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Südafrika: “Kirche hat ihre Rolle noch nicht gefunden”

Freitag, April 23rd, 2010

Interview mit dem evangelischen Pfarrer und Widerstandskämpfer Ben Khumalo-Seegelken, der seit 1975 in der Bundesrepublik Deutschland lebt; er erinnert sich an die Zukunft der Apartheid – und blickt in die Zukunft seines Heimatlandes.

evangelisch.de: Herr Pfarrer Khumalo-Seegelken, wie haben Sie von der Freilassung Nelson Mandelas erfahren?

Khumalo-Seegelken: Von meiner Familie. Mein Bruder rief mich an und teilte mir es mit.

evangelisch.de: Was ging da in Ihnen vor?

Khumalo-Seegelken: Ich konnte es nicht glauben, es war unbeschreiblich. Wir hatten uns das sehr lange gewünscht und darauf gehofft – als es dann geschah, wollte es mir nicht in den Kopf. Eine große Freude, unfassbar. (…)

evangelisch.de: Welche Rolle spielen heute Glaube und Kirchen?

Khumalo-Seegelken: Es gibt Menschen mit Rückgrat – Menschen, die in der Zeit der Apartheid auch dann, wenn die vielen Stimmen des gewaltfreien Widerstands nicht mehr vernehmbar waren, dennoch ihre Stimme erhoben haben unter Inkaufnahme großer Gefährdung – etwa Desmond Tutu. Es sind Menschen, die im neuen Südafrika auch gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat klare Worte finden und deutlich Partei ergreifen für Opfer von Unrecht. Es sind Menschen, die in der Tradition des christlich motivierten Widerstandes diese Linie weiterziehen. Doch auch Nichtregierungsorganisationen außerhalb der Kirche haben zum Beispiel den Wahrheits- und Versöhnungsprozess begleitet. Dabei erhielten Menschen Raum, die keine Möglichkeit hatten, im Rahmen der Anhörungen ihr Leid zu klagen, mit den Verfolgern von damals über das zu reden, was geschehen war, und Versöhnung und Vergebung zu suchen. Diese Organisationen und Interessengemeinschaften sind konfessionsübergreifend und auch nicht nur christlich oder kirchlich bestimmt. Die institutionalisierte Kirche, sei es im Zusammenschluss des Südafrikanischen Kirchenrates oder aber die verschiedenen Konfessionen, die es im Lande gibt, glänzt im neuen Südafrika des Öfteren durch Abwesenheit, wo ihre Stimme nötig wäre.

evangelisch.de: Woran liegt das?

Khumalo-Seegelken: Meiner Beobachtung nach hat die institutionalisierte Kirche ihre kritisch-konstruktive, begleitende Rolle in einer demokratischen Gesellschaft noch nicht gefunden. Es gibt im Land noch die Apartheidgeografie, und die Struktur der Trennung und des beziehungslosen Nebeneinanders, wie es vorhanden war, ist noch heute in den institutionalisierten Kirchen zu finden. Am Sonntagvormittag ist Südafrika am getrenntesten – wenn jeder und jede im Gottesdienst mit denjenigen zusammen ist, mit denen man auch zur Apartheitszeit gezwungenermaßen zusammen war. Wege in die Richtung, dass Christinnen und Christen gemeinsam den Alltag gestalten und dem Staat vormachen, wie es werden könnte, wenn Menschen miteinander lebten, lassen sich nur hier und dort in Einzelfällen finden. Nach wie vor sind Menschen weißer Hautfarbe unter Menschen weißer Hautfarbe, und Menschen schwarzer Hautfarbe unter Menschen schwarzer Hautfarbe. Und es gibt auch Kirchen, etwa die Evangelisch-Lutherische Kirche, die die Strukturen aufrechterhalten haben, die in der Apartheidszeit entstanden waren. Eine lutherische Kirche für Weiße und eine für Schwarze bestehen nebeneinander. Seit der Demokratisierung, also seit 15 Jahren, haben wir den Schritt nicht vollzogen.

Fußball-WM in einem Land, das im Aufbruch ist

evangelisch de: Es bleibt also noch viel zu tun …

Khumalo-Seegelken: Ja, im neuen Südafrika ist in den vergangenen 15 Jahren weniger in Bewegung gekommen, gerade in den institutionalisierten Strukturen der Kirche, als hätte zustande kommen können.

evangelisch.de: Im Sommer nun steht die Fußball-Weltmeisterschaft bevor. Welches Südafrika kann die Welt dort erleben?

Khumalo-Seegelken: Die Welt kann ein Südafrika erleben, das im Aufbruch ist. Das in seinem Alltag die großen Widersprüche zwischen Arm und Reicht deutlich an den Tag legt. Ein Südafrika, das aber großes Potenzial hat, es gibt viele junge und engagierte Menschen in politischer Verantwortung, die den Aufbruch weiter entfalten wollen. Es ist ein ermutigendes und anspornendes Bild.

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(Quelle: evangelisch.de.)