein nachhaltiges Modell

Interview mit José Abelli über die Bilanz selbstverwalteter Betriebe in Argentinien zehn Jahre nach der Krise

Text: // Interview: Antonia Mertsching

Argentiniens Staatsbankrott jährt[e] sich zum Jahreswechsel [2011/12] zum zehnten Mal. Mit dem massiven Abschwung der Wirtschaft ging der Aufschwung der empresas recuperadas (EERR), den von Arbeiter_innen selbstverwalteten Betrieben, einher. José Abelli war von Anfang an dabei (siehe Kasten). Die LN sprachen mit ihm über die Entwicklung und die Perspektiven der Betriebe.

Vor knapp zehn Jahren befand sich Argentinien auf dem Höhepunkt seiner Wirtschaftskrise. Wie haben sich seitdem die zahlreichen von Arbeiter_innen besetzten und übernommenen Betriebe, die sogenannten empresas recuperadas (EERR), entwickelt?

Die EERR entstanden in der Tat in der schlimmsten Krise Argentiniens. Als die ursprünglichen Besitzer die Betriebe schlossen und ihre Angestellten hinauswarfen, gab es kaum eine Möglichkeit, wieder Arbeit zu finden und das auch noch zu einem angemessenen Lohn! Also mussten wir uns selbst um Arbeit, unsere Gehälter und deswegen um den Betrieb kümmern – ohne Kapital, ohne Geld und nur mit dem Wissen über den jeweiligen Produktionsprozess.
Es waren dann zwei Stützpfeiler, auf die wir bauen konnten: Die Aufopferung der Arbeiterinnen und Arbeiter, die soweit auf ihren Lohn verzichtet haben wie der jeweilige Betrieb das Geld brauchte. Zudem eine intelligente Politik der Arbeiter, die dafür sorgte, dass die Rohstofflieferanten die Betriebe als Kunden behalten konnten. Mit einem Startkapital von umgerechnet zehn Euro haben wir im Fall der Backfabrik Mil hojas nur von einem Tag zum nächsten Mehl gekauft, dann für fünf, irgendwann für 30 Tage und so weiter.
Die Mehrheit der EERR hat ihr Produktionsniveau heute verfünffacht im Vergleich zu der Zeit vor der Krise, als die Betriebe sich noch nicht in Besitz der Arbeiter befanden. Im Vergleich zur Krise hat sich das Niveau wahrscheinlich verhundertfacht, auch begünstigt durch die Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft.

Welche Aufgaben und Herausforderungen stehen für die EERR derzeit an?

Prinzipiell gilt es, dieses Modell zu festigen, das sich noch im Anfangsstadium befindet. Statt auszugrenzen, bietet es eine Antwort auf die strukturelle Krise des neoliberalen Kapitalismus. Wir wollen mehr als dass die Armut einfach ausgehalten wird. Arbeit soll wieder die Basis für ein würdiges Leben und soziale Inklusion sein. Wir zeigen, dass der Gesamtwert eines Betriebs neben dem Kapital aus den Menschen, dem Know-how, der Technologie besteht. Und dass das erwirtschaftete Geld egalitär unter den Arbeiterinnen und Arbeitern verteilt werden kann.

Werden immer noch Betriebe besetzt und instand gesetzt?

Ja, natürlich. Die Besetzungen waren keine Reaktion allein auf eine konjunkturelle Krise, sondern auf das strukturelle Problem neoliberaler Makroökonomie. Der Neoliberalismus zerschlägt jedweden gesellschaftlichen Sozialvertrag und geläufige Beschäftigungsformen. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis dieser entfesselten Politik, in Lateinamerika wie in Europa. Was stellen sich die Europäer zum Beispiel vor? Eine Eurozone, eine Dienstleistungszone, eine Technologiezone, Unterstützung für einzelne Unternehmen – das kommt allerdings nur Wenigen zugute. Die restliche Politik besteht in Beihilfe für Arbeitslosigkeit oder verdeckter Subvention der Beschäftigung, die mit prekären Arbeitsverhältnissen einhergeht. Die Perspektive, die den Arbeitern bleibt, sind neue Formen der Organisation und des Arbeitskampfes. Dabei kümmern sich die Arbeiter um die Produktion von Waren und Dienstleitungen und damit um die Schaffung von Wohlstand – auf Basis von Lohnarbeit, von Betrieben. Nicht nur in Argentinien übernehmen Arbeiter die Betriebe, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Japan, den USA.

Wie erkennt die Präsidentin Cristina Kirchner Ihre Arbeit an, gibt es Unterstützung durch die Regierung?

Vor der Krise wurden wir durch die neoliberalen Regierungen unter Carlos Menem und Fernando de la Rúa in unserem Arbeitskampf wie Straftäter behandelt und unterdrückt. Seit der Krise und nach der Regierungsübernahme 2003 von Néstor Kirchner waren wir keinen Repressionen mehr ausgesetzt und wurden sogar in den Präsidentenpalast eingeladen. Das hat sich unter Cristina Kirchner fortgesetzt. In diesem Jahr gab es eine Gesetzesinitiative, die sehr bedeutsam für die EERR ist: die Veränderung des Konkursrechts zugunsten der Arbeiter, die nun alles der Produktion Dienliche selbstverwaltet weiter betreiben dürfen. Auch wenn die inzwischen etablierte Politik noch unzureichend ist und verbessert werden muss, so gab es zumindest hinsichtlich unserer Situation eine Drehung von 180 Grad.

Was bedarf es seitens des Staates?

Durch die unterdrückerischen und blutigen Diktaturen überall in Lateinamerika haben sich Strukturen und Mentalitäten durchgesetzt, die nicht so leicht aufzulösen sind, auch wenn sie aufgedeckt sind. Wir stellen uns einen Staat vor, der mit den Arbeits- und den sozialen Organisationen zusammenarbeitet, um die größte Herausforderung in Lateinamerika zu lösen: die soziale Inklusion. Diese schafft man über einen aktiven Staat, der Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Denn jeder dieser Betriebe bedeutet Arbeitsmöglichkeiten und jeder Arbeitsplatz mehr, bedeutet einen ausgegrenzten Arbeiter weniger.

Gibt es auch Sektoren jenseits des Staates, mit denen die Zusammenarbeit gesucht wird?

Ja. Von Anfang an haben wir Beziehungen zu denjenigen gesucht, die vor Ort sind und Forschung betreiben oder mithelfen können. Mit mehr als 20 Universitäten haben wir Verbindungen zu EERR hergestellt. Aber es stellte sich heraus, dass die akademische Welt unsere Erwartungen nicht erfüllen konnte. 2008 gründeten wir dann in der Universität von Rosario einen Aufbaustudiengang “Soziale Ökonomie” für Ingenieure, Anwälte und Buchhalter – alle aus verschiedenen Disziplinen, um ihnen etwas über solidarische Ökonomie zu vermitteln, über Kooperativen usw. So schufen wir uns selbst professionelle Quellen, die wir in die Unternehmen miteinbeziehen.

Wie wird die demokratische Partizipation in den EERR gesichert?

Das ist ein kompliziertes Thema. Formell gesehen sind wir 100 Prozent demokratisch. Dazu gehört aber auch ein Partizipationsprozess und in diesem haben wir immer noch ein klares Defizit. Das beruht auf kulturellen Bedingungen bei der Entstehung einer Kooperative: Wir sind ja nicht als Genossenschafter geboren worden. Vorher waren die Arbeitsbeziehungen ganz klar: auf der einen Seite der Chef und auf der anderen die Arbeiter.
Es ist tatsächlich eine der schwierigsten Fragen und wir mobilisieren alle notwendigen Kräfte und bitten um Hilfe bei verschiedenen Akteuren, um eine Basis zu schaffen, die auf der Partizipation der Arbeitenden beruht.

Wie läuft die Vernetzung zwischen den Unternehmen auf regionalem, nationalem und internationalem Niveau?

In den Neunzigern hatte niemand eine Antwort auf unsere Fragen. Wir haben schnell begriffen: Wenn wir nicht untereinander solidarisch sind mit denjenigen, denen dasselbe passiert, wird es nirgends eine helfende Hand geben. Deswegen bauten wir ein solidarisches Netz auf, das in Argentinien geholfen hat, 300 Betriebe wieder instand zu setzen. Durch den großen Einfluss, den dieses Netz hatte, geschah das Gleiche in Brasilien. In Venezuela haben wir 2005 ein Treffen mit Vertretern von EERR aus Argentinien, Uruguay, Brasilien, Venezuela, Bolivien, Peru veranstaltet. Im Rahmen einer internationalen kooperativen Allianz konnten wir fundamentale Verbindungen zu italienischen Kooperativen aufbauen und jetzt haben wir ein Netz über fast die ganze Welt gespannt. Heute werden wir gebeten, unsere Lösungsvorschläge in Ländern zu unterbreiten, in denen Unternehmen geschlossen werden.

Das Kooperativensystem stellt für Sie eine Alternative zum Neoliberalismus oder gar zum Kapitalismus dar?

Na klar! Es ist kein politisches Modell oder erfüllt eine ideologische Funktion. Es ist ein wirtschaftlich nachhaltiges Modell. Zum Beispiel hier in Argentinien gibt es Hunderte von Verbraucher-Kooperativen in den Bereichen Licht, Gas, Telefon, Internet usw. Problematisch ist eben nur, dass Genossenschaften kaum Außenwirkung haben, dadurch verlieren sie an Leistungsfähigkeit, an Kraft. Dass Kooperativen zu Krisenzeiten weniger entlassen oder gar neu einstellen können – darüber wird nicht gesprochen. Wenn man sich mehr über diese Wirklichkeit öffentlich austauschen würde, könnte man besser verstehen, dass durch eine andere Form der wirtschaftlichen Organisation Erfolg möglich wäre.

Welche Art von Unterstützung bräuchten die EERR besonders aus Europa?

Das Wichtigste ist, Verbindungen zwischen Universitäten, Gewerkschaftern und sozialen Bewegungen im Bereich von fairem Handel, nachhaltiger Landwirtschaft, Technologietransfer und auch der Forschung herzustellen, und auch, was zum Beispiel die Festigung der demokratischen Partizipation angeht: Welche ist die neue Rolle des selbstverwalteten Arbeiters?
Wir glauben, dass der sich in der Krise befindenden europäischen Ökonomie mit kooperativ organisierten Unternehmen geholfen werden könnte und wir sind bereit, unsere Erfahrungen bereitzustellen und Wissen auszutauschen. Wir können auch mit klein- und mittelständischen Unternehmen zusammenarbeiten, denn das ist der Unternehmenssektor, der dem Neoliberalismus am stärksten ausgesetzt wird. Ein kleines deutsches Unternehmen, das sich mit einem Multi an einen Tisch setzt, wird kein gutes Geschäft machen, mit jedwedem selbstverwalteten lateinamerikanischen Unternehmen schon eher.

 
José Abelli
stammt aus Rosario, Argentinien, und arbeitet zum einen für den genossenschaftlichen Dachverband IN.DA.CO, der sich um Markterschließungen für Kooperativen und Technologie und Know-how-Transfer zwischen Genossenschaften kümmert. Er ist verantwortlich für die spanischsprachige Region Lateinamerikas. Zum anderen arbeitet José Abelli für eine Kristallglasbläserei, wo er mit der Produktionsleitung und administrativen Aufgaben betraut ist. Er hat die Besetzung von Betrieben in und um Rosario von Anfang an begleitet, indem er sich für Vernetzung, Kredite und den Dialog mit der Gemeinde und Politik einsetzt.”
 

(Quelle: Lateinamerika Nachrichten.)

 

Anmerkung

Die Zeitschrift “Lateinamerika Nachrichten” finden Sie zur Ausleihe in unserer Bücherei.

Israel: «Schweizer sollten keine Datteln mehr kaufen»

Samstag, Mai 22nd, 2010

“«Schweizer sollten keine Datteln mehr kaufen»

Eine junge Generation von Palästinensern setzt auf gewaltlosen Widerstand. Der Boykott israelischer Exportgüter sei eine der Methoden der sogenannt weissen Intifada, sagen die beiden Aktivistinnen Hind Awwad und Basma Fahoum

Von Claudia Kühner

Die alte Garde palästinensischer Politiker um Mahmoud Abbas und Salam Fayyad findet immer weniger die Unterstützung der Jugend. Hind Awwad und Basma Fahoum, zwei junge Aktivistinnen, nennen die Gründe. Die eine stammt aus Israel, die andere aus der Westbank, aber sie führen keine getrennte Agenda, sondern sehen sich als Teil des gesamten palästinensischen Volkes, das zehn Millionen Menschen zählt. Beide fordern ein uneingeschränktes Recht auf Rückkehr, setzen aber nicht auf Terror, sondern auf wirtschaftlichen und politischen Druck durch die internationale Öffentlichkeit. Die Boykottbewegung gewinnt an Kraft.

Eine neue Widerstandsform macht als «weisse Intifada» von sich reden. Was genau heisst das?

Hind Award: Es ist eine Form von gewaltlosem Widerstand. Den gibt es aber seit Jahrzehnten, auch wenn man immer nur von Gewalttaten gehört hat.

Was sind die Methoden?

Awwad: In Israel gedenken die Araber seit Jahren jenes Tages, an dem 1948/49 etwa 500 ihrer Dörfer zerstört wurden. Und in der Westbank gibt es regelmässig Demonstrationen und Boykotte.

Wer boykottiert was?

Awwad: In Israel selber wie in den besetzten Gebieten werden die Produkte von Firmen boykottiert, die hier aktiv sind, auch internationale Unternehmen. Ein grosser Teil der Zivilgesellschaft macht mit, soweit es irgend geht.

Sie sind doch völlig abhängig von der israelischen Wirtschaft und von internationalen Firmen.

Basma Fahoum: Das ist richtig. Ich kann kein Konto führen, ohne dass die Bank profitiert. Wir setzen uns aber entschieden dafür ein, dass die internationale Zivilgesellschaft entsprechende Firmen boykottiert. Schweizer sollten zum Beispiel aufhören, Datteln aus Israel zu kaufen.

Wie sollen Konsumenten unterscheiden, welche Produkte aus Israel, aus Siedlungen oder von palästinensischen Produzenten stammen, die man ja nicht boykottieren will?

Fahoum: Fast alles ist israelischen Ursprungs. Und fast jede israelische Firma hat in der einen oder anderen Weise auch mit den besetzten Gebieten zu tun.

Awwad: Es geht nicht so sehr um solche Unterscheidungen. Israel als Besetzer ist als Ganzes schuldig. Die Mehrheit der Palästinenser weiss, dass ein Boykott auch für sie einen Preis hat.

Was halten Sie von Ministerpräsident Fayyads Plan, zivile Strukturen aufzubauen und in Bälde einen Staat auszurufen?

Awwad: Wir Palästinenser müssen auf drei Grundrechten beharren – dem Ende der Besetzung inklusive Räumung der Siedlungen, der Gleichberechtigung aller Palästinenser in Israel selber und dem Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge gemäss der Uno-Resolution von 1948. Fayyads Plan sieht nichts von alle dem vor. Nicht seine politische Vorstellung ist wichtig, unsere Rechte sind es.

Wie viel Unterstützung hat er in der palästinensischen Gesellschaft?

Awwad: Keine. Er ist nicht gewählt, er ist als Ministerpräsident der Autonomiebehörde eingesetzt und finanziert vom Nahostquartett, von den USA. Der Westen sollte ihm keine Legitimität verschaffen, welche auch immer.

Wer würde bei freien Wahlen denn gewählt? Etwa der im Gefängnis sitzende Fatah-Führer Marwan Barghouti?

Awwad: Wir würden uns für einen Volksaufstand entscheiden, nicht für eine Figur.

Welche politischen Kräfte geben heute den Ton unter den Palästinensern an?

Awwad: Ich möchte mich nicht auf die besetzten Gebiete beschränken. Aber die Palästinenser in Israel oder in der Diaspora werden heute ja gar nicht gefragt. Deshalb ist es unwichtig, ob da jetzt ein Fayyad oder ein Barghouti sitzt.

Basma Fahoum, Sie kämpfen für Gleichberechtigung als Israeli, aber auch für die Menschen in den besetzten Gebieten.

Fahoum: Ich bin in einer schwierigen Position. Wir israelischen Palästinenser sehen uns als Teil des palästinensischen Volkes. Drohen israelische Politiker zum Beispiel mit «Transfer» der Menschen aus den besetzten Gebieten, berührt das auch uns.

Können Sie die Wirkung Ihres ökonomischen Kampfes beziffern?

Fahoum: Natürlich gibt Israel keine Zahlen heraus. Wir wissen aber, dass zum Beispiel in Grossbritannien kaum noch israelische Produkte gekauft werden. Während des Gazakriegs meldeten israelische Farmer einen Verkaufsrückgang um 20 Prozent. Immer mehr Universitäten, Kirchen, Gewerkschaften, NGOs folgen dem Boykottaufruf. Massgebliche israelische Politiker und Militärs bezeichnen die internationale Boykottbewegung inzwischen als strategische Bedrohung. Unsere Kampagne bewegt also etwas.

Divestment ist ein weiteres Stichwort: Ein wichtiger norwegischer Pensionsfonds hat seine Investitionen in Israel abgestossen. Kennen Sie noch andere Beispiele?

Awwad: Es gibt eine Reihe ähnlicher Aktionen, vor allem in Skandinavien. Im restlichen Europa herrscht aber noch weitgehend die Furcht, als antisemitisch angeprangert zu werden, weil man nicht unterscheidet zwischen Judenhass und Kritik an der Besetzung.

Und in Amerika?

Awwad: Privatuniversitäten sind sehr aktiv. Das israelische Aussenministerium will keine offiziellen Abgesandten mehr dorthin entsenden, weil sie dauernd von Studenten unterbrochen werden. Die offizielle Politik sieht düster aus. Aber an der Basis tut sich einiges.

Was wissen Sie über die Schweiz?

Fahoum: Es gibt eine enge Zusammenarbeit im militärischen Sektor.

Awwad: Es scheint sich im öffentlichen Bewusstsein etwas zu tun, obwohl unsere Kampagne hier noch keine starke Unterstützung hat. Der Schweiz käme aber besondere Verantwortung zu als Depositärstaat der 4. Genfer Konvention von 1949, die den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten festhält.

Die OECD nimmt Israel als Mitglied auf, obwohl es auch hier Diskussionen über die Besatzung gab. Wie sehen Sie das?

Awwad: Das ist schlimm. Denn Israel erfüllt die Aufnahmekriterien nicht. Zum Beispiel schliessen die Statistiken, die vorgelegt wurden, auch die besetzten Gebiete ein. In Israel selber besteht punkto Lebensstandard eine grosse Diskrepanz zwischen jüdischen und arabischen Bürgern. Schon dies alleine würde eine Mitgliedschaft verbieten.

Fahoum: Fast 40 Prozent der israelischen Araber – und 60 Prozent der Kinder – leben unter der Armutsgrenze.

Wie ist die wirtschaftliche Entwicklung in den besetzten Gebieten? Die Israeli sprechen von Fortschritten, auch Salam Fayyad tut es. Ramallah ist eine fast florierende Stadt.

Awwad: Ramallah blüht, weil hier die Palästinensische Autoniomiebehörde sitzt und alles Geld hier investiert. Auch die Gelder, die durch internationale Entwicklungshilfeorganisationen, unter anderem aus der Schweiz, hereinströmen. Unter Okkupation kann es aber keine florierende Wirtschaft geben. Israel hat unsere Landwirtschaft, die Industrie, die Umwelt zerstört.

Wie sehen Sie die Spaltung der Palästinenser in Hamas und Fatah?

Awwad: Uns stellt sich die Frage so nicht. Das Problem sind die Flüchtlinge, die Besatzung. Hamas oder Fatah sind Teil unseres Volkes.

Realistischerweise wird es aber nie eine Rückkehr von drei Millionen Palästinensern nach Israel geben.

Awwad: Es geht nicht um drei Millionen. Wir sind insgesamt 10 Millionen, und 70 Prozent sind Flüchtlinge oder deren Abkömmlinge. Gemäss Völkerrecht gibt es ein Recht auf Rückkehr und auf Reparationszahlung. Es ist also nicht die Frage, ob das praktikabel ist oder nicht.

Fahoum: Juden aus aller Welt können sich in Israel niederlassen, Palästinenser, die einst dort lebten, dürfen das nicht. Gewährt man uns nicht dasselbe Recht, nenne ich das rassistisch.

Mit Hind Awwad und Basma Fahoum sprach Claudia Kühner.”

(Quelle: Basler Zeitung.)