Posts Tagged ‘Weißrussland’

EU: Flüchtlingsabwehr per Drohnen

Donnerstag, September 5th, 2013

“EU-Grenzen zu Nordafrika und Osteuropa sollen mit Drohnen überwacht werden

Von Matthias Monroy | 05.09.2013

Rüstungskonzerne und Luftfahrtinstitute drängen auf Drohnen zur Überwachung der EU-Außengrenzen. Es geht zunächst um Weißrussland, Lettland, Marokko, Tunesien und Libyen

Seit Jahren fördert die EU-Kommission Forschungen zur Nutzung von unbemannten Plattformen zur Grenzüberwachung. Hintergrund ist die Errichtung des Grenzüberwachungssystems EUROSUR, das dieses Jahr in mehreren Mitgliedstaaten in Betrieb geht und deren Aufklärungskapazitäten zusammenschalten soll. Als Zentrale dieses sogenannten “Konzepts der virtuellen Grenzen” fungiert das Hauptquartier der EU-Grenzüberwachungsagentur FRONTEX [1] in Warschau (Militarisierung des Mittelmeers [2]). Eine Studie schlägt nun konkrete Einsatzgebiete für Drohnen vor.

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Die Aufrüstung der EU-Außengrenzen erreicht eine neue Dimension: Die mittlerweile beendete Studie “Open Architecture for UAS based Surveillance System” (OPARUS [3]) definiert drei großflächige Regionen, in denen die Grenzpolizei zukünftig unbemannte Luftfahrtsysteme einsetzen könnte. Es geht dabei nicht um die Rettung Schiffbrüchiger: In Projektbeschreibungen [4] ist lediglich von der Bekämpfung “illegaler Migration” und “Schmuggel” die Rede.

Im Bereich der Überwachung von Landgrenzen [5] sollen Drohnen an der östlichen Grenze Polens eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um jenes Gebiet, das an Weißrussland, Litauen und die russische Exklave Kaliningrad angrenzt. Betont wird, dass Polen nach seinem EU-Beitritt eine wichtige Funktion als EU-Außengrenze übernimmt. Als aufzuklärende Objekte werden Einzelpersonen ebenso wie Gruppen, aber auch Autos und Lastwagen genannt. “OPARUS” schlägt vor, dass Polen zwei große Drohnen beschaffen könnte. Möglich sei aber auch der Kauf lediglich einer Drohne mit hoher Reichweite sowie zehn kleinerer Drohnen.

Für die seeseitige Überwachung mit unbemannten Plattformen gelten das südliche Mittelmeer und die Kanarischen Inseln im Atlantik als Zonen, in denen die Flugroboter auf die Jagd nach Migranten gehen könnten. Für das Mittelmeer werden gleich drei Interessengebiete genannt: Die See zwischen Tunesien, Libyen und der italienischen Insel Lampedusa; zwischen Tunesien, dem libyschen Bengasi und Malta bzw. Sizilien sowie die Straße von Gibraltar.

Szenarien für kleinere und große Drohnen

Eine der Arbeitsgruppen von “OPARUS” hatte rund 250 verschiedene Drohnen verschiedener Hersteller untersucht. Berücksichtigt wurden sowohl Starrflügler als auch Helikopter-Drohnen. Während zahlreiche europäische Hersteller kleinere und mittlere Drohnen anbieten, werden Drohnen mit größerer Reichweite hauptsächlich von israelischen und US-amerikanischen Konzernen gefertigt. Auch diese wurden bei “OPARUS” auf ihre Nutzung für die Grenzüberwachung untersucht. Laut der Projektbeschreibung haben hierfür mehrere Simulationen stattgefunden. Welche Typen dafür genutzt wurden, wird aber nicht mitgeteilt. Womöglich wurde aber auf Ergebnisse anderer Projekte zurückgegriffen, an denen auch deutsche Institute oder Firmen beteiligt sind (Drohnen bald auch für Inlandsgeheimdienst und Bundeskriminalamt? [6]).

In der Studie werden drei Szenarien für den Einsatz unbemannter Systeme genannt. Die Drohnen könnten zunächst als Unterstützung von Küstenwachschiffen eingesetzt werden. Denkbar sei aber auch die Unterstützung vorhandener Küstenüberwachung, wie es in Spanien bereits seit Jahren im Projekt SIVE [7] betrieben wird. Als weitere Möglichkeit werden Überwachungsflüge auch außerhalb der Hoheitsgebiete Italiens oder Spaniens aufgeführt. Während für die küstennahe Überwachung auch kleinere Drohnen genutzt werden könnten, müssten hierfür sogenannte MALE-Drohnen (Medium Altitude Long Endurance) geflogen werden.

Handreichungen werden aber auch zur Nutzlast, also den mitgeführten Überwachungssystemen sowie der Kontrollstation gegeben: Während wegen der bewaldeten Flächen in Polen eher Infrarotkameras verwendet werden müssten, könnten über dem Meer maritime Radargeräte eingesetzt werden. Stets sollten aber auch andere Quellen eingebunden werden, etwa Radarüberwachung oder Satellitenaufklärung.

Wie die meisten EU-Forschungsprojekte startete “OPARUS” mit der Befragung zukünftiger “Endnutzer”. Gemeint sind jene Behörden, die für die Grenzüberwachung zuständig sind. Dies obliegt in manchen Ländern jedoch dem Militär oder ihm unterstellten Gendarmerien. So versammelten sich bei “OPARUS” Grenzsoldaten aus Spanien und Malta mit quasi-militärischen Grenztruppen aus Polen [8] und Lettland [9] sowie der italienischen Guardia Di Finanza.

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Bild: OPARUS – Defining UAS architecture and flight operations for EU border surveillance

Erste Treffen bei FRONTEX und dem Rüstungskonzern EADS

FRONTEX durfte im ersten Treffen von “OPARUS” “Hot Spots” unerwünschter Migration bestimmen. Erst dann begann die eigentliche Studie. Die Grenzschutzagentur ist dieses Jahr selbst mit der Erprobung unbemannter Luftfahrzeuge beschäftigt (Frontex geht in die Luft [10]).

Im Projekt “OPARUS” trafen alle großen europäischen Drohnenbauer zusammen, um Ergebnisse früherer Forschungsprogramme zur Nutzung von Drohnen zusammenzuführen. Ziel war die Entwicklung gemeinsamer Standards, damit die Systeme verschiedener Länder synchronisiert werden können. Mit dabei waren Sagem, Thales und Dassault Aviation (Frankreich), BAE Systems (Großbritannien), SELEX (Italien), der israelische Hersteller IAI sowie ein spanischer Ableger der deutsch-französischen Firma EADS. Dort fand das zweite konstituierende “OPARUS”-Treffen statt.

Neben den Rüstungskonzernen beteiligten sich auch die wichtigsten Luft- und Raumfahrtinstitute, die mit finanzieller Unterstützung der EU-Kommission ebenfalls langjährige Erfahrungen im Bereich unbemannter Systeme [11] sammeln konnten. Hierzu gehören neben der polnischen Luftwaffe und dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Einrichtungen INTA (Spanien) und ONERA (Frankreich). Ähnliche Tests hat die deutsche Bundespolizei seit 2011 über der Ostsee [12] begonnen.

Die drei Institute DLR, INTA und ONERA forschen unter Beteiligung italienischer und französischer Militärs und Grenzpolizeien an der Eignung von Drohnen der Typen “Heron” und “Predator” zur Grenzüberwachung. Im Frühjahr fand erstmals ein Flug im spanischen zivilen Luftraum statt.

In einem anderen EU-Vorhaben werden unter dem Akronym “AEROCEPTOR” Möglichkeiten zum Angriff polizeilicher Drohnen aus der Luft entwickelt (EU will polizeiliche Drohnen bewaffnen [13]). Genutzt werden wohl Helikopter-Drohnen des Typs “Yamaha Rmax”, deren Flugeigenschaften ONERA bereits seit 2006 evaluiert. Im Sommer 2015 sollen in AEROCEPTOR erste Testflüge stattfinden. An welchem Ort ist noch nicht klar, allerdings sollen sie entweder in Frankreich an einem Standort der ONERA oder beim INTA in Spanien stattfinden. Zu den weiteren Partnern gehören der israelische Drohnenhersteller IAI und die polnische Firma PIAP, die bereits im Auftrag der EU-Grenzschutzagentur FRONTEX als Prototypen zwei Landroboter für die Grenzüberwachung gebaut hatte.

In Spanien haben sich mittlerweile zwei militärische Standorte zu Drohnen-Teststrecken gemausert: Die “Heron” wird von einem Flugplatz nahe der Stadt Murcia [14] geflogen. In Matacán bei Salamanca [15] unterhält das Militär eine weitere Einrichtung, von wo umfangreiche Testflüge von Drohnen verschiedener Hersteller ausgeführt werden. Zu den Partnern gehört auch EADS. In Matacán führt die spanische Luftwaffe inzwischen Schulungen[16] durch, in denen sich Interessierte zu zertifizierten Drohnenpiloten ausbilden lassen können. Das spanische Luftfahrtgesetz wurde hierzu in den letzten Jahren mehrfach geändert.

Polizeiliche Missionen könnten zunehmend automatisiert erfolgen

Auch “OPARUS” widmete sich der Vereinheitlichung von gesetzlichen Standards und schlägt einen dreistufigen Ansatz vor, um Drohnen bald in allen EU-Mitgliedstaaten zur Grenzüberwachung einsetzen zu können. Demnach könnten Flugroboter heutzutage bereits auf Sicht gesteuert oder in gesperrten Lufträumen geflogen werden.

Ab 2014 würden laut “OPARUS” teilautomatisierte Ausweichsysteme gewährleisten, dass zunehmend auch der zivile Luftraum durchquert werden könnte. Dann könnten Drohnen entweder in Höhen über anderen Flugzeugen verkehren oder es könnten temporäre Korridore eingerichtet werden. In Frankreich werden ähnliche Verfahren als “smart segregation” bezeichnet. Im Frühjahr [17] wurde ein derartiger Flug in einem EU-Projekt in Spanien unter Beteiligung von Fluglotsen erfolgreich demonstriert [18]. Zum Einsatz kam eine israelische “Heron”, vorher hatte das deutsche DLR umfangreiche Simulationen beigesteuert.

Langfristig freuen sich die Beteiligten von “OPARUS” schließlich auf Pläne der Europäischen Union, die unbemannte und bemannte Luftfahrt im “Einheitlichen Europäischen Luftraum” zusammenzuführen (EU will zivilen Luftraum für schwere Drohnen öffnen [19]). Dann könnten die Drohnen sogar teilautomatisierte Missionen fliegen. Würden die Systeme wie vorgeschlagen EU-weit standardisiert, seien sogar grenzüberschreitende polizeiliche Einsätze im europäischen Luftraum möglich.

Anhang

Links

[1] http://www.frontex.europa.eu/

[2] http://www.heise.de/tp/artikel/34/34515/1.html

[3] http://www.oparus.eu/

[4] http://cordis.europa.eu/search/index.cfm?fuseaction=result.document&RS_LANG=EN&RS_RCN=13524806&q=

[5] http://cordis.europa.eu/fetch?CALLER=NEW_RESU_TM&ACTION=D&RCN=56071

[6] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38416/1.html

[7] http://www.cilip.de/ausgabe/69/sive.htm

[8] http://www.europol.europa.eu/content/memberpage/poland-793

[9] http://www.europol.europa.eu/content/memberpage/latvia-775

[10] http://www.heise.de/tp/artikel/39/39084/1.html

[11] http://iap.esa.int/projects/security/DeSIRE

[12] http://www.flugrevue.de/de/luftwaffe/uav/umat-fliegt-von-einsatzschiff-der-bundespolizei.67072.htm

[13] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38529/1.html

[14] http://www.aena-aeropuertos.es/csee/Satellite/Aeropuerto-Murcia-San-Javier/en/Page/1047570399273/

[15] http://www.defensa.gob.es/Galerias/documentacion/revistas/2012/red-289-uas-matacan.pdf

[16] http://www.uria.com/documentos/circulares/403/documento/3977/Junio_2012_defensa_ING.htm?id=3977

[17] http://www.contracts.mod.uk/rpas-insertion-into-civil-airspace-a-new-chapter-in-aviation-history/

[18] http://www.contracts.mod.uk/rpas-insertion-into-civil-airspace-a-new-chapter-in-aviation-history/

[19] http://www.heise.de/tp/blogs/8/152740 “

 

(Quelle: Telepolis.)

Europa: Nur Handel mit wertfreier Technik?

Sonntag, Februar 19th, 2012

“Exporting Censorship and Surveillance Technology

Author: fjansen

Western companies turn a healthy profit by exporting their surveillance technologies and equipment to repressive regimes. This is what Ben Wagner concludes in the Hivos-commissioned report “Exporting Censorship and Surveillance Technology”. Wagner interviewed dozens of people from Europe and North Africa and found that governments there have relied heavily on Western censorship technologies in an attempt to quell the civil unrest during the Arab Spring.

Earlier reports had already established that reputable companies such as Nokia Siemens and Sony Ericsson have in the past provided these tools of oppression to the governments of Iran and Belarus respectively. In these countries, surveillance technologies are used to delve into every aspect of citizens’ lives. From social networking to business services and from photo sharing to pornography, very few forms of on-line communication go unnoticed. Remarkably, these technologies even enable governments to spy on citizens who believe themselves to be working through encryption. In Tunisia, large companies employ surveillance tools to keep a close watch on their employees. Maintenance of these complex surveillance instruments is conducted by Western ‘technical consultants’, often from Germany and France.

It is cynical, as Wagner notes, that “the uprising period [i.e. the Arab Spring] seems to have been interpreted as a particularly effective sales period by the vendors of censorship and surveillance technologies.” Even more so because the knowledge that repressive regimes obtain using these tools is often used to locate, intimidate or arrest dissenting bloggers, journalists and activists. The fact that some companies have offered their services to governments that were flagrantly disregarding the human rights of their populace during recent uprisings, “goes far beyond corporate disregard [… and] suggests clear intent by the company involved that their product would be used for human rights violations.”

The internet has in the past been described as a “playground for political liberalization”. It has by now become clear just what a dangerous playground it can really be. Courtesy, at least in part, of Western corporations.

Ben Wagner is a Doctoral Researcher at the Department of Political and Social Sciences, European University Institute, Florence, Italy. His article, “Exporting Censorship and Surveillance Technology”, can be found on here

 

(Quelle: Hivos.)

Russland: Bedrohungsängste durch die NATO

Donnerstag, Juli 7th, 2011

“European Missile System: NATO is not prepared to compromise

John Robles-Interview with Rick Rozoff, the manager of the Stop NATO website and mailing list and a contributing writer to Global Research.ca.

Voice of Russia
July 5, 2011

My first question regards Russia, and NATO, and the integrated ABM shield that Russia has been – for want of a better word – pushing for implementing a sectoral defence architecture, what Russia was looking for. What are the chances of this happening, in your opinion?

By all indications after the meeting of the NATO-Russia Council in Sochi, there are no prospects of this occurring in terms of – using your wording – an integrated ABM system. NATO, with the US constantly barking orders at it, as it seems, is definitely opposed to a sectoral approach that would permit the integration of Russian interceptor missile, radar and other, operations within NATO.

NATO insists on doing it alone, if you will. And, as always when it makes overtures to Russia, bringing Moscow in as a junior partner. We have to recall that at the Lisbon Summit of the North Atlantic Treaty Organization last November the US missile system, what is called the Phased Adaptive Approach initiated by the Obama administration two years ago, has been endorsed heartily, that is unanimously, by NATO.

So, what we are talking about is a continuation of the US interceptor missile system in Europe, throughout Europe, covering the entire continent, excluding perhaps Russia, Ukraine and Belarus.

Overtures have been made for the last decade to try to enlist Ukraine as part of the NATO project. And those efforts are still not dead, if they haven’t born fruit to date.

First of all, I think, at the root of this issue is what is the true intention of the so-called Aegis Ashore, or Phased Adaptive Approach – the Obama administration and former Secretary of Defence Robert Gates’ project – which is a four-phased programme to bring Standard Missile-3 interceptors, which to date have been ship-based, and to place them on land.

The reports are, as the third and the fourth phases arrive in the upcoming years, that as many as 20 Standard Missile-3 advanced types will be placed each in Poland and Romania – and that’s in addition to the Patriot Advanced Capability-3 theatre interceptor missiles that are already placed in Poland. And then, of course, the ship-based versions on Aegis class cruisers and destroyers will be deployed as Washington sees fit – in the Eastern Mediterranean and the Black Sea, and the Baltic Sea.

What we’re seeing is an almost impenetrable missile shield being erected along the entire western flank of Russia. Russia is not allowed to be an integral part of that system and with projected or anticipated more sophisticated versions of the Standard Missile-3 that are able to intercept both intermediate and perhaps even long-range missiles, in the words of several Russian officials, civilian and military, this potentially threatens Russia’s strategic interests.

So, you mean, is there any hope that they have been wrangling over this for a long time?

The fact is that Dmitry Medvedev became the first Russian or Soviet head of state ever to attend a NATO summit, as he did in Lisbon last November, while NATO was formally endorsing a continent-wide system that some people refer to as “Son of Star Wars”.

Perhaps somebody in the Kremlin at that time had hopes that NATO would listen to reason. But I think the evidence of the Sochi NATO-Russia Council meeting suggests that NATO is not budging, it is not prepared to compromise.

Some Russian experts say there was much progress made in Sochi. You see the opposite?

I’m just quoting Russian officials, including Russian Foreign Minister Sergei Lavrov, both on the issue of Libya, the war against Libya, as well as the interceptor missile defence system, which is still fantastically described by the US and by NATO, by NATO Secretary General Anders Fogh Rasmussen, as being aimed at some 23 countries, I believe, some astronomical number of nations that are supposedly developing ballistic missiles.

But nations that are usually identified are, of course, Iran, Syria – interestingly enough, given the current situation in that country – and I cannot, for the life of me, understand in terms of trajectory or anything else why 20 advanced Standard Missile-3 interceptors are to be placed in Poland to intercept missiles from Iran. It’s as nonsensical as the George W. Bush version – putting ground-base midcourse missiles there.

Backing up a little bit: some experts say that NATO should have been disbanded when the Warsaw Pact was dissolved. NATO was designed, as a fact, to contain the USSR and continues to operate in such a manner. What do you think about that statement? As far as the ABM shield goes, I agree with you about trajectory and the location – I mean that there could be no other reason for it rather than to contain Russian missiles.

Patriot Advanced Capability missiles were placed in Poland, in the city of Morag, 60 kilometers from Russian territory. Against whom else have these missiles been deployed, with accompanying US military personnel who are manning them?

You now have the first permanent deployment of foreign troops in Poland since the breakup of the Warsaw Pact 20 years ago. NATO should never been formed, but that having been done in 1949 most surely it should have been a precondition, as a matter of fact, for the former Soviet government of President Gorbachev that, while discussing the breakup of the Warsaw Pact and so forth, a quid pro quo, reciprocity, should have been demanded, that NATO should have been disbanded.

The fact that instead, within one decade, from 1999 to 2009, it increased its membership by 75%, going from 16 countries to 28 countries, all 12 new countries in Eastern Europe, of course, from the Baltic to the Adriatic Seas. And every one of them either former members of the Warsaw Pact – Albania for a short while – or former republics of Yugoslavia is a clear indication NATO expansion eastward is not only to contain Russia. I would argue it’s meant to confront Russia.”

 

(Quelle: Stop NATO.)

Ukraine/Weissrussland: “Es müsste hundert Tschernobyl geben …”

Mittwoch, April 27th, 2011

«Es müsste hundert Tschernobyl geben …»

Interview: Peter Jaeggi

Sie hat eines der eindrücklichsten Bücher über die Folgen der AKW-Katastrophe geschrieben. Eigentlich habe man Tschernobyl immer noch nicht verstanden, resümiert Swetlana Alexijewitsch.

WOZ: Gibt es überhaupt noch etwas Neues zu Tschernobyl zu sagen?

Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl wird im Grunde reduziert auf medizinische und politische Fragen. Die sind ausreichend behandelt worden. Was jedoch meiner Ansicht nach fehlt, ist die philosophische Dimension. Tschernobyl ist eine Herausforderung, die uns zeigt: Das ist unsere Zukunft, eine Zukunft, die wir selbst produzieren. Und wir sind dem technologischen Fortschritt, den wir sehr stark vorantreiben, intellektuell und moralisch nicht gewachsen. Wir produzieren da etwas, das unseren Händen entgleitet. Und wir denken nicht darüber nach. Wir müssen Tschernobyl begreifen als etwas, das uns in der Zukunft bedroht.

Wie meinen Sie das?

Die radioaktive Wolke von Tschernobyl stand über ganz Europa. Sie hat uns gezeigt, dass der Mensch Dinge entfesselt, die er nicht beherrscht und vor denen er sich nachher auch nicht schützen kann. Als ich das erste Mal nach Tschernobyl kam, habe ich Hunderte von Soldaten gesehen, schwerbewaffnet mit Maschinenpistolen. Es wurden extra Flugzeuge aus Afghanistan zurückgeholt, mit schweren Maschinengewehren an Bord. Völlig unangemessene Mittel zur Bekämpfung einer solchen Katastrophe. Gegen wen sollten diese Waffen gerichtet werden?

… und wieso ausgerechnet Waffen?

Wir gehen immer noch vom Konzept der Aufklärung aus: Der Mensch ist Herrscher über die Natur. Wir handeln nach dem Muster, dass eigentlich Gewalt das herrschende Prinzip ist. Gewalt, die der Mensch und seine Technologie der Natur antut, die der Mensch anderen Menschen antut. Aber das ist eine Sackgasse, aus der wir nicht mehr herauskommen. Man müsste umdenken, und es müsste ein neues Wertesystem gefunden werden. Ein Wertesystem, das den Menschen einbindet, sodass der Mensch sich nicht über diesem System befindet, sondern darin eingebunden ist.

Was müsste denn geschehen, damit wir eine Lehre aus der Katastrophe von Tschernobyl ziehen?

Einer unserer Philosophen hat auf diese Frage geantwortet: Es müsste hundert Tschernobyl geben – dann wären wir vielleicht so weit. Dann hätten wir eine Kultur der Verarbeitung einer solchen Katastrophe, und dann würden vielleicht auch Lehren daraus gezogen. Es geht darum, dass wir lernen, behutsamer und vorsichtiger mit dem Leben auf der Erde umzugehen, generell.

Wenn Sie «wir» sagen – wen meinen Sie genau? Reden Sie von einer quasi östlichen Perspektive auf Tschernobyl? Und unterscheidet sich diese von einer westlichen Sicht?

Ja, leider existieren da ganz verschiedene Sichtweisen. Im Westen gibt es schon seit vielen Jahren die grüne Bewegung, eine gewisse ökologische Kultur. Bei uns im Osten, zum Beispiel bei uns in Belarus, ist die Sicht auf das Leben leider noch immer eine ganz andere. Unsere Bevölkerung ist daran gewöhnt, dass es immer viele Tote gegeben hat. Im Krieg sind Millionen Menschen umgekommen. In den Lagern, im Gulag sind Millionen Menschen umgekommen. Ein Menschenleben hat bei uns stets wenig gezählt.

Ein Menschenleben zählt wenig?

Der Mensch ist ist nicht der Dreh- und Angelpunkt allen Denkens, der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Ausserdem setzen Katastrophen wie Tschernobyl die Traditionen des Heldentums fort: Ein Liquidator, ein Feuerwehrmann, der auf dem Dach des explodierten Reaktors mit blossen Händen Grafit sammelt, ist ein Held. Dieses Heldentum wurde in unserer Gesellschaft immer gefördert, und es hatte einen gewissen Status. Andererseits zeigt die Tatsache, dass man jemanden mit blossen Händen das hochgefährliche Material einsammeln lässt, wie gleichgültig die Gesellschaft, der Staat dem menschlichen Leben gegenübersteht.

Der Gründer der Liquidatorenvereinigung, mit dem ich gesprochen habe, verwendete, wenn er von verstorbenen Kollegen sprach, den Ausdruck «gefallen», wie im Krieg. Aber was ist mit der Zivilbevölkerung, mit den Frauen?

Ich habe in Tschernobyl ebenfalls mit Liquidatoren gesprochen. Die verrichteten tagsüber ihre Arbeit. Am Abend sassen wir zusammen, es gab zu essen, es gab Wodka, und es wurde viel geredet. Da gab es eine Frau, die servierte. Plötzlich rutschte ihr ein Ärmel hoch. Und da sah ich, dass ihre Arme voller Geschwüre waren. Ich fragte sie: «Was ist denn das?» – «Na ja, wir sind die Wäscherinnen. Wir hatten russische Waschmaschinen, die sind aber sehr schnell kaputtgegangen. Jetzt müssen wir alles von Hand waschen. Die Liquidatoren müssen ja jeden Tag saubere Anzüge tragen.» Und ich fragte: «Wie können Sie denn das mit blossen Händen machen? Sie müssen doch an ihre Kinder, ihre Familie denken, sie sind doch noch junge Frauen.» – «Ach, wir müssen immer hin und her rennen, Eingaben machen, fordern, verlangen … Dann passiert doch nichts.» Und ich sagte zu ihnen: «Dann müssen Sie eben streiken, so geht das doch nicht; Sie müssen neue Waschmaschinen verlangen.» Doch die Möglichkeit, irgendetwas von Obrigkeiten zu fordern, wurde überhaupt nicht in Betracht gezogen.

Gibt es so etwas wie eine weibliche Sicht auf Tschernobyl?

Die Hauptlast, die Frauen zu tragen hatten, war das Sichern des Überlebens: Was darf man essen? Was darf man nicht essen? Selbst das Brennholz musste gewaschen werden. Kartoffeln mussten dreimal mit reinem Wasser gewaschen werden, um sie überhaupt essbar zu machen. Oder es wurden Lebensmittel vergraben, Eier, Milch, die man eben nicht essen durfte, weil sie zu verstrahlt waren. Das waren alles Dinge, um die sich die Frauen kümmerten. Auf die Kinder aufpassen, sie nicht auf die Strasse rauslassen. Sie durften nur auf asphaltierten Wegen gehen, die dekontaminiert waren.

Reagierten die Frauen aufgrund dieser Erfahrung anders als die Männer auf die Bedrohung durch die radioaktive Strahlung?

Mit Tschernobyl gab es plötzlich einen Feind, den man nicht sehen, nicht anfassen, nicht riechen, nicht schmecken konnte. Der Feind, das waren kontaminierte Erde, kontaminiertes Gemüse, Obst. Und die Frauen haben sehr genau hingeschaut, sehr genau beobachtet, um in dieser Situation zu überleben. Männer konnten mit der Situation sehr schwer umgehen: Sie brauchen einen Feind, der einen Helm trägt und eine Waffe in der Hand hat. Die Männer waren relativ unflexibel und konnten sich wenig an die Situation anpassen.

Viele sind hart mit Michail Gorbatschow ins Gericht gegangen, damals Generalsekretär der KPdSU. Man warf ihm vor, er habe versagt, die Leute nicht informiert. Er selbst sagt, dass auch er nicht informiert worden und von der Situation schlicht überfordert gewesen sei …

Ich denke, es gibt hier zwei Wahrheiten. Gorbatschow stand damals an der Spitze des kommunistischen Systems. So gesehen, war er persönlich verantwortlich für alles, was passierte. Andererseits war diese Regierung eine relativ ungebildete, vor allem in Fragen der Kernphysik. Wenn wir bedenken, dass erst ein oder zwei Tage nach der Katastrophe Physiker nach Tschernobyl geschickt wurden … Die hatten nicht mal Rasierzeug dabei. Denen war überhaupt nicht klar, wo sie hinfahren und was für ein Ausmass das hat. Und ich denke, dass das auch für Gorbatschow gilt. Dass dieses absolut Neue, mit dem man konfrontiert war, die Leute völlig hilflos machte.

Trotzdem gibt es Verantwortliche, Schuldige. Doch ausser dem Direktor des Kernkraftwerks und einigen seiner Mitarbeiter ist nie jemand zur Verantwortung gezogen worden. Warum?

Dass niemand zur Verantwortung gezogen wird, betrifft ja leider nicht nur Tschernobyl. Auch für den Gulag wurde niemand zur Verantwortung gezogen. Hinzu kommt, dass das Land in der Zeit um 1991, als Boris Jelzin an die Macht kam, am Rande eines Bürgerkriegs stand. Man hatte wohl Angst, dass es zu einer enormen Spaltung des Landes führte, würde man anfangen, die kommunistische Partei für die verschiedensten Dinge zur Verantwortung zu ziehen. Abgesehen davon sitzen dieselben Leute heute wieder in anderen Strukturen drin. Bei uns ist die Vergangenheit ganz generell nie aufgearbeitet, nie bewältigt worden.

Auf meiner Reise durch Belarus suchte ich nach Spuren von Tschernobyl. Und ich gewann den Eindruck, dass die Katastrophe langsam vergessen wird und bei der jüngsten Generation kein Thema mehr ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Na ja, wir werden noch Aberhunderte von Jahren mit den Folgen von Tschernobyl leben müssen. Andererseits ist Tschernobyl ein Ereignis, das im belarussischen Fernsehen nicht mehr stattfindet, weil es als Thema verboten ist. Dass die Menschen nicht mehr darüber reden, ist ein Ergebnis der langen Amtszeit und der Politik von Präsident Alexander Lukaschenko. Wenn bei uns in Belarus eine Zivilgesellschaft existierte, gäbe es so etwas wie eine Organisation der Mütter, deren Kinder wegen Tschernobyl gestorben sind. Es gäbe eine Bewegung der Liquidatoren. Und zwar eine andere als die heutige offizielle, die höchstens mal jemandem helfen kann, zu Medikamenten oder ins Krankenhaus zu kommen. Wenn es all das gäbe, auch eine ökologische Bewegung, eine Anti-AKW-Bewegung, dann würde jemand die Erinnerung an Tschernobyl wachhalten. Aber wo ist die Kraft, die das in der Gesellschaft bewirken könnte?

Hat Tschernobyl in Belarus denn gar nichts verändert?

Offiziell hat sic h gar nichts verändert. Lukaschenko plant den Bau eines neuen Kernkraftwerks. Und jetzt verfolgt er auch noch eine Idee, die in der Ukraine schon eine ganze Weile funktioniert: Er will Touristen in die Dreissigkilometerzone führen. Als Touristenattraktion. Um Geld zu machen mit der Angst.

Swetlana Alexijewitsch

Weitere Texte im Dossier: «Atompolitik und Strahlenschutz»

 

(Quelle: WOZ.)

Ukraine: 25 Jahre nach Tschernobyl (HÖR-TIPP)

Sonntag, April 24th, 2011

25 Jahre nach Tschernobyl: Gespräche mit Lebenden und Toten

Über mehrere Jahre hat die russische Autorin Swetlana Alexijewitsch mit Menschen gesprochen, für die der Super-GAU von Tschernobyl vor 25 Jahren, am 26. April 1986, zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde – „etwas, wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben, woran unsere Augen und Ohren noch nicht gewöhnt sind, wofür nicht einmal unser bisheriger Sprachschatz, unser ganzes inneres Instrumentarium ausreicht‟. Aus diesem „Nicht-Mitteilbaren‟ schuf Frank Werner durch eine sensible Textauswahl und behutsame akustische Komposition ein bestürzendes Hörspiel.

Swetlana Alexijewitsch, geboren 1948 in der Ukraine, wurde 1996 für ihre Dokumentarprosa vom schwedischen PEN mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. Mit ihren Büchern „Zinkjungen‟ und „Im Banne des Todes‟ wurde sie zu einer der wichtigsten Zeitzeugen des Russlands der Gegenwart.

Sender: WDR 5
Sendetitel: 25 Jahre nach Tschernobyl: Gespräche mit Lebenden und Toten
Sendedatum: 26.04.2011
Sendezeit: 20:05 – 21:00 Uhr
Produktion: SR/NDR/SFB-ORB/WDR 1998/54’

Mit Konstantin Graudus, Peter Gavajda, Ilse Strambowski und Viola Morlinghaus

Redaktion:Georg Bühren”

(Quelle: WDR 5.)

Ukraine/Weissrussland: Tschernobyl – Der Disput um die Gesundheitsschäden

Donnerstag, April 21st, 2011

“Da war nichts. Doch! Aber wer will das schon wissen?

Von Susan Boos

Die Atomlobby verhält sich ähnlich wie einst die Tabakindustrie: Sie negiert fast sämtliche Gesundheitsschäden, die radioaktive Strahlung verursacht. Bislang war sie damit erfolgreich, doch immer mehr Studien belegen, dass auch niedrige Dosen gefährlich sind.

Nikolai Schukaluk hat immer gelächelt, selbst wenn er schlimme Geschichten erzählte. Ich hatte ihn 1995 in Uschgorod im Westen der Ukraine kennengelernt. Als ich ihn vor zwei Jahren wieder besuchen wollte, lebte er nicht mehr. Als er starb, war er Mitte fünfzig. Ich wusste, dass er an Leukämie litt, aber an einer nicht besonders aggressiven Leukämie, mit der man für gewöhnlich ziemlich alt werden kann.

Schukaluk hatte Anfang 1987 in Tschernobyl gearbeitet, er war einer der sogenannten LiquidatorInnen, die nach dem Super-GAU versuchten, das Desaster einzudämmen. Schukaluks Geschichte steht für die Geschichte der 600 000 LiquidatorInnen. Vielleicht waren es aber auch 800 000, so genau weiss das niemand. Tschernobyl ist wie ein schwarzes Loch: unheimlich, zerstörerisch, unfassbar. Weltweit anerkannte Erkenntnisse über die gesundheitlichen Folgen gibt es nur wenige. Die AKW-Industrie sagt, sehr hohe Strahlendosen seien tödlich, doch kleine würden der Gesundheit nichts anhaben. Man vernimmt es wieder täglich in den Medien: Wenn in Japan erhöhte Werte gemessen werden, folgt meistens der Nachsatz, die Dosis sei nicht gefährlich.

Welche Dosis gefährlich sei, darüber herrscht seit Jahren ein erbitterter Streit. Die Institutionen, die Geld und Macht haben, sind der Meinung, es gebe eine Art sichere Grenze – liegen die Strahlendosen darunter, sollen sie unschädlich sein. Und wenn dem so ist, braucht man nicht darüber zu forschen. Dem stehen unabhängige WissenschaftlerInnen gegenüber, die überzeugt sind, dass jede Dosis gesundheitliche Schäden verursachen kann. Und dass der schädigende Effekt nicht linear zur Strahlenbelas­tung sinkt.

Aufgrund vieler Untersuchungen vermuten diese WissenschaftlerInnen, dass kleine Dosen, die über einen langen Zeitraum kontinuierlich aufgenommen werden, gefährlicher sind, als wenn die Gesamtdosis in einem kurzen Zeitraum absorbiert wird. Die lange Niedrigbestrahlung – so die These – wirkt schädigender auf den Organismus, weil die körpereigenen Reparaturmechanismen nicht mehr optimal funktionieren. Die Internationale Atom­energieagentur (IAEA) wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) negieren dies jedoch beharrlich.

Nur fünfzig anerkannte Tote

Vor fünf Jahren publizierte die IAEA anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl eine Pressemitteilung unter dem Titel «Das wahre Ausmass des Unfalls». Die IAEA rechnet darin vor: «Insgesamt könnten bis zu viertausend Personen an der Strahlung sterben, die durch den Reaktorunfall in Tschernobyl vor zwanzig Jahren freigesetzt wurde. (…) Dennoch konnten bis Mitte 2005 weniger als fünfzig Tote direkt auf die Strahlung durch den Unfall zurückgeführt werden.» Davon ist die IAEA bis heute nicht abgerückt. Die einzige Folge, die sie akzeptiert, sind einige Tausend Schilddrüsenkrebsfälle, die jedoch sehr selten tödlich enden.

Ihre Argumentation verschleiert vieles, doch ganz falsch ist sie nicht – wegen des kleinen Wortes «direkt». Bei Autounfällen weiss man, dass ein Auto einen Menschen getötet hat. Bei radioaktiver Strahlung ist es hingegen sehr schwierig, den direkten Zusammenhang zwischen der Strahlenbelastung und einer Erkrankung zu beweisen. Beim Rauchen war man mit demselben Problem konfrontiert. Jahrzehntelang hat es die Tabakindustrie verstanden, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs mit Studien wegzureden. «Rauchen ist tödlich» steht heute auf jeder Zigarettenpackung.

Bei Tschernobyl werden die Folgen des Unfalls aber weiterhin mit Erfolg kleingeredet – was auch einfach ist, weil die, die die Mittel hätten, grosse und teure epidemiologische Studien aufzugleisen, kein Interesse daran haben. Eine umfassende Aufarbeitung der Folgen von Tschernobyl ist nie angegangen worden – anders als nach den Bombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki, wo man mit öffentlichen Geldern gross angelegte Langzeitstudien finanzierte. Diese Untersuchungen belegen eindeutig, dass Strahlung Krebs auslöst, doch wird noch heute darüber gestritten, wie die Daten zu bewerten sind. Je nachdem kommt man zu vielen oder nur ganz wenigen zusätzlichen Krebstoten.

Der Ukraine wie Weissrussland fehlten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Mittel. Die Atomindustrie würde mit solchen Studien nur verlieren, weil die Resultate dazu führen könnten, dass AKWs abgestellt oder mindestens der Strahlenschutz verschärft würden, was Kosten verursacht. Auch die IAEA ist nicht interessiert, weil sie den Auftrag hat, die Atom­industrie zu fördern. Und die WHO ordnet sich freiwillig der IAEA unter (siehe WOZ Nr. 15/11). Also bleibt es engagierten Individuen überlassen, mit bescheidensten Mitteln das Tschernobyl-Erbe zu ergründen.

Wie desolat der Wissensstand ist, zeigt die simple Frage, wie viel radioaktives Material beim Super-GAU freigesetzt worden ist. Konstantin Tschetscherow vom Moskauer Kurtschatow-Institut war als Liquidator im geborstenen Reaktor unterwegs, um herauszufinden, was am 26. April 1986 wirklich passiert war. Er sagt, 90 bis 96 Prozent des radioaktiven Inventars seien bei der Explosion des Reaktors rausgeflogen – im Reaktor selbst befinde sich kaum mehr Uranbrennstoff. Die IAEA geht hingegen genau vom Umgekehrten aus: Nur einige Prozent des strahlenden Inventars seien freigesetzt worden, der Rest liege geschmolzen unten im Reaktorgebäude.

Bis heute weiss niemand, wer recht hat. Niemand kann wirklich im Reaktor herumspazieren, um abschliessend festzustellen, wie viel Brennstoff noch herumliegt, da dort die Strahlung noch immer tödlich hoch ist. Doch wenn Tschetscherow recht hat, wäre viel mehr Radioaktivität freigesetzt worden, womit die IAEA ihre abstrakten Rechnungen, wie viele zusätzliche Krebstote Tschernobyl verursachen wird, massiv nach oben korrigieren müsste.

Die Dosiswerte wurden gefälscht

Eigentlich müssten die LiquidatorInnen wissen, wie viel Strahlung sie abbekommen haben, waren sie doch mit Dosimetern ausgerüs­tet. Wie das damals vonstatten ging, konnte Nikolai Schukaluk berichten. In Tschernobyl musste er das Dach von Reaktorblock 3 säubern. Block 4 war explodiert, die beiden Blöcke waren zusammengebaut. Deshalb lagen auf Block 3 hoch strahlende Bruchstücke der Uranbrennstäbe, die bei der Explosion hinauskatapultiert worden waren.

Schukaluk war promovierter Chemiker, hatte also eine Ahnung von der Materie, weshalb er als Dosimetrist eingesetzt wurde. Es war seine Verantwortung, dass niemand eine zu hohe Dosis abbekam. Die Tageslimite betrug 5 Millisievert pro Person. Hatte ein Liquidator mehr als 250 Millisievert abbekommen, musste er die Zone verlassen. Wurde die Tageslimite nicht überschritten, konnte ein Liquidator fünfzig Tage dort arbeiten. Schukaluk war ein genauer Mensch. Er schrieb präzise auf, wie hoch die Strahlenbelastung war, manchmal wurden die erlaubten Tagesdosen tüchtig überschritten, weil sonst die nötigen Arbeiten nicht erledigt werden konnten. Er erzählte, wie er eines Tages zum Stab zitiert und wirsch gefragt wurde, ob er den Grenzwert nicht kenne. «Doch, sagte ich, 5 Millisievert», erzählte Schukaluk. «Darauf sagten sie mir: Also – dann wissen Sie ja, was Sie zu schreiben haben!» Damit sei die Sache erledigt gewesen. Fortan schrieb auch Schukaluk nicht mehr die wahren Werte auf. Er lächelte, als er erklärte, warum dem so war: «Es hätte viel mehr Leute gebraucht, wenn sie die Grenzwerte hätten einhalten wollen. Sie haben auch den Leiter einer Einheit bestraft, weil er einen seiner Männer zu lange in eine hoch kontaminierte Ecke geschickt hat, und sie haben den betroffenen Soldaten bestraft, weil er nicht besser aufgepasst hat, obwohl er das gar nicht konnte, und den Dosimetristen, weil er alles festgehalten hat.»

So ging das damals. Nicht, weil das Sowjetsystem besonders menschenverachtend war, das vielleicht auch, aber vor allem, weil kein Land der Welt so viele Männer zur Verfügung hat, um ein solches Desaster korrekt zu bewältigen.

Das Resultat: Die LiquidatorInnen wissen nicht, wie hoch die Strahlung ist, die sie abbekommen haben. Die internationalen Organisationen gehen jedoch von den offiziellen Angaben aus, wonach die LiquidatorInnen um die 250 Millisievert absorbierten – das kann nicht ungesund sein, darf doch ein gewöhnlicher AKW-Angestellter laut den gültigen Grenzwerten in seinem Berufsleben bis zu 800 Millisievert abbekommen.

Deshalb werden alle Studien ignoriert, die bei Liquidator­Innen (oder Evakuierten, die ähnliche Dosen aufweisen) gesundheitliche Probleme feststellen. Doch solche Studien gibt es inzwischen viele.

Immer mehr alarmierende Ergebnisse

Anfang April fanden in Berlin zwei Tschernobyl-Konferenzen statt, die eine organisiert von der Gesellschaft für Strahlenschutz, die andere von den ÄrztInnen gegen Atomkrieg (IPPNW). Zahlreiche WissenschaftlerInnen aus den betroffenen Gebieten, aber auch aus anderen europäischen Ländern präsentierten ihre Erkenntnisse. In einem eindrucksvollen gemeinsamen Bericht fassten die beiden nichtstaatlichen Organisationen den heutigen Wissensstand zusammen.

Hier nur einige der Ergebnisse:

• Laut ukrainischer Regierung sind 94,2 Prozent der Liquidator­Innen, 89,9 Prozent der Evakuierten und 84,7 Prozent der Ein­wohnerInnen in den verstrahlten Gebieten krank.

• Genetische Schäden und Fehlbildungen haben in den betroffenen Gebieten markant zugenommen. Kinder von bestrahlten Müttern oder LiquidatorInnen weisen Erbgutschäden auf, die sich kumulieren. Noch ist ungewiss, welche Krankheiten dies auslösen wird.

• Bei Kindern in den kontaminierten Gebieten Weissrusslands ist die Diabetesrate auf das Dreifache angestiegen, die Krankheit tritt zum Teil schon im Alter von sechs bis zehn Monaten auf.

• Kinder, die im Mutterleib verstrahlt wurden, haben einen signifikant niedrigeren Intelligenzquotienten. Zudem weisen sie auffallend viele psychische Störungen auf.

• Die LiquidatorInnen leiden an einer Vielzahl von unterschiedlichsten Erkrankungen – insbesondere unter Herz-Kreislauf-Beschwerden, massiven neurologischen Problemen und grauem Star. Offensichtlich ist ihr Alterungsprozess markant be- schleunigt.

• Allein in Weissrussland erkrankten seit der Katastrophe über 12 000 Menschen an Schilddrüsenkrebs. Insgesamt ist im Gebiet Gomel, das gleich neben der Tschernobyl-Sperrzone liegt, mit 100 000 Schilddrüsenkrebsfällen zu rechnen.

• Die radioaktive Belastung führt dazu, dass weniger Kinder und vor allem signifikant weniger Mädchen als Jungen geboren werden. Der Effekt konnte auch in Deutschland oder Finnland nachgewiesen werden, neun Monate, nachdem die radioaktive Tschernobyl-Wolke über Europa gezogen war. Zudem kamen in diesem Zeitraum signifikant mehr Kinder mit Trisomie-21 (Downsyndrom) zur Welt.

Für alle Resultate gibt es Erklärungsansätze. Doch wirklich bewiesen ist erst wenig. Bei den Kindern scheinen viele Schädigungen während der ersten Tage nach der Befruchtung der Eizelle ausgelöst worden zu sein. Womit sich erklären liesse, weshalb selbst geringste Strahlendosen so verheerend wirken.

Nicht jeder schafft es in die Statistik

Freunde von Nikolai Schukaluk, die mit ihm in Tschernobyl gewesen waren, brachten mich zu seinem Grab. Es war geschmückt mit schütteren, blassen Plastikblumen, wie alle anderen Gräber auch. Wir tranken ein Glas Wodka auf Schukaluk, assen ein Stück Brot und schwiegen. Später sagten seine Freunde, er gelte nicht als Tschernobyl-Opfer. Er war einige Jahre nach seinem Einsatz an der Leukämie erkrankt, doch offiziell ist er an einer Lungenentzündung gestorben – und damit schaffte er es nicht in die Tschernobyl-Todesstatistik der Ukraine. Weil eine Lungenentzündung nicht als Krankheit gilt, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst wird. Leukämie schon eher, aber die hat ihn offiziell nicht um- gebracht.

• Weitere Texte im Dossier: «Atompolitik und Strahlenschutz»

 

(Quelle: WOZ.)