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BRD: Geschlechtsspezifische Tötungen – “typisch Islam”?

Samstag, Juni 23rd, 2012
 

Manjoo

 

“Geschlechtsspezifische Tötungen in Deutschland: Tödliche Partnerschaftsgewalt gegen Frauen

Eingabe an die UN Sonderberichterstatterin gegen Gewalt gegen Frauen, Rashida Manjoo, Feb. 2012

Geschlechtsspezifische Tötungen von Frauen und tödlich endende Partnerschaftsgewalt sind auch in Deutschland Realität. Tötungen von Frauen durch Partner bilden dabei häufig die Spitze einer Gewalteskalation und jahrelanger Gewalt in der Beziehung (WAVE 2011: 7).1 Besonders gefährdet sind Frauen während oder nach einer durch sie veranlassten Trennung. Eine repräsentative Umfrage unter Frauen in Deutschland zeigt, dass 14 % der gewaltbetroffenen Frauen von ernstzunehmenden Morddrohungen als einem Teil ihrer Gewalterfahrung berichteten (Schröttle/Müller 2004: 40)2.

Geschlechtsspezifische Tötungen von Frauen in (Ex)Partnerschaften geschehen in Form von Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung mit Todesfolge sowie Körperverletzung mit Todesfolge. Erfahrungen aus der Praxis von Fachberaterinnen legen nahe, dass auch so genannte “erweiterte Suizide” als eine Form von geschlechtsspezifischer Tötung betrachtet werden müssen. In diesen Fällen werden vor einem (versuchten) Suizid des Täters zunächst die Frau und/oder Kinder umgebracht.

Der vorliegende Bericht benennt Problemlagen und Lücken bei der Prävention und im Umgang mit geschlechtsspezifischen Tötungen von Frauen in Deutschland.

1. Mangel an Daten

Nichtregierungsorganisationen (NROs) fordern seit Jahren aussagekräftige Statistiken zu geschlechtsspezifischen Tötungen von Frauen in (Ex)Partnerschaften. Bis heute existiert jedoch keine bundesweite Statistik, die den Beziehungshintergrund zwischen Opfer und Täter aussagekräftig erfasst. In der polizeilichen Kriminalstatistik sind erst im Jahr 2011 entsprechende Voraussetzungen in der Datenerhebung geschaffen worden, so dass zu erwarten ist, dass zeitnah erste Daten vorliegen werden.

Tötungen von Frauen in (Ex)Partnerschaften werden – ohne die systematische Heranziehung von Daten als Einzelfälle bewertet, die nicht durch präventive Maßnahmen oder gezielte Interventionen verhindert werden könnten. Infolge dessen gibt es auch nur vereinzelt Konzepte und Instrumente zur Gefährdungseinschätzung und Identifizierung von Hochrisikofällen und keine gezielte Ausbildung von Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen für Interventionen zum Schutz hochgefährdeter Frauen und ihrer Kinder.

2. Unzureichender Schutz: Erfahrungen und Fälle aus der Praxis von Fachberaterinnen
2.1 Auswirkungen des Umgangsrechts

Eine nähere Betrachtung der Reformen des Umgangsrechts (1998) und des Familienverfahrensgesetzes (2009) macht deutlich, dass ein verbesserter Schutz von Frauen und Kindern vor häuslicher Gewalt im Zuge der Reformen nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stand. Die Reformen zielten darauf ab, das Recht des Kindes auf Kontakt mit beiden Elternteilen zu stärken. Das gemeinsame Sorgerecht als Standard und das sogenannte “beschleunigte Verfahren” sind die Ergebnisse dieser Reformen. Gerichte sind damit angehalten, innerhalb der ersten 4 Wochen nach der Trennung eine vorläufige Entscheidung über das Umgangsrecht vorzulegen, um den fortlaufenden Kontakt des Kindes mit beiden Elternteilen zu gewährleisten. Dies ist für Familien ohne Gewaltvorkommnisse zu begrüßen. Die Regelungen sind jedoch problematisch für Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, da die Tatsache außer Acht gelassen wird, dass sie vor allem in den ersten Wochen und Monaten nach der Trennung dem Risiko einer Gewalteskalation ausgesetzt sind. Dies trifft auch zu für die Phase, in der Umgangsregelungen getroffen werden bzw. im Rahmen der Ausübung des Umgangsrechts. Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, dass 41% der Frauen und 15 % der Kinder während des Besuchskontakts angegriffen wurden; bei 27-29% drohten die Väter mit der Entführung der Kinder und ca. 9% der Kinder wurden tatsächlich entführt. 11% der Frauen berichteten, dass der Angreifer versuchte, sie umzubringen und 27% berichteten über verschiedene andere Formen von Gewalt und Drohungen während der Besuchskontakte (Schröttle/Müller 2004:291f).

Die folgenden Beispiele aus der Praxis veranschaulichen die Risiken, denen Frauen infolge von Sorgerechtsentscheidungen ausgesetzt sind:

Frau C. und Frau D.: Die beiden Frauen freundeten sich im Frauenhaus an. Der Ehemann von Frau C. bekam das Umgangsrecht zugesprochen. Frau C. wurde verpflichtet, die Kinder zu ihm zu bringen und bei ihm zu Hause wieder abzuholen. Ihre Freundin begleitete sie, da Frau C. Angst hatte. Beide Frauen wurden in der Wohnung des Mannes getötet.

Frau E. floh mit ihrer Tochter in ein Frauenhaus. Der Vater der Tochter bedrohte sie weiterhin. Obwohl sie dies den zuständigen Behörden mitteilte, erteilte der Richter dem Vater das Umgangsrecht. Von einem Besuch kam das Kind nicht zurück. Der Vater hatte die Tochter ermordet.

Frau F. suchte mit ihren Kindern (Tochter 11, Söhne 4 &5) Schutz in einem Frauenhaus. Ihr Ehemann drohte (öffentlich), sie umzubringen, wenn sie nicht zurückkäme. Die Tochter hatte Angst vor ihrem Vater und weigerte sich, Kontakt mit ihm zu haben. Die beiden Söhne gingen ihn jedes zweite Wochenende besuchen. Unmittelbar nach einem Besuch beim Vater versuchte einer der Söhne, seine Mutter mit einem Messer anzugreifen. Der psychologische Gutachter hatte Umgangsrecht empfohlen, damit die Söhne ein männliches Vorbild haben.

2.2 Versuchte Tötungen

Nicht nur erfolgte Tötungen, sondern insbesondere versuchte Tötungen stellen ein Sicherheitsrisiko für Frauen dar; problematisch ist hierbei, dass diese häufig nicht als solche wahrgenommen werden. Eine Studie von WAVE (Women against Violence Europe) zeigt, dass die Risikowahrnehmung betroffener Frauen bzgl. einer neuerlichen Gewaltanwendung ihres Partners ein sehr verlässlicher Bewertungsmaßstab ist (WAVE 2011: 9)3. Auch weist dieselbe Studie darauf hin, dass sich “in einer Untersuchung von Femiziden in elf Städten (Campbell, 2003) zeigte, dass nur 47 Prozent der getöteten Frauen und 54 Prozent der Opfer von Tötungsversuchen zuvor die Situation so eingeschätzt hatten, dass sie tatsächlich in Lebensgefahr schwebten”(Roehl et al., 2005 in WAVE 2011:9f).

Fachberaterinnen aus Frauenberatungseinrichtungen und Frauenhäusern berichten von zahlreichen Fällen, in denen Hinweise auf Tötungsabsichten vorliegen insbesondere sind dies “Angriffe gegen den Hals” die jedoch häufig nicht als solche bewertet und verfolgt werden. Gründe dafür sind, dass sie entweder durch einen glücklichen Zufall nicht zum Tod der betroffenen Frau führten oder durch das Einschreiten Dritter oder durch ein Entkommen der Frau verhindert werden konnten. Selbst wenn Gutachter_innen bzw. Rechtsmediziner_innen bestätigen, dass die Frau nur durch einen glücklichen Zufall überlebt hat, ist dies kein Garant für die juristische Wertung als versuchte Tötung.

Fall I

X erlebte fortlaufende und massive Gewalt durch ihren Ehemann und Vater ihrer Kinder (3 und 4 Jahre alt). Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen ihn zu verlassen, zog sie in ihre eigene Wohnung. Ihr Exmann stellte ihr weiterhin nach und konnte trotz einer Anzahl von polizeilichen Interventionen nicht gestoppt werden. Nachdem sie den Scheidungsantrag gestellt hatte, wurden ihm Umgangsrechte erteilt, um seine Kinder zu sehen. Im Mai 2011, als er seine Kinder abholte, griff er sie an und versuchte, sie in Anwesenheit der beiden Kinder zu erwürgen. Das ältere Kind griff in die Situation ein, indem es seinen Vater mit einem Spielzeug schlug und so der Mutter half, sich aus dessen Griff zu befreien. Ein Gutachten bestätigte, dass X ohne das Eingreifen des Kindes gestorben wäre. X´s Exmann wurde angeklagt und wegen Mordes vor Gericht gestellt. Die Anklage wurde fallengelassen, da nicht bewiesen werden konnte, dass er aufgrund des Eingreifens seiner Tochter von der Frau abgelassen hatte.
Deshalb musste das Gericht annehmen, dass er bewusst von seinem Tötungsversuch an X zurückgetreten war. Er wurde lediglich wegen schwerer Körperverletzung zu 3 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Er ging in Revision.

Fall II

Y wurde von ihrem Expartner vergewaltigt und dann bewusstlos geschlagen. Der Gerichtsmediziner bestätigte bei Gericht, dass die Einblutungen in den Bindehäuten der Augen der Frau so massiv seien,dass das Stadium des Erstickens schon erreicht war. Er erklärte, dass er solche Verletzungen zuvor nur an Leichen gesehen habe. Y´s Ex-Partner wurde nicht für versuchten Totschlag verurteilt, da er mit strafbefreiender Wirkung von der Tat zurückgetreten sei. Er wurde lediglich für schwere Körperverletzung mit 5 Jahren Gefängnis bestraft.

3. Rolle der Medien

Da es keine aussagekräftigen Berichte und Datenerfassungen zu geschlechtsspezifischen Tötungen bzw. Tötungsversuchen an Frauen gibt, ist die Berichterstattung der Medien in der Regel die einzige Quelle um Informationen hierüber zu bekommen. Die Folge ist häufig eine Darstellung, die eher einer Mediendynamik als einer adäquaten Realitätsbeschreibung folgt. Sind zum Beispiel Migranten als Täter in Fälle tödlicher häuslicher Gewalt involviert, findet dies große Aufmerksamkeit in der Berichterstattung der Presse. In dieser Berichterstattung wird die Gewaltausübung häufig kulturalisiert und die Fälle werden zu sogenannten “Ehrenmordfällen” deklariert.
Im Jahr 2011 veröffentlichte das Bundeskriminalamt eine Studie zu Fällen, die als “Ehrenmorde” klassifiziert waren und kam zu dem Ergebnis, dass jährlich ungefähr 100 Frauen in Deutschland von ihren Männern getötet werden; nur 3 dieser Fälle könnten als “ehrbezogen” bezeichnet werden (Oberwittler/Kasselt 2011: 40 & 167)4. Reneé Römkens und Esmah Lahlah kommen bei der Analyse der holländischen Situation zu ähnlichen Ergebnissen, sie stellen fest, dass “von 603 Partnerinnentötungen zwischen 1992 und 2006 nicht ein Fall eines tatsächlichen Ehrenmords war”(Nieubeerta und Leistra 2007 in Römkens/Lahlah 2011: 87)5.

4. Instrumentalisierung des Themas zur Verhinderung von Migration

Es besteht die Sorge, dass in Fällen geschlechtsspezifischer Tötungen von Frauen in (Ex)Partnerschaften der Fokus weiterhin auf Communities gerichtet bleibt, die als muslimisch betrachtet oder konstruiert werden. Dieser Fokus kann zu einer politischen Instrumentalisierung und damit zu restriktiven Maßnahmen für Migrant_innen führen, die beispielsweise die Einwanderung bestimmter Gruppen beschränken – wie es im Rahmen der Gesetzgebung zur Bekämpfung der Zwangsheirat geschehen ist. Im August 2007 hat die deutsche Regierung Gesetze verabschiedet, wonach Heiratswillige nichtdeutscher Herkunft ein Mindestalter von 18 Jahren haben müssen. Aus einer menschenrechtlichen Perspektive ist dies problematisch, da Personen, die in Deutschland leben mit elterlicher Einwilligung ab dem Alter von 16 Jahren heiraten können; die Begrenzung der Einwanderung zur Eheschließung auf ein Mindestalter von 18 verletzt damit das Gleichbehandlungsprinzip. Auch wird nunmehr von Heiratswilligen gefordert, dass sie vor Einreise einfache Deutschkenntnisse erwerben müssen. Dies ist ein schwerer Eingriff in die freie Partner_innenwahl – ebenfalls ein Menschenrecht. All diese Maßnahmen wurden eingeführt, um Zwangsehen zu verhindern, tatsächlich verhindern sie jedoch die Einwanderung bestimmter Gruppen von Migranten und Migrantinnen.”

Fußnoten:

1 WAVE (Hrsg.) 2011: PROTECT – Identifizierung und Schutz hochgefährdeter Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt. Ein Überblick.

2 Schröttle Monika/Müller, Ursula (2004) ” Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland”, Berlin BMFSJ. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/langfassung-studie-frauen-teileins,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf (letzter Zugriff 15.2.2012)

3 WAVE – WOMEN AGAINST VIOLENCE EUROPE: PROTECT – Identifizierung und Schutz hochgefährdeter Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt. Ein Überblick. Zweite, überarbeitete Ausgabe, Wien 2011.

4 Dietrich Oberwittler,/Julia Kasselt: Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005; Studie herausgegeben vom Bundeskriminalamt (BKA), Luchterhand 2011 in english: Honour related killings in Germany 1996 – 2005; study relased by the German federal Police (BKA), Luchtehand 2011

5 Reneé Römkens with Esmah Lahlah: Particularly Violent? The Construction of Muslim Culture as a Risk Factor for Domestic Violence. In: Thiara, Ravi K./Condon, Stephanie A./Schröttle, Monika (eds.): Violence against Women and Ethnictiy: Commonalites and Differences across Europe, Opladen, Berlin and Farmington Hills 2011

 

(Quelle: Der Der PARITÄTISCHE Landesverband Rheinland-Pfalz/Saarland e. V..)

BRD: Reise und Rassismus

Freitag, Juni 15th, 2012

“Mit kolonialen Grüßen …

Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet

Wenn wir auf Reisen oder sogar für eine längere Zeit in den globalen Süden gehen, erleben wir ungemein viel und möchten gerne unseren Freund_innen und Verwandten zuhause berichten und sie an unseren Erlebnissen, Erfahrungen und Eindrücken teilhaben lassen. Ganz egal, ob wir als Backpacker_innen unterwegs sind, dort einen Job, einen Freiwilligendienst oder ein Praktikum absolvieren – wir fotografieren und erzählen in E-Mails, Social Media, (Rund-)Briefen, Postkarten oder einem eigenen Blog, was uns bewegt, überrascht, glücklich macht oder irritiert. Zurück in Deutschland geht das Erzählen und das Zeigen von Fotos meist erst richtig los.

Diese Broschüre bietet einen Einstieg für Menschen, die sich Gedanken darüber machen wollen, inwiefern ihre Wahrnehmungen und Berichte über den globalen Süden in koloniale und rassistische Strukturen verwickelt sind. Sie führt in zentrale Themen wie Herrschaftsverhältnisse im globalen Kontext, Kolonialismus und Rassismus sowie in die Wirkungsmacht von Bildern und Sprache ein. Darüber hinaus werden einige der üblicherweise in Berichten auftauchenden Erzählmuster aufgegriffen und analysiert. Leitfragen und Anregungen ermöglichen es den Leser_innen, eigene Vorstellungen, Sprechweisen und Bilder selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen und alternative Handlungsoptionen zu entwickeln.

Broschüre hier als PDF downloadbar

Gedruckte Exemplare können auf Rechnung bestellt werden.
Bitte schicken Sie/schickt uns eine e-mail unter Angabe der Adresse an:
broschuere[at]glokal[punkt]org
Die Schutzgebühr beträgt 2,00 €/Stück, ab 50 Stück 1,50 €/Stück, zzgl. Versandkosten.

Über die Entstehung der Broschüre

Als glokal e.V. arbeiten wir seit einigen Jahren in der (entwicklungs-)politischen Bildungsarbeit, auch in der Vor- und Nachbereitung sowie Begleitung von jungen Menschen, die einen Freiwilligendienst, eine Jugendbegegnung oder einen Schüler_innenaustausch in Ländern des globalen Südens machen. Durch unsere Arbeit ist uns immer wieder aufgefallen, dass viele der Berichte, Blogs und Bilder nicht mit den Inhalten der pädagogischen Begleitung und den Zielen der Organisationen und Förderprogramme übereinstimmen, sondern diesen sogar widersprechen. Während z.B. auf Begleitseminaren die Themen Vorurteile und Rassismus den Trainer_innen oftmals ein Anliegen sind, werden Menschen und Länder des globalen Südens in den Berichten überwiegend stereotyp und rassistisch dargestellt – sei es bewusst oder unbewusst. All dies ist natürlich Teil dessen, wie der globale Süden generell im und durch den globalen Norden, z.B. in Schulbüchern oder in den Medien, repräsentiert wird. Unsere eigenen Erfahrungen als Reisende, Berichte von Freund_innen und Bekannten und das Wissen darüber, dass Teilnehmende von Freiwilligendiensten im globalen Süden oft einen Großteil ihrer Freizeit damit verbringen, mit Freund_innen und Familie zu kommunizieren und vom Erlebten zu berichten, hat uns dazu bewogen, uns diesem Themenbereich zu widmen.”

(Quelle: glokal e.V..)

Äquatorial-Guinea: Fußballerinnen zu erfolgreich?

Donnerstag, Juli 7th, 2011

“Zwischen Wertschätzung und Stigmatisierung

Fußballerinnen in Äquatorial-Guinea

Von Regina Roschmann und Yvonne Weigelt-Schlesinger

Vom 26. Juni bis 17. Juli 2011 findet in Deutschland die Frauenfußball-Weltmeisterschaft statt. Dabei vertreten die Teams aus Äquatorial-Guinea und aus Nigeria – Letztere sind Afrikameisterinnen – den gesamten Frauenfußball in Afrika. Laut ExpertInnen des Fußballweltverbandes (FIFA) hat dieser eine vielversprechende Entwicklung gemacht und blickt in eine aussichtsreiche Zukunft. Allerdings hat man in den meisten afrikanischen Ländern nicht nur mit enormen infrastrukturellen Problemen, sondern auch nach wie vor mit Vorurteilen gegenüber Fußball spielenden Frauen zu kämpfen. Am Beispiel des kleinen westafrikanischen Landes Äquatorial-Guinea beleuchtet der folgende Beitrag den kontrovers geführten Geschlechterdiskurs.

Der schwere Weg zur WM

In der FIFA-Frauen-Weltrangliste rangiert Äquatorial- Guinea im März 2011 auf Platz 61 und ist damit aktuell die viertstärkste afrikanische Mannschaft hinter Nigeria (Rang 27), Ghana (Rang 49) und Südafrika (Rang 58). Zum Vergleich: Deutschland steht an zweiter Stelle, die Schweiz auf Rang 26 und Österreich auf Position 40. Der nationale Verband von Äquatorial-Guinea, die Federación Ecuatoguineana de Fútbol, wurde 1960 gegründet und ist seit 1986 Mitglied der FIFA. Seit 1996 existiert auch ein organisierter Frauenfußballbetrieb. Bei der Frauenfußball- Weltmeisterschaft in Deutschland hat es Äquatorial-Guinea in der Gruppenphase mit den Mitfavoriten Norwegen und Brasilien sowie mit Australien zu tun. In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft ließ Äquatorial-Guinea Länder wie Ghana, Südafrika und Kamerun hinter sich und wurde erst im Finale von Nigeria besiegt. Dennoch kam der Erfolg nicht überraschend. Schon 2008 wurde die Afrikameisterschaft vom äquatorial-guineischen Team gewonnen, und die Mannschaft sorgte schon in der Olympiaqualifikation 2007 zu den Spielen in Beijing mit ihrem Sieg über Favorit Südafrika für Furore. Solche Erfolge eines Landes, das gerade mal 650.000 EinwohnerInnen zählt, lassen offenbar Misstrauen aufkommen und obendrein Spekulationen über das “wahre” Geschlecht von Spielerinnen entstehen. Es regte sich Protest. Anschuldigungen wurden geäußert, in dieser Mannschaft würden Männer spielen. Erklären könnte diese Erfolge aber auch die Tatsache, dass der Frauenfußball erst seit einiger Zeit einen Boom erlebt. Auch andere Länder – vor allem in Afrika – können deshalb derzeit noch nicht auf große personelle Ressourcen zurückgreifen. Die Größe des Landes bzw. die EinwohnerInnenzahl ist also möglicherweise noch kein entscheidendes Kriterium, und auch ein kleines Land kann sich im Wettkampf behaupten.

Wann wird eine Frau als Frau gesehen?

Die Frage nach dem wahren Grund der Erfolge wird sich von Außenstehenden nur schwer beantworten lassen. Dennoch versteckt sich hinter diesem Diskurs eine Problematik, die in letzter Zeit vor allem durch den Fall Caster Semenya für Aufsehen sorgte. Die Südafrikanerin Semenya triumphierte bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin über die Strecke von 800 m und sah sich anschließend u. a. aufgrund ihrer plötzlichen Leistungssteigerung, ihrer tiefen Stimme und ihrem Aussehen mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei keine Frau. Anschließend musste sie sich einem Geschlechtstest unterziehen, der Aufschluss bringen sollte. Bemerkenswert im Falle der aktuellen Vorwürfe gegenüber Äquatorial-Guinea ist in diesem Zusammenhang eine Aussage, die Nigerias Trainerin Eucharia Uche zugeschrieben wird: “Wie schon 2008 spielen bei ihnen zumindest zwei Männer mit”.– “Zumindest” heißt es in diesem Vorwurf; so eindeutig scheint die Sachlage also nicht zu sein. Und sie ist es auch nicht, denn die übliche Unterscheidung in männlich und weiblich, wie sie in den meisten Kulturen gesellschaftlich konstruiert wird, ist aus biologischer Sicht eben nicht so eindeutig. Es gibt z. B. Menschen, die mit einem Y-Chromosom geboren wurden, aber alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau entwickelten, ausgenommen der inneren Sexualorgane. Medizinisch wird diese Konstellation als Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS) bezeichnet. Diese Frauen haben ein XY-Chromosom, sind aber doch keine Männer, da ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert.

Geschlechtstests als Lösung?

Geschlechtstests lösen diese Problematik demnach nicht immer. Aber gerade der Sport nutzt auf formeller Ebene die Unterscheidung in männlich/weiblich als Grundlage zur Strukturierung seiner Wettbewerbe. Ein Abweichen von dieser Einteilung, also die Zulassung von Männern und Frauen in denselben Wettbewerben, würde dem Sport ein konstituierendes Charakteristikum entziehen: die Chancengleichheit. Dass der Sport von dieser binären Unterteilung abweicht und Wettkampfklassen weiter differenziert – z. B. Wettkämpfe für Intersexuelle einführt –, ist aufgrund des hohen Aufwands und der stark traditionell geprägten Strukturen unwahrscheinlich. Neben diesen formellen Kriterien beruhen auch heute noch im Sportsystem die traditionellen Geschlechterrollen auf dem komplementären Schema der “männlichen Stärke” und der “weiblichen Schwäche”. Die Ausübung der “Männersportart” Fußball, gepaart mit der Nichtübereinstimmung des gesellschaftlichen Schönheitsideals von Frauen, gilt als “unafrikanisch” und unwürdig und wird teilweise sogar durch Strafen sanktioniert (vgl. Meier, 2010).
Die Leichtathletikerin Caster Semenya hat im Juli 2010 die Startberechtigung für die Frauenwettbewerbe nach einer Hormonbehandlung zurückerhalten. In ihrer Heimat wird sie als große Sportlerin gefeiert. Aber andernorts könnte an jedem weiteren Sieg ein Makel hängen bleiben, nach dem Motto: die hat zwar gewonnen, aber eigentlich ist sie keine Frau.
Das internationale Olympische Komitee (IOK) will, zwölf Jahre nach der Abschaffung der Sextests, wieder Geschlechtskontrollen für Frauen einführen. Der würdige Umgang mit Menschen, die wahrscheinlich selbst nicht genau wissen, in was für einem Körper sie stecken, bleibt dabei auf der Strecke. Auch wenn das IOK verlauten ließ, dass die besagten Fälle dann nicht öffentlich weltweit kommuniziert würden. Man darf gespannt sein, wie sich die Öffentlichkeit im Sommer bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen gegenüber den Spielerinnen aus Äquatorial- Guinea verhalten wird. Das Ausmaß der Kritik wird sich vermutlich danach messen, wie erfolgreich die Spielerinnen sind und gegen welche Mannschaften sie punkten.

Literaturtipp:
Meier, M.: Banyana Banyana. In: Frauenfussball – Magazin. 1 (3). 4–5 (Aachen, 2010).

Zu den Autorinnen:
Regina Roschmann studierte Sportökonomie in Chemnitz (Deutschland) und Trondheim (Norwegen). Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Chemnitz. Ihre Schwerpunkte sind Fußball und Sportmarketing. // » Yvonne Weigelt-Schlesinger studierte Sportwissenschaft in Chemnitz (Deutschland) und promovierte in Tübingen. Seit 2009 ist sie Assistentin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern. Ihre Schwerpunkte sind Geschlechterforschung, Sportspieldidaktik und Sportbiographien von Frauen mit Migrationshintergrund. “

 

(Quelle: Frauensolidarität.)

Hinweis

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Frauensolidarität”, aus der dieser Aufsatz stammt, finden Sie in unserer Bücherei.

Pakistan: Frauen-Power gegen “Talibanisierung”

Dienstag, Mai 24th, 2011

“Young women fight the ‘Talibanisation’ of rural Pakistan

Eight years ago, a brave 16-year-old girl in Peshawar set up an organisation to challenge the culture of violence that was reinforcing the oppression of women

Much attention has been focused on the process of radicalisation of young men in the areas of Pakistan that border Afghanistan. Peshawar, the town near the border between the two countries, is infamous for being the centre of a vibrant industry and trade in homemade guns. For more than two decades, violence has become the dominant currency of almost every aspect of life in this area of Khyber Pakhtunkhwa, once known as the North West Frontier Province.

So it takes remarkable courage for a 16-year-old girl to decide to challenge how this culture of violence was reinforcing and strengthening the oppression of women. Eight years on, Gulalai Ismail, now a poised 24-year-old, is running two programmes of work – one on gender empowerment and the other on peacebuilding – from her home in Peshawar, where she grew up. Brought to London by Peace Direct, Ismail was talking to youngsters about her work.

“I set up Aware Girls when I was 16 because all around me I saw girls being treated differently to boys. My girl cousin was 15 when her marriage was arranged to someone twice her age; she couldn’t finish her education while my boy cousins were [doing so]. This was considered normal. Girls have internalised all this discrimination – a woman who suffers violence but doesn’t say anything is much admired in the village as a role model. A good woman submits to her husband or father.

“Aware Girls raised awareness of equal status. We did training that women have human rights, and taught leadership skills and how to negotiate within their families and with their parents to get education and to have control over their own lives.”

Ismail is well aware of how the position of women has deteriorated over the course of her life. “Peshawar used to be very progressive, but after “Talibanisation” it became much more conservative and life is more difficult for my younger sister than it was for me. Just going out to the market is difficult because of the sexual harassment.”

That kind of harassment makes organising training for young women particularly difficult. Ismail and her staff have to strive very hard with communities in the villages where they work to build trust that if daughters attend the training they will be safe. Parents worry that their daughters will be “westernised” and forget their “cultural values”. For a recent training course on political leadership to help boost the participation of women in politics, Aware Girls had to organise 20 local community meetings to identify the 30 girls who eventually went on the course. Working in remote rural areas requires considerable patience and time, but Ismail is not interested in the easier option of working only in urban areas.

It was the gender work that came first, but Ismail soon realised the close relationship between gender and peace. “In training, a woman told the story of how her 12-year-old son was taken away to Afghanistan by the militants, and 10 months later he was dead. That made me think that we must stop these young people joining the militants.”

The result was the Seeds of Peace network, which Ismail set up last year and which has trained 25 young people. They, in turn, will train another 20, to slowly expand a network across 10 districts of the province. She believes each person can reach 500 young people to promote tolerance and challenge extremism.

“They identify young people in the community who might be vulnerable to militants and they organise study circles to discuss the causes and consequences of conflict and the history of Talibanisation. We talk about tolerance for people of other faiths,” says Ismail.

Almost every aspect of children’s upbringing is affected by extremism. Even the school textbooks urge children to be ready for jihad, says Ismail, and all around are songs and films that glorify war, martyrdom and violence.

“Seeds of Peace aims to give another perspective by getting people to think about human rights. Peace is not just the absence of war, it is about respect and tolerance – and women have an important role in educating their children.”

Ismail is well aware that her work challenges the Taliban’s power, and that brings dangers. She is also aware that there are huge political issues involved in the radicalisation of the region where she lives, but believes that a grassroots community challenge to a culture of extremist intolerance is also a crucial part of the search for peace. Both high-level political negotiation and community participation are required in conflict resolution.

Peace Direct’s Ruairi Nolan backs up Ismail’s analysis of a peace process, using the analogy of political negotiation as the bricks and community engagement as the cement that hold the bricks together. Pointing to Northern Ireland’s experience, he suggests that several decades of community peacebuilding was a crucial precondition to the success of the political process that culminated in the Northern Ireland agreement.

At international conferences, Ismail has met counterparts from Uganda, Sri Lanka and many other parts of the world. Despite the very different forms of conflict, she can see plenty of similarities in the work they are doing – and she says that gives her hope.”

 

(Quelle: The Guardian.)

Naher Osten/Mittlerer Osten: Kritik an der westlichen Berichterstattung

Freitag, Mai 20th, 2011

“A Critique of Reporting on the Middle East

by Nir Rosen

[Image from CNN]

[Image from CNN]

I’ve spent most of the last eight years working in Iraq and also in Somalia, Afghanistan, Yemen, and other countries in the Muslim world. So all my work has taken place in the shadow of the war on terror and has in fact been thanks to this war, even if I’ve labored to disprove the underlying premises of this war. In a way my work has still served to support the narrative. I once asked my editor at the New York Times Magazine if I could write about a subject outside the Muslim world. He said even if I was fluent in Spanish and an expert on Latin America I wouldn’t be published if it wasn’t about jihad.

Too often consumers of mainstream media are victims of a fraud. You think you can trust the articles you read, why wouldn’t you, you think you can sift through the ideological bias and just get the facts. But you don’t know the ingredients that go into the product you buy. It is important to understand how knowledge about current events in the Middle East is produced before relying on it. Even when there are no apparent ideological biases such as those one often sees when it comes to reporting about Israel, there are fundamental problems at the epistemological and methodological level. These create distortions and falsehoods and justify the narrative of those with power.

According to the French intellectual and scholar Francois Burgat, there are two main types of intellectuals tasked with explaining the “other” to Westerners. He and Bourdieu describe the “negative intellectual” who aligns his beliefs and priorities with those of the state and centers his perspective on serving the interest of power and gaining proximity to it. And secondly, there is what Burgat terms as “the façade intellectual,” whose role in society is to confirm to Western audiences their already-held notions, beliefs, preconceptions, and racisms regarding the “other.” Journalists writing for the mainstream media, as well as their local interlocutors, often fall into both categories.

A vast literature exists on the impossibility of journalism in its classic, liberal sense with all the familiar tropes on objectivity, neutrality, and “transmitting reality.” However, and perhaps out of a lack of an alternative source of legitimation, major mainstream media outlets in the West continue to grasp to these notions with ever more insistence. The Middle East is an exceptionally suitable place for the Western media to learn about itself and its future because it is the scene where all pretensions of objectivity, neutrality towards power, and critical engagement faltered spectacularly.

Journalists are the archetype of ideological tools who create culture and reproduce knowledge. Like all tools, journalist don’t create or produce. They are not the masters of discourse or ideological formations but products of them and servants to them. Their function is to represent a class and perpetuate the dominant ideology instead of building a counter hegemonic and revolutionary ideology, or narrative, in this case. They are the organic intellectuals of the ruling class. Instead of being the voice of the people or the working class, journalists are too often the functional tools for a bourgeois ruling class. They produce and disseminate culture and meaning for the system and reproduce its values, allowing it to hegemonize the field of culture, and since journalism today has a specific political economy, they are all products of the hegemonic discourse and the moneyed class. The working class has no networks within regimes of power. This applies too to Hollywood and television entertainment and series: it is all the same intellectuals producing them. Even journalists with pretensions of being serious usually only serve elites and ignore social movements. Journalism tends to be state centric, focusing on elections, institutions, formal politics and overlooking politics of contention, informal politics, and social movements.

Those with reputations as brave war reporters who hop around the world, parachuting Geraldo-style (Anderson Cooper is the new liberal Geraldo) into conflicts from Yemen to Afghanistan, typically only confirm Americans’ views of the world. Journalism simplifies, which means it de-historicizes. Journalism in the Middle East is too often a violent act of representation. Western journalists take reality and amputate it, contort it, fit it into a predetermined discourse or taxonomy.

The American media always want to fit events in the region into a narrative of American Empire. The recent assassination of Osama Bin Laden was greeted with a collective shrug of the shoulders in the Middle East, where he had always been irrelevant, but for Americans and hence for the American media it was a historic and defining moment. Too often contact with the West has defined events in the Middle East and is assumed to drive its history, but the so called Arab Spring with its revolutions and upheavals evokes anxiety among white Americans. They are unsettled by the autogenetic liberation of brown people. While the Arab Spring may represent a revolutionary transformation of the Arab world, a massive blow to Islamist politics and the renaissance of secular and leftist Arab nationalist politics. But the American media has been obsessed with Islamists, looking for them behind every demonstration, and the uprisings have been often treated as if they were something threatening and as if they had led to chaos. And all too often it just comes down to “what does this mean for Israel’s security?” The aspirations of hundreds of millions of freedom seeking Arabs are subordinated to the security concerns of five million Jews who colonized Palestine.

There is a strong element of chauvinism and racism behind the reporting. Like American soldiers, American journalists like to use the occasional local word to show they have unlocked the mysteries of the culture. The chauvinism issue was discussed a lot during Desert Storm, where journalists started to use "we." Liberals won’t say "we" but they are still circumscribed by Imperial, white supremist paradigms. “Wasta” is one such word. One American bureau chief in Iraq told me that Muqtada Sadr had a lot of wasta now so he could prevent a long American presence. Inshallah is another such word. And in Afghanistan, it’s pushtunwali, the secret to understanding Afghans. Islam is also treated like a code that can be unlocked and then locals can be understood as if they are programmed only through Islam.

Arab culture and Islam are spoken of the way race was once spoken of in India and Africa, and it is difficult to portray Arabs and Muslims as the good guys unless they are “like us”: Google executives, elites who speak English, dress trendy, and use Facebook. So they are made to represent the revolutions while the poor, the workers, the subalterns, the majority who don’t even have internet access let alone Twitter accounts, are ignored. And in order to make the revolutions in Tunisia and especially Egypt seem non threatening, the nonviolent tactics are emphasized while the many acts of violent resistance to regime oppression are completely ignored. This is not just the journalists’ fault. It is driven by American discourse, which drives the editors back in New York and Washington.

To understand the environment journalists inhabit, the interlocutors, translators, and fixers they rely on to filter and mediate for them and the nature in which they collect information, accounts, and interviews. One of the popular myths about reporting in Iraq is that journalists stayed in the Green Zone, the walled off fortress neighborhood that housed the American occupiers and now houses the Iraqi government along with some foreign embassies. This is not true. Throughout the occupation almost no journalists actually inhabited the Green Zone. They stayed in green zones of their own creation, whether secure compounds or intellectual green zones, creating their own walls. The first green zone for journalists was the fortress around the Sheraton and Palestine hotels in Baghdad, which was initially guarded by American soldiers and later by Iraqi security guards. The New York Times soon constructed its own immense fortress, with guard dogs, guard towers, security guards, immense walls, vehicle searches, so too BBC, Associated Press, and others. Then there were was the Hamra hotel compound where many bureaus moved until it was damaged in an explosion in 2010. CNN, Fox, al Jazeera English had their own green zone, though freelancers like myself could rent rooms there. And there is one last green zone, which is a large neighborhood protected by Kurdish peshmerga where middle class Iraqis and some news bureaus live.

In principle, there is nothing wrong with staying in a secure compound. Foreigners are often targeted in conflict zones and authoritarian countries and you want all those privileges that local victims of violence (i.e. the population) are not afforded: You want to go to sleep at night without wondering whether men will kick down your door and drag you away, or whether you should go to sleep with your clothes on so that if a car bomb hits you won’t be caught sleeping naked under a pile of rubble. You want to eat "decent" food and have running water, constant electricity, internet access, conversations with colleagues. A journalist doesn’t have to live like an impoverished local. But the less local life you experience the less you can do your job, and this is what readers need to understand. The average person anywhere in the world goes to work and comes back home. He knows little about people outside his social class, ethnic group, neighborhood, or city. As a journalist you are making judgments on an entire country and interpreting it for others, but you don’t know the country because you don’t really live in it. You spend twenty hours a day in seclusion from the country. You have no basis for judgment because to you Iraq is out there, the red zone, and the pace of filing can make this even harder.

Most mainstream journalists have since 2004 treated reporting in Iraq like a military operation, going out on limited missions with a lot of planning, an armored car, a chase car for backup, in and out, do the interview and come back home to your green zone. Or they would more often just make the trip to the actual green zone where officials are easy to meet and interview, where you can enjoy a drink, socialize with diplomats, and feel macho because you live in the red zone. But in their artificial green zone they are still sheltered from life, from Iraqis and from violence.

They did not just hang out, sit in restaurants, in mosques and husseiniyas, in people’s homes, walk through slums, shop in local markets, walk around at night, sit in juice shops, sleep in normal people’s homes, visit villages, farms, and experience Iraq like an Iraqi, or as close as possible. This means they have no idea what life is like at night, what life is like in rural areas, what social trends are important, what songs are popular, what jokes are being told, what arguments take place on the street, how comfortable people feel, what sorts of Iraqis go to bars at night. Hanging out is key. You just observe, letting events and people determine your reporting. They also did not investigate, pursue spontaneous leads, develop a network of trusted contacts and sources. Dwindling resources and interest meant bureaus had to shut down or reduce staff and only occasionally parachute a journalist in to interview a few officials and go back home.

And since they don’t know Arabic they literally cannot read the writing on the wall, the graffiti on the wall, whether it is for the mujahedin, for Muqtada Sadr, or for the football teams of Madrid or Barcelona. It means that if they talk to one man the translator only tells them what he said and not what everybody around him was saying; they don’t hear the Sadrist songs supporting the Shiites of Bahrain, or hear the taxi driver complaining about how things were better under Saddam, or discussing the attacks he saw in the morning, or the soldiers joking at a checkpoint, or the shopkeeper cursing the soldiers. In fact they don’t even take taxis or buses, so they miss a key opportunity to interact naturally with people. It means they can’t just relax in people’s homes and hear families discuss their concerns. They are never able to develop what Germans call fingerspitzengefuhl, that finger tip feeling, an intuitive sense of what is happening, what the trends and sentiments are, which one can only get by running one’s fingers through the social fabric.

A student of the Arab world once commented that any self-appointed terrorism expert must first pass the Um Kulthum test, meaning has he heard of Um Kulthum, the iconic Egyptian diva of Arab nationalism whose music and lyrics still resonate throughout the Middle East. If they hadn’t heard of her then they obviously were not familiar with Arab culture. In Iraq an equivalent might be the Hawasim test. Saddam called the 1991 war on Iraq “Um al Maarik,” or the mother of all battles. And he called the 2003 war on Iraq “Um al Hawasim,” or the mother of all decisive moments. Soon the looting that followed the invasion was called Hawasim by Iraqis, and the word became a common phrase, applied to cheap markets, to stolen goods, to cheap products. If you drive your car recklessly like you don’t care about it another driver might shout at you, “what, is it hawasim?” If you don’t make an effort to familiarize yourself with these cultural phenomena then just go back home.

Relying on a translator means you can only talk to one person at a time and you miss all the background noise. It means you have to depend on somebody from a certain social class, or sect, or political position, to filter and mediate the country for you. Maybe they are Sunni and have limited contacts outside their community. Maybe they are a Christian from east Beirut and know little about the Shiites of south Lebanon or the Sunnis of the north. Maybe they’re urban and disdainful of those who are rural. In Iraq, maybe they are a middle class Shiite from Baghdad or a former doctor or engineer who look down upon the poor urban class who make up the Sadrists, so your translator will dismiss them as uneducated or poor, as if that makes them unimportant. And so in May 2003 when I was the first American journalist to interview Muqtada Sadr my bureau chief at Time magazine was angry at me for wasting my time and sending it on to the editors in New York without asking him, because Muqtada was unimportant, lacking credentials. But in Iraq social movements, street movements, militias, those with power on the ground, have been much more important than those in the establishment or politicians in the green zone, and it is events in the red zone which have shaped things.

You don’t understand a country by going on preplanned missions; you learn about it when unplanned things happen, when you visit a friend’s neighborhood for fun and other neighbors come over. You learn about it by driving around in a normal car, not an armored one with tinted windows. That’s when Iraqi soldiers and police ask you to hitch a ride and take them towards their home. A few months ago soldiers at a checkpoint outside Ramadi asked me to give one of their colleagues a ride to Baghdad. He was from Basra. In addition to the conversation we struck up, what was most revealing was that a soldier outside Ramadi felt safe enough to ask a stranger for a ride, whereas before he would not have even carried his ID on him, and that a stranger agreed to take a member of the security forces. I’ve since given rides to other Iraqi soldiers and policemen.

Over the last year there have been a slew of articles about whether the Iraqi security forces are ready to handle security for themselves, but these have all been based on the statements of American or Iraqi officials. Journalists have not talked to Iraqi lieutenants, or colonels, or sergeants; they have not cultivated these sources or just befriended them, met them for drinks when they were on leave, sat with them in their homes with their families. So the views of the Iraqi security forces, the Iraqi soldiers and policemen who man checkpoints and go on raids are not written about. Meeting with them also lets you understand the degree to which sectarianism has been reduced in the security forces while corruption and abuses such as torture and extra judicial killings remain a problem. And just traveling around the country since 2009 would reveal that yes, Iraqi security forces can maintain the current level of security (or insecurity) because they have been doing it since then, manning checkpoints in the most remote villages, cultivating their own intelligence sources, and basically occupying Iraq. The degree to which Iraq remains heavily militarized has not been sufficiently conveyed, but since 2009 Iraqi security forces have been occupying Iraq, and the American presence has been largely irrelevant from a daily security point of view.

And then there are the little Abu Ghraibs. The big scandals like Abu Ghraib, or the “Kill Team” in Afghanistan, eventually make their way into the media where they can be dismissed as bad apples and exceptions and the general oppression of the occupations can be ignored. But an occupation is a systematic and constant imposition of violence on an entire country. It’s twenty-four hours of arresting, beating, killing, humiliating, and terrorizing and unless you have experienced it it’s impossible to describe except by trying to list them until the reader gets numb. I was only embedded three times over eight years, twice in Iraq for ten days each and once in Afghanistan for three weeks. My first embed in Iraq was in October 2003, six months after I first arrived. I was in the Anbar province. I saw soldiers arresting hundreds of men, rounding up entire villages, all the so-called military aged men, hoping somebody would know something; I saw old men being harshly pushed down on the floor, their hands tied tightly behind them, children screaming for their daddies while they watched them bloody and beaten and terrified, while soldiers laughed or smoked or high fived or chewed tobacco and spit on the lawn, while lives were being destroyed. I know one of the men I saw arrested died from torture and countless others ended up in Abu Ghraib. I saw old men pushed down on the ground violently. I saw innocent men beaten, arrested, mocked, humiliated. These are the little Abu Ghraibs that come with any occupation, even if it’s the Swedish girl scouts occupying a country. Many journalists spent their entire careers embedded, months or even years, so multiply what I saw by hundreds, by thousands and tens of thousands of terrorized traumatized families, beatings, killings, children who lost their fathers and wet their beds every night, women who could not provide for their families, innocent people shot at checkpoints.

Then there are the daily Abu Ghraibs you endure when you live in an occupied country, having to navigate a maze of immense concrete walls, of barbed wire, waiting at checkpoints, waiting for convoys to go by, waiting for military operations to end, waiting for the curfew to end, military vehicles running you off the road, fifty caliber machine guns pointed at you, M16s pointed at you, pistols pointed at you, large foreign soldiers shouting at you and ordering you around. Or maybe in Afghanistan the military convoy runs over a water canal, destroying the water supply to a village of thirty families who now have no way to live, or they arrest an innocent Afghan because he has Taliban music on his cell phone like many Afghans do, and now he must make his way through the afghan prison system.

But if you are white and/or identify with white American soldiers then you ignore these things. If you identify at even the deepest level with US fetishizing of militarism and the myth of the heroic US GI, they just don’t occur to you. And so they never occur to your readers. Likewise you never think of how your average Yemeni or Egyptian or Iraqi deals with their own security forces on a daily basis because you focus on the elite level of politics and security and your cars don’t get stopped at checkpoints because you have the right badges. You don’t get detained by the police because you have the right badge. Until you get beaten up by regime thugs like Anderson Cooper and then you can become a hysterical opponent of Mubarak and crusader for justice. Television reporting is overprotective of the celebrity correspondent; they barely go out, they just embed, and they do their live shots on the street inside their safe compounds, while making the story more about the celebrity correspondent rather than the story. Then they show the “back story” about the journalist and his work rather than the story.

Robert Kaplan, a terrible writer and great supporter of imperialism, said one smart thing by accident when he criticized journalists for not being able to relate to American soldiers because journalists represented an elite while soldiers come from rural areas, went to public schools, and come from the working class (we’re not supposed to use that word because everybody in America thinks they’re middle class). But equally they cannot relate easily to the working classes anywhere, and so they gravitate to the elites. Focusing on elites and officials is a problem in general, not just in Middle East coverage. An American official visiting the region warrants articles about the region, but it is not studied empirically in its own context. People in power lie, whether they are generals, presidents, or militia commanders. This is the first rule. But at best journalists act as if only brown people in power lie and so they rely on the official statements of white people, whether they are military officers or diplomats, as if they should be trusted. The latest example is the Bin Laden killing, when most mainstream journalists lazily relied on US government “feeds”; they were literally fed an official version that kept on changing, but this is business as usual.

One reason for the failure of journalists to leave their green zones may be a combination of laziness and aversion to discomfort. But in Iraq, Afghanistan, other developing countries and areas of conflict in some countries, you have to leave your comfort zone. You might prefer an English-speaking whiskey-drinking politician over six hours of bouncing along dirt roads in the heat and dust in order to sit on the floor and eat dirty food and drink dirty water and know you’re going to get sick tomorrow, but the road to truth involves a certain amount of diarrhea.

When there are no physical green zones journalists will create them, as in Lebanon, where they inhabit the green zones of Hamra, Gumayzeh, or Monot, which shelters journalists from the rest of the country, giving them just enough of the exotic so they can feel as if they live in the orient, without having to visit Tripoli, Akkar, the Beqa, or the majority of Beirut or Lebanon where the poor live. Like other countries, Lebanon has a ready local fixer and translator mafia who can determine the price and allow a journalist who parachutes in to meet a representative of all the political factions, drink wine with Walid Jumblat and look at his collection of unopened books (including one I wrote) and unread copies of the New York Review of Books while never having to walk through a Palestinian refugee camp or Tariq al Jadida in Beirut or Bab al Tabaneh in Tripoli and see how most people live and what most people care about.

A green zone can be the capital city or a neighborhood or a focus only on officials, as long as it shields you from the red zone of reality, or poverty, of class conflict, of challenges to your ideology or comfort. In Egypt even before the revolution Cairo got most of the media’s attention, but during the revolution journalists barely ventured outside Tahrir square. Egypt is 86 million people, its not just Tahrir; it’s not just Cairo or Alexandria. Port Said and Suez were barely covered, even though Suez was such a key spark in the revolution. In Libya at first everything was new and everybody was an explorer and adventurer, but now the self-appointed opposition leadership is trying to manage the message so you can be lazy and just refer to their statements. Yemen was totally neglected, but when people came it was almost always just to Sanaa. And Yemen’s capital has its own green zone in the Movenpic hotel, situated safely outside the city. Now Yemen is portrayed as if it were two rival camps demonstrating in Sanaa even though the uprisings started long before (and were much more violent) in Taez, Aden, Saada and elsewhere. Yemen is viewed mostly through prism of the war on terror, through the American government’s prism, rather than the needs and views of the people. But if you spend any time with the demonstrators you realize how unimportant al Qaeda and its ideology are in Yemen, so that they don’t even deserve an article. And you would do well to remember that even though the Yemeni franchise of al Qaeda is portrayed as America’s greatest threat, AQAP’s record is little more than a failed underwear bomber and a failed printer cartridge bomb.

American reporting is problematic throughout the third world, but because the American military / industrial / financial / academic / media complex is so directly implicated in the Middle East, the consequences of such bad reporting are more significant. Journalists end up serving as propagandists justifying the killing of innocent people instead of a voice for those innocent people. Our job should not be about speaking truth to power. Those in power know the truth, they just don’t care, and they serve systems greater than themselves anyway. It’s about speaking truth to the people, to those not in power, in order to empower them, or unfortunately, sometimes to leave them feeling bitter and cynical.

This piece was first delivered as a talk at Jadaliyya‘s co-sponsored conference on "Teaching the Middle East After the Tunisian and Egyptian Revolutions."

 

(Quelle: Jadaliyya.)

Brasilien: Vertrackter Rassismus

Montag, Mai 16th, 2011

Brasilien vertrackter Rassismus

von Klaus Hart, Sao Paulo

Wie wäre das in Deutschland – dürfte man selbst nach richterlichem Verbot noch offen auf der Straße und vor Konzertmikros singen, dass schwarze Frauen stinken und mit diesen Kraushaaren hässlich aussehen? In Brasilien darf man – ein Lied dieses Inhalts machte 1996 Furore, Komponist Tiririca, ein Musikclown und Kinderstar, ging mit dem Song in die Fernsehshows und forderte alle zum Mitsingen, Mittanzen auf. Bis heute kann sich jedermann „Veja os cabelos dela“ von brasilianischen Websites herunterladen. Obwohl die nationalen Schwarzenorganisationen über ein Jahrzehnt lang gegen Sony Music wegen des rassistischen Lieds klagten – und jetzt schließlich gewonnen haben. Der Musikkonzern muss umgerechnet über eine halbe Million Euro Entschädigung zahlen und durfte das Lied bereits seit Jahren nicht mehr vertreiben. Der Text indessen ist überall greifbar und hat es in sich. Diese Negerin stinkt wie verrückt, mehr noch als ein Stinktier, singt Tiririca, der Geruch dieser Frau ist nicht zum Aushalten. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich waschen – aber sie ist stur, will nicht hören. Und dann schau dir mal die grauenhaften Kraushaare von der Negerin an – die sind wie dieser Putzschwamm, mit dem man Töpfe und Pfannen scheuert.
Blonde Mädchen und Jungen Brasiliens trällern das Lied lustvoll in den teuren Privatkindergärten der weißen Mittelschicht, es klingt durch Schulkorridore, wird auf Feten gesungen, eignet sich prächtig, um Schwarze zu hänseln, zu beleidigen. Aber wieso kann ausgerechnet so ein offen rassistisches Lied in Brasilien diesen Erfolg haben? Ein führender Schwarzenaktivist, Mauricio Pestana, Herausgeber der einzigen Schwarzenzeitschrift, „Raca Brasil“, sagte dem Blättchen in Sao Paulo: „Brasilien ist das rassistischste Land der Erde – hier wirken die Strategien des Rassismus seit jeher sehr intelligent. Es gibt keinerlei Zweifel, dass im `demokratischen` Brasilien von heute schwarze Bürger mehr Opfer von Folter, Mord und Verschwindenlassen sind als in irgendeiner autoritären Epoche unserer Geschichte. Dagegen kämpfen wir an.“
Nicht einfach, wie der Fall des Tiririca-Lieds zeigt. Die Schwarzenorganisationen protestierten 1996 sofort, beriefen sich auf ein Gesetz gegen Rassendiskriminierung, reichten Klage ein – sogar im Nationalkongress wurde darüber diskutiert. Eine Richterin verbot den Verkauf der Tiririca-CD wenigstens für den Teilstaat Rio de Janeiro – Sony Music ging in Berufung. Die Lieder Tiriricas seien unschuldig, für Kinder gemacht und ohne Vorurteile. „Die Ausdrucksfreiheit unserer Künstler ist unantastbar“, betonte ein Sony-Music-Manager. Der Musikkonzern musste das Lied schließlich von der CD nehmen.
Aber wieso ist wegen der erfolgreichen Entschädigungsklage eigentlich Sony Music am Pranger – und nicht der Liedermacher Tiririca, fragen derzeit viele. Da zeigt sich ein Dilemma der Schwarzenbewegung – denn dieser unheimlich populäre Tiririca ist ja selber dunkelhäutig. Auch er wurde gleich am Anfang mit verklagt: „Aber meine eigene Frau ist doch eine Schwarze – und ich bin ein Mulatte!“, sagte er den Richtern. Freispruch.
Denn schmerzhafte Tatsache ist, dass sich in Brasilien Schwarze gegenseitig rassistisch beschimpfen, herabsetzen – selbst als „hässlich schwarz“ titulieren. Immer wieder kommt es vor, dass sogar schwarze Frauen, die schwarze Männer beleidigend als „preto“ beschimpften, von schwarzen Militärpolizisten vorübergehend festgenommen werden.
Mit acht Jahren arbeitete jener Francisco Everardo Oliveira Silva, genannt Tiririca, bereits als Zirkusclown, sitzt heute, mit 45 Jahren, sogar im Nationalkongress, gehört zum Regierungsbündnis der neuen Präsidentin Dilma Rousseff. Und hievte durch ein Rekordergebnis von 1,3 Millionen Stimmen eine ganze Reihe belasteter Politiker seiner Republikanischen Partei mit ins Parlament. „Was macht so ein Kongressabgeordneter? Ich weiß es nicht. Votiere für mich und ich erzähle es dir!“ Dieses banale Wahlkampfmotto Tiriricas hat bestens funktioniert – viele Brasilianer finden es zum Heulen, doch bezeichnend für den Zustand des Politikbetriebs. Und der tief verwurzelte Rassismus ist weiterhin vertrackt, äußert sich auf überraschende Weise, selbst im öffentlichen Gesundheitswesen. „Man muss sich das so vorstellen“, sagt Lucia Xavier von der Schwarzenorganisation „Criola“ in Rio. „Eine schwarze Frau geht zur Behandlung und auch zur Krebsvorsorge in eine öffentliche Klinik, doch der weiße Arzt tastet nicht einmal ihre Brust ab, weil er sich vor der Frau ekelt, ja, wegen ihrer Hautfarbe Ekel empfindet. Und damit wird die Frau ihres Rechts auf korrekte medizinische Behandlung beraubt. Die Frau teilt mit, dass sie Schmerzen habe, doch den Arzt interessiert das nicht, dessen Team ebenso wenig – weil man die Frau wegen ihres ganzen Erscheinungsbildes nicht mag.“ Nicht zufällig sind die Sterblichkeitsraten der Schwarzen weit höher als die der Weißen. Dunkelhäutige, immerhin die Bevölkerungsmehrheit, besetzen nur 3,5 Prozent der Führungsposten, sind im höheren Management extrem selten. Erklärt wird dies gewöhnlich mit dem sehr begrenzten Zugang dieser Bevölkerungsgruppe zu besserer Qualifikation. Das weitverbreitete Vorurteil, dass Schwarze keine intellektuelle Kompetenz besäßen, wird dagegen kaum einmal als Hinderungsgrund genannt. Befragte schwarze Manager räumten ein, sich lange Zeit tatsächlich als weit weniger kompetent eingestuft und unter einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex gelitten zu haben. Eine Folge dieses geringen Selbstwertgefühls: Als Lebenspartner, Freunde oder Bekannte werden erstaunlich häufig hellhäutige Personen bevorzugt. Es gibt dafür sogar eine gängige Redewendung – „melhorar a raça“, die Rasse verbessern. Und das heißt, Kinder mit Weißen zu zeugen, um so die Farbe der Familie aufzuhellen und dadurch in der Gesellschaft an Wert zu gewinnen. Als eine schwarze Favela-Frau nach sechs kaffeebraunen Kindern zum ersten Mal eine auffällig helle, beinahe weiße Tochter zur Welt bringt, bei einem dunkelhäutigen Vater, freut sich die ganze Sippe wie wild und feiert das Ereignis. Schwamm drüber, dass da irgendwas mit der Vaterschaft nicht stimmen kann – der Papa freut sich ja auch, dass die Kleine so überraschend hell geraten ist. In ungezählten Slumfamilien bläut man die Aufhell-Idee besonders den Mädchen frühzeitig ein, sucht ihnen Beziehungen zu schwarzen Jungen auszureden. Als ein Mädchen zum ersten Mal zu Hause mit dem schwarzen Freund auftaucht, fallen schon die Schwestern über sie her: Willst du denn die Rasse verschlechtern, die Familie noch schwärzer machen, bist du verrückt? Dunkelhäutige Frauen, die sich hocharbeiten und dann auf einmal in einem Großraumbüro allein unter 100, 200 Weißen sitzen, berichten davon, als „schwarzes Schaf“ tituliert zu werden, sich diskriminiert zu fühlen.
Besonders in den Slums von Sao Paulo sind auch andere Verhaltensmuster möglich. Politisierte Schwarze suchen sich für ein Abenteuer, eine nicht-feste Beziehung, gern eine Hellhäutige – aber zum Heiraten, zum Familiegründen muss es eine Schwarze sein. So werde die eigene Identität gestärkt. Eigentlich auch eine Form des Rassismus, kommentiert eine dunkle Paulistana. Auffällig wiederum, dass schwarze Männer, die Karriere machen, gar als Fußballspieler zu viel Geld kommen, Blondinen als Statussymbol bevorzugen. Der dunkelhäutige Historiker Joel dos Santos formulierte es bitter so: „Die Weiße ist schöner als die Schwarze – und wer vorankommt, wechselt nun einmal automatisch den Wagen.“

 

(Quelle: Das Blättchen.)