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Südafrika in der Hand der FIFA

Freitag, Juni 11th, 2010

Verkaufen, verjagen, verbieten, kontrollieren: Der FIFA-Staat ist ein Notstandsregime

Heute also geht"es" los – in Südafrika ist es schon lange losgegangen. Die Fußball WM 2010 ist auch eine Art südafrikanische Gesamtbilanz der letzten 20 Jahre – 1990 war der Anfang vom Ende des Apartheidregimes. Unsere umfangreiche Materialsammlung "FIFA regiert Südafrika" vom 10. Juni 2010.

Die FIFA regiert Südafrika

Nicht am falschen Ende beginnen: Auch wenn es manchem nicht gefallen mag – selbstverständlich freuen sich die meisten Menschen in Südafrika, wie anderswo, auf die Fußball-WM. Und: Sie freuen sich auch, dass solch ein weltweites Ereignis in ihrem Land stattfindet. Und mit ihnen viele auf einem ganzen Kontinent der – in der Art und Weise Veränderungen unterlegen, aber bis heute – stets rassistisch inspirierter Verachtung und Demütigung ausgesetzt ist. Der Beitrag "World Cup 2010: Fifa’s gordion knot" von Khadija Sharife am 03. Juni 2010 bei den pambazuka news erschienen fasst sowohl die Freude und den Stolz gut zusammen – als auch die zahlreichen Kritiken, beginnend mit der Tatsache, dass es noch 355.000 unverkaufte Karten gibt: Zu teuer. Und: Angst?
Und damit fängt das Thema an: Sicherheit. Ist die Sicherheit gewährleistet – ist die Standardfrage aller Medienberichterstattung. Nachdem die Bauarbeiter Südafrikas sehr schnell die Mär von den Stadien, die sowieso nicht fertig würden, beiseite geschafft hatten (und Stadien gebaut, die allemal besser aussehen als etwa Gelsenkirchner Bierbuden, die sich als Autoverkaufshaus verkleiden), war es stets die Sorge um die Sicherheit, die in den europäischen Kommerzmedien den Ton angab. Einen Überblick über die Streikaktionen nicht nur der Bauarbeiter im Vorfeld der WM leistet der Beitrag "Jetzt oder Nie: Arbeiter und städtische Armut in Südafrika in Bewegung" von Bernard Schmid am 20. Mai 2010 in der jungle world (hier gespiegelt bei trend.infopartisan).
Um wessen Sicherheit geht es also?

Sichere Geschäfte

Diese Entwicklung der "Probleme" zeichnet in dem Artikel "Unsere Afrikaner" Romin Khan am 20. Mai 2010 in der jungle world nach: "Nachdem die Stadien fertiggestellt waren und dieser Aspekt nicht mehr skandalisierbar war, konzentrierte sich die Berichterstattung um auf die hohe Kriminalität am Kap. Damit dürfte ein zentrales Thema der nächsten Wochen feststehen. Bereits im Januar fand die Kritik von Uli Hoeneß an der Sicherheitslage in Südafrika vor dem Hintergrund des Angriffs auf togolesische Fußballer bei dem Africa Cup of Nations einen breiten Widerhall in den Medien. Die WM in dieses Land zu geben, sei »eine der größten Fehlentscheidungen« von Fifa-Präsident Joseph Blatter gewesen, so der Präsident des FC Bayern München. Ausfälle wie dieser wurden nicht nur in Südafrika mit Kopfschütteln und bisweilen Belustigung quittiert. Denn der Angriff auf die Sportler fand nicht am Kap, sondern im viele tausend Kilometer entfernten Angola statt" – aber was hilft das, wenn der gemeine Teutone eben weiss, dass Afrika sowieso ein klumpatsch ist…

Im Netz-Editorial der Ausgabe 117 der Zeitschrift Peripherie – die einen Schwerpunkt zur WM in Südafrika hat (mit einem ausgesprochen lesenswerten Beitrag zur Ökonomie des afrikanischen Fußballs) – heisst es: "Schon die Weltmeisterschaften 2002 in Japan und Südkorea sowie 2006 in Deutschland brachten den Austragungsländern allenfalls geringfügigen ökonomischen Nutzen. Fundierte Prognosen für Südafrika sehen angesichts enormer Kostensteigerungen noch ungünstiger aus. Ganz anders stellen sich die Gewinnaussichten für den Weltfußballverband, kurz FIFA, und die um sie herum gruppierte, auf Fernseh- und Sponsoren-Verträgen gründende “Sports-Media-Business-Alliance” dar. Die FIFA rechnet trotz bisher schleppenden Verkaufs der Eintrittskarten für die Spiele mit Einnahmen in Höhe von 3 Mrd. US$, und Medien und Großkonzerne erwarten sich ein Eldorado der Werbung. Entsprechend groß ist der Einfluss, den sie auf die gesamten die WM betreffenden Planungs- und Entscheidungsprozesse in Südafrika nehmen konnten und auch genommen haben – beginnend mit der Standortwahl und der Ausgestaltung der WM-Stadien über Infrastrukturprojekte, wie den Ausbau von Flughäfen und Eisenbahnlinien, bis hin zu den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen und in den Sicherheitsunternehmen".

Wessen Sicherheit kein Thema ist, wird schnell deutlich. In "Der Terror der Roten Ameisen" schrieb Martina Schiwkowski bereits am 16. Mai 2010 in der taz bereits über den Vertreibungsterror privater Sicherheitsdienste – eine von vielen Facetten der Exklusion.

Um wessen sichere Geschäfte es geht, ist bereits oft kritisch angemerkt worden – am schnellsten einsichtig in Patrick Bonds Plakat-Show "A Political Economy of the Soccer World Cup 2010" beim von ihm geleiteten Civil Society Centre (CSC) der Universität Kwazulu Natal in Durban. Auf der Seite des CSC werden auch die Verträge der "FIFA mit Südafrika" und "FIFA mit der Stadt Durban" dokumentiert. Diese Verträge beinhalten unter anderem die Schaffung von 56 besonderen Gerichtsinstanzen (zur Beschleunigung der Verfahren) im Zeitraum von Mai, Juni und Juli 2010, was in dem Artikel "Fifa, the real master of the universe, gets its claws into SA justice system" den Autor Alex Eliseev am 04. Juni 2010 im Daily Maverick zur naheliegenden Schlussfolgerung führt, dass ein echtes Ausnahmerecht geschaffen wurde.

Wie diese Geschäfte – neben normalen kapitalistischen Unverschämtheiten – noch aussehen, berichtet der britische Sportjournalist Andrew Jennings (der zu FIFA-Pressekonferenzen nicht mehr zugelassen wird…) in "The underbelly of world football" – ein Interview mit Sally Evans in TimesLive vom 20. Mai 2010. In der schweizerischen WoZ kommt Jennings in "Zu viel Kritik?" einem Interview von Etrit Hasler in der Ausgabe vom 10. Juni 2010 zu Wort, wo er über die Person Sepp Blatter spricht.

Es ist mit Sicherheit keineswegs so, dass die Menschen in Südafrika allesamt nicht dringend mehr Sicherheit brauchten. Und manch einer wird es begrüssen, dass die Polizei 44.000 neue Stellen aus Anlasse der WM schuf. Aber ob es viel bringt, in Johannesburg eine regelrechte Polizeiparade zu machen, um Stärke zu demonstrieren sei dahingestellt – schon eindeutiger ist es, dass das stolz präsentierte neu gekaufte Material unter anderem zahlreiche Wasserwerfer umfasst, die nun nicht eben dafür bekannt sind, wirksam gegen Kriminalität zu sein, wird als Frage zu recht aufgeworfen in dem redaktionellen Beitrag "Cops flex muscles ahead of World Cup" vom 17. Mai 2010 im Mail and Guardian.

Sondergesetze, Demonstrationsverbote, Zwangsumsiedlungen: Widerstand

Über 40 Gruppierungen quer durchs Land hatten für den 10. Juni 2010 zu einer Protestdemonstration für ein besseres Erziehungswesen aufgerufen – um von der Polizei mitgeteilt zu bekommen, dass diese Demonstration nicht erlaubt werde: Keine Demonstration werde während des ganzen Monats Juni bis zum 15. Juli 2010 in ganz Südafrika erlaubt werden. In einer Pressemitteilung vom 27. Mai 2010 (bei amandla) protestieren diese Organisationen gegen das Verbot: "Civil Society Organisations Condemn Ban on March For Quality Education" unter anderem mit dem bescheidenen Hinweis darauf, dass es für dieses Verbot in ganz Südafrika keinerlei gesetzliche Grundlage gäbe… Die Erziehungsdemonstration kann jetzt doch stattfinden, die Verbot etwa für das Johannesburger Antiprivatisierungsforum aber bleiben bestehen.

Wie es "eigentlich" auch keine gesetzliche Grundlage für das Verbot von Strassenhandel gibt, das die FIFA aber als Bedingung stellte. In der Erklärung "Nothing for us without us!" des transnationalen Netzes von StrassenhändlerInnen vom 27. Mai 2010 fasst die gesamte Politik der Exklusion so zusammen: "The FIFA games in South Africa were billed as an opportunity for all Africa, and specifically to create jobs, social housing and improved public transport in South Africa.  This workshop has heard testimonies of how the FIFA Local Organising Committee has created exclusion zones around the stadiums, fan parks and public viewing areas, where only official sponsoring organisations can trade.  Where does that leave us? Where are the opportunities for the South African, refugee and migrant communities to benefit from the FIFA games?" Wobei zu beachten ist, dass die Verbote eben nicht nur rund um die Stadien gelten, sondern auch beim Public Viewing – was konkret bedeutet, dass grosse Teile der Stadtgebiete "verboten" sind. In dem Artikel "The Return of State Repression" zieht die Autorin, Professorin Jane Duncan von der Rhodes Universität eben die Schlussfolgerung, die der Titel nahelegt: Dass die WM die Rückkehr der systematischen staatlichen Reprssionspolitik bedeutet.

Zahlreiche Beispiele gibt es für Zwangsumsiedlungen – und massiven Widerstand dagegen. Eine der mehreren aktuellen Auseinandersetzungen findet in Protea South nahe Johannesburg statt. Dort hatten die 6.000 Familien vor Gericht gegen ihre Umsiedlung in eine viel weiter entfernte Gegend geklagt und recht bekommen. Seitdem gibt es pausenlose "Scharmützel" mit Polizei und Stadtverwaltung, die als Begründung unter anderem anführt, sie erfülle nur die Bedingungen der FIFA, wird in dem Beitrag "World Cup pushes out South Africa’s poor" von Gretchen Wilson am 03. Juni 2010 beim alternativen Marketplace Radio dokumentiert.

Eine ganze ausführliche aktuelle Dokumentation über die Proteste – sowohl gegen WM-Auswirkungen, als auch solcher, die wegen der WM besonderer Repression ausgesetzt sind mit Beiträgen aus der südafrikanischen Presse hat (wie schon in mehreren Lieferungen zuvor) mit "Proteste" am 04. Juni 2010 Patrick Bond zusammengestellt und über die Debate-List verbreitet.

Auch das Video "Tin Town" vom Kollektiv Barefoot Workshop im Februar 2010 produziert, zeigt zwar "nur" einen konkreten Fall, kann aber als beispielhaft für viele Vorgänge in der WM-Vorbereitungszeit genommen werden.

Die grösste und bekannteste Vereinigung von SlumbewohnerInnen, ABAHLALI baseMjondolo (ABM) plant Hütten am Kapstädter Stadion aufzubauen, um den Touristen ihre Lebensbedingungen zu zeigen, sowie Besetzungen im Umfeld der Stadien – im Sowetan wird dies etwa von der Kapstädter Stadtverwaltung als "bedauerlich" und "nicht hinnehmbar" bedroht, wird in dem Artikel "Shack dwellers threat to Cup" von Francis Hweshe am 01. Juni 2010 berichtet. Die Presseerklärung von ABAHLALI baseMjondolo "Count down – the right to the city campaign" vom 10. Juni 2010 macht auf die angespannte Lage und die bevorstehenden Aktionen aufmerksam.

HINWEIS:

ABAHLALI baseMjondolo wird Ende Juni mit einer Delegation in der BRD sein, und dabei am 22. Juni in Bochum und am 24. Juni in Dortmund zwei Veranstaltungen machen, die unter anderem auch vom LabourNet Germany mit getragen werden, sowie eine Aktion am 25. Juni in Wuppertal – näheres folgt noch…

In Johannesburg rief das Antiprivatisierungsforum zu einer Protestdemonstration auf (die, laut dem Bericht "Metro police back down on ban on World Cup marches" von David Mac Farlane im Mail and Guardian vom 04. Juni 2010 nach ursprünglichem Verbot letzten Freitag dann doch noch erlaubt wurde, allerdings mit dem bleibenden Verbot eines grossen Teils der Route). Mit dem Aufruf des APF zu der Demonstration am 10. Juni 2010 wird auch eine knappe Gesamtbilanz der sozialen Entwicklung des Landes seit dem Antritt der Regierung der Dreierkoalition gezogen.

Auch in der Schweiz, Sitz der FIFA, gab es Solidaritätsproteste. Der Bericht "Sepp Blatter verwarnt" von Carlos Hanimann in der Woz vom 10. Juni 2010 berichtet von einer Aktion des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes vor dem FIFA-Sitz. Auf der Seite des SAH wird die Petition "Zeigen Sie Sepp Blatter die gelbe Karte – keine Ausbeutung an der Fussball-WM" mit beinahe 14.000 Unterschriften dokumentiert. Dabei werden auch die Sponsoren aus der Schweiz kritisiert wie etwa Credit Suisse in dem Beitrag "Ein Team. Eine Bank." von Kaspar Surber in der Woz vom 10. Juni 2010. Auch in der BRD gibt es Protest, etwa gegen den Hauptsponsor des DFB in Südafrika, Daimler Benz, das sich nach wie vor weigert, Apartheids-Profit Reparationen zu bezahlen. So etwa der geplante Fußball-Flashmob "World Cup 2010: Kick Daimler" am 13. Juni 2010, der Aufruf dazu bei Daily Motion.

Südafrika – auch nach 16 Jahren keine Wende…

Der Hintergrund, die soziale Entwicklung Südafrikas nach dem Sturz des Apartheidregimes ist schon mehrfach analysiert und dargestellt worden, auch im LabourNet Germany gibt es dazu umfangreiches Material. Aktuell ist der Beitrag "South Africa: An Unfinished Revolution?" von Neville Alexander (auf vielen Seiten publiziert, hier beim MR-zine) ein Versuch, angesichts der WM eine (trotzkistisch orientierte) Zwischenbilanz zu ziehen, der in jedem Falle lesenswert ist.

Eine ausführliche Analyse der sozialen Proteste der Vor-WMZeit versucht der Beitrag "Rebellion of the poor: South Africa’s service delivery protests – a preliminary analysis" von Peter Alexander von der Universität Johannesburg in der Ausgabe März 2010 der Zeitschrift African Political Economy.

Die radikalste Variante der Gesamtbilanz stellt der Aufruf der anarchokommunistischen ZACF dar "All in the name of the gain", in dem gleich die ganze Fußball-WM abgelehnt wird.

Zusammengestellt von hrw

(Quelle: LabourNet.de.)

Naturschutz, Tourismus und so – alles easy?

Mittwoch, Juni 9th, 2010

“Naturschutz im Kolonialstil

Hintergrund. Nationalparks gelten allgemein als Zonen unberührter Flora und Fauna. Doch ihre Geschichte ist oft eine von Rassismus, Eurozentrismus, Vertreibung und Vermarktung

Von Peter Clausing

Naturschutz hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sein positives Image bis zum heutigen Tag bewahrt. Naturschutz scheint von rassistischen und kolonialistischen Ideologien weit entfernt zu sein. Das liegt vermutlich daran, daß beispielsweise der bayerische Nationalpark oder das Biosphärenreservat Schorfheide nicht unbedingt kolonial-rassistische Assoziationen erzeugen. Ferner kann es einem so vorkommen, als ob Naturschutzgebiete nicht mit Rassismus und Kolonialismus in Verbindung gebracht werden können, weil sie scheinbar nicht mit Menschen zu tun haben. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß beide Annahmen nicht zutreffen. (…).

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(Quelle: Tageszeitung junge Welt.)