Posts Tagged ‘Stereotyp’

BRD: Reise und Rassismus

Freitag, Juni 15th, 2012

“Mit kolonialen Grüßen …

Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet

Wenn wir auf Reisen oder sogar für eine längere Zeit in den globalen Süden gehen, erleben wir ungemein viel und möchten gerne unseren Freund_innen und Verwandten zuhause berichten und sie an unseren Erlebnissen, Erfahrungen und Eindrücken teilhaben lassen. Ganz egal, ob wir als Backpacker_innen unterwegs sind, dort einen Job, einen Freiwilligendienst oder ein Praktikum absolvieren – wir fotografieren und erzählen in E-Mails, Social Media, (Rund-)Briefen, Postkarten oder einem eigenen Blog, was uns bewegt, überrascht, glücklich macht oder irritiert. Zurück in Deutschland geht das Erzählen und das Zeigen von Fotos meist erst richtig los.

Diese Broschüre bietet einen Einstieg für Menschen, die sich Gedanken darüber machen wollen, inwiefern ihre Wahrnehmungen und Berichte über den globalen Süden in koloniale und rassistische Strukturen verwickelt sind. Sie führt in zentrale Themen wie Herrschaftsverhältnisse im globalen Kontext, Kolonialismus und Rassismus sowie in die Wirkungsmacht von Bildern und Sprache ein. Darüber hinaus werden einige der üblicherweise in Berichten auftauchenden Erzählmuster aufgegriffen und analysiert. Leitfragen und Anregungen ermöglichen es den Leser_innen, eigene Vorstellungen, Sprechweisen und Bilder selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen und alternative Handlungsoptionen zu entwickeln.

Broschüre hier als PDF downloadbar

Gedruckte Exemplare können auf Rechnung bestellt werden.
Bitte schicken Sie/schickt uns eine e-mail unter Angabe der Adresse an:
broschuere[at]glokal[punkt]org
Die Schutzgebühr beträgt 2,00 €/Stück, ab 50 Stück 1,50 €/Stück, zzgl. Versandkosten.

Über die Entstehung der Broschüre

Als glokal e.V. arbeiten wir seit einigen Jahren in der (entwicklungs-)politischen Bildungsarbeit, auch in der Vor- und Nachbereitung sowie Begleitung von jungen Menschen, die einen Freiwilligendienst, eine Jugendbegegnung oder einen Schüler_innenaustausch in Ländern des globalen Südens machen. Durch unsere Arbeit ist uns immer wieder aufgefallen, dass viele der Berichte, Blogs und Bilder nicht mit den Inhalten der pädagogischen Begleitung und den Zielen der Organisationen und Förderprogramme übereinstimmen, sondern diesen sogar widersprechen. Während z.B. auf Begleitseminaren die Themen Vorurteile und Rassismus den Trainer_innen oftmals ein Anliegen sind, werden Menschen und Länder des globalen Südens in den Berichten überwiegend stereotyp und rassistisch dargestellt – sei es bewusst oder unbewusst. All dies ist natürlich Teil dessen, wie der globale Süden generell im und durch den globalen Norden, z.B. in Schulbüchern oder in den Medien, repräsentiert wird. Unsere eigenen Erfahrungen als Reisende, Berichte von Freund_innen und Bekannten und das Wissen darüber, dass Teilnehmende von Freiwilligendiensten im globalen Süden oft einen Großteil ihrer Freizeit damit verbringen, mit Freund_innen und Familie zu kommunizieren und vom Erlebten zu berichten, hat uns dazu bewogen, uns diesem Themenbereich zu widmen.”

(Quelle: glokal e.V..)

BRD: Gesinnungsjournalismus?

Freitag, September 16th, 2011

“Lemminge-Effekt

Über die Instrumentalisierung von Journalisten für politische Zwecke und mangelndes Hinterfragen sprach M mit Professor Michael Haller, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig, zugleich Herausgeber von Message, der internationalen Zeitschrift für Journalismus

M | Welche Erinnerung haben Sie an die Ereignisse vom 11. September 2001?

MICHAEL HALLER | Ich war an dem Tag in Luzern, im Medienausbildungszentrum der Schweiz. Wir machten gerade einen Workshop mit Journalisten über das Erzählen, als diese Bilder plötzlich auf allen Kanälen liefen. Manche hielten es anfangs für einen Fake. Das zeigt, wie unfassbar das Geschehen zunächst erschien.

M | In den Medien herrschte damals der Ausnahmezustand. Welche Erinnerung haben Sie an die Berichterstattung unmittelbar danach?

HALLER | Nach den Einschlägen wurde mehrere Stunden lang auch gezeigt, wie sich Menschen von den brennenden Türmen stürzten. Es dauerte einige Stunden, bis sich die ethischen Bedenken durchgesetzt hatten.

M | Die Terrorattacken wurden seinerzeit von vielen Medien als „Kriegserklärung“ an die USA bzw. sogar an die westliche Welt bezeichnet. Ihre Zeitschrift Message nannte das später „mediale Mobilmachung“…

HALLER | Das war es ja auch. Ich war sprachlos, wie monochrom schon am nächsten Morgen die meisten Zeitungen dieselbe Formel vom „Krieg gegen das Böse“ als übergroße Schlagzeilen auf ihren Titelblättern verwendeten. Die Diktion war die gleiche: Die USA stehen im Krieg. Die populären TV-News der großen US-Sender wie NBC, CBS, Fox waren im Grunde Kommentarsendungen. Die Medien erzeugten eine Art Branding, sie definierten zu weiten Teilen, wie der Gegner moralisch einzuschätzen sei – und mit ihm praktisch alle Muslime.

M | Auch die deutschen Medien stiegen in diesem Sinne ein. Wo lagen die Stärken und Schwächen der Berichterstattung?

HALLER | Es war beeindruckend, wie deutlich in den ersten Tagen danach die deutschen TV-Anstalten ihre Atlantische Bündnistreue zelebrierten – und zwar sowohl die Privatsender wie auch die Öffentlich-Rechtlichen. Die deutsche mediale Öffentlichkeit solidarisierte sich mit den als bedroht angesehenen Vereinigten Staaten. Übrigens, die französischen Medien berichteten wesentlich distanzierter und nannten das Geschehene klar einen Terrorakt.

M | Wurde dieser Reflex durch den Umstand gefördert, dass die Attacken von Moslems aus dem Ausland geführt wurden?

HALLER | Wenn jene Terroristen wie der Oklahoma-Bomber westlicher Herkunft gewesen wären, wäre der Anschlag vermutlich als schreckliche Katastrophe vermittelt worden, wie derzeit etwa das Massaker in Norwegen. Die Tatsache, dass die damaligen Täter sich als fundamentalistische Anhänger einer anderen Religion bezeichneten, gestattete es der Bush- Regierung, die Attacke wie einen Angriff fremder böser Mächte darzustellen, den die Amerikaner geschlossen abwehren und ihn zurückschlagen müssten.

M | In späteren kritischen Analysen wurde vor allem die Bildsprache der Medien diskutiert: die immer gleichen Videos vom Einsturz der Türme, das Aufgreifen simpler Freund-Feind-Klischees mit bärtigen Moslems und jubelnden Palästinensern. Ist sowas dem Aktualitätsdruck geschuldet?

HALLER | Es gibt diesen Lemminge-Effekt. Die anderen machen es, dann machen wir es auch. Und wenn kein weiteres Material da ist, tauchen immer die gleichen ikonischen Szenen auf. Das trägt zur persuasiven Wirkung wesentlich bei.

M | Mangels eigener Recherchemöglichkeiten befragen die Medien gern so genannte Experten. Damals befragte Günther Jauch Henry Kissinger für stern-tv, Niki Lauda äußerte sich zu Fragen der Flugsicherheit, und Peter Scholl-Latour tummelte sich als Islam-Experte auf allen Kanälen. Was bringt das?

HALLER | Theoretisch gesehen müsste es so sein, dass zunächst über das Geschehen das Faktische berichtet wird, dann lässt man die Menschen erzählen, was sie erlebt haben. Erst als Drittes käme dann die Einordnung, und dafür braucht man Experten. In der Praxis wird aber häufig gleich mit der dritten Stufe begonnen. Man weiß im Grunde noch gar nichts, meint aber schon eine Einordnung und eine Meinung anbieten zu müssen.

M | Ist das eine typisch deutsche Herangehensweise?

HALLER | Das ist nicht unbedingt typisch deutsch, aber im deutschsprachigen und romanischen Raum sehr beliebt. Die Angloamerikaner sind da zurückhaltender. Ihrem Selbstverständnis entspricht viel eher die Maxime „News are sacred, comment is free“, auch wenn der Schock des 9/11 diese Regel vergessen ließ. Das notorisch Merkwürdige der deutschen Mentalität ist: Ich will zuerst eine Gesinnung. Schon im 19. Jahrhundert galt der Gesinnungsjournalist hierzulande mehr als der Informationsjournalist.

M | Hängt diese Uniformität der Berichterstattung auch mit einem verstärkt wirkenden Konformitätsdruck zusammen? Erinnert sei an die Angriffe, denen z.B. Ulrich Wickert wegen eines Artikels in der Zeitschrift Max ausgesetzt war. Darin hatte er die indische Schriftstellerin Arundhati Roy mit der Aussage zitiert, Osama bin Laden repräsentiere „das amerikanische Familiengeheimnis“, er sei „der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten“. Die damalige CDU- Generalsekretärin Angela Merkel forderte damals faktisch ein Berufsverbot für Wickert…

HALLER | Dazu passt auch der Umgang mit Susan Sontag. Sie nannte damals das Attentat in einem Kommentar „Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten“. Dafür wäre sie damals fast gelyncht worden!

M | Warum lassen sich Journalisten oftmals so leicht für politische Zwecke instrumentalisieren? Die Mär eines vor Massenvernichtungswaffen starrenden Irak wurde auch von den Medien lange kaum hinterfragt. Diese Behauptung galt Bush und Rumsfeld aber seinerzeit als Invasionsgrund…

HALLER | Erschüttert hat mich damals, dass just die Journalisten der US-Qualitätsmedien sich einspannen ließen. Was wirklich im Irak oder im hinteren Hindukusch los war, wurde nicht recherchiert. Sie akzeptierten die mit dem Patriotismus-Slogan unterfütterte Sprachregelung des Pentagon. Man denke nur an die 1:1-Übernahme offensichtlich gefakter Bilder von angeblichen Militäranlagen im Irak, die US-Außenminister Powell seinerzeit vor dem UNO-Sicherheitsrat präsentierte. Da muss man die deutschen Medien schon ein bisschen in Schutz nehmen. Die hatten einfach nicht die Möglichkeit, vor Ort kritisch zu recherchieren. Sie hätten allerdings zurückhaltender kommentieren können.

M | Im Gefolge von Terroranschlägen kommt es immer wieder zu Versuchen, bürgerliche Freiheitsrechte, zum Beispiel auch die Pressefreiheit, einzuschränken: Hierzulande sind da zu nennen der „Große Lauschangriff“, die illegale Durchsuchung von Redaktionsräumen wie im Fall „Cicero“, die nach wie vor aktuellen Versuche, die Vorratsdatenspeicherung zu verschärfen. Wie können legitime Sicherheitsbedürfnisse einer Gesellschaft und Pressefreiheit versöhnt werden?

HALLER | Das Sicherheitsbedürfnis der in Panik versetzten Bevölkerung darf nicht unterschätzt werden. Man kann eine verschreckte Bevölkerung nicht sehr erfolgreich für demokratieerhaltende Argumenten gewinnen. Wir erleben immer wieder, wie Ereignisse instrumentalisiert werden, um die Sorge um Sicherheit zu verstärken, mit der dann entsprechende Schutzgesetze legitimiert werden. Allerdings sind wir in Deutschland bislang noch mit einem blauen Auge davongekommen. Dabei war hilfreich, dass wir eine vergleichsweise staatsunabhängige, von Mainstream-Einstellungen abgekoppelte, sich auf die Verfassungsgrundsätze berufende Rechtsprechung haben, zumindest auf der Ebene des Bundesverfassungsgerichts.

M | Beim Bombenanschlag und Massaker von Oslo wurde in einigen elektronischen Medien früh ein islamistischer Hintergrund angenommen. Warum reagieren die Medien oft so reflexhaft?

HALLER | Das ist genau dieser unsägliche Hang, zu einem Thema via Talkshow gleich eine Erklärung haben müssen statt das Geschehen auf der informierenden Ebene interessant aufzuarbeiten. Der derzeitige TV-Journalismus will sofort bewerten oder einordnen, was da läuft – obwohl man noch nichts weiß. Im Grunde also unprofessionelles Handeln. Diese Meinungsmacherei wirkt antiaufklärerisch. Und damit wird der eigentliche öffentliche Auftrag, Orientierung herzustellen, zerstört.    

Das Gespräch führte Günter Herkel

 

(Quelle: Menschen Machen Medien.)

BRD: Militär und gesamtgesellschaftliche Frauenrolle(n)

Sonntag, August 14th, 2011

“Von der »Frau« zur »Soldatin«?

Soldatinnen-Bilder im medialen Wandel

Von Torsten Bewernitz und Andrea Nachtigall

Anhand der Berichterstattung zum Gorch Fock-Skandal, der Todesfälle in Afghanistan, des Besuchs zu Guttenbergs bei den Truppen in Afghanistan und der aktuellen Werbestrategien der Bundeswehr beleuchtet dieser Text den Wandel der Darstellungen von Soldatinnen in den Medien.

Seit elf Jahren ist Frauen in der Bundeswehr der Dienst an der Waffe – formal – erlaubt. Rund 17.500 Frauen gehören heute zur Bundeswehr, das sind etwa neun Prozent. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht für Männer lässt sich ein erneuter Wandel der geschlechtlichen Zusammensetzung des deutschen Militärs erwarten – wenn auch durchaus offen ist, in welche Richtung. Die Bundeswehr plant einen Anstieg auf 15 Prozent.1 Dass die Frau an der Waffe dennoch noch nicht als »normal« verstanden wird, zeigen die weiteren Zahlen, die die Bundeswehr nennt: Im Sanitätsdienst strebt die Bundeswehr eine Erhöhung des Frauenanteils auf 50 Prozent an, momentan liegt er bei ca. 36 Prozent und ist damit viermal so hoch wie im Gesamtdurchschnitt. Klassische Vorstellungen von »kämpfender Männlichkeit« und »fürsorglich-friedfertiger Weiblichkeit« scheinen auch für gegenwärtige Geschlechterverhältnisse prägend. Der »eigentliche« Soldat, als dessen Urbild der Kämpfer und Verteidiger gilt, wird nach wie vor in erster Linie männlich gedacht.

Die angestrebten Quoten sind deshalb nicht beliebig gewählt: Die Theorie des Tokenism2 geht davon aus, dass erst ab einem Anteil von 15 Prozent einer Minderheit von »Integration« gesprochen werden kann (vgl. Cnossen 1999, S.233). Dass diese Integration von Frauen in die Bundeswehr und damit ein Aufbrechen des männlich kodierten Soldaten-Bildes bei weitem nicht erreicht ist, soll im Folgenden exemplarisch anhand der medialen Darstellung von Soldatinnen gezeigt werden.

Soldatinnen-Bilder in Bundeswehr-Medien

Jörg Keller wirft in seiner Untersuchung von Printmedien der Bundeswehr die Frage auf, ob »Soldat« und »Frau« zur »Soldatin« verschmelzen (Keller 2003, S.251). Dabei definiert er als „das Kerngeschäft des Militärs und damit auch Kern des Soldatenhandwerks […] de[n] Kampf, die organisierte Anwendung von Gewalt“ (ebd.). Damit ist, so Keller, die „Verschmelzung“ erst erreicht, „wenn die Nähe zur Gewaltausübung sichtbar wird. Kennzeichen dieser Nähe sind Waffen, Waffensysteme, Munition, Gefechtsfahrzeuge, persönliche Kampfausrüstung etc.“ (ebd., S.252). „Um die Soldatin darzustellen, reicht es also nicht aus, eine Frau in Uniform zu zeigen“ (ebd.). Kellers Analyse zufolge werden Frauen im Militär nahezu ausschließlich im Sanitätsdienst, fern von Kampfhandlungen und im Vergleich zu männlichen »Kameraden« in passiveren und untergebenen Rollen und Funktionen gezeigt. Nicht ganz so offensichtlich, aber für die Konstruktion der dezidiert »weicheren« Soldatin ebenso relevant, sind die jeweiligen Bilderensembles: Soldatinnen werden nicht als beschäftigt dargestellt, sondern lächeln häufiger in die Kamera. Der Soldat, so wird suggeriert, kann sich nicht nebenbei mit dem/der FotografIn beschäftigen: „Sie sind von ihrer Arbeit gefangen und beansprucht. Frauen dagegen […] können es sich leisten, einfach nur da zu sein“ (ebd. S.260). „Es ist das Geschlecht, die Frau, die hier gezeigt wird. Sie bleibt in weiblichen Rollen gefangen, und ihre Arbeit wird in stereotyp kodierter Weise dargestellt“, schließt Keller (ebd., S.262).

Soldatinnen-Bilder: mehr Frauen, mehr Probleme?

Doch wie verhält es sich mit dem Soldatinnen-Bild in den Massenmedien? Im November 2010 schaffte es eine Soldatin auf alle Titelseiten: die 25-jährige Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele, die auf dem Segelschulschiff Gorch Fock zu Tode kam, als sie bei einer Übung von der Takelage in die Tiefe stürzte. Die Berichterstattung greift subtil wie auch explizit auf weibliche Klischees zurück, die deutlich machen, dass Militär und Weiblichkeit nicht zusammen gehören. „Ein Kriegsschiff ist kein Mädchenpensionat“, wird Ernst-Reinhard Beck (CDU) in der Rheinischen Post zitiert. Im Rahmen der Debatte des Falls kommen Spekulationen über zu harten Druck, „eklige Rituale“ (Berliner Morgenpost) und sexuellen Missbrauch zur Sprache. Dass Erniedrigung und Demütigungen in der Soldatenausbildung keine Einzelfälle sind, hat die feministische und genderorientierte Friedens- und Konfliktforschung hinlänglich belegt. „[I]m Zentrum militärischer Disziplinierung stehen […] v.a. Unterwerfungs- und Angsttechniken, die […] mit der negativen Abgrenzung und Abwertung vom »Weiblichen« verknüpft sind“ (Schießer 2001, S.171).

Auch die Vorfälle in Coesfeld 2004 zeigen deutlich, wie Militär, Drill und Männlichkeit verwoben sind. So heißt es von militärischer Seite zur Erklärung der Vorfälle, gespielte Geiselnahmen seien in der Ausbildung üblich; das vereinbarte Codewort „Tiffy“ wurde nach Aussage von den Soldaten nicht verwendet: „Niemand wollte als Feigling oder Schwächling dastehen“, so ein Soldat laut Spiegel online (25.4.2004). Der „Feigling oder Schwächling“ wird mit einem weiblichen Namen betitelt, der zudem zu einer Figur aus der Sesamstraße gehört, also gleichermaßen verweiblicht und infantilisiert.

Das Beispiel Coesfeld impliziert die Inkompatibilität von Weiblichkeit und Militär: Es wird versucht, eine militarisierte Männlichkeit diskursiv zu verteidigen. In diesem Kontext ist die Mediendebatte um den Tod von Offiziersanwärterin Seele zu lesen: Als Frau – und nicht als Soldatin – ist sie schutzbedürftig, und diesem Schutzbedürfnis wird im Militär, dessen ureigene Aufgabe der »Schutz von Frauen und Kindern« ist, nicht entsprochen. Medial wird sie vielmehr zum Opfer militärisch-männlicher Gewalt gemacht. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Seele die Ambivalenz zwischen vermeintlicher Geschlechtergleichheit im Militär und der »Verweiblichungsangst«, die Astrid Albrecht-Heide (1997) als zentralen Motor des Militärischen, insbesondere als Mittel von Druck und Drill, definiert hat. Der öffentliche Verweis darauf, dass Frauen diesem Druck nicht standhielten, ist zentraler Bestandteil dieser Diskursfigur. Spekulationen über mangelnde Fitness und Übergewicht Seeles suggerieren, dass sie als Frau fehl am Platze gewesen sei, und stärken das Bild starker militärischer Männlichkeit.

Soldatinnen-Bilder im (Medien-)Einsatz

Betrachtet man die Berichterstattung über die internationalen Truppen in Afghanistan, deutet sich ein Wandel des Soldatinnen-Bildes an. Zunächst fällt eine Änderung der Begrifflichkeit auf: Zahlreiche Medien benennen, wenn es um die Truppen im Allgemeinen geht, „Soldatinnen und Soldaten“ oder sogar „SoldatInnen“. Einzelne Soldatinnen tauchen aber nach wie vor kaum auf.

Nach einem Anschlag der Taliban auf Bundeswehrtruppen am 28. Mai 2011 wird häufiger erwähnt, dass unter den Verletzten auch eine Soldatin sei. Der Fokus der Berichterstattung liegt aber auf den zwei bei diesem Anschlag getöteten männlichen Soldaten. Auch wenn die verwundete Soldatin in einigen Medien als „Dolmetscherin“ anstatt „Soldatin“ bezeichnet und damit in einem unsoldatischen und kampfesfernen Bereich verortet wird, wird die generelle Gefährdung von Frauen im Militär damit zum öffentlichen Thema. Soldatinnen werden zunehmend mit den Begriffsfeldern Tod und Verwundung in Zusammenhang gebracht, jedoch (noch) weniger direkt mit Kampf und Krieg. Bislang wurde die Gefährdung bzw. die Möglichkeit, dass Soldatinnen im Auslandseinsatz getötet werden könnten, vor allem als ein Argument gegen die Öffnung des Militärs für Frauen nutzbar gemacht. Heute scheint sie die »Normalität« und »Modernität« des Militärs insgesamt zu belegen.

So auch im Dezember 2010, als der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Ehefrau nach Afghanistan reiste, um den BundeswehrsoldatInnen vor Weihnachten für ihren Einsatz zu danken. Mit dabei: Talkmaster Johannes B. Kerner, der seine Talk-Show diesmal direkt von der Front übertrug. Als Stargast: der Ex-Verteidigungsminister sowie einige der dort stationierten BundeswehrsoldatInnen, davon überproportional viele weibliche. Während die Arbeitsteilung in der Politik geschlechterstereotyp verteilt ist – Karl-Theodor besucht die Soldaten vor Ort »im Schützengraben«, seine Frau weibliche Soldatinnen und ein Lazarett –, scheinen die Soldaten und Soldatinnen gleichberechtigt im Einsatz zu sein und Seite an Seite ihr Leben zu riskieren. Eine der interviewten Soldatinnen – eine Rettungsassistentin – berichtet beispielsweise, wie sie Zeugin eines Angriffs und der Verwundung ihrer Kameraden wurde.

Dass klischeebehaftete Darstellungen von Weiblichkeit keineswegs obsolet sind, zeigt eine Fotostrecke auf stern.de unter dem Titel „Die weibliche Seite des Krieges“. Zu sehen sind Soldatinnen, wie sie sich kämmen, schminken, im Internet surfen etc., mit Bildunterschriften wie z.B. „Wären da nicht die langen Haare und die bunten Herzchen an der Wand, dem Beobachter würde nicht sofort auffallen, dass er sich im Zelt weiblicher Soldaten befindet“.3 »Frau-Sein« schiebt sich hier erneut vor das »Soldat(in)-Sein«. So auch auf der privat von BundeswehrsoldatInnen betriebenen Homepage soldatenglueck.de, die das Foto einer Soldatin im Spiel mit afghanischen Kindern präsentiert, untertitelt mit „Diese Frau Hauptgefreite […] zeigt mit Ihrer Geste im Spiel mit den afghanischen Kindern mehr als tausend Wort sagen können […]“.4

Werbekonzepte des Militärs – mehr Frauen, weniger Probleme?

Einen weiteren Aspekt aktueller Medienbilder von Soldatinnen zeigt die neue Werbekampagne der Bundeswehr. Nachdem im März 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, sind seit Juni 2011 keine Wehrpflichtigen und Zivildienstleistenden mehr im Dienst. Das neue Werbekonzept der Bundeswehr passte sich entsprechend an. Im Kopf des Portals »Karriere Bundeswehr«5 lächeln dem/der WebsurferIn zwei männliche und zwei weibliche SoldatInnen entgegen. Geworben wird für den »Freiwilligen Wehrdienst« unter dem Motto „Pflicht wird zur Chance: Freiwilliger Wehrdienst für junge Frauen und Männer“.

Das Werbekonzept wendet sich gezielt auch an Frauen: Auf nahezu allen Bildern werden uniformierte Männer und Frauen gezeigt, letztere oftmals im Vordergrund. Der Freiwillige Wehrdienst wird präsentiert als ein „Zivildienst in Flecktarn“ (Kleffner 1999), die „Gewalt als Inhalt des Berufs“ wird hier, wie Keller es bereits 2003 anhand der Broschüre »Frauen in der Bundeswehr« beschrieben hat, konsequent für beide Geschlechter verschwiegen. Dass diese Darstellungen nicht in das übliche Repertoire des Berufssoldaten passen, wird aber deutlich, wenn auf den Unterseiten der Homepage soldatische Karrieremöglichkeiten dargestellt werden: Mit höherer Laufbahn werden Frauen nicht mehr spezifisch angesprochen, bildlich werden sie nahezu ausnahmslos im Sanitätsdienst (bzw. als Werberinnen und am Computer) präsentiert. Auf höherer Ebene wird die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung des Militärs wieder aufgenommen, nach der Kampf und Krieg ein genuin »männliches« Geschäft sind.

Auf dem Weg zur Soldatin?

„Truppe mit Damenbild“ lautet der Titel einer Studie der Bundeswehr zur „Integration von Frauen in die Bundeswehr“ (Kümmel 2008). Wie die beschriebene Selbstdarstellung der Bundeswehr weist sie darauf hin, dass sich das Frauenbild innerhalb der militärischen Medien, und damit in der Führungsriege der Bundeswehr, durchaus gewandelt hat. Die Studie macht aber auch deutlich, dass dies offenbar nicht innerhalb der gesamten Bundeswehr gilt. Bereits der Titel deutet an: Es gibt die Truppe und die Dame. Nach wie vor kann offenbar nur eins von beiden repräsentiert werden: Frauenbild oder Soldatenbild.

Auch unsere schlaglichtartige Reflexion aktueller Soldatinnen-Bilder in den Medien bekräftigt Kellers Überlegung, dass die Darstellung einer Frau in Uniform nicht zwangsläufig die Darstellung einer Soldatin ist, sondern oftmals die einer »Frau« bleibt, wodurch die »Männlichkeit« des Soldaten bewahrt werden kann. Auf der anderen Seite ist die Soldatin jedoch nicht länger aus dem Militärdiskurs wegzudenken; ihr Auftauchen belegt zunächst einmal die fortschreitende gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen und ihr Vordringen in vormals männliche Domänen wie Politik und Militär.

Die Thematisierung gerade von Soldatinnen kann jedoch besondere Funktionen erfüllen, was wiederum auf einen primär symbolischen Status verweist. Insgesamt bleibt das Bild der Soldatin ambivalent, mal (fast) gleichberechtigt im Einsatz, mal Beleg für die Unvereinbarkeit von Militär und Weiblichkeit. Die Soldatin verleiht dem Militär einerseits einen modernen, zivilen, friedlichen Anstrich und eröffnet so ein neues »attraktives« Berufsfeld. Andererseits wird nicht nur der Soldat, sondern immer häufiger auch die Soldatin mit Kampfeinsätzen, Verwundung und Getötet-Werden in Verbindung gebracht. Der Grad, in dem Frauen in der Bundeswehr mit dem männlich kodierten Soldaten-Bild übereinstimmen, variiert dabei von Fall zu Fall.

Auch der Fall Seele ist unterschiedlich lesbar: als Argument gegen die Beteiligung von Frauen in der Bundeswehr, aber auch als ein Argument für eine zukünftige »Zivilisierung« und »Modernisierung« des Militärs als Ganzem gerade durch die Einbeziehung von Frauen. Immerhin setzte die öffentliche Kritik an Druck und Drill als festem Bestandteil militärisch-männlicher Routinen erst dann ein, als eine Frau zu Tode kam. „An der Waffe nicht gleichberechtigt“ titelt die taz auch noch am 31. Januar 2011. Ob diese Gleichberechtigung an der Waffe in irgendeiner Art erstrebenswert ist, ist freilich eine andere Frage.

Literatur

Christine Cnossen (1999): Frauen in Kampftruppen: Ein Beispiel für »Tokenisierung«. In: Christine Eifler und Ruth Seifert (Hrsg.) (1999): Soziale Konstruktionen – Militär und Geschlechterverhältnis. Münster: Westfälisches Dampfboot. S.232-247.

Jörg Keller (2003): Küss´ die Hand gnäd´ge Frau… – oder: Ist die Soldatin möglich? In: Christine Eifler, Ruth Seifert und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2003): Gender und Militär. Internationale Erfahrungen mit Frauen und Männern in Streitkräften. Königstein: Ulrike Helmer Verlag. S.248-266.

Heike Kleffner (1999): Zivildienst in Flecktarn. In: Jungle World, 14. April 1999.

Astrid Albrecht-Heide (1997): Die Legende vom saub’ren Soldaten. In: Wissenschaft und Frieden 3/1997.

Gerhard Kümmel (2008): Truppenbild mit Dame. Eine sozialwissenschaftliche Begleituntersuchung zur Integration von Frauen in die Bundeswehr. Strausberg: Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr.

Sylvia Schießer (2001): Die »Soldatin« in den Printmedien der Bundeswehr: Eine inhaltsanalytische Untersuchung. In: Gerhard Kümmel (Hrsg.): The Challenging Continuity of Change and the Military: Female Soldiers – Conflict Resolution – South America. Proceedings of the Interim Conference 2000 of ISA RC 01. Strausberg: Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr. S.169-198.

Anmerkungen

1) Vgl. hier und im Folgenden die Pressemeldung der Bundeswehr »Starke Truppe – Immer mehr Frauen entscheiden sich für die Bundeswehr« vom 29.12.2010.

2) »Token« meint »Zeichen« und soll ausdrücken, dass bestimmte Minderheiten in einer Gruppe, z.B. der Bundeswehr, nicht als Individuen und damit als genuine Soldaten, sondern vielmehr als Symbol für die Minderheit und damit als Ausnahme wahrgenommen werden.

3) US-Soldatinnen in Afghanistan. Die weibliche Seite des Krieges; stern.de.

4) Deutsche Soldatin in Afghanistan. Auf soldatenglueck.de online gestellt am 15. Juni 2010.

5) mil.bundeswehr-karriere.de/portal/a/milkarriere.


Torsten Bewernitz hat im Sommer 2010 seine Promotion mit dem Thema „Konstruktionen für den Krieg? Die Darstellung von »Nation« und »Geschlecht« während des Kosovo-Konflikts 1999 in den deutschen Printmedien“ am Münsteraner Institut für Politikwissenschaft abgeschlossen. Die Arbeit ist im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen. Andrea Nachtigall lehrt an verschiedenen Berliner Hochschulen und ist zurzeit Gastdozentin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Ihre Promotion hat sie am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin abgeschlossen; Titel der Arbeit: „Konstruktionen von Geschlecht im ‚Krieg gegen den Terror‘. Eine Analyse deutscher Printmedien nach dem 11. September 2001“.”

 

(Quelle: Wissenschaft & Frieden.)

Hinweis

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Wissenschaft & Frieden”, aus der dieser Aufsatz stammt, kann in unserer Bücherei entliehen werden.

BRD: Migrantinnen in den Medien

Donnerstag, Juli 7th, 2011

“Weg vom Kopftuchklischee

Von Bärbel Röben

„Knüppel im Kreuz – Kind im Bauch“ betitelte der „Spiegel“ 1990 einen Artikel über die unterdrückte „ Kopftuchtürkin“. Zwanzig Jahre später ist sie immer noch der Prototyp der Migrantin in deutschen Medien. Aber mittlerweile gibt es neben dem Opfer viele andere Typen, die ein positiveres, facettenreicheres Bild von Migrantinnen zeigen. Und es gibt immer mehr Journalistinnen mit Zuwanderungshintergrund. Bewegt sich etwas in Medien und Köpfen?

Ende der 80er Jahren waren die türkischstämmige Schauspielerin Renan Demirkan in der ZDF-Serie „Die Reporter“ oder die in Indien geborene Moderatorin des ARD-„Weltspiegel“ Navina Sundaram noch Ausnahmeerscheinungen in deutschen Medien. Das gesellschaftliche Klima damals spiegelt sich in einem Leserbrief, den die Weltspiegel-Redaktion erhielt: „Sehr geehrte Herren! Es ist ein Skandal, dass diese Sendung von einer Ausländerin moderiert wird. Es ist weiter ein trauriges Zeichen, dass sich bei Euch kein Mann findet, der das macht. Diese Dame soll doch in ihr Kaffernland gehen.“
Inzwischen ist Deutschland Einwanderungsland. Die Medien stellen sich darauf ein und einige suchen gezielt Personal mit Migrationshintergrund. Einige Beispiele: Die Frankfurter Rundschau stellte 1999 Canan Topcu ein, um besseren Zugang zur türkischen Community zu erhalten. Seit 2004 gibt es eine „Integrationsoffensive“ beim WDR, um Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu gewinnen. Das ZDF entschied sich 2007 bewusst für die Irakischstämmige Dunja Hayali als neue Moderatorin für die „heute“-Nachrichtenredaktion. Die angestrebte „Normalität“ ist dennoch nicht erreicht. „Jeder fünfte Einwohner im Land besitzt einen sogenannten Migrationshintergrund, aber nur jeder fünfzigste Journalist“, kritisiert Marjan Parvand, Vorsitzende des Vereins „Neue deutsche Medienmacher“ (s. Seite 10/11).

In der Tat sind Migranten und Migrantinnen im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil in den Medien weiterhin stark unterrepräsentiert. In Zeitungsredaktionen stellen sie nach einer Erhebung des Soziologieprofessors Rainer Geißler Ende 2008 nur 1,2 Prozent des Personals. Lediglich bei der Datenauswertung der Altersgruppen hat er nach Geschlecht unterschieden. Danach machen Frauen bis 35 Jahre mehr als die Hälfte der migrantischen Mitarbeitenden in den Redaktionen aus.

Die jüngeren Migrantinnen scheinen also – zumindest zahlenmäßig – auf dem Vormarsch zu sein. Das lassen auch zwei wissenschaftliche Fallstudien vermuten, die bei der Erhebung der Repräsentation des Personals mit Zuwanderungshintergrund erstmals explizit zwischen Männern und Frauen differenzieren. Nach meiner Befragung in Frankfurter Medien 2005 liegt der Anteil des migrantischen Personals insgesamt bei drei bis 16 Prozent. Dabei kommt auf drei Migranten eine Migrantin. 2009 stellte Katharina Fritsche in ihrer Magistraarbeit fest, dass in den Berliner Radioredaktionen dagegen die Frauen unter den Medienschaffenden mit Migrationshintergrund dominieren, die insgesamt auf 10,1 Prozent kommen. Migrantinnen haben aber in seltensten Fällen Führungsaufgaben und stellen das Gros der Freien.

„Normalität“, die gesellschaftliche Vielfalt spiegelt, fehlt nicht nur in den Redaktionen, sondern auch in den Medienbildern, die Menschen unterschiedlicher Herkunft oder verschiedenen Geschlechts nicht gleichberechtigt präsentieren. So ist eine geschlechtersensible Sprache in deutschen Medien immer noch die Ausnahme. Wen wundert es da, dass Zugewanderte bis Ende der 70er Jahre pauschal als (männliche) „Gastarbeiter“ präsentiert wurden, obwohl Frauen bereits ab 1965 als Arbeitsmigrantinnen nach Deutschland kamen? In den 70er Jahren setzte man „Migrantin“ – als Anhängsel ihres Mannes – gleich mit der türkischen Hausfrau, die als „Opfer patriarchalischer Unterdrückung“ galt, analysiert Christine Huth-Hildebrandt, Frankfurter Professorin für soziale Arbeit.

Zumeist negative Darstellung

Als „Gastarbeiter“ in den 80er Jahren sprachlich zu „Ausländern“ oder wohlmeinend schönredend zu „ausländischen Mitbürgern“ mutierten, erschienen Migrantinnen als „kulturell rückständig“ im Gegensatz zu den „emanzipierten“ deutschen Frauen. Nach Huth-Hildebrandt wurden sie als Folie benutzt, um im beginnenden Integrationsdiskurs „Fremdheit“ zu markieren, d.h. das Anderssein der Ausländer und das „hierarchische Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten erklären und festschreiben zu können.“ Das bestätigt die Soziologin Stanislawa Paulus in einer Studie zu muslimischen Frauen in Fernsehdokumentationen öffentlich-rechtlicher Sender aus den Jahren 2000 bis 2006: Das „Motiv der Kopftuch tragenden Muslima“ fungiere „als Sinnbild eines Modernitätsdefizits und einer damit verbundenen unüberbrückbaren Differenz zur Mehrheitsgesellschaft.“

Inzwischen kursieren unterschiedliche Medienbilder von Migranten und Migrantinnen, die je nach Sozialstatus, Herkunft, Geschlecht variieren. Männer werden eher aktiv und bedrohlich dargestellt – zunächst im Zusammenhang mit Kriminalität, Gewalt, Drogenhandel. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 dominiert das Bild des „Terroristen“ – vor allem von zugewanderten Männern aus arabischen Ländern. Frauen erscheinen dagegen vor allem als schutzbedürftige Opfer im Kontext von Prostitution, Menschenhandel, in der „Kopftuchdebatte“ als unterdrückte Muslima. Gemeinsam ist beiden Geschlechtern eine zumeist negative Darstellung im Zusammenhang mit Islam, Parallelgesellschaft, Asyl. So weigert die Bundesregierung sich zurzeit, Flüchtlinge aus Nordafrika aufzunehmen – mit dem Argument, sie belasteten das deutsche Sozialsystem. Daneben gibt es aber zunehmend mediale Präsentationen von erfolgreich Integrierten, deren ökonomischer und demografischer Nutzen für die deutsche Gesellschaft betont wird.

Das sind Ergebnisse verschiedener Studien über Zugewanderte in den Medien – zumeist vermeintlich geschlechtsneutral als „Migranten“ gefasst. In ersten Arbeiten seit Mitte der 90er Jahre findet sich zwar auch eine Thematisierung der Doppeltdiskriminierung von Migrantinnen qua Herkunft und Geschlecht, die später auf andere Differenzsetzungen wie Schichtzugehörigkeit erweitert wurde. Doch Forschungsgelder für größere systematische und repräsentative Untersuchungen zum Themenkomplex flossen erst in diesem Jahrtausend.

Musterbeispiele für Integration

So konnte die Berliner Journalistikprofessorin Margreth Lünenborg 2008 das Projekt „Migrantinnen in den Medien“ starten, das vom nordrhein-westfälischen Integrations-Ministerium gefördert wird. Lünenborg analysierte mit ihrem Team erstmalig auf breiter empirischer Basis die Repräsentation von Migrantinnen in deutschen Tageszeitungen und befragte junge Frauen mit und ohne Zuwanderungshintergrund zu Bildern von Migrantinnen in ihren Köpfen und den Medien. Nach den Befunden dominiert zwar weiterhin das Bild des hilfsbedürftigen Opfers. Aber es gibt auch andere Rollen. So tauchen Migrantinnen in der alltagsnäheren Lokalberichterstattung von Tageszeitungen ganz gleichberechtigt als „Nachbarin“ auf – z.B. im Kollegenkreis oder als Fan des örtlichen Fußballvereins. Eine weitere durchweg positive Rolle ist die der „Erfolgreichen“, die – auch vor allem im Lokalen – als „Musterbeispiel für Integration“ präsentiert wird. Erste Ergebnisse sind in dem gerade erschienenen Buch „Migrantinnen in den Medien“ publiziert (s. Interview S. 12/13).
In der Berliner Studie nannten die befragten Migrantinnen immer wieder ein Vorbild, das bei ihnen allen unumstritten war: Die TV-Moderatorin Nazan Eckes, deren Eltern aus der Türkei stammen. Auf sie seien sie stolz, sie biete positive Identifikationsmöglichkeiten. Eckes ist eines von insgesamt 32 Mitgliedern des Bundesbeirates für Integration, der am 23. Mai 2011 erstmals unter Vorsitz von Staatsministerin Maria Böhmer zusammenkam. 2010 sagte Eckes in einem Interview mit der Neuen Westfälischen: „Es ist unmöglich, wenn man in zwei Kulturen aufwächst, sich festzulegen. Ich finde diese Zwischenwelt ganz schön, darin fühle ich mich wohl. Heute, wo sich Kulturen und Religionen vermischen, kann man überall zu Hause sein. Und ich bin es dort, wo ich mich menschlich und beruflich entfalten kann.“

Doch in einer solchen kosmopolitischen Zwischenwelt können nur wenige leben, denn berufliche und menschliche Entfaltungsmöglichen sind immer noch ungleich verteilt – entlang sozialer, ethnischer, geschlechtlicher, kultureller, religiöser Grenzziehungen. Eine Hürde für qualifizierte Migranten und Migrantinnen ist z.B. ihr Aufenthaltsstatus. So müssen internationale Studierende innerhalb eines Jahres nach ihrem Examen eine Stelle finden, um in Deutschland bleiben zu können und haben keine Chance, sich wie deutsche Staatsangehörige hartnäckig mehrmals zu bewerben. Auch sind KandidatInnen mit Migrationshintergrund oft älter als deutsche, weil sie im Bildungssystem höhere Hürden zu überwinden haben oder aus finanziellen Gründen länger für die Erfüllung der Qualifizierungsvoraussetzungen brauchen. Bei Frauen verzögert die Familienphase zuweilen die berufliche Karriere.

In Anbracht dieser Benachteiligungen hilft nur eine starke Lobby. Die Interessen und Forderungen von Migrantinnen decken sich einerseits mit denen deutscher Frauen, anderseits mit denen von Männern, die auch eine Zuwanderungsgeschichte haben. Bis in die 90er Jahre wurde die doppelte Diskriminierung der Migrantinnen in den Medien qua Geschlecht und Herkunft von deutschen Frauen kaum thematisiert. Zunächst setzten sich einzelne Gleichstellungsbeauftragte wie Pari Niemann beim NDR in Hannover für die Belange von Migrantinnen ein, dann leisteten auch Journalistinnenverbände Lobbyarbeit. Der Journalistinnenbund veranstaltete 2002 eine Tagung zu Gender und Diversity. Die Medienfrauen von ARD und ZDF forderten bei ihrem Herbsttreffen im November 2003 erstmals, MigrantInnen in Sendungen und Personalpolitik stärker zu berücksichtigen.

In der Berliner Befragung kritisieren die jungen Migrantinnen eine „mangelnde Solidarität unter Frauen“. Ihre nicht-deutsche Herkunft scheint für migrantische Journalistinnen bisher ein stärkeres Band zu sein als ihre Geschlechtszugehörigkeit. So gab es seit den 90er Jahren auch verschiedene Anläufe, eine gemeinsame Interessenvertretung von männlichen und weiblichen Medienschaffenden mit Migrationshintergrund aufzubauen. Einige Beispiele aus dem breiten Spektrum dieser Initiativen: Zusammen mit anderen internationalen Studierenden des Dortmunder Instituts für Journalistik initiierte Pantea Bahrami 1996 das Migranten Medien Zentrum MMZ, das über zehn Jahre lang Projekte wie „NRW gegen Rassismus“ und größere Veranstaltungen zu MigrantInnen und Vielfalt in den Medien organisierte.
1999 gründete der Schauspieler Tayfun Bademsoy in Berlin die Agentur „Foreign faces“ – als Lobby für Kollegen und Kolleginnen mit ausländischen Wurzeln, die in deutschen Produktionen mitwirken. Als er 2004 als Geschäftsführer ausschied, leitete Rudolf Oshege die Agentur unter dem Namen „International Actors“ weiter. 2005 schlossen sich Akteure aus Film und Fernsehen, Kultur, Medien- und Migrationsforschung in der Bundesinitiative Fernsehen und Integration zusammen – unter ihnen neben Tayfun Bademsoy andere renommierte Schauspieler und Drehbuchautoren wie Hussi Kutlucan und Feridun Zaimoglu. Inzwischen ist es ruhig geworden um die beim Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) angesiedelte Initiative, die sich für Unterhaltungsformate einsetzt, in denen die Lebensverhältnisse der zugewanderten Bevölkerungsgruppen authentisch dargestellt werden.

In die Debatte einmischen

Die zurzeit wohl stärkste Lobby für Medienschaffende mit Migrationshintergrund ist der Verein „Neue deutsche Medienmacher“, der 2008 entstand. Bundesweit aufgestellt, zählt er mittlerweile über 300 Mitglieder. Er will sich „in die Debatten einmischen und für eine ausgewogenere Berichterstattung und mehr Kolleginnen und Kollegen mit einem so genannten Migrationshintergrund einsetzen – nicht nur vor und hinter der Kamera, dem Mikrophon und an den Redaktionstischen, sondern auch in den Planungsstäben, Führungsetagen und Aufsichtsgremien,“ heißt es auf der Website. So unterstützen die Neuen Medienmacher mit einem Mentorenprogramm die überwiegend migrantischen Studierenden, die beim Bildungswerk Kreuzberg crossmedial für Radio, Fernsehen und Online ausgebildet werden. Der Verein sucht Leute, die in den kooperierenden Redaktionen in relativ hohen Positionen sitzen und bereit sind, als Mentor oder Mentorin aufzutreten.

Auch in Gewerkschaften finden Medienschaffende mit Migrationshintergrund Unterstützung. 2006 wurde im Journalistenverband Berlin-Brandenburg das „Interkulturelle Netzwerk“ gegründet, das „einen Erfahrungsaustausch und die Entwicklung von Forderungen für mehr Interkulturalität in den Medien ermöglichen“ sollte. Koordinatorin Minou Amir-Sehhi organisiert Roundtablegespräche – am 25. Mai z.B. mit Sawsan Chebli, Grundsatzreferentin für Interkulturelle Angelegenheiten des Berliner Senats. Die mittlerweile in der Gewerkschaft ver.di aufgegangene IG Medien hatte bereits 1994 versucht, einen Arbeitskreis Medien und Migranten zu etablieren, der aber wieder auseinander fiel. Etwas Ähnliches gebe es bei ver.di „ jetzt leider nicht“, beschreibt Migrationsbeauftragte Sonja Marko den Status quo und fügt hinzu: „Die Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund sind in der Personengruppe der Freien oder im Fachbereich Medien organisiert. Der Beruf ist für sie wohl eher handlungsleitend als ihr Migrationsstatus“. Das sei im Kampf gegen Diskriminierung hier möglicherweise auch „die hilfreichere Variante“.

So gibt es viele verschiedene Wege zum gleichen Ziel: Menschen in ihrer Individualität zu respektieren – jenseits sozialer, ethnischer, geschlechtlicher, kultureller, religiöser Zuordnungen oder wie es Sonja Marko ausdrückt: „Ich bin ich!“ ‘

 

(Quelle: «M» – Menschen – Machen – Medien.)

Siehe auch:

Gegengift zu Sarrazin. Marjan Parvand ist Vorsitzende der „Neuen deutschen Medienmacher!

Die Prominente und das Opfer. Professorin Margreth Lünenborg über Migrantinnen in den Medien

Lateinamerika: Sexuelle Gewalt an Schulen

Mittwoch, Mai 18th, 2011

Von Tatiana Félix

(Fortaleza, 13. Mai 2011, adital).- “Kinder und Jugendliche erleben auch weiterhin in vielen Ländern Lateinamerikas sexuelle Gewalt. Die Bedrohung sei für Eltern, ExpertInnen und Behörden besorgniserregend. Das erklärte Katherine Romero, Leiterin des Programms für sexuelle und reproduktive Rechte in Lateinamerika der Organisation Women’s Link World Wide. Die Menschenrechtsexpertin nahm Ende April an einer Konferenz in Mexiko teil und bezeichnete die sexuelle Gewalt als ein konstantes Phänomen in öffentlichen Schulen des Kontinents.

Dabei sei, so Romero, gerade die Aufklärung von Eltern und Kindern ein wichtiges Instrument, um sexuelle Gewalt im Schulbereich zu verhindern und Gefahren rechtzeitig erkennen zu können. Abgesehen von gravierenden Fällen von Missbrauch und Vergewaltigung sei es für die Lehrkräfte wichtig, schon bei Berührungen, Schlägen, Beschimpfungen oder Angeboten aufmerksam zu sein. Diese Anzeichen können oftmals schon auf eine Gefährdung hinweisen.

Keine AnsprechpartnerInnen außerhalb der Schulen

Jorge Luis Silva Méndez, Professor an der Juristischen Fakultät des Technisches Instituts von Mexiko erklärte bei dieser Konferenz, dass ein erschwerender Faktor die Behandlung des Problems innerhalb desselben schulischen Umfeldes sei. Außerhalb der Schule fehle es den Opfern an Ansprechstrukturen. SchülerInnen in Mexiko können Übergriffe bei der Beratungsstelle zu Misshandlung und sexuellen Missbrauch von Kindern der Bundeschulbehörde in Mexico D.F. anzeigen. Erst kürzlich wurde in Mexiko der Fall des vierjährigen Luis aus Oaxaca bekannt. Er wies deutliche Spuren sexueller Gewalt auf. Es wird vermutet, dass ein Lehrer und ein weiterer Mann die Tat an einer Schule in Oaxaca begangen haben.

Als weitere exemplarische Fälle für Lateinamerika werden zudem die Beispiele von Patricia Flores aus Bolivien und Paola Guzmán aus Ecuador genannt. Das Mädchen Patricia Flores wurde ermordet, nachdem sie vergewaltigt, gefoltert und stranguliert worden war. Paola Guzmán beging Selbstmord, nachdem sie zwei Jahre lang vom stellvertretenden Schuldirektor sexuell missbraucht worden war.

ExpertInnen beklagen zudem, dass die zuständigen Gerichtsbehörden in ihrem Handeln weiterhin durch Geschlechterstereotypen geleitet werden, wenn die Opfer Mädchen oder Frauen sind. Zu diesen Stereotypen zählen, die Schuld für die Tat den Opfern oder ihren Familien zuzuweisen, die Übergriffe nicht mit der notwendigen Priorität zu verfolgen, sowie eine mangelhafte Qualifizierung der Justizbeamten.

Unsicherheit an Schulen in El Salvador

In El Salvador sind sich Regierung und Polizei uneins, wie die Sicherheit der SchülerInnen garantiert werden soll. Vor einigen Wochen war eine Minderjährige verhaftet worden, die bewaffnet in eine Schule in San Miguel gegangen war. Sowohl Eltern als auch das Lehrpersonal befürchten, dass sich solche Fälle wiederholen. Obwohl nach Aussagen der Polizei bereits sowohl in den Schulen selbst wie auch in deren Umfeld Maßnahmen vorgeschlagen wurden, um die Sicherheit zu verbessern, sind diese Vorschläge den Schulbehörden bislang unbekannt. Auch die Lehrergewerkschaft BMES (Bases Magisteriales de El Salvador) forderte die Polizei auf, die Sicherheitslage in den Schulen zu verbessern. Insbesondere in den Randgebieten seien besondere Maßnahmen notwendig, um die Kriminalität einzugrenzen.

Sensibilisierungskampagne in Guatemala

Nachdem die guatemaltekische Staatsanwaltschaft 45 Fälle von sexueller Gewalt in schulischen Einrichtungen des Landes registriert hatte, wurde seitens der Interinstitutionellen Koordinatorin gegen sexuelle Gewalt in Alta Verapaz eine Kampagne lanciert, um die SchülerInnen auf diese Form der Gewalt aufmerksam zu machen und sie zu sensibilisieren. In Abstimmung mit dem Büro für Öffentlichkeitsarbeit im Präsidialamt werden über 5.000 SchülerInnen aus Cobán und Carchá an einer Sensibilisierungskampagne zu den Risiken sexueller Gewalt teilnehmen. Eine der Hauptforderungen dieser Kampagne ist es, Frauen zu respektieren.

Die Kampagne ist eine gemeinsame Maßnahme des Gesundheits- und Sozialministeriums, der Polizei, des Instituts für öffentlichen Rechtsschutz und der Behörde für Mentale Gesundheit. Sie wird in verschiedenen öffentlichen wie privaten schulischen Einrichtungen umgesetzt. Standardisierte Lerneinheiten sollen dazu dienen, den SchülerInnen eine Orientierung über sexuelle Gewalt zu geben. Die Kampagne ist gleichzeitig Teil einer Strategie der Interinstitutionellen Koordinatorin gegen sexuelle Gewalt in Alta Verapaz. So sollen wiederkehrende Faktoren für sexuelle Gewalt identifiziert und die Erkenntnisse auf weitere schulische Einrichtungen in Guatemala angewendet werden.

(Mit Informationen von Cerigua, Notiese und La Prensa Gráfica)”

 

(Quelle: poonal.)

Europa: Vaterlandslose GesellInnen

Dienstag, Mai 10th, 2011

“Vaterlandslose Gesellen

Stereotyp und Bedrohung: Wie sich die Mehrheitsgesellschaft ihre “Zigeuner” erschaffen hat

Der Antiziganismus-Forscher Markus End erläutert im Gespräch mit dem Pester Lloyd aktuelle Gründe und historische Hintergründe des Hasses auf Roma und wie sich die Mehrheitsgesellschaft “ihre Zigeuner” selbst gebastelt hat. Roma-feindliche Einstellungen sind zwar kein ungarisches, sondern ein europäisches Problem.Doch in Ungarn sind Stereotype und Chauvinismus besonders deutlich, sozusagen lehrbuchhaft, erkennbar. Einen einfachen Ausweg daraus gibt es nicht.

Muszierende Roma in Ungan 1928, archiviert im Deutschen Bundesarchiv

Es ist ein bisschen stiller geworden um die Roma-feindlichen Zustände in Ungarn, seit die spektakulären Morde mit der Festnahme der Verdächtigen anscheinend ein Ende genommen haben. Vorurteile und Hass gegen Roma bleiben jedoch an der Tagesordnung. In einer Umfrage durch die EU 2008 halten 90 % der ungarischen Roma ihre Diskriminierung in Ungarn für weit verbreitet und im europäischen Vergleich für am Ausgeprägtesten. Die Roma-feindlichen Einstellungen sind jedoch kein ungarisches, sondern ein europäisches Problem, denn sie gehören zur gesamteuropäischen Geschichte und Gegenwart.

Um dieses so weitläufige Phänomen angemessen zu beschreiben, spricht die soziologische Forschung daher seit neuestem von „Antiziganismus‟. Über die Ursachen dieses Antiziganismus besteht noch längst keine Einigkeit. Markus End jedenfalls, der sich derzeit als Doktorand am Zentrum für Antisemitismusforschung (TU Berlin) mit dem Thema beschäftigt und den Sammelband “Antiziganistische Zustände” mitherausgegeben hat, sieht diese in den Grundstrukturen der europäischen Tradition selbst begründet: Nationalismus und Arbeitsethos. Weshalb sich das Problem hartnäckiger hält, als einem lieb sein kann…

P.L.: Herr End, Was verstehen Sie unter Antiziganismus?

‚Antiziganismus‘ ist eine relativ neue Wortschöpfung für ein Phänomen, das zwei Ausprägungen aufweist. Auf der einen Seite beinhaltet es die Stereotype und die Vorurteilsstruktur gegenüber sogenannten ‚Zigeunern‘. Mit ‚Zigeuner‘ sind hier ausschließlich die Vorstellungen gemeint, die sich eine Mehrheitsgesellschaft in ihren Köpfen und Schriften zurechtgelegt hat. In der Realität ergeben sich aus diesen Vorstellungen aber fast immer reale Handlungen, von diskriminierenden staatlichen Strukturen bis zu offener physischer Gewalt, von denen zumeist Roma betroffen sind. Dies ist die zweite Seite des Antiziganismus.

P.L.: Roma werden in ganz Europa seit hunderten von Jahren verfolgt. Auch heute, 70 Jahre nach dem Höhepunkt der Verfolgung in dem Völkermord an europäischen Sinti und Roma, ist Diskriminierung, behördliche Andersbehandlung und Gewalt gegen Roma alles andere als eine Ausnahmeerscheinung. So wurden in Frankreich im September bei Polizeikontrollen Roma durch Stempel auf den Arm als solche markiert, in Italien mischte sich 2008 die Hetze gegen Rumänen mit der gegen „Zigeuner‘, was kurze Zeit später zahlreiche Brandstiftungen in Romasiedlungen zur Folge hatte, und in Ungarn kamen bei regelrechten Serienmorden 8 Roma ums Leben. Was haben Roma an sich, das die Europäer so gegen sie aufbringt?

Der letzte Teil der Frage scheint mir falsch gestellt zu sein. Wie ich bereits eingangs zu erklären versucht habe, ist es sehr wichtig streng zu trennen zwischen der antiziganistischen Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft, die sich in vielerlei Hinsicht ihre ‚Zigeuner‘ zusammengebastelt hat und den realen Menschen, also Roma, Sinti, Jenischen oder Irish Travellern, die vom Stereotyp des ‚Zigeuners‘ betroffen sind. Diese Gruppen, wie bspw. ‚die Roma‘, haben nichts an sich, das die Europäer und Europäerinnen gegen sie aufbringt. Noch dazu muss festgehalten werden, dass in jenen Fällen, in denen Stereotyp und Lebensverhältnisse zusammenfallen, oft der Antiziganismus selbst dafür verantwortlich ist: Dies gilt für die häufig hohe Arbeitslosigkeit genauso wie für die häufig schlechte Bildung oder für notdürftige Zeltlager in Städten.

Die Probleme zu Artikulieren ist wichtig, aber findet selten statt.
Viele Roma haben sich schon lange selbst aufgegeben.

Ein besonders deutliches Beispiel ist die Vertreibung der Roma aus dem Kosovo. Diese repräsentierten zuvor eine verhältnismäßig gut integrierte Mittelschicht, häufig mit Immobilienbesitz. Nach der Vertreibung durch nationalistische albanische Gruppen leben viele Kosovo-Roma auf der Flucht, häufig in Arbeitslosigkeit und Armut. Zahlreiche von ihnen sind seit der Staatsgründung des Kosovo staatenlos. Damit entsprechen sie nun dem Cliché-Bild. So hat sich die Mehrheitsgesellschaft ihre ‚Zigeuner‘ nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch ganz real selbst gebastelt.

Ein letzter Aspekt in der Frage des Verhältnisses zwischen Stereotyp und Realität ist, dass die Mehrheitsgesellschaft dazu tendiert, nur jene Roma als Roma zu erkennen, die ins Stereotyp fallen. Wer beruflich erfolgreich ist, fest integriert und gebildet entgeht häufig dem stereotypisierenden Blick. Und viele Roma haben ebenfalls gelernt, dass es klug ist, ihr Selbstverständnis als Roma zu verschweigen. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass sich das Vorurteil oft selbst bestätigt.

P.L.: Wie kommt es dann, dass die Stereotype über Roma überall gleich sind? Wenn Antiziganismus mit den Menschen, die als ‚Zigeuner‘ gesehen werden, nichts zu tun hat, wo liegen dann die Ursachen des Antiziganismus?

Die Ursachen des Antiziganismus liegen meines Erachtens in den sozialen Verhältnissen der Mehrheitsgesellschaften begründet. Die Bedrohungsvorstellung durch die angebliche Nichtsesshaftigkeit der ‚Zigeuner‘ bspw. steht in engem Zusammenhang zur Durchsetzung der Territorial- und später der Nationalstaaten in Europa. Dabei wurden feste Grenzen und eine eindeutige nationale Identität sehr wichtig. Diese Entwicklung war jedoch schon immer ambivalent und uneindeutig. In manchen Staaten finden sich mehrere ‚Nationen‘, manche ‚Nationen‘ waren lange Zeit auf mehrere Staaten aufgeteilt.

Die Armut der Anderen als Bedrohung des eigenen Lebensentwurfes?
Antiziganismus ist ein weitläufiges Problem…

Das Konzept selbst ist in sich widersprüchlich: Einerseits soll erst der Staat die Staatsbürgerschaft verleihen, andererseits sollen die Nationen aber bereits Tausende Jahre vorher existiert haben. ‚Blutrecht‘ und ‚Bodenrecht‘ werden miteinander vermischt. Diese Ambivalenzen werden nun in der Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft unter anderem den ‚Zigeunern‘ zugeschrieben. Sie repräsentieren dabei einen angeblich vormodernen Gegenpol zu dieser nationalstaatlichen Entwicklung. Sie ignorieren scheinbar die staatlichen Grenzen und lassen sich nicht in die angeblich fest verwurzelten nationalen Identitäten einteilen. Werden sie verfolgt und beseitigt wird auf diese Art und Weise symbolisch die ‚nationale Ordnung der Welt‘ wieder hergestellt. Das heißt im Klartext, dass sich bspw. die ungarische Identität ganz eindeutig in Abgrenzung zu ‚den Zigeunern‘ herstellt. Zum Zweiten macht es all jenen, die sich nicht so eindeutig mit der Nation identifizieren klar, dass sie damit potentiell mit Verfolgung zu rechnen haben, weil sie sich ‚zigeunerisch‘ verhalten. So wird der Vorwurf des ‚vaterlandslosen Gesellen‘ zu einer offenen Drohung.

Auf eine ähnliche Art und Weise entstehen die Stereotype der ‚zigeunerischen Faulheit‘ und der ‚Zigeunerkriminalität‘. Diese Vorstellungen stehen in engem Zusammenhang mit der Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft in Europa seit dem siebzehnten Jahrhundert. ‚Fleiß‘ und später ‚Produktivität‘ werden zu zentralen Tugenden der europäischen Gesellschaften. ‚Wer nicht arbeitet soll auch nicht leben‘ könnte dieses neue Motto genannt werden.

‚Zigeuner‘ werden in den antiziganistischen Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft widerum zum vormodernen Gegenpol stilisiert. Ihnen wird genau das vorgeworfen, nicht zu arbeiten und trotzdem zu leben, indem sie vorgeblich wie ein ‚Parasit‘ am Leib der ‚Wirtsgesellschaft‘ – oder mit nationalsozialistischen Termini ausgedrückt am ‚Volkskörper‘ – leben würden. Auch hier tauchen beide oben erwähnten Funktionen wieder auf: Zum Ersten benötigt der Stolz auf die eigene ‚ehrliche Arbeit‘, auf den ‚Fleiß‘ zur Abgrenzung die Vorstellung von der ‚zigeunerischen Faulheit‘. Wenn diese ‚ehrliche Arbeit‘ – wie in Krisenzeiten – nicht dazu führt, dass die Volkswirtschaft rund läuft, werden folglich unter anderem ‚die Zigeuner‘ dafür verantwortlich gemacht. Zum Zweiten werden auch hier Drohungen an all jene ausgesprochen, die sich vermeintlich ‚zigeunerisch‘ verhalten. In vielen Diskursen werden Begriffe wie ‚Asoziale‘, ‚Bettler‘ und eben ‚Zigeuner‘ beinahe synonym verwendet.

Eine ähnliche Analyse lässt sich für viele andere zentrale Stereotype des Antiziganismus durchführen: Patriachale Vorstellungen einer tugendhaften Weiblichkeit, die sich dem Mann unterzuordnen hat bspw., benötigen als Gegenbild die Vorstellung der triebgesteuerten hochsexualisierten ‚Zigeunerin‘ à la Carmen, die die Männer um den Verstand bringt und somit ihre Vorherrschaft bedroht.

P.L.: Heißt das: Die dominierende Identität stärken bedeutet immer, die Roma zu schwächen? Oder auf Ungarn bezogen: Die Berufung auf „ungarische Werte‟ und der „physische und psychische Schutz des Ungarntums‟ – die Existenzrechtfertigung der „Ungarischen Garde‟ – führt im Ergebnis zur Ausgrenzung und Abwertung von Roma?

Diese Frage würde ich mit ‚ja‘ beantworten. Solche Äußerungen meinen in letzter Konsequenz implizit oder explizit immer, dass all jene Gruppen, die in diesem Sinne nicht zum ‚Ungarntum‘ gezählt werden, beseitigt, kontrolliert, eingeschränkt, beherrscht oder gar vernichtet werden müssen. Dabei sind die als ‚Zigeuner‘ gedachten Roma nicht die einzige Gruppe, die als Gegenbild zu einer ungarischen Identität fungieren. Bei der „ungarischen Garde‟ findet sich bspw. auch ein ausgeprägter Antisemitismus sowie eine starke antislowakische Einstellung.

Beerdigung einer Mutter, die 2009 in Ungarn von Extremisten erschossen worden ist.

P.L.: Die Ausführungen sind sehr theoretisch und gründen sich auf eine lange Vorgeschichte. Gibt es nicht naheliegendere Gründe für den Hass gegen Roma? In Ungarn zum Beispiel. In der Wirtschaftskrise hat der Antiziganismus Konjunktur…

Das muss sich nicht widersprechen. Was ich bis jetzt geschildert habe, ist der allgemeine gesellschaftliche Hintergrund des Antiziganismus. Damit ist aber noch sehr wenig darüber ausgesagt, in welchen historischen Situationen er sich stärker oder schwächer ausgeprägt zeigt. Aber die Verknüpfung mit der Idee der ‚ehrlichen Arbeit‘ deutet bereits darauf hin, dass es in einer Wirtschaftskrise, in der diese Idee ins Wanken gerät, wahrscheinlich ist, dass der Hass auf den vorgestellten Gegenpol der ‚ehrlichen Arbeit‘ zunimmt. Das geht bis hin dazu, dass die ‚Zigeunerkriminalität‘ für einen Teil der Krise verantwortlich gemacht wird.

P.L.: Was haben Antiziganismus und Kirche miteinander zu tun? Die Werte bestimmter christlicher Kirchen, Enthaltsamkeit, Fleiß und Sparsamkeit – die protestantische Ethik –, enthalten viele der von Ihnen erwähnten Elemente. Die konservativen bis rechtsextremen Bewegungen in Ungarn wie Jobbik berufen sich, neben der Nation, auch auf die Kirche. Ist nicht der Antiziganismus ein schlechtes Erbe der Religion?

Diese Frage muss in dreierlei Hinsicht beantwortet werden. Mit einem „Ja‟ in der Hinsicht, dass in der frühen Neuzeit der Antiziganismus sehr stark religiös geprägt war: ‚Zigeunern‘ wurde u.a. vorgeworfen mit dem Teufel zu paktieren, die Nägel für die Kreuzigung Christi geschmiedet zu haben, der heiligen Familie auf dem Weg nach Bethlehem die Herberge verweigert zu haben, von Kain abzustammen und ihre Religion ständig zu ihrem eigenen Vorteil zu wechseln. Diese religiösen Bilder – zur damaligen Zeit schwere Vorwürfe – sind heute nicht mehr dominant, doch gehören sie weiterhin gewissermaßen zum kulturellen Gedächtnis.

In zweiter Hinsicht kann ich die Frage ebenfalls mit einem – eingeschränkten – „ja‘ beantworten. Religion im Allgemeinen und auch das Christentum weisen immer enge Verbindungen zu den sozialen Verhältnissen auf. Andererseits wird Religion auch immer von den je aktuellen Geistesströmungen verschieden interpretiert. Sie haben ja selbst auf die „protestantische Ethik‟ hingewiesen, ein Begriff, der ja erst durch Max Webers Untersuchung seines Verhältnisses zum „Geist des Kapitalismus‟ berühmt geworden ist. Religionen bilden bis zu einem gewissen Grad also auch eine Art Legitimationsbasis für die jeweils vertretenen Ideologien und Positionen. Insofern beziehen sich die Konservativen und Rechtsradikalen auf ihnen genehme religiöse Positionen und können auch damit ihren Antiziganismus begründen. Ich glaube allerdings nicht, dass ihr Antiziganismus direkt aus der antiziganistischen Tradition des Christentums herrührt.

P.L.: Welchen Einfluss hatte der Systemwechsel auf den Antiziganismus? Im Kádár-Regime wurden die Roma zwangsumgesiedelt und zur Arbeit gezwungen, jetzt ist die Arbeitslosigkeit ihr Hauptproblem. Doch der Antiziganismus scheint in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks zuzunehmen…

Ein Grund für das starke Anwachsen des Antiziganismus seit dem Systemwechsel ist das Wiedererstarken nationalistischer Bestrebungen besonders in Ost- aber auch in Westeuropa. Politik wird an ‚ethnischen Gruppen‘ orientiert und ‚ethnische Spannungen‘ diktieren die Tagesordnung. Diese Politik steht in der Tradition des Nationalismus, den ich bereits eingangs als eine der Ursachen des Antiziganismus beschrieben habe. Veränderte Anforderungen durch die neue Wirtschaftsordnung  und eine sich verschlechternde ökonomische Situation haben zu massenhaften Entlassungen geführt, die in vielen Staaten gemäß ethnisierter Arbeitsteilung zuerst jene getroffen haben, die in antiziganistischer Weise als ‚fremd‘ und noch dazu als ‚faul‘ wahrgenommen wurden: die Roma.

Dieses Haus in Nordostungarn wurde erst angezündet,
der flüchtende Vater und sein Kind hingerichtet. Ungarn 2009.

P.L.: Herr End, heißt das alles in allem, dass eine Beendigung der Diskriminierung nicht zu erwarten ist? Oder anders gefragt: auf welchen Wegen lässt sich der Antiziganismus überwinden? Welche Erfolgsaussichten sehen Sie für Ungarn?

Ich bin in dieser Hinsicht leider eher pessimistisch. Die Ursachen des Antiziganismus liegen tief in der europäischen Kultur und Tradition begraben. Diese vollkommen zu beseitigen erscheint derzeit nahezu unmöglich. Aber es ist möglich auf politischem Wege zumindest die Bedingungen dafür, dass sich die Vorurteilsstruktur des Antiziganismus in praktische Handlungen wie Sprengstoffanschläge, Polizeiwillkür und diskriminierende Schulpolitik – um nur drei zufällige aber für Roma in Ungarn alltägliche Beispiele zu nennen – zu beschneiden. Dazu gehören eine Reihe von Defensivmaßnahmen wie durchsetzungsfähige Antidiskriminierungsgesetze, die Beendigung der staatlichen Segregationspolitik, die politische Ächtung hetzerischer Medienberichterstattung und – nicht zuletzt – die vollständige Anerkennung der Roma als Opfer der Massenvernichtung durchgeführt in gemeinsamer Arbeit durch die nationalsozialistischen Deutschen und die ungarischen Pfeilkreuzler. Dies wären Maßnahmen, die in der Gegenwart politisch durchsetzbar wären.

Allerdings muss auch hier festgehalten werden, dass der ernsthafte politische Wille, eine solche anti-antiziganistische Politik durchzusetzen einerseits meist nicht vorhanden ist und andererseits keinesfalls viele Stimmen bei den anstehenden Wahlen einbringen würde. Ich befürchte also alles in allem eine weitere Verschlechterung der Situation der Roma in Ungarn.

P.L.: Warum können Roma nicht einfach in die ungarische Identität aufgenommen werden? Immerhin war Ungarn mal ein „Vielvölkerstaat‟, der den Roma, als sie 1498 in Deutschland für vogelfrei erklärt wurden, ein gastliches Asyl gewährt hat…

Bitte erlauben Sie mir, zuerst einmal an der These eines gastlichen Asyls in Ungarn zu zweifeln. – Zu Ihrer Frage: Es spricht theoretisch nichts dagegen, die ungarische Minderheit der Roma als einen Teil der ungarischen Identität anzunehmen. Es gibt keine unüberwindlichen kulturellen Gegensätze oder Ähnliches. Und alle Nationen weisen trotz aller nationalen Propaganda sehr unterschiedliche kulturelle Traditionen auf.

Das Problem liegt bei der ungarischen Mehrheitsbevölkerung, die Roma nicht einfach als eine Gruppe von Menschen wahrnimmt, die seit Jahrhunderten unter systematischer Ausgrenzung und Verfolgung zu leiden hat, sondern eben als ‚Zigeuner‘.

Das Gespräch führte Frederic Heine”

 

(Quelle: Pester Lloyd.)