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Afrika: Ungebremster Landraub

Freitag, November 18th, 2011

“Land für Konzerne

Millionen Hektar fruchtbarer Boden in Afrika an ausländische Investoren verkauft

Von María José Esteso Poves *

Mehr als 47 Millionen Hektar bebaubarer Boden sind weltweit allein 2009 an internationale Konzerne verkauft worden, zwei Drittel davon in Afrika. Diese Zahlen teilte die Weltbank in einer 2010 veröffentlichten Studie mit, räumte jedoch zugleich ein, daß die realen Werte aufgrund der fehlenden Transparenz dieser Geschäfte noch höher sein könnten. Tatsächlich kommen unabhängige Organisationen wie das Global Land Project auf deutlich höhere Angaben. Dieser Vereinigung zufolge sind im gleichen Zeitraum allein in Afrika 63 Millionen Hektar Grund und Boden an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet worden.

Während internationale Konzerne so bebaubares Land »hamstern«, hungern die Menschen. Mehr als zehn Millionen erleben derzeit am Horn von Afrika eine der härtesten Hungersnöte der Geschichte. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) nannte als Ursache für die Katastrophe die schlimmste Dürre im Osten Afrikas seit 30 Jahren. Die für die Bevölkerung immer knapper werdenden Naturressourcen durch den Verkauf der Ländereien an ausländische Unternehmen erwähnte die Organisation hingegen nicht. Die von afrikanischen Regierungen willkommen geheißenen Investoren nutzen die Flächen vor allem für die Herstellung von Biokraftstoff für die Industrienationen, während immer weniger Boden für die Produktion von Lebensmitteln zur Verfügung steht.

In Afrika leben 80 Prozent der Bevölkerung auf bäuerlichen Familienbetrieben. Darüber hinaus ist in vielen Ländern des Kontinents Grund und Boden Kommunaleigentum. Doch welche Vereinbarungen die Behörden über deren Nutzung mit den transnationalen Konzernen getroffen haben, ist weitgehend unklar. Vor allem Unternehmen aus Saudi-Arabien und China gelten als die größten Aufkäufer von Grundstücken in Afrika, aber auch Kuwait, Katar, Bahrain und Unternehmen aus Schweden, Deutschland und Großbritannien haben sich per Abkommen in Angola, Kenia, Sambia, der Demokratischen Republik Kongo oder Moçambique Ländereien angeeignet. Führend beim Landraub in Afrika ist jedoch Indien. Nach Angaben der indischen Wirtschaftszeitung The Economist Times haben mehr als 80 indische Unternehmen in Plantagen in Kenia, Äthiopien, Madagaskar, Senegal und Moçambique investiert, die für den indischen Markt produzieren.

Der Experte Gustavo Duch bezeichnete diese Politik als »einen harten Angriff auf die Ernährungssouveränität der Völker«. Er wies auch das von offizieller Seite gern vorgebrachte Argument zurück, daß die fraglichen Ländereien ansonsten »verschwendet« seien. Tatsächlich böten die Wälder und Ackergebiete Anbaumöglichkeiten für die vielen kleinen Dörfer und Ansiedlungen.

Eine Vorreiterrolle beim Ausverkauf des eigenen Landes spielt Äthiopien. Allein in der Amtszeit des Präsidenten Meles Zenawi seit 1995 wurden in der Region Gambella mehr als 2500 Kilometer an fruchtbarem Grund und Boden an Unternehmen aus 36 Ländern verpachtet. In diesem Jahr sollen hier mehr als 15000 Menschen umgesiedelt werden, um ihnen »einen besseren Zugang zu Wasser, Schulen und Verkehr« zu ermöglichen. Die äthiopische Regierung versichert, daß alle diese Umsiedlungen »freiwillig« erfolgen, doch der eigentliche Grund ist der Ausverkauf des Landes, der den Familien die Lebensgrundlage entzieht.

Gegen diesen Landraub wächst der Widerstand. Mehr als 500 Bauern- und Umweltorganisationen sowie Gewerkschaften richteten während des Pariser G-20-Gipfeltreffens einen Appell an die führenden Industriestaaten. Zwischen dem 17. und 20. November wollen sie sich in Nyeleni in Mali treffen, um dort gemeinsame Strategien gegen den weiteren Verkauf von Grundstücken zu vereinbaren.

Der Beitrag erschien zuerst in der spanischen Wochenzeitung Diagonal. Übersetzung: Carmela Negrete

* Aus: junge Welt, 1. November 2011″

 

(Quelle: AG Friedensforschung.)

Botswana: ” Ohne unser Land sterben wir “

Freitag, Juni 3rd, 2011

“Dankesrede von Roy Sesanazur zur Verleihung des Right Livelihood Awards, Stockholm, 2005

Mein Name ist Roy Sesana. Ich bin ein Buschmann vom Stamm der Gana und Gwi aus der Kalahari, die heute Botswana heißt. In meiner Muttersprache heiße ich “Tobee” und unser Land heißt “T//amm”. Wir leben dort schon länger als alle anderen Völker irgendwo auf der Welt.

Als ich jung war, ging ich fort, um in den Bergwerken zu arbeiten. Ich zog meine Felle aus und trug Kleidung. Aber nach einer Weile ging ich wieder nach Hause. Bin ich deswegen weniger Buschmann? Ich glaube nicht.

Ich bin ein Anführer. Als ich noch ein Junge war, da brauchten wir keine Anführer und führten ein gutes Leben. Jetzt brauchen wir sie, da uns unser Land gestohlen wird und wir um unser Überleben kämpfen müssen.

Dass ich ein Anführer bin, bedeutet nicht, dass ich den Leuten sage, was sie zu tun haben. Im Gegenteil: Sie sagen mir, was ich tun soll, um ihnen zu helfen.

Ich kann nicht lesen. Sie wollten, dass ich diese Ansprache schreibe, deshalb haben mir meine Freunde geholfen, aber ich kann keine Worte lesen – es tut mir leid. Aber ich weiß, wie man das Land liest und die Tiere. Alle unsere Kinder konnten das. Wenn sie das nicht gekonnt hätten, wären sie schon vor langer Zeit gestorben.

Ich kenne viele, die Worte lesen können und viele, die – wie ich – nur das Land lesen können. Beides ist wichtig. Wir sind nicht rückständig oder weniger intelligent: Wir leben genau jetzt, im selben Jahr wie Sie. Fast hätte ich gesagt, wir leben unter den selben Sternen, aber nein, sie sind verschieden und es gibt mehr davon in der Kalahari. Die Sonne und der Mond sind der selbe.

Als ich aufwuchs, wurde ich ein Jäger. Alle unsere Jungen und Männer sind Jäger. Jagen bedeutet, zu den Tieren zu gehen und mit ihnen zu sprechen. Man stiehlt nicht. Man geht und fragt. Man stellt eine Falle auf oder geht mit Pfeil und Bogen oder einem Speer. Es kann Tage dauern. Man stellt der Antilope nach. Sie weiß, dass du da bist. Sie weiß, dass sie dir ihre Kraft geben muss. Aber sie rennt und du musst auch rennen. Während du rennst, wirst du wie sie. Es kann Stunden dauern und ihr verausgabt euch beide. Du redest mit ihr und du schaust ihr in die Augen. Und dann weiß sie, dass sie dir seine Kraft geben muss, damit deine Kinder leben können.

Als ich das erste Mal jagte, war es mir nicht gestattet zu essen. Teile der Steinantilope wurden zusammen mit einigen Wurzeln verbrannt und auf meinen Körper gestreut. So lernte ich. Es ist ein anderes Lernen als Ihres, aber es funktioniert gut.

Der Bauer sagt, er sei weiter entwickelt als der rückständige Jäger, aber ich glaube ihm nicht. Seine Herden geben ihm nicht mehr Essen als unsere. Die Antilopen sind nicht unsere Sklaven, sie tragen keine Glocken um ihre Hälse und können schneller rennen als die faule Kuh oder ihr Hirte. Wir rennen gemeinsam durch das Leben.

Wenn ich die Hörner der Antilope trage, dann hilft mir das, mit meinen Ahnen zu kommunizieren – und sie helfen mir. Die Ahnen sind so wichtig: Ohne sie wären wir nicht am Leben. Jeder weiß das tief in seinem Herzen, aber manche haben das vergessen. Wäre irgendwer von uns hier, ohne seine Ahnen? Ich glaube nicht.

Ich wurde zum Heiler ausgebildet. Man muss die Pflanzen und den Sand lesen. Man muss Wurzeln ausgraben und tüchtig sein. Manche der Wurzeln setzt du für morgen zurück, damit deine Kinder und Enkel sie finden und essen können. Du lernst, was das Land dir sagt. Wenn die Alten sterben, dann begraben wir sie und sie werden zu Ahnen. Wenn jemand krank ist, dann tanzen wir und sprechen zu ihnen. Sie sprechen durch mein Blut. Ich berühre die kranke Person und finde die Krankheit und heile sie.

Wir sind die Ahnen der Kinder unserer Enkel. Wir kümmern uns um sie, genau wie auch unsere Ahnen sich um uns kümmern. Wir sind nicht um unserer selbst willen hier. Wir sind hier für einander und für unsere Kinder und Enkelkinder.

Warum ich hier bin? Weil meine Leute ihr Land lieben und weil wir ohne es sterben. Vor vielen Jahren hat der Präsident von Botswana gesagt, dass wir immer auf unserem angestammten Land leben könnten. Wir brauchten eigentlich niemanden, der uns das sagt. Natürlich können wir leben, wo Gott uns erschaffen hat!

Aber der nächste Präsident sagte, wir müssen umsiedeln und begann uns zu vertreiben. Sie sagten, wir müssen wegen den Diamanten gehen. Dann behaupteten sie, wir würden zu viele Tiere töten. Aber das ist nicht wahr. Sie sagen viele Dinge, die nicht wahr sind.

Sie sagten, wir müssten gehen, damit die Regierung uns entwickeln könne. Der Präsident sagt, wenn wir uns nicht verändern, werden wir untergehen wie einst der Dodo. Ich wusste nicht, was ein Dodo war. Aber ich habe es herausgefunden: Es war ein Vogel, der von den Siedlern ausgerottet wurde.

Der Präsident hatte Recht. Sie bringen uns um, indem sie uns von unserem Land vertreiben. Wir wurden gefoltert und man hat auf uns geschossen. Sie haben mich verhaftet und verprügelt.

Danke für die Verleihung des Right Livelihood Awards. Dies ist eine weltweite Anerkennung unseres Kampfes und wird unsere Stimme durch die ganze Welt ertönen lassen. Als ich erfuhr, dass ich den Preis erhalten habe, kam ich gerade aus dem Gefängnis. Sie sagen, ich – der ich hier und heute stehe – sei ein Verbrecher.

Ich frage Sie, was das für eine Entwicklung sein soll, wenn die Menschen kürzer leben als vorher? Sie stecken sich mit HIV an und bekommen Aids. Unsere Kinder werden in der Schule geschlagen und gehen nicht mehr hin. Manche von ihnen werden Prostituierte. Sie dürfen nicht jagen. Sie prügeln sich, weil sie gelangweilt und betrunken sind. Sie beginnen sich umzubringen. So etwas haben wir vorher noch nie gesehen. Es tut weh, dies zu sagen. Ist das “Entwicklung”?

Wir sind nicht primitiv. Wir leben anders als Sie, aber wir leben auch nicht genau so wie unsere Großeltern – genau wie Sie auch nicht. Waren unsere Ahnen “primitiv”? Ich glaube nicht. Wir respektieren unsere Ahnen. Wir lieben unsere Kinder. – Das gilt für alle Menschen.

Wir müssen nun die Regierung daran hindern, unser Land zu stehlen, denn ohne es werden wir sterben.

Wenn jemand viele Bücher gelesen hat und denkt ich wäre primitiv, nur weil ich noch kein einziges gelesen habe, dann sollte er all diese Bücher wegwerfen und sich eines besorgen, das besagt, dass wir alle Brüder und Schwestern unter Gott sind und dass auch wir ein Recht haben zu leben.

Das ist alles. Danke.”

 

(Quelle: Organisation für Eine solidarische Welt.)