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Europa: Viele junge AfrikanerInnen kämpfen mit Identitätsproblemen

Donnerstag, Oktober 28th, 2010

“Weder Afrikaner noch Europäer

Wie junge ÖsterreicherInnen afrikanischer Herkunft von beiden Gesellschaften abgelehnt werden. Ein Beispiel aus dem Leben eines jungen Österreichers aus Ghana.Kofi Akwanpa** sieht sich gern als “echter Wiener ghanesischer Herkunft”. Vor 25 Jahren kam er in Wien zur Welt. Vor 30 Jahren kamen seine Eltern nach Wien um zu studieren. Der Vater, der jetzt in Ghana lebt, absolvierte die Wiener Technische Universität und die Mutter das Studium der Politikwissenschaften an der Universität Wien. Beide aus Ghana, kamen sie aus zwei verschiedenen ethnischen Gruppen, die sich sprachlich unterscheiden. Ihre drei Kinder wuchsen viersprachig auf. Englisch, Deutsch, Fante und Ewe. A la longue war es, wie Kofis Mutter sagt, “stressig” und verwirrend sowohl für die Eltern als auch für die Kinder, so weiter zumachen. Sie entschlossen sich, ihre drei Kinder nur auf English und Deutsch zu erziehen. Was für sie wesentlich leichter war. Zuhause sprach man Englisch und sogar Deutsch. Schulaufgaben wurden auf Deutsch gemacht.

Kofi Akwanpa ist in Österreich geboren, spricht perfekt Deutsch, hat in Österreich studiert und fühlt sich nicht akzeptiert. Kofi Akwanpa spricht perfekt Deutsch und ist sehr stolz, sogar auch wienerisch reden und schreiben zu können. Fragt man ihn nach seiner Muttersprache antwortet er stolz: “Deutsch natürlich”. “Hier bin ich in die Schule gegangen, habe hier in Österreich studiert, habe meine Freunde hier. Anders gesagt: ich bin in Österreich sozialisiert worden.” Obwohl er seit seinem zweiten Lebensjahr alle zwei Jahre mit den Eltern nach Ghana gereist ist, kann er sozialisationsmäßig mit Ghana nicht viel anfangen, obwohl “ich das Land und die Leute sehr schätze”.

Für die Eltern war es wichtig den Kindern beide Kulturen nahe zu bringen. Kofi erinnert sich an Skiurlaube in Tirol, Vorarlberg und der Steiermark und betont “wir waren immer die einzige afrikanische Familie, wo immer wir skifahren waren”. Auch Urlaube auf Bauernhöfen, Ausflüge in mehrere touristische Orte Österreichs wie Mariazell, Großglockner, sogar Melk und Radenthein in Kärnten gehören zu Kofis Kindheitserinnerungen.

Bezüglich der Heimat seiner Eltern erinnert sich Kofi: “Als ich 21 war, besuchte ich die Familien meiner Eltern in Ghana. Dort tauchten die ersten Heimatgefühle auf. Ich fühlte mich mehr als Österreicher denn als Ghanese”. Er entschloss sich nach 13 Tagen Urlaub zurück nach Österreich zu kehren. Was zu einem Wirbel in der Familie geführt hatte. “Mein Vater verstand es nicht und meine Mutter schwieg”, sagt er leise. “In Ghana war ich in den Augen vieler leider immer der `weisse` Ghanese, der aus Europa kommt und der bald wieder gehen wird”. In Ghana langweilte er sich sehr “weil ich nicht zuhause (in Wien) war”. Er konnte sich zwar auf English ausdrücken aber es fehlte ihm, was er jahrelang in Österreich aufgebaut hatte: “Meine Gefühle, meine Umgebung, meine Freunde, meine Clubs, meine Lokale, meine Sportkamaraden, meine Beziehungen. Einfach gesagt, mein Sozialisationsmilieu.”

Kofi fühlt sich als Österreicher, glaubte hier seine Heimat zu haben. Nach der Uni musste er aber bittere Erfahrungen machen. Nach dem Abschluss seines BWL Studiums an der Wirtschaftsuniversität in Wien “mit ausgezeichnetem Erfolg”, wie er präzisiert, wollte er Karriere im Bankbereich machen. “Eine rosige Zukunft für mich”, träumte er damals. Weil “ich mit Zahlen und Menschen sehr gut umgehen kann. Beide waren seit Jahren meine Stärken”. Um eine Karriere zu machen, wollte er von ganz unten beginnen. Er bewarb sich in einer bekannten österreichischen Bank und wollte am Schalter beginnen. Er wollte, wie er formuliert “direkten Kontakt mit Menschen haben.” Ein unrealistischer Traum als Österreicher schwarzer Hautfarbe. Er wurde nicht aufgenommen. Einige Wochen später erfuhr er durch einen Freund, der auch bei dieser Bank arbeitete, dass es für diese Bank “negative Folgen auf die traditionelle österreichische Kundschaft hätte”, einen Schwarzen am Schalter zu beschäftigen. Ghana ist das Land meiner Eltern, nicht meines.

So ähnliche Geschichten hatte er in seinem Wiener afrikanischen Freundeskreis sehr oft gehört. “Viele meiner FreundInnen wurden an öffentlichen Stellen und bei unterschiedlichen Firmen nicht akzeptiert, weil die Firmen argumentierten, die Kunden würden protestieren und sie ihre Kundschaft verlieren.” Ein Killerargument für jeden Jobsuchenden. “Ich wollte mich auch sichtbar zeigen, nicht immer in irgend einem Keller oder Büro zu arbeiten, wo ich nur Kontakt zu Papier habe. Das wäre für diese Bank eine Revolution gewesen … auch die internationale Profilierung, nicht nur in Zahlen und Ländern, sondern auch im Mitarbeiter-Bereich zu zeigen.” In Österreich werde er nicht als Österreicher wegen seiner Hautfarbe nur an “manchen Orten akzeptiert und toleriert” will er präzis formulieren, obwohl er sein ganzes Lebens hier verbracht hat, perfekt Deutsch spricht und hier ein Studium brillant abgeschlossen hat. In Ghana werde er akzeptiert, aber es fehlt ihm seine soziale und kulturelle Umwelt. Was ihm Integrationsschwierigkeiten bereiten würde. Ein Identitätsproblem. “Ich bin in Österreich sozialisiert worden, habe meine besten Freunde hier und bin gern in diesem Land”.

Aber es tut ihm wirklich weh, dass viele ÖsterreicherInnen aber auch viele österreichische Institutionen noch nicht bereit sind, schwarze Menschen als ÖsterreicherInnen zu akzeptieren. “Aber das ist eigentlich kein österreichisches Phänomen”, bemerkt er. Ganz Europa tut sich schwer mit Menschen unserer Hautfarbe umzugehen, obwohl mehrere seit Generationen hier leben und arbeiten. “Ich kenne afrikanische Familien, die seit drei Generationen in Österreich leben. Die Kinder dieser Familien haben immer nach der Matura Österreich verlassen, um in England oder den USA zu studieren. Was, meine ich, für mein Land Österreich beschämend ist.” Inzwischen haben seine fünf Universitätsfreunde Jobs entsprechend ihrer Ausbildung bekommen. Er arbeitet auch in einem bekannten IT Unternehmen und habe viel Spass dabei. Aber sein Traum als Bankier hat sich nicht erfüllt und das wegen … “meiner Hautfarbe”.’

 

(Quelle: Afrikanet.info.)